Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Eduard Breimann IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Mai 2002
Die Macht der Liebe
von Eduard Breimann


„Sehr geehrter August Artiste, liebe Frau Bürgermeisterin Wessel, hochverehrte Stadtverordnete, meine Damen und Herren von der Presse, sehr geehrte Gäste, ich komme nun zum Schluss meiner Ausführungen.“
Heinrich-Georg Burger, Direktor des Heimat- und Kunstmuseums, schon vor Jahren für seine Verdienste um die Kunst und die Geschichte der Heimat mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, das am Revers aufblitzte, stand auf einem kleinen Podest. Man hatte es mitten im hell ausgeleuchteten „Artiste-Raum“ aufgebaut, den der Stadtrat nach der siebzehnten Schenkung durch den Künstler Artiste so benannt hatte.
Der Direktor war durch seine vom Blatt abgelesene Rede erschöpft, wischte sich mit einem Tüchlein den Schweiß von der Stirn. Dabei glitt sein Blick zu der Gestalt, über die er eine Stunde lang referiert hatte, huschte über ihr Gesicht, suchte es ab, glitt zu dem herrlich geformten Körper. Dabei seufzte er vernehmlich und wandte sich wieder seinen Zuhörern zu.
„Noch nie, meine Damen und Herren, solange ich dieses alte, ehrwürdige und prächtige Heimat- und Kunstmuseum leite, hat es eine solche Schenkung gegeben. Dass es mir gelingen würde, dieses letzte Werk unseres hochverehrten Kunstfreundes und Künstlers August Artiste für unsere Ausstellung zu ergattern, das - meine Damen und Herren - habe ich nicht zu hoffen gewagt.
Nun sind wir – das heißt das Museum – die rechtmäßigen Besitzer dieser „Göttin der Lebensfreude“, wie sie unser hochverehrter Künstler genannt hat. Ja – Sie haben richtig gehört!
Es soll tatsächlich das letzte Werk unseres lieben Artiste sein! Das hat mir der Künstler im Vertrauen gesagt. Aber, meine verehrten Gäste, können wir das so hinnehmen? Sind Sie nicht mit mir der Meinung, dass ein wahrer Künstler - wie August Artiste es ja wohl ist - schaffen muss, bis er den Meißel nicht mehr in den Fingern halten kann?“
„Jawohl! Bravo!“, rief eine Stimme, und das löste leichten Beifall aus.
„Äh, also, was wollte ich sagen? Jedenfalls; diese Skulptur ist eine Bereicherung unserer ständigen Artiste-Ausstellung; sie wird die Menschen aus unserer kleinen Stadt und der Umgebung anlocken und bezaubern, wie sie wohl jeden von uns bereits verzaubert hat.“
Es gab Beifall, besonders von den dunkel gekleideten Herren aus dem Stadtrat. Mit einem verschmitzten Lächeln sah der Direktor dem Künstler August Artiste in die nervös zwinkernden Augen und hob seine Stimme bedeutungsvoll an.
„Nun, mein großer Künstler und Freund des Museums. Es bleibt ja wohl nur noch eine Frage offen, deren Antwort uns alle brennend interessiert: Welche schöne Dame hat für dieses unnachahmliche Kunstwerk Modell gestanden?“
Ein allgemeines Gelächter - teils anzüglich, teils verlegen – erschallte. Alle Köpfe drehten sich zu dem kleinwüchsigen alten Mann, in seiner dicken, wattierten Jacke, den an den Knien ausgebeulten Kordhosen. Seine braunen Schuhe zeigten Spritzer weißer Farbe, die vom Anstreichen seines Ateliers stammten. Das alles, und die ungekämmten, lang herunter hängenden weißen Haaren, auf denen eine speckige Baskenmütze hing, ließen ihn zwischen all den festlich gekleideten Damen und Herren, wie ein verirrter Handwerker wirken.
„Ähm!“, sagte der Mann und rieb sich die gewaltige Nase, die wie eine überdimensionale Erdbeere aussah.
„Sie wollen es uns also nicht verraten, lieber Artiste? Dann wird dies weiter ein Rätsel - ein noch zu lösendes Rätsel – sein und diese wunderschöne Frau noch interessanter machen. Das „Geheimnis der Göttin“ könnten es die Zeitungen nennen; das würde noch mehr Besucher locken.“
Wieder ertönte zustimmendes Lachen, die Bleistifte der Reporter huschten über die Notizblöcke, und August Artistes Nase wurde dunkelrot.
„Meine lieben Gäste! Ich darf Sie nun alle bitten, mit mir zum Buffet zu kommen. Wir haben es unserer fleißigen Frau Ermert zu verdanken, die Schnittchen und Getränke für Sie bereit gestellt hat. Guten Appetit und eine gute Unterhaltung wünscht Ihnen Ihre Museumsleitung.“
Eine allgemeine Rückwärtsbewegung wurde schnell erkennbar, der Platz vor dem Podium leerte sich mächtig schnell. Die drei Vertreter der regionalen Presse nutzten die Gelegenheit und ließen ihre Blitzlichter aufleuchten. Zunächst drängte sich Museumsdirektor Burger neben die Figur, legte seine Hand auf die fein modellierte Schulter und lächelte kunstvoll.
„Aber bitte, meine Herren! Schreiben Sie nicht wieder Heinz Burger. Es muss heißen: Direktor Heinrich-Georg Burger – aber bitte mit Bindestrich!“
Danach musste sich August Artiste neben sein Werk stellen; er musste mehrfach aufgefordert werden, endlich erfreut zu lächeln.
„Ähm! Schreiben Sie bitte: Der ‚Bildende Künstler’ – wenn´s recht ist!“, sagte er mit seinem kleinen französischen Akzent, als die Fotografen schon ihre Sachen packten.
„Sie wollen wirklich ...?“, fragte der Reporter des kostenlosen Wochen-Werbeblattes „Schaufenster“.
„Ja, sicher, ich werde aufhören“, seufzte August Artiste. „denn nach diesem Werk gibt es keine Herausforderung mehr für mich.“
Er zeigte lächelnd auf den Kopf der Göttin. „Sie ist die Erfüllung all meiner Träume. Nach ihr kann ich nichts mehr schaffen; es wäre nur noch Schund!“
Der Reporter kritzelte eifrig auf seinen streichholzschachtelgroßen Notizblock. „Darf ich Sie wörtlich zitieren?“
„Aber ja! Wen sonst?“, fragte Artiste erstaunt.
Nachdem auch die Reporter zum Buffet geeilt waren, standen nur noch der Künstler und der Museumsdirektor im Raum. Während der Direktor sein Manuskript ordnete, schaute der Künstler nachdenklich auf sein spätes Werk.
Die lebensgroße Figur stand auf einem Steinsockel; ein Metall-Schild gab ihr einen Namen, eine Identität und nannte den verantwortlichen Künstler:
„Göttin der Lebensfreude“ – geschaffen von August Artiste im Jahre 2001.
Der wohlgeformte Kopf thronte auf einem wunderschönen langen Hals. Das schmale Gesicht, gekennzeichnet durch hohe Backenknochen, einen vollen Mund, große Augen und zierliche Ohren, wirkte äußerst lebendig. Die kurzen Haare, durch sehr feine, wie gekämmt wirkende Rillen dargestellt, ließen fast das ganze Gesicht frei.
Ihre Nacktheit wirkte nicht anstößig, nicht beleidigend; ihr Körper war so schön geformt, so perfekt, dass man sie nur bewundern konnte.
Sie stand grazil, fast schwebend, hoch aufgereckt, auf den Zehenspitzen, was ihre Beine noch besser wirken ließ. Die Arme strebten zur Raumdecke, leicht verdreht, die Hände offen, die Finger gespreizt; es sah aus, als tanze sie, als wäre sie mitten in der fließenden Bewegung eines Spitzentanzes erstarrt und zu Stein geworden.
Das Überraschendste an ihr war die glatte, leicht silbrig grau schimmernde Oberfläche, die fast wie eine menschliche Haut aussah.
„Ich hoffe, es gefällt dir hier. Sei brav und benimm dich ordentlich!“, sagte August Artiste mit dunkler Stimme und strich ihr dabei liebevoll, sehr langsam, über die Hüfte.
„Sie sprechen mit ihr, lieber Artiste? Sprechen Sie immer mit Ihren Kunstwerken?“, rief Heinrich-Georg Burger vom Podium herüber.
„Oh! Entschuldigen Sie; ich hatte Sie ganz vergessen! Nein, nein! Nicht mit allen, oh nein! Aber mit dieser ... Ich hab ihr ja auch eine - meine Seele gegeben, wissen Sie. Nun ja, sie ist schon etwas Besonderes.“
„Das will ich meinen! Kommen Sie, mein lieber Artiste, sonst futtert die verfressene Gesellschaft uns alles weg, bevor Sie die leckeren Schnittchen unserer Frau Ermert probieren konnten. – Ihre Seele! Ha, ha! Feiner Witz, Artiste, sehr feiner Witz!“

Am Montag war der Alltag wieder eingekehrt; die Schulklassen kamen wie immer in den Morgenstunden; sie strömten lärmend durch die Flure und Ausstellungshallen des Heimatmuseums. Sie bewunderten rostzackige Speerspitzen, stumpfe Schwerter, klappernde Rüstungen und machte Witze über die unzähligen Tonscherben, die nach Epochen sortiert waren.
Sie fassten alles an, versteckten sich hinter Rüstungen und fochten Geisterkämpfe mit nicht vorhandenen Waffen. Die Mädchen kicherten ständig, und die Jungen knufften und schubsten sich. Jedenfalls bewiesen sie nicht den geringsten Respekt vor den in Jahrzehnten angesammelten Kostbarkeiten aus längst vergangener Zeit - und auch nicht vor den Kunstwerken der heimischen Künstler.
So und ähnlich verliefen alle Führungen; die Kinder waren schon fußmüde, wenn sie endlich in den Artiste-Raum kamen, der ja als krönender Abschluss gedacht war.
Aber immer, wenn eine Klasse den großen Raum betrat, in dem die Kunstwerke des August Artiste ausgestellt waren, verebbte das Geschrei und das Gekicher; es wurde unnatürlich still.
Fast auf Zehenspitzen schlichen die Kinder durch den Raum, sahen schnell – oberflächlich - die zahlreichen Skulpturen des Künstlers Artiste an, schielten unablässig zur „Göttin der Lebenslust“, die an der hinteren Wand stand.
Die Kinder hatten das Gefühl, dass diese neue Figur sie beobachtete, dass sich ihre Augen zu ihnen hindrehten; niemand wagte es mehr, Kaugummi auf die Kunstwerke zu kleben.
Zum Abschluss der Besichtigung - quasi als Höhepunkt - versammelten sich die Kinder vor der Göttin, von den Lehrern angehalten, schiebend und ordnend in Reihen gedrängt.
„Dies also ist das lebensechte Abbild einer Frau. Seht es euch ruhig und genau an – aber bitte nicht berühren.“
„Heribert, du sollst nicht tuscheln! Du wirst mir später erklären, was dir an dieser Frauenfigur besonders aufgefallen ist!“
„Karl, du gehst gleich raus! Man zeigt niemandem die Zunge - auch dann nicht, wenn es sich um eine steinerne Figur handelt. Verstanden, Karl?“
„Hubert! - Hubert! Lass die Mädchen in Ruhe! Das gibt noch ein Nachspiel, Hubert!“
Sie ließen sich nur noch mit Mühe bändigen, den Lebenslauf des Heimatkünstlers Artiste wollte keiner mehr hören. Die abschließende Bemerkung, dass dies das letzte Kunstwerk des bekannten Künstlers Artiste sei, vernahmen nur noch die wenigsten.
Dann trotteten sie aus dem Raum, schauten sichernd zurück zu der lebensgroßen Frau. Aber hin und wieder passierte es, dass ein besonders mutiger Junge etwas zurück blieb, und - wenn er sich unbeobachtet fühlte - schnell die Hand ausstreckte und tastend, forschend diese eigentümliche glatte „Haut“ berührte.
Wer es wagte, der wurde rot, steckte die Hand hastig in die Hosentasche, als hätte sie jetzt ein Brandmal, das ihn verraten könnte.
Auf dem Schulhof bildeten sich später Gruppen. Da steckten sie die Köpfe zusammen, tuschelten, diskutierten und stritten. Wortführer waren immer die, deren Hand die Haut der Göttin berührt hatte.
„Die ist echt! Könnt ihr glauben!“
„Du spinnst! Wie kann die echt sein, he? Du bist selber nicht echt!“
„Blödmann! Fass sie doch mal an! Traust dich ja bloß nicht. Dann würdeste nicht so´n Scheiß reden! Die hat ne richtig warme Haut!“
„Spinner!“
„Selber Spinner! Da ist ’ne Frau drin!“

Nachmittags kamen die Erwachsenen. Sie machten kaum Lärm, gingen aufmerksam durch die Hallen, nickten zustimmend, wenn sie die Erläuterungen lasen, kratzten sich nachdenklich am Kinn und vermieden es, die Ausstellungsgegenstände zu berühren.
Im Saal des August Artiste strömten die Erwachsenen zielstrebig zur „Göttin der Lebenslust“, die seit einigen Tagen mitten im Raum stand; die älteren Kunstwerke interessierten sie nicht mehr.
„Die Leute wollen sie doch auch von hinten sehen!“, hatte Museumsdirektor Burger festgestellt und sie darum von der Wand abrücken lassen.
Die männlichen Besucher waren zumeist hellauf begeistert, diskutierten untereinander ihre Eindrücke und dabei besonders die weiblichen Merkmale der Göttin.
„Ist sie nicht schön? Die wär was für mich, was Gero?“ - „Und was würde deine Hilde dazu sagen, he?“
„Meine Güte! So etwas Schönes hab ich noch nie gesehen!“ - „Was hast du denn schon gesehen? Na?“
„Die müsste mir mal im richtigen Leben begegnen!“ - „Dann wärst du sprachlos, stumm wie ein toter Fisch, mein Lieber!“
„Das ist die schönste Frau, die die Welt je gesehen hat!“ - „Ach ne? Die Welt war hier? Wann?“
„Na, wenn die echt wäre! Die könnte alle Preise der Welt gewinnen!“ - „Stimmt! Aber lass das bloß nicht deine Olga hören; dann gibt´s Ärger, mein Lieber!“
Waren ihre Frauen dabei, hielten sich die Männer auffallend zurück. Dafür äußerten die Frauen um so mehr ihre Gedanken. Viele betrachteten die Göttin eher kritisch oder mit einer gehörigen Portion Neid - und die Kommentare waren oft nicht gerade wohlwollend oder schmeichelhaft.
„So habe ich früher auch mal ausgesehen, Kurt! Erinnerst du dich? Kurt! Sieh mich an – und nicht diese, diese ... Aber die Jahre ... Ach du hast das längst vergessen, wie ich dich kenne! Pah!“
„Alles nur schmutzige Fantasie! Das gehört hier nicht hin! Guck weg, Walter! So was zeigen die auch in den Nachtprogrammen bei diesen berüchtigten Sendern!“
„Hoffentlich lassen die unsere Kinder nicht in diesen Schandraum! Nackt! Igitt!“
„Na ja! Da hat der Artiste seine Fantasie ausgelebt, dieser alte Lüstling!“
„Schau dir bloß das dürre Gerippe an! Da haste nix zum Anfassen, mein Lieber, Herbert! Du sagst immer, du magst meine Kilos. Aber wenn ich deine Augen sehe ... Na, ja, Männer!“

Heimlich taten es die verheirateten Männer, offen die Junggesellen und zögernd, fast andächtig ein paar Frauen, die der Körper reizte. Wie bei den Schuljungen war Erschrecken, aber mindestens Erstaunen erkennbar, wenn die Hände den Körper der Figur berührten.
„Mensch, die hat ja eine warme Oberfläche! Fühl mal!“
„Wirklich? Na klar! Das machen die Strahler da oben, die an der Decke! Das ist Halogen, weißt du; die machen eine irre Wärme!“
Manche wiederholten diese Berührung, konnten nicht genug bekommen von der warmen, unwahrscheinlichen Oberfläche. Sie zog die Leute magisch an, ließ sie immer wieder versuchen, testen, ob sie sich denn auch wirklich nicht getäuscht hatten.
Einige Männer kamen immer wieder, betrachteten die Figur sehnsüchtig, streichelten sie, sprachen mit ihr, und – wenn sie ganz alleine waren – umarmten sie die wehrlose Göttin sogar!

„Herr Direktor! Es ist nicht zu fassen! Die Besucherzahl hat sich mehr als verdoppelt, seitdem die Göttin hier steht!“, verkündete Gerda Ermert, die nicht nur Schnittchen schmieren musste, die Registrierung aller Gegenstände verantwortete, die Plakate malte, die Zeitungsartikel ausschnitt, dem Direktor den Anzug ausbürstete und die Schuhe wienerte, sondern auch die Kasse verwaltete und freiwillig eine unendlich komplizierte Statistik führte. Sie kannte keine Freizeit, war fast ständig in den heiligen Museumshallen. Man hatte inzwischen auch an allen Sonntagen geöffnet und ließ an den Abenden die Besucher bis 20 Uhr ins Haus.
Manchmal standen die Leute in drei Reihen vor der Göttin und sparten nicht mit lobenden, erstaunten - ja sogar schwärmerischen – Ausrufen wie: "Göttlich!“ „Wunderbar! Berauschend!“
Niemand wusste, wer damit angefangen, wer es zuerst in den Lokalanzeiger gebracht hatte; man schrieb der Göttin inzwischen eine Vielzahl geheimer Kräfte zu. So nahm die Zahl der Berührungen unaufhörlich zu; inzwischen tat man es offen und ohne zu erröten.
Das Berühren bringe Glück, man müsse sich nur etwas wünschen, wenn man die Wärme der Göttin fühle. Man könne sicher sein, man kenne genügend Beispiele; es heile kaputte Ehen, mache fruchtbar, steigere die Potenz, bewahre vor Untreue des Partners, schenke Schönheit und was sonst nicht alles.
„Mein Eheleben ist jedenfalls seit drei Wochen lebendig wie schon seit Jahren nicht mehr“, erklärte eine ältere Frau, die vom Lokalrundfunk im Supermarkt befragt wurde.
Eine junge Frau, die hinter ihr an der Kasse stand und anonym bleiben wollte, erzählte aufgeregt, dass ihr Freund nach einer Woche schmerzlicher Trennung reuevoll zu ihr zurück gekommen sei. „Das verdanke ich nur der Göttin! Ich habe sie berührt!“
„Na ja! Hat schon was, diese Göttin! Meine Frau sagt ... äh, na ja ... äh ... sie ist jedenfalls zufrieden mit mir, wenn Sie wissen, was ich meine!“ sagte der Mann mit dem Bierkasten unter dem Arm dem Reporter und kratzte sich dabei ausgiebig am Kopf.

Besucher der ersten Tage, die nach einiger Zeit erneut die Göttin besuchten, staunten über Veränderungen, die inzwischen sehr deutlich wurden.
„Der Artiste hat sie poliert!“, vermutete ein Stadtrat. „Hab so was schon mal mit meinem Männeken Piss im Garten gemacht. Kann ich nur empfehlen!“
„Ne, ne! Ich glaube, das ist eine besondere Lasur, die der aufgetragen hat“, vermutete der Baudezernent, der ihn begleitete. „Meine Leute benutzen das Zeugs auch immer, wenn sie am Friedhof die Figuren winterfest machen.“
„Wie die Dinger bei der Beate Uhse im Fenster!“, keifte die Frau des Küsters, die als Spionin – da moralisch ungefährdet – die Göttin betrachtete.
„Ach ne? Was Sie sich so alles ansehen!“ staunte Gerda Ermert, die ihr nachgeschlichen war, mit hämischem Grinsen.
„Hört der Artiste überhaupt nicht auf mit seinen Verbesserungen? Wenn der so weiter macht, läuft uns die Göttin eines Tages noch weg!“, lachte der Museumsdirektor, der sich über die Verwandlungen der Figur wunderte.
„Ihre Haut – äh – ich meine ihre Oberfläche sieht aus wie meine, als ich noch jung war“, seufzte Gerda Ermert.
Tatsächlich hatte die „Haut“ der Göttin einen feinen, beigebraunen Ton, wirkte porig; die Augen, zuvor gleichfarbig grau, wie sie eben bei solchen Skulpturen aussehen, wirkten lebendig durch sehr unterschiedliche Farbtöne, die von weißlich bis schwarz reichten.

Museumsdirektor Heinrich-Georg Burger war ein eifriger Kirchgänger, besuchte an jedem Sonntag das Hochamt von St. Michael und lauschte geduldig den Strafpredigten des Hirten und Stammtischbruders.
Pastor Assmann, eine Pfälzer Austausch-Leihgabe, der eine gepflegte rötliche Weinnase mitgebracht hatte, war ein strenger Seelsorger der Gemeinde. Jede Verletzung der kirchlichen Gebote wurde in den gepfefferten Sonntagspredigten angeprangert. Er war ein regelmäßiger Besucher des Museums, bewunderte alle Ankäufe, Funde und Neuerungen gebührend, nachdem er sie auf ihre Unschuld abgeprüft hatte.
„Ihr kommt ja auch zu mir in die Messe, meine lieben Kinder; da muss ich eure Tempel doch auch besuchen!“, hatte er am Stammtisch im „Goldenen Kalb“ lachend verkündet.
„Der spioniert nur, ob auch alle Frauen auf den Bildern züchtig angezogen sind!“, spottete Gerda Ermert, die ihrem alten Pastor nachtrauerte, der jetzt in in der südlichen Pfalz den köstlichen Rotwein schlürfen durfte.
Jedoch, seitdem die Göttin der Lebensfreude im Museum stand, war der Pastor nicht ein einziges Mal mehr im Museum gesichtet worden – und er mied sogar den sonntäglichen Stammtisch.
An und für sich bewegte das Gerda Ermert nicht sonderlich, denn der Herr Pastor zahlte keinen Eintritt; er tat so, als wäre er dort beschäftigt, ging mit kurzem Gruß an der Kasse vorbei; es wäre Gerda Ermert peinlich gewesen, ihren Geistlichen um Eintrittsgeld zu bitten.
Schon seit einigen Wochen schwirrte das Gerücht durch die Gemeinde, dass der Herr Pastor ärgerlich – „äußerst ärgerlich“ – sei, wegen der „abgöttischen“ Bewunderung der Göttin der Lebenslust. Da wurde getuschelt, gemunkelt, gewusst oder vermutet; jedenfalls wurde das heiße Thema sehr kontrovers behandelt.
Es entstand eine heftige Bewegung in der Gemeinde; Bewunderer und Gegner dieser Göttin gruppierten sich, diskutierten in Schulpflegschaften, beim Bäcker, im Frisörsalon und an der Theke. Man munkelte, vermutete, dass es bald zum Eklat kommen werde - und das bewegte die eifrige Gerda Ermert dann doch sehr.
„Lange guckt sich der das nicht mehr an!“, sagte sie deshalb am Samstag zu ihrem Museumsdirektor. „Meine Freundin, die Schwester vom Küster, die hat mir gesagt, der Pastor wäre sehr zornig und bitterböse. Er bete jeden Tag, dass die Göttin gestohlen werde oder einfach verschwinden würde. Und Sie wünsche er zum Teufel, zusammen mit dem Artiste - hat sie gesagt.“
„Ich zum Teufel? Und die Göttin soll zum Himmel auffahren, was? Zu den Göttern des Olymp, he? Der soll in seiner Kirche bleiben! Das hier ist mein Haus! Hier wird ausgestellt, was anständig und gut ist – und nicht das, was den Segen des Pastors Assmann gekriegt hat!“, antwortete August Artiste sehr heftig.
An diesem ersten Sonntag im November war die Kirche voll, wie schon lange nicht mehr. Selbst die vordersten Bänke, die sonst wie die Pest gemieden wurden, waren dicht besetzt. Man hatte es im Gefühl, oder, wie der Küster es den zahlreichen Chormitgliedern zugeflüstert hatte: „Ich hab´s im Urin! Da kommt was! - Denkt an meine Worte!“
Man hatte es von Haus zu Haus weiter erzählt, dass es heute passieren könne; auf den Urin des Küsters sei nun mal Verlass. Da musste man doch wirklich persönlich anwesend sein, musste den Eklat hautnah erleben.
Als Heinrich-Georg Burger in die Kirche schritt – er hatte sich verspätet, weil seine Krawatte einen Eierfleck aufwies und deshalb gewechselt werden musste -, drehten sich alle Köpfe, wie an einer Schnur gezogen, zu ihm hin. Eigentlich grüßte er gerne lächelnd abwechselnd nach links und rechts; er war sich seines Wertes sehr wohl bewusst. Aber heute war da etwas, was ihn stutzen und stur geradeaus zum still im Kerzenschein liegenden Altar schauen ließ.
Alle Augen der Gemeinde verfolgten ihn, bis er neben Gerda Ermert Platz genommen hatte; sie hatte ihm fürsorglich in der ersten Bank einen Platz freigehalten.
„Voll heute, was, liebe Frau Ermert?“
„Haben Sie´s noch nicht gehört? Er will heute von der Kanzel was zu unserer Göttin sagen!“
„Was?“
„Wirklich! Er will uns heute in den Boden stampfen, sagt die Freundin von mir, die ...“
„Hören Sie mit Ihren Gerüchten auf! Warten wir´s ab. Was will der schon machen?“
„Wer weiß! Psst! Er kommt.“
Man merkte der Gemeinde an, wie sie zitternd und bangend wartete. Man saß steif da, angespannt wie ein Flitzebogen. Aber der Gottesdienst verlief zunächst völlig normal, man sang mit Inbrunst, bis eben zum Zeitpunkt der von allen mit Spannung erwarteten Predigt.
Es wurde ein einziges Strafgericht! Der Donnerhall wurde von den historischen Mauern kreuz und quer durch die Reihen geschleudert. Es blitzte zwar nicht, aber ansonsten war der Vergleich mit einem Donnerwetter durchaus angebracht. Manch altem Mütterchen, streng im Glauben erzogen, fielen dabei die Mauern von Jericho ein, und das ließ sie verzweifelte Stoßgebete murmeln.
Das Unwetter brach zunächst über den „abwesenden heidnischen Künstler, den wir nicht namentlich nennen wollen“, herein. Pastor Assmann riss ihm – bildlich – die langen weißen Haare vom Haupt, setzte ihm Hörner auf, verpasste ihm einen Pferdefuß und machte ihn zu einem „Beelzebub im Menschengewand“.
Jetzt musste Pastor Assmann zunächst tief Luft holen, drei Kreuze schlagen, um danach - mit neuer Kraft - über die „gottlosen Museumsverantwortlichen, die ja hinreichend bekannt sind“ herzufallen. Sie marschierten, wenn man den Voraussagen des Pastors glaubte, auf direktem Weg in die brennend heiße Hölle.
Gerade, als sich alle Gemeindemitglieder erschöpft zurück lehnen wollten, holte Pastor Assmann tief Luft und zeigte anklagend in die voll besetzten Reihen. Dann stürzte das Strafgericht von der hohen Kanzel erneut herunter. Diesmal auf die geduckt da sitzenden Gemeindemitglieder, auf „alle Besucher, die diesen Götzen besucht, angefasst, verehrt haben!“
„Ihr erwartet Wunder von diesem leblosen Stein, meine Kinder? Das ist Götzendienst! Der Teufel lacht sich ins Fäustchen! Wer fürderhin dieses Schandwerk besucht, ansieht oder anbetet, der verliert den Segen unserer Kirche! Hütet euch vor den Götzen, die euch mit Schönheit blenden und eure Herzen stehlen! Ich belege dieses Schandhaus mit einem Bann! Meidet den verfluchten Ort!“
„Der spricht von meinem Arbeitsplatz! Oh, mein Gott! Das überlebe ich nicht!“, stöhnte Gerda Ermert und überlegte, ob sie nicht in Ohnmacht fallen sollte.
Heinrich-Georg Burger aber, der Gescholtene, der mit dem Bann der Kirche belegte Museumsdirektor, stand genau nach diesen Worten auf und verließ mit hoch rotem Kopf die Kirche.
Er stürmte durch den Mittelgang, verfolgt von allen Augen, warf das wuchtige Kirchenportal mit lautem Krachen zu und stieß draußen den schlimmsten Fluch aus, den er kannte. Dann war ihm wohler, und er ging ins Wirtshaus gegenüber, wo der Frühschoppen heute wohl lang andauern würde.
Nur sehr dünn drang der Gesang der Gottesdienstbesucher durch die Mauern, verlor sich fast im verrauchten Gaststübchen.
„Nun betet an die Macht der Liebe ...“ tönte es und Herr Burger summte den Text mit, während er auf ein frisch gezapftes Pils wartete.

Die Auswirkungen der Predigt waren schon am Montag spürbar. Nicht eine Schulklasse besuchte das Museum! Am Nachmittag tröpfelten ein paar Besucher herein, die von auswärts kamen und die Predigt nicht gehört hatten.
Am Dienstag kam nicht ein einziger Besucher, und bis zum Wochenende waren es gerade mal zwanzig Leutchen, denen Frau Ermert Karten verkaufen konnte. Direktor Heinrich-Georg Burger begrüßte inzwischen jeden Besucher mit Handschlag und führte sogar durch die endlos leeren Räume.
„Wenn das so weitergeht, können wir zumachen“, seufzte Heinrich-Georg Burger und besah sich die Statistikblätter der Frau Ermert.
„Wir müssen was tun, Herr Direktor! Geben Sie diese unselige Göttin dem Artiste zurück. So schön ist die ja nun auch wieder nicht! Der Artiste kann sie ja bei sich im Atelier ausstellen.“
„Kommt nicht in Frage! Nicht, solange ich hier Verantwortung trage!“, schnaubte der Direktor und fegte die Statistiken wütend vom Schreibtisch. „Ich lass mich nicht von diesem, diesem ... diesem Stümper und Bilderstürmer Assmann in die Knie zwingen! Ich nicht, Frau Ermert!“
Die Räume, angefüllt mit akkurat beschrifteten Fundstücken aus den Fluren der Gemeinde, mit schönen Landschaftsbildern, mit Skulpturen aus Holz, Stein, Marmor und Metall, lagen unbeachtet und verlassen da. Heinrich-Georg Burger schlich durch sein stilles Museum, rückte hier einen Bilderrahmen gerade, wischte dort über eine Figur, seufzte viel und dachte an seine Finanzen.
Im Raum des "Bildenden Künstlers" Artiste blieb er vor der Göttin stehen und streichelte nachdenklich ihre glatte Oberfläche.
„Du bleibst hier“, flüsterte er und sah sich erschrocken um. Aber da war niemand; es war totenstill im Museum.
Dann fiel dem Direktor etwas auf, und er betrachtete zunächst seine Hand, dann die gerade gestreichelte Göttin. Sie hatte tatsächlich wieder ihre alte, silbrig graue Farbe, die Oberfläche war genau wie zu Anfang, leicht glänzend.
Aber das war es nicht alleine; ihre Wärme war weg; sie war kalt! Direktor Burger schielte zur Decke, aber die Halogenlampen warfen ihr weißes, warmes Licht wie immer auf die Figur.
„Das gibt´s doch nicht! War der Artiste wieder heimlich hier und hat experimentiert? Verdammt! Ich muss dem das tatsächlich verbieten! Geschenkt ist geschenkt! Da soll der bloß die Finger von lassen!“, dachte er wütend und nahm sich vor, den Artiste gleich nachher anzurufen.

„Haben Sie schon gesehen, Herr Direktor, was der Artiste mit der Göttin gemacht hat?“
„Nein, Frau Ermert! Reden sie doch nicht immer in Rätseln! Was ist denn nun schon wieder?“
„Also, ich weiß nicht. Vorher gefiel sie mir besser. So durchsichtig, so als wäre sie aus Glas gemacht; sie wirkt irgendwie billig, fast wie diese Dinger in den Kaufhäusern, wenn Sie wissen, was ich meine. So etwas haben wir sonst nicht in unserem Museum geduldet, Herr Direktor.“
„Was erzählen sie da? Das muss ich mir erst mal ansehen! Kommen Sie mit, Frau Ermert!“
Fassungslos standen die beiden Museumskräfte vor der Göttin und betrachteten den durchscheinenden Körper. Natürlich hatte Gerda Ermert übertrieben, wie immer, wenn sie etwas empörte.
Die Göttin war zwar tatsächlich durchscheinend, aber sie sah nicht aus, als wäre sie aus Glas, nein, eher wie eine Schaufenster-Plastikfigur. Ihr Körper wirkte konturenlos, schemenhaft; der ganze Zauber ihrer Erscheinung war weg.
„Ich fasse es nicht! War der schon wieder hier? Dieser elende Artiste!“
„Ich habe ihn nicht gesehen, Herr Direktor. Er muss sich herein geschlichen haben. Vielleicht, als ich auf der Toilette war?“
„Dem werde ich was erzählen! Typisch Künstler. Meinen immer, sie müssten was verbessern! Dieses billige Ding kann er gleich abholen. Das lass ich mir nicht bieten! Rufen Sie ihn an und richten Sie ihm aus, er könne mich mal. Er soll das Ding abholen – sofort!“

„Erstens hätte er nicht dran rumgepfuscht, zweitens könnten Sie ihn auch mal, und drittens sei geschenkt nun einmal geschenkt – sagte er, Herr Direktor.“
„Also! Das ist dann doch ... Frau Ermert, rufen sie die Spedition an. Die sollen das Ding hier rauskarren und meinetwegen ... Ach, wissen Sie was, Frau Ermert? Die sollen die Figur hinter dem Museum in den Park stellen. – Am besten hinten am Teich, neben der Bank. Wissen Sie, wo ich meine? Da kommen fast nie Besucher hin – jetzt im Herbst schon mal gar nicht. Haben Sie verstanden?“
Gerda Ermert hatte verstanden, wusste genau, wo die Göttin hin sollte, warf ihr einen abfälligen Blick zu, machte „Pah!“ und rauschte davon.
Noch am gleichen Tag kamen drei schwergewichtige Männer von der Spedition Hin & Weg, wuchteten die Göttin auf einen Hubwagen und karrten sie in den Park. Dicht neben der alten Parkbank setzten sie die schwere Figur ab, mit dem Gesicht weg vom Museum, hin zum von Enten bewohnten Teich.

Es wurde Herbst, und die kahlen Bäume, der feuchte Rasen, die kalten, böigen Winde ließen einfach keine Spaziergänger in den Park kommen. Nur ins warme Museum, da kamen sie wieder.
Schon am Sonntag nach der Entfernung der Göttin hatte Pastor Assmann den Bann aufgehoben, und die Leute im Ort atmeten erleichtert auf. Sie konnten wieder in ihr geliebtes Heimat- und Kunstmuseum gehen, ohne dass der Fluch der Kirche sie traf. Es waren wohl weniger Besucher als zu den Zeiten der Göttin, aber immerhin, es tröpfelte nicht mehr; persönliche Führungen wurden auch nicht mehr angeboten. Auch die Schulklassen kamen wieder, lärmten und randalierten wie eh und je, klebten ihre Kaugummis an alle mögliche Stellen. Nur der Bildende Künstler August Artiste betrat das Museum nicht mehr; er grollte.
Die Göttin stand einsam neben der Bank und betrachtete den grün verfärbten Teich; der scharfe Wind blies sie an, strich über ihre schöne Figur. Das aber war die einzige Berührung, die die Göttin in den nächsten Wochen erlebte.

„Saukalt, was? Frierst du nicht - so ganz nackig - meine Schöne?“, lachte der Mann, der auf der Parkbank hockte und die Göttin neugierig betrachtete.
Es war das erste Mal seit Wochen, dass jemand die Göttin ansprach; es war die erste menschliche Stimme, die sie seit dem Rauswurf hörte.
„Sprichst nicht mit jedem, was?“, murmelte der Mann.
Er war warm angezogen, trug Mantel, Schal, Hut und warme Schuhe. Er war noch jung, wenngleich sein Gesicht schon ein paar kleine Falten an den Augen hatte; die möglicherweise vom Lachen stammten, denn er lachte oft und gerne.
„Bist noch nicht lange hier, meine Schöne? Als ich vor zwei Jahren zum Urlaub in die Ulmer Höh musste, gab es dich noch nicht, stimmt´s?“, fragte er mit Augenzwinkern.
„Ach so! Du weißt nicht, was das für ein Urlaubsziel ist, diese Ulmer Höh in Düsseldorf? Na klar, wie solltest du auch. Da musst du hin, wenn du zum Beispiel den Finanzminister Eichel um ein paar hunderttausend Mark betrogen hast. Das ist nämlich schlimmer, als wenn du - sagen wir mal - einen Menschen zum Krüppel geschlagen hast“, sagte er seufzend und starrte auf das Wasser, das von zwei schmuddelig grauen Enten gepflügt wurde.
„Beim nächsten Besuch erzähl ich dir ein bisschen, wie man da seinen Urlaub verlebt. Na dann! Bis morgen, meine Schöne. Wenn`s keine Kuhfladen regnet, komme ich jeden Tag vorbei. Mal sehen, ob du hier auf mich wartest“, lachte er und strich ihr im Vorbeigehen leicht über die Hüfte.
Er kam tatsächlich am nächsten Tag wieder, obschon es leicht nieselte. Er trug einen riesigen, mit bunten Blumen verzierten Schirm über dem Kopf.
„Ich würde dir ja auch gerne einen Schirm verpassen, damit du nicht im Regen stehen musst. - Aber wie würde das aussehen!“
Er zog eine Plastiktüte aus der Tasche, legte sie auf die nasse Parkbank und setzte sich, den Schirm so über dem Kopf haltend, dass er der Figur ins Gesicht sehen konnte.
„Weißt du, früher - also vor der Sache mit der Ulmer Höh -, da war ich ein gern gesehener Gast in allen Hotels der Republik, bei allen Banken im ganzen Umkreis. Ich hatte eine tolle Freundin und viele Freunde.“
Er seufzte und warf einen kleinen Kieselstein ins Wasser, beobachtete die Wellen, seufzte wieder und sah die Figur erneut an.
„Dann haben sie meinen Steuerbetrug entdeckt und mich in die U-Haft gesteckt. Da waren sie alle weg - meine Freunde! Ha! Freunde! Na ja, das war schon ein Unterschied zu meiner schönen Wohnung! Da war nichts mit Hotelbetrieb oder so. Als Finanzbetrüger bist du für die so ziemlich das Schlimmste überhaupt. Weißt du, wie die mich zum Beispiel vor die Richterin geschleppt haben? Vor der Zelle bekam ich zunächst eine schwere, starre Handfessel verpasst, die mir das Blättern in Prozessschriftstücken unmöglich machte. Wie ein Schwerverbrecher! Dabei habe ich noch nie einem Menschen was angetan.“
Er sah schräg hoch zur Göttin, die mit unergründlichem Blick auf das Kielwasser der paddelnden Enten blickte. Irgendwie kam sie ihm verändert vor. Es hatte aufgehört zu regnen, und er stand auf, wischte ihr mit einem Tempotuch über das regennasse Gesicht.
„Wusste gar nicht, dass du so ausdrucksvolle Augen hast, meine Schöne. Ach, übrigens. Ich muss mich entschuldigen. Das macht wohl der Knast; ich habe die einfachsten Benimmregeln vergessen. Gestatten! Peter Bach! Immobilienmakler, zur Zeit von seinen Ersparnissen lebend. Unvermählt, nicht verliebt und nicht verlobt – kurz – ich bin noch zu haben!“, rief er lachend. „Ach, und meine Freundin hat mich übrigens auch sofort nach dem Urteil verlassen; sie könne unmöglich mit einem Verbrecher zusammenleben - hat sie wörtlich gesagt. Wie findest du das?“

