Der Tod aus der Teekiste
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Mai 2002
Bettgeflüster
von Ralf Orendi


Eine der ersten großen Lügen unseres Kulturkreises, die der kleine Mann mit der Nickelbrille durchschaute, war die Existenz des Osterhasen. Damals war er dreieinhalb Jahre alt. Er schrieb daraufhin einen Brief, in welchem er dem Weihnachtsmann darlegte, auf welch schändliche Art und Weise sein Vater dabei war, ein betrügerisches Konkurrenzunternehmen aufzubauen. Doch auch diese Aktion war ihm schon nach ein paar Monaten des Reiferwerdens peinlich. Auf diese Weise hatte er schon früh das Vertrauen in die Menschheit verloren. Es war bisweilen so schlimm, dass er sich drei Jahre seines Lebens weigerte seinen Geburtstag zu feiern, da er daran zweifelte, jemals geboren worden zu sein. Er könne ja schließlich überall herkommen. Erst die Indizien die es gab, bevor seine kleine Schwester bei ihm einzog (der Grund dafür war ausschