Futter für die Bestie
Futter für die Bestie
Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Mai 2002
Helen O’Loy ist überall
von Jörg Luzius


Liebe - eine Waffe, die zu führen jedem erlaubt ist. Ganz ohne Waffenschein. Selbst dem Einfältigsten. Gewaltig, zerstörerisch, unbezwingbar und in höchstem Maße suchterregend. Warum gibt die Regierung eigentlich keine öffentliche Mahnung heraus: “Der Bundesfamilienminister warnt! Liebe gefährdet ihr Seelenleben. Eine Dosis dieses Gefühles enthält emotionale Schadstoffe nach Deutscher Gefühlsnorm: Falsche Hoffnung 10%, Innere Zerrissenheit 30%, Geistige Verwirrung 50%...” ?
Es gibt wohl kaum eine andere Macht, welche sich derart destruktiv auf unsere Psyche und unser Seelenleben auswirkt. Und dennoch halten wir unbeirrbar daran fest. Versuchen es immer wieder. Und genau dieses “Immer wieder” ist es, das uns oftmals in finsterste Abgründe stürzt.

Wie schon so oft saß unsere neunköpfige, gemischtgeschlechtliche Gruppe unverdrossener Immerwiederianer versammelt in Luigi’s Ristorante. Umhüllt von einem Schleier aus Zigarettenqualm, Rotweindunst und höchst kompetenter Meinungsäußerungen.
Das Thema, welches an diesem Abend die Wellen hochschlagen ließ: Na klar - Liebe! Und sogar Chrissi, die für gewöhnlich nur einen einzigen Gegenstand als Gesprächsthema akzeptierte, gegen den jeder andere unweigerlich in Bedeutungslosigkeit versank - nämlich sich selbst - beteiligte sich intensiv an der Diskussion: “Was verstehen Männer schon von der Liebe! Sie sollten besser die Finger davon lassen und auf uns Frauen hören. Dann gäbe es weitaus mehr glückliche Beziehungen auf dieser Welt.” Chrissi zählte in Liebesdingen eher zu den Pragmatikern.
Lediglich Harald saß schweigsam da und enthielt sich, ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheit jeglichen Kommentars. Im Gegensatz zu Chrissi war Harald ein glühender Anhänger der Naivitätstheorie. Doch zu ihm komme ich später.
Ich blickte in die Runde und der geballte Erfahrungsschatz von weit über 300 Jahren unverdrossener Immerwiederei schlug mir entgegen. Ich kam auf drei akute Ehen, fünfeinhalb Scheidungen, zwei schwebende Unterhaltsverfahren und einmal Zahnschmerzen.
Begründet lag das heftig umstritteneTischgespräch in der anstehenden “Geschundene Herzen - Special Night”, die noch am selben Abend auf SuperSat ausgestrahlt werden sollte. Eine erlesene Auswahl der besten Folgen, aus über fünf Jahren Daily Soap.
Einstens war auch ich einmal unversehens in den Genuß einer dieser Folgen gekommen. Kurz darauf hatten meine Frau und ich beschlossen uns scheiden zu lassen. Oh, nicht etwa daß der geballte Ansturm “Geschundener Herzen”, eine derartige Wirkung auf den unvorbereiteten Zuschauer haben würde. Doch allein die Tatsache, daß ein halbwegs vernunftbegabtes männliches Wesen sich zu einem gemeinsamen Fernsehabend, bei einer derartigen Soap bereit findet läßt doch schon gewisse Anzeichen einer Verzweiflungstat erkennen, wenn sich bereits deutlich gezeigt hat, daß eine Beziehung unweigerlich ihrem Ende zustrebt.
Soweit ich mich zu erinnern glaube, ging es da um einen Großindustriellen, dessen Bruder väterlicherseits sich unversehens in die uneheliche Nichte des Chauffeurs verliebte. Es stellte sich dann allerdings heraus, daß sie in Wahrheit die leibliche Tochter der Mutter des Schwippschwagers des Industriellen war. Diese wiederum ging unter dem Vorwand ihren Pudel auszuführen, einmal wöchentlich mit dem Patriarchen der Konkurenzfirma ins Bett. Die beiden Kinder jedenfalls wurden als Säuglinge in der Klinik vertauscht. Ob nun untereinander, oder mit dem Pudel, das weiß ich nicht mehr so genau. Schließlich war ein heißer Streit um das Erbe entbrannt.
Zwar wurde seitens meiner holden Angetrauten, nicht mit Hintergrundinformationen und einer Unzahl an Namen gespart, doch trug dies keineswegs zur Erhellung der Situation bei.
Nun, wie auch immer. Jedenfalls hatte ich damals beschlossen die Sache, aus Gründen der Gesunderhaltung meines Geisteszustandes nicht weiter zu verfolgen.

“Jo!” Norbert stubste mich an und riß mich so aus meinen Erinnerungen. “Jo, Ich kann doch heute bei dir übernachten?”
“Natürlich.”
Dankbar sah er mich an und lehnte sich erleichtert zurück. Brigitte, seine Frau, war es nämlich, welche zur Special Night als Gastgeberin der Damenrunde fungierte. Sie hatte nicht nur für ausreichend Wein und Knabberzeug gesorgt, sondern auch für den sorgsamen Ausschluß möglicher Störfaktoren - wie zum Beispiel gesetzlich angetraute Ehemänner.
Schließlich war es Zeit für die Mädels aufzubrechen. Noch immer aufgeregt diskutierend, machte sich die Gruppe auf den Weg. Unter Zurücklassung vieler ungeklärter Fragen und soweit vorhanden, unter Zurücklassung der jeweiligen Lebensabschnittsgefährten und somit wiederum auch, unter Zurücklassung offener Rechnungen.
Im Hinausgehen aber drehte sich Chrissi noch einmal zu uns um und meinte gutmütig: “Wenn ihr also irgendwelche Ratschläge in Liebesdingen braucht, dann könnt ihr euch jederzeit an mich wenden.” Sprach’s und entschwand zur Tür hinaus. Mit ihrem Abgang sank der Erfahrungswert unserer Gruppe schlagartig, um drei der fünfeinhalb obengenannten Scheidungen.
Die Zahnschmerzen blieben.

Da im Restaurant gerade nicht allzuviel Betrieb herrschte und Timo der Kellner alleine zurecht kam, setzte sich Luigi zu uns Verbliebenen an den Tisch. Dies kam ungeheuer selten vor. Irgendwie hegten wir schon seit langem den Verdacht, daß er uns alle insgeheim abgrundtief verachtete. Als Stammgäste aber trugen wir einen nicht unwesentlichen Teil zu seinem Unterhalt bei, so daß er sich offenbar gezwungen sah, uns notwendiges Übel bei Laune zu halten.
Günther wollte sofort die Gelegenheit ergreifen ein Foto von der Szenerie zu schießen. Zu diesem Zweck trug er immer einen geladenen und entsicherten Fotoapparat griffbereit im Holster. Es mußten albenweise derartige Bilder existieren. Seine Leidenschaft für schlecht gezielte Schnappschüsse war uns allen seit Jahren verhasst; seine Dia Abende berühmt - berüchtigt.
“Also schön!” stöhnte Erich auf “Wer ist dafür daß wir ihn jetzt prügeln!” und hob die Hand. Die Abstimmung fiel mit fünf zu eins Stimmen gegen Günther aus. Er wurde angewiesen, sich als verprügelt zu betrachten und zog schmollend von dannen. Wahrscheinlich um andere Restaurantgäste mit einem unverhofften Blick auf seine stets mitgeführten Urlaubsfotos zu beglücken. Er hatte nicht viele Freunde.
Mir war aufgefallen, daß ich Michaela, die langstielige Kellnerin, den ganzen Abend über noch nicht einmal zu Gesicht bekommen hatte. Als ich Luigi daraufhin ansprach sagte er nur “Hatte frei” Er verdrehte die Augen und fügte noch ein erklärendes “Geschundene Herze - Speciale Nachte!” hinzu.
Indes hatte ich Harald dabei nicht aus den Augen gelassen. Normalerweise reagierte er auf die Erwähnung von Michaelas Namen mit heftigem Schluckauf, Atemnot und hatte sich bisweilen auch schon, unter unkontrollierten Zuckungen, japsend auf dem Boden gewälzt. Doch nichts dergleichen geschah. Er saß weiterhin unbeteiligt vor seinem Weinglas und blickte betrübt ins Leere.
Seit wir in diesen Hallen des Genusses verkehrten, war er in die hübsche Schwarzhaarige verliebt. Unzählige Abende hatte er schon damit zugebracht, einfach nur dazusitzen und sie entgeistert anzustarren. Sie jedoch hatte ihm niemals auch nur im geringsten Beachtung geschenkt. Schließlich hatte er sich irgendwann ein Herz gefasst, seine Ersparnisse zusammengekratzt und ihr für 3000 Euro, ein Goldkettchen mit einem diamantenbesetzten herzförmigen Anhänger gekauft. Diesen hatte er ihr noch am selben Abend, beim Abschied überreicht. Die nächsten Wochen hatte er auf Wolken geschwebt. Zwar hatte sie ihn noch immer keines Blickes gewürdigt, doch hatte sie ihn jetzt wenigsten mit einem 3000 Euro teueren Goldkettchen um den Hals ignoriert.
In letzter Zeit allerdings war es mir so vorgekommen, als wäre eine gewisse Flaute in diese Beziehung geraten.
Ich versuchte es direkt: “Michaela” hauchte ich ihm zu. Noch immer keine Reaktion. Zwar glaubte ich zu erkennen, daß er um die Nasenspitze herum noch eine Spur blasser geworden war, doch ich konnte mich natürlich auch getäuscht haben.
“Harald. Alles in Ordnung mit dir?”
Er hob den Blick und sah mich an.
“Ich bin OK!” sagte er “Ehrlich, mir geht’s gut.” und fügte nach kurzem Zögern noch hinzu: “Ich wünschte ich wäre tot!”
Jeder andere hätte sich mit dieser Erklärung vielleicht zufrieden gegeben, da ich ihn jedoch auf Grund unserer langjährigen Freundschaft sehr gut kannte und außerdem als aufmerksamer Zuhörer bekannt bin, war mir dieser leise Widerspruch in seiner Äußerung nicht entgangen.
“Was ist los?”
Er sah eine Weile dumpf in die Runde, dann fragte er seufzend: “Wart ihr schon einmal verliebt? Ich meine so richtig verliebt!”
Ich dachte kurz nach. “Seit ich im zarten Alter zehn Jahren, in die Tochter unseres Nachbarn verknallt gewesen war: “ Ja. Eigentlich ununterbrochen.” Auch Erich und Norbert bejahten die Frage, wenngleich auch sie sofort die Einschränkung machten - niemals ineinander. Luigi beantwortete die Frage mit einer rudimentären Handbewegung.
“Also, erzähl’ schon. Was ist los?”
Harald sah traurig zur Decke empor und stöhnte wehleidig: “Interessiert euch das wirklich?”
“Nein, aber wir brauchen Stoff zum Tratschen. Also los erzähl’!”
Nach mehreren kräftigen Schlucken Rotwein und einer Kurz-Perfomance seiner gelungensten Leidensminen, seufzte er schließlich: “Ihr kennt doch alle das neue Kaufhaus, direkt in der Münchner Innenstadt...”
“Das Kaufstadt, ja.”
“Nun ja, ich war dort, zur Eröffnung letzten Herbst. Sie hatten Super - Eröffnungs - Rabatte auf alle Waren. Also, dachte ich mir: Harald, du brauchst sowieso ein paar neue Unterhosen. Ihr kennt doch alle das Problem mit den Gummibändern. Da hat man immer gleich...”
“Harald! Komm zum Punkt.”
Er nickte entschuldigend. “Jedenfalls gibt es da diese Aufzüge. Ihr wißt schon diese supermodernen, ganz aus Glas. Diese Formvollendung. Diese wunderbar blinkenden Lichter. Ein leichtes Berühren nur, dieser lieblich leuchtenden Lichtsensoren. Ganz zärtlich...”
“Harald!”
“Jedenfalls betrat ich eine dieser Kabinen. Die ganz links. Plötzlich hauchte diese engelsgleiche Stimme - ein Klang, so wunderbar, wie ich ihn nie zuvor vernahm - “Viertes Stockwerk. Haushaltsartikel, Kleinelektronik und Herrenunterbekleidung. Wir wünschen ihnen einen erfolgreichen Einkauf und einen schönen Tag.” Versteht ihr...” Er blickte uns mit glänzenden Augen entgegen. “...Diese herrliche Stimme, die nur einem überirdischen Wesen gehören konnte, wünschte MIR einen schönen Tag.”
Versonnen blickte er daraufhin lange schweigend ins Leere. Erst ein mehrmaliges Nachbohren unsererseits brachte dann die weitere Geschichte Stück für Stück ans Licht.
Er hatte, sowohl seine Unterhosen als auch die ganze Welt rings um sich vergessen. Unablässig war er den Rest des Tages auf und ab gefahren. Kein Stockwerk hatte er ausgelassen. Verzückt vom Klang der Stimme, welche so sichtlich an seinem Wohlergehen interessiert war. So lange jedenfalls, bis das Haus am Abend geschlossen wurde und die Angestellten ihn hinaus warfen. Am nächsten Morgen bereits war er schon Stunden vor der Eröffnung vor der Tür gestanden und hatte versucht, durch die Scheiben einen Blick auf das Ziel seiner Sehnsüchte zu erhaschen. Bis er dann endlich Punkt Neun eingelassen wurde.
“Zwar habe ich natürlich auch die anderen Fahrstühle ausprobiert, doch keiner von ihnen, hatte auch nur annähernd, diesen Zauber, diesen Flair, den Helen aus jeder Diode ihres Wesens ausstrahlte.”
“Helen?!”
“Na, irgendwie mußte ich sie doch nennen. Und tief in meinem Innersten wußte ich einfach, daß dieses himmlische Wesen nur diesen göttlichen Namen haben konnte.”
“Aber...” so fragte ich ihn “...hast du den nie versucht heraus zu bekommen, wem diese Stimme eigentlich gehörte. Ich meine, schließlich kam sie ja vom Band. Da mußte es doch...”
Er winkte unwillig ab. Ein Ausdruck irgendwo zwischen abgrundtiefer Traurigkeit, völliger Verzweiflung und Wut - ja Wut - hatte sich plötzlich über seine Züge gelegt.
“Natürlich habe ich das.”
Es stellte sich im weiteren Verlauf heraus, daß er nach langem Betteln und Flehen sowie stundenlangem Wimmern, kniend vor der Tür des Kaufhausdirektors, endlich von diesem die Adresse der Aufzugfirma erhalten hatte. Die Firma “Auf und Ab”, irgendwo in Schwabing. Dort angekommen, hatte er sich an den Chef gewandt. Dieser hatte ihm, zunächst zwar etwas verwirrt über Haralds Anliegen, schließlich die erwünschte Auskunft erteilt. Die Frau seines Vetters hätte die Bänder besprochen. Fahrstühle mit ihrer Stimme gäbe es mittlerweile in ganz Süddeutschland, teilte er ihm stolz mit. Die Fahrstühle der Firma “Auf und Ab” seien schließlich in ihrer Qualität...
Harald jedoch hatte für diese Ausführungen nur wenig Sinn. Wo er diese Frau denn finden könne, hatte er ihn unterbrochen. Nun, da hätte er Glück, meinte der gute Mann nur und zeigte aus dem Fenster hinaus in den Hof. Harald erblickte eine stark übergewichtige Person undefinierbaren Alters, welche nur entfernt dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden konnte. Diese war gerade dabei gewesen, fluchend einen Kinderwagen vor sich her zu schieben.
“Und jetzt frage ich dich...” knurrte Harald - und seine Züge hatten mittlerweile etwas nahezu unmenschliches angenommen “...wenn es einen Gott gibt: Warum hasst er mich so!” Damit stürzte er sich mit einem wilden Schrei auf mich und warf mich zu Boden. “Warum läßt Gott so etwas zu! Warum! Warum! Warum!”
Mit vereinten Kräften gelang es den anderen schließlich ihn zur Räson zu bringen und wieder auf seinen Stuhl zu setzen, wo er wie ein Häufchen Elend in sich zusammen sank.
Ich indes erhob mich, um mich in der Toilette ein wenig frisch zu machen und mich von der körperlichen Attacke zu erholen.
Auf dem Weg dorthin kam ich an Günther vorbei, der gerade von zwei energisch aussehenden Zuhältertypen, mit Goldkettchen und Designerlederjacken, genötigt wurde den gesamten Stapel an Urlaubsfotos zu verschlingen. Offenbar hatte er sich diesmal die falschen Opfer ausgesucht. Ich blickte dezent zur Seite. Schließlich waren wir seit Jahren befreundet. Und jeder Hinweis an die Adresse der beiden Goldkettchenträger, daß es bei Günther zu Hause einen gewaltigen Berg Dias gäbe, welcher ebenfalls dringend der Vernichtung bedürfte, hätte diese Freundschaft womöglich auf lange Zeit hinaus stark beeinträchtigt.

