Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Mai 2002
Vom Regenbogen
von Anke Modemann


Der Immobilienmakler startete seinen Wagen und fuhr auf dem langen Einfahrtsweg zur Straße. Wir standen am Fens-terstock und winkten ihm nach. Mein Schatz umarmte von hinten liebevoll meine Schultern und drückte mich vor Freude fest an sich.
„Süße, wir haben das Schnäppchen unseres Lebens gemacht! Unser Nest haben wir fertig renoviert, bevor wir zu dritt sind.“. Er strich dabei zärtlich über meinen Bauch, obwohl man, wie ich fand, von einem Babybauch noch gar nichts sah.
„Es ist wohl realistischer, dass wir hier zu dritt einzie-hen werden! Schatz, es gibt noch sehr viel zu tun am Haus, mache dir da nichts vor. Aber eine tolle Aussicht haben wir hier schon!“. Ich lehnte mich am Fensterstock nach draußen. Frische, klare Luft! Man konnte von hier aus die ganze Stadt überblicken. Plötzlich löste sich ein Stein aus dem Fenster-stock und krachte in die Tiefe. Ich rutschte mit der Hand ab - und hörte, wie Rudi verzweifelt nach mir schrie.

„Betti! Bettiii?! Bist du wach? Wie geht es dir? Hast du Schmerzen? Die Ärzte wollten mich erst gar nicht zu dir las-sen. Sie sagen, du brauchst jetzt viel Ruhe.“
Ich fühlte mit der Rechten nach meinem Bauch und sah Rudi an. „Ist es ... ?“
Rudi hatte Tränen in den Augen und schüttelte den Kopf. „Betti, es tut mir so leid!“

Die paar Prellungen an meinen Armen und Beinen waren kein Grund, mich länger im Krankenhaus zu behandeln und ich konnte schon nach einigen Tagen nach Hause. Von den Wunden im Herzen sprachen die Ärzte nicht.
Ich vermisste den kleinen Schmetterling in meinem Bauch. Ja, es hatte sich wie ein Schmetterling angefühlt, der ganz sacht mit den Flügeln schlägt. Und ich hatte mich so an dieses zarte Gefühl gewöhnt, dass ich mir jetzt sehr verlas-sen vorkam - jetzt, da es nicht mehr da war.
Rudi war sehr besorgt um mich. Wir redeten viel mit-einander. Die Trauer verband uns. Für mehr reichten meine Gefühle ihm gegenüber schon bald nicht mehr. Ich merkte, dass mit dem Schmetterling auch meine Liebe zu Rudi ge-storben war. Ich war ihm nur noch auf freundschaftliche Weise verbunden. Ich empfand jetzt eine sehr tiefe Freund-schaft Rudi gegenüber. Gleichzeitig tat es mir leid, dass ich ihm nicht mehr geben konnte – schließlich litt er auch darunter, dass es jetzt keinen Schmetterling mehr gab.

Zwei Monate später saßen wir in unserem Lieblings-bistro, wie jeden Samstagvormittag seit unserer dreijährigen Beziehung. Gedankenverloren rührte ich den Schaum in mei-nem Cappuccino. Ich spürte, etwas war anders an diesem Vormittag. Ich sah Rudi mir gegenüber sitzen, sah, wie er seinen Mund bewegte und anscheinend mit mir redete, aber ich fühlte mich in meiner Gedankenwelt gefangen. Ich hörte Rudi nicht. Ich hörte nur meine Gedanken – und die waren bei Alex.
Seit der Schmetterling nicht mehr da war, tröstete mich Alex im Büro auf eine unsichtbare Art, die mir gut tat: An jedem zweiten Tag stand ein frischer kleiner Blumenstrauß auf meinem Schreibtisch. „Ich schenke Dir einen schönen Tag, Alex.“ stand auf der Karte dazu. Ich war es jemandem Wert aufgemuntert zu werden. Alex fühlte mit mir.
Die Blumensträuße wurden zum kleinen Ritual . Und mit jedem einzelnen kam mehr Farbe in meine Welt zurück.
Seit einigen Tagen bekam ich in Alex’ Gegenwart schweißnasse Hände und sie fingen an zu zittern. Jede zufäl-lige Berührung war wie eine Liebkosung, jeder liebevolle Blick war wie eine zarte Liebeserklärung.
Ich musste mir eingestehen: Ich hatte mich verliebt!
Dabei hatte ich mich so gegen diese Gefühle gewehrt, wollte sie einfach nicht zulassen; schließlich war Rudi meine Jugendliebe. Ich war ihm unendlich dankbar für alles, was er für mich getan hatte und dafür, dass er zu mir gestanden hatte. Ich konnte ihm wirklich nicht vorwerfen, nicht für unsere Be-ziehung gekämpft zu haben. Er bedeutete mir auch immer noch sehr viel, doch ich fühlte mich für jemand anderen be-stimmt.
Diesem Hickhack der Gefühle musste ein Ende ge-macht werden, sonst würde es mich auffressen.
Ich musste eine Entscheidung treffen: Für meine tiefen Gefühle zu Alex. Meine neue Liebe sollte ein neuer Anfang sein. Sicher war es ein Pokerspiel: Bei Rudi wusste ich, was ich an ihm hatte, aber bei Alex ... ? Andererseits, wer kann für Liebe schon eine Garantie geben? Es geht so lange gut, wie sie anhält.

„...und dann machen wir es uns so richtig gemütlich. Was meinst du?“. Rudi hatte seinen Cappuccino längst ausge-trunken und legte seine Hand über dem Tisch auf meine. Ich hatte den Schaum in meinem kalten Cappuccino weggerührt und sah Rudi an.
„Ich liebe Alex! Es ist aus mit uns. Es tut mir leid, Ru-di!“. Das meinte ich wirklich so, schließlich war Rudi nicht Schuld an meinem Gefühlsorkan, ich aber auch nicht. Er war langsam aber heftig über mich hereingestürmt.


„Wann stellst Du uns Alex denn endlich vor, Kind? Wir freu-en uns doch für dich, dass du wieder glücklich bist.“ Meine Mutter konnte es kaum erwarten, Alex kennen zu lernen. Ich war wohl bei jedem Besuch meiner Eltern ins Schwärmen geraten. Meiner Mutter war das nicht entgangen.

Vater, Mutter und ich warteten am Zoologischen Garten. Eine Bahn kam nach der anderen an. Ohne Alex.
Plötzlich klapperten schnelle Schritte hinter uns: Ale-xandra! Ich drückte sie erleichtert an mich. „Ich hatte mir schon Sorgen um dich gemacht, als du nicht um drei hier warst. Alex, das sind meine Eltern. Mutti, Vati ... das ist Ale-xandra!“
„Freut uns sehr. Wir haben ja schon so viel von Ihnen gehört ...“ Mutti schüttelte sehr gefasst Alex die Hand. Sie sprach auch in Vaters Namen, dem hatte es bei Alex’ Anblick anscheinend die Sprache verschlagen.
„Lasst uns gehen“ rief ich gutgelaunt. „Oder wollen wir unseren Spaziergang etwa auf dem Bahnsteig machen?“
Meine Eltern liefen eingehakt hinter uns. Ich hörte, wie meine Mutter zu Vati sagte „ Sie scheint doch sehr nett zu sein. Liebe ist eben nicht schwarzweiß. Sie ist auch nicht rot. Liebe hat alle Farben vom Regenbogen.“


© Anke Modemann

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