Er kam fast an jedem Tag, saß etwa ein halbes Stündchen auf der Bank, warf kleine Steinchen ins Wasser, fütterte die faul paddelnden Enten mit altem Brot und sprach unaufhörlich mit der Schönen. Erst nach mehr als zwei Wochen entdeckte er das verschmutzte Schildchen am Sockel.
„Göttin? He! Das ist ja was ganz Neues! Göttin der Lebenslust! Und dann stellt man dich hier in den kalten Park? Da vergeht einem doch glatt alle Lust. Findest du nicht auch?“
„Sei nicht so stur! Antworte mir bitte – nur ein einziges Mal, ja?“ sagte er lächelnd. Aber die Göttin blieb stumm und sah gelangweilt auf den Teich.
Immer wieder sprach er sie an, forderte sie auf, ihm zu antworten. Wenn er sie verließ, sagte er immer „Bis Morgen, meine schöne Göttin!“, lächelte sie an und strich ihr über die glatte Hüfte.
An einem kalten Tag im Januar kam er schon am frühen Morgen. Er setzte sich nicht, sondern stellte sich breitbeinig vor der Göttin auf den Parkweg.
„Da hat dir doch so ein elender Vogel einen ordentlichen Schiss aufs schöne Haupt gelegt. Na warte, das haben wir gleich!“, rief er und tauchte sein Taschentuch in das Teichwasser.
„Weich wie meine eigenen Haare! Tolles Material!“ Er strich noch einmal über ihren Kopf und sah das Ergebnis seiner Säuberung prüfend an.
Er wischte ihr nicht nur den Schmutz vom Kopf, sondern rieb auch gleich das Gesicht sauber, fuhr mit dem feuchten Tuch flüchtig über den ganzen Körper; dann stutzte er.
„Na sag mal! Wenn ich mich recht erinnere, warst du früher aus Glas oder Plastik oder so was. Aber das hier ist ... Ist das etwa Marmor? Oder Basalt? Wunderschön siehst du jedenfalls aus. Was sage ich da. Du bist einmalig, zauberhaft, berauschend schön; man möchte dich ständig anfassen und streicheln.“
Das tat er dann auch bei jedem Besuch. Er erzählte der Göttin von seinen Sorgen, seiner Einsamkeit und seinen Sehnsüchten. Er vergaß aber auch nie, sie nach ihrem Befinden zu fragen. Seine ernste Stimme war ohne Ironie und Spott. Hin und wieder saßen fremde Menschen auf der Bank. Dann ging er so lange spazieren, bis er mit der Göttin allein war.
Im Februar, als die ersten blassen Sonnenstrahlen über die Dachkante des Museums stiegen und in den Park fielen, als in den immer noch kahlen Bäumen die ersten fröhlichen Vogelstimmen vom baldigen Frühling schwärmten, da entdeckte Peter Bach etwas sehr Ungewöhnliches.
„Sag mal! Hat dich einer bemalt? Ist das ein Witterungsschutz? Egal, du siehst jedenfalls fast menschlich aus.“
Er strich ihr zärtlich über den flachen Bauch, berührte unabsichtlich ihre Brust und wurde rot.
„Entschuldige! Das war keine Absicht - glaub mir. Aber ... sag mal, so warm ist die Sonne doch gar nicht! Wieso hast du eine so herrlich warme Haut?“
Er runzelte die Stirn, sah der Göttin lange in die Augen, schüttelte den Kopf und ging, ohne sich zu verabschieden.

„Frau Ermert! Jetzt reicht´s! Rufen sie diesen Artiste an und bestellen sie ihm, dass ich ihn sofort sehen will. Und zwar unten am Teich, da wo die ... Also, an der Parkbank, will ich ihn sprechen. Sofort!“
„Jawohl, Herr Direktor“, flüsterte Gerda Ermert erschrocken und sauste in ihr Büro. So aufgelöst und zornig hatte sie ihren Direktor Burger noch nie gesehen.
Der wartete im Park ungeduldig, stampfte immer wieder mit dem rechten Fuß auf und ballte seine Fäuste. Als endlich die kleine Gestalt des Bildenden Künstlers am Parkeingang auftauchte, stapfte er ihm zornig entgegen.
„Tag Herr Burger! Was gibt´s denn so Aufregendes? Ihre treue Seele war ja ganz aufgelöst.“
„Kommen Sie!“, rief Direktor Burger wütend und zog den nur leicht widerstrebenden Künstler mit sich. Vor der Parkbank blieb er stehen, ließ den Ärmel von Artiste los und zeigte mit ausgestrecktem Zeigerfinger auf den Sockel der Göttin.
„Wo ist sie?“
„Donnerwetter! Na so was!“
„Also, Artiste! Wo ist die Göttin?"
„Sie ist weg! Seit wann ist sie verschwunden?“
„Sie ist weg! Sie ist weg!“, äffte der aufgeregte Direktor den Künstler nach. „Fragen Sie nicht so dämlich! Wer, außer Ihnen, soll sie gestohlen haben?“
„Keine Ahnung; ich habe sie jedenfalls nicht. Zu mir würde sie nie kommen. Auf der anderen Seite ...“
„Was? Was wissen Sie? Was heißt das? Wer hat sie, wenn Sie sie nicht haben?“
„Ich weiß nicht, wer sie hat! Aber - mit ihrem Verschwinden habe ich schon gerechnet. – Nur jetzt noch nicht! Das ist verdammt schnell gegangen, lieber Burger!“
„Sie haben was? Glauben Sie, Pastor Assmann hat sie?“
„Oh nein. Wer weiß, für wen sie sich entschieden hat, aber für den alten Knochen, diesen Teufelsaustreiber, bestimmt nicht!“, rief er und schlug sich lachend auf die Schenkel.
Der Museumsdirektor sah ihn fassungslos an. Er hatte fast nichts verstanden; das Gebrabbel des alten Künstlers erschien ihm unverständlich und wirr.
„Die Macht der Liebe!“, rief August Artiste und lachte.
„Was reden Sie da für einen Mist? Was heißt ‚Die Macht der Liebe’? Wer liebt wen? Was heißt, für wen sie sich entschieden hat? Wer soll sich entschieden haben, Artiste? Klären Sie mich gefälligst auf!“
„Die Göttin, mein Lieber! Die Göttin!“, rief Artiste lachend, wischte sich die Tränen aus den Augen und ging kopfschüttelnd weg.
Direktor Burger sah ihm nach, bis er hinter der Museumsecke verschwunden war. Langsam und ächzend setzte er sich auf die Parkbank und betrachtete den schweren Sockel, der leer und sinnlos neben der Parkbank stand.
„Unfassbar!“, stöhnte Herr Burger und formulierte im Geist bereits den Text einer Anzeige.


© Eduard Breimann, Mai 2002

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
Dieser Text enthält 40249 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2024 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.