Als ich später an unseren Tisch zurückkehrte saß Günther wieder mißmutig bei den Anderen. Harald hatte sich mittlerweile wieder soweit im Griff, daß er mit seiner Erzählung fortfahren konnte.
“Schließlich war ich reumütig zu Helen zurückgekehrt. Ich hatte sie während der ganzen Zeit, meiner sinnlosen Nachforschungen stark vernachlässigt. Wenn sie mir das aber übel genommen haben sollte, so ließ sie sich jedenfalls nichts anmerken. Ihre Stimme klang liebevoll wie ehedem. Ohne auch nur die leiseste Verärgerung erkennen zu lassen. Und dennoch, wenn ich genau hinhörte, glaubte ich manchmal eine Spur tiefer Traurigkeit heraus zu hören. Ich hatte ihr beinahe das Herz gebrochen. Das sollte nie wieder vorkommen. An den folgenden Tagen, brachte ich ihr manchmal ein paar kleine Aufmerksamkeiten mit. Pralinen zum Beispiel, oder einen Strauß selbstgepflückter Blumen. Diese legte ich dann sorgsam an der Rückwand der Kabine ab.”
Harald schilderte den weiteren Verlauf dieser Beziehung in den schönsten Farben. Wir alle spürten, wie wir vor Rührung dahin schmolzen. Selbst Luigi zeigte sich überwältigt von soviel Liebesglück.
Dann allerdings hatte die Geschichte eine dramatische Wendung erhalten. Helen war erkrankt. Nichts ernsthaftes, hatten die herbeigeeilten Techniker von “Auf und Ab” zunächst beteuert. Doch immer öfter begann Helen den Dienst zu versagen. Harald weigerte sich von nun an, den ganzen Tag über auch nur einen Fuß vor die Lifttür zu setzen. Liebvoll redete er ermutigend auf sie ein, streichelte zärtlich über ihre Sensoren und flehte die Halbgötter im Blaumann inständig an, alles nur Menschenmögliche zu tun, daß sie bald wieder gesunden möge.
Die Lage spitze sich schließlich weiter zu, als Helen einmal zwischen dem zweiten Stock und der Spielwarenabteilung im dritten stecken blieb. Als ihr selbst nach lang anhaltendem Druck auf den Notrufsensor kein Lebenszeichen mehr zu entlocken war, begann ein wildgewordener Mitvierziger im Lodenmantel laut fluchend auf Helens Schaltplatte einzuhämmern. Entsetzt, ob dieser schändlichen Mißhandlung seiner Geliebten, begann nun Harald seinerseits auf den Lodenmantel einzuhämmern. Lediglich auf Grund der Tatsache, daß Helen sich schließlich doch wieder in Bewegung setzte und das Wachpersonal des Kaufhauses schnell reagierte, konnte Schlimmeres verhindert werden.
“Ich mußte doch einschreiten. Ich konnte doch nicht einfach zulassen, daß dieser Irre sie schlug.”
“No!” stieß Luigi energisch aus. “Konntest du nichte!”
Harald sah ihm brüderlich entgegen. “Ach Luigi, du verstehst mich...”
“No!” meinte Luigi erneut und schüttelte unwillig den Kopf. “Habe ich dich nie verstande. Binne ich ehrliche - habe ich keinen von euch jemals verstande. Seide ihr mehr verrückte als die Typen von “Einer floge über die Kuckuck Neste” aber...” und dabei sah er Harald gutmütig an “...verstehe ich eine Men-ge von die Amore. Na binne ich Italiener, oder was!?”
Auf seine anschließenden Äußerungen, möchte ich hier nicht näher eingehen, nur soviel: Sollte sich jemals ein Italiener in eine Helen verlieben, könnte die unbedachte Nutzung eines Fahrstuhls unter Umständen, für den unvorsichtigen Fahrgast in einer lebenslangen Vandetta enden - zumindest aber mit dem Verlust der Zeugungsfähigkeit.
Schließlich drängten wir Harald dazu, uns den weiteren Verlauf, dieser anrührenden Liebesbeziehung zu erzählen. Sie kam jedoch, wie sich schnell herausstellte zu einem äußerst tragischen Ende.
Nach mehreren Wochen energischsten Hausverbotes seitens der Firmenleitung, sowie unzähliger Versuche seitens Harald dieses zu unterwandern, gelang es ihm endlich, sich in der Verkleidung eines schnauzbärtigen Technikers der “Auf und Ab”, unentdeckt zu Helen durchzuschmuggeln. Den Blaumann hatte er vom Chef der “Auf und Ab” erhalten, nachdem er sich, nach Stunden des vergeblichen Flehens und Weinens, in tiefster Verzweiflung vor dessen Wagen geworfen hatte.
Endlich bei Helen angekommen, sah er sich plötzlich unversehens einem Techniker der “Zug Auf” gegenüber, welcher mit grimmigen Gesichtszügen an Helens Eingeweiden herumschraubte. Was aber war geschehen?
Nun, die Kaufhausleitung hatte beschlossen, da die “Auf und Ab” die Probleme mit den Aufzügen einfach nicht in den Griff bekommen hatte, die Wartungsfirma zu wechseln. Diese hatte sich intensiv mit dem Innenleben der Fahrstühle auseinandergesetzt. Kaum ein Schräubchen, das sie in seinem Urzustand belassen hätten. Des ganzen Ausmaßes des schrecklichen Geschehens aber wurde Harald sich erst gewahr, da er die Kabine betrat und liebevoll den Sensor berührte. Eine kühle Männerstimme schnarrte ihm ungerührt entgegen: ”Dachgeschoß. Sportwarenabteilung. Restaurantcafe. Wir danken ihnen für ihren Einkauf.”
Harald war ein gebrochener Mann. Bewußtlos sank er in sich zusammen. Die Beamten des Sicherheitsdienstes hoben ihn behutsam auf und schleppten ihn ins Freie.
“Sie haben sie getötet!” schluchzte er. “Ermordet!”
Heulend fiel er vorne über auf die Tischplatte und ergab sich seinen Gefühlen. Wir sahen uns ratlos an. Jedes Wort erschien uns unangebracht. Nur Luigi, welchem auch die Tränen des Mitgefühls in den Augen standen, meinte schließlich:
“Kopfe hoche. Wirde alles wieder besser. Glaube mir. Irgendwann haste du vergessen alles. Trinkst du eine Glase Chianti mit mir. Gebe ich einen aus. Gebe ich die ganze Tische einen aus.”
Schlagartig war Stille eingekehrt im Restaurant. Timo, der gerade am Nachbartisch servierte, ließ vor Schreck einen Teller fallen. Selbst Harald hatte für einen Augenblick sein Elend vergessen und starrte Luigi sprachlos an. Seit vielen Jahren nun verkehrten wir hier als Stammgäste und noch nie zuvor waren derartige Worte aus dem Mund des Patrone gekommen. Niemand von uns konnte sich bislang vorstellen, daß Begriffe wie “ausgeben” in Luigis Sprachschatz überhaupt existierten.
Nachdem wir uns jedoch vom ersten Schrecken erholt hatten, gruppierten wir uns alle um ihn. Günther wurde angewiesen ein Foto von diesem einmaligen Ereignis zu schießen. Es stellte sich jedoch heraus, daß die beiden Goldkettchenträger ihn zuvor gezwungen hatten, auch den, in der Kamera eingelegten Film zu verschlucken, so daß dieser einzigartige Moment für die Nachwelt leider nicht festgehalten werden konnte.
Und noch etwas sollte undokumentiert bleiben: Als wir sehr viel später Luigi verließen und uns auf den Heimweg machten, nahm Harald uns beiseite und sagte: “ Ihr behaltet das doch für euch, oder?”
Sofort beteuerten wir, daß kein Sterbenswörtchen, über das, was er uns vorhin anvertraut hatte, je über unsere Lippen kommen sollte.
“Besonders du, Jo.” Harald sah mir fest in die Augen. “Ich will auf gar keinen Fall, daß du das in einer deiner blöden Geschichten verkochst. Schwörst du mir das?”
“Bei meiner Ehe.”
Dies schien ihm zu genügen. Schließlich wußte er, daß er sich auf mich verlassen konnte. Immerhin waren wir seit Jahren eng befreundet.
Und ich stehe zu meinem Wort. So kam es, daß ich diese Geschichte hier niemals schrieb und Ihr liebe Schreib - Lüstlinge, sie somit auch leider niemals zu lesen bekommen werdet.
Schade eigentlich!

(c) Jörg "Jo" Luzius

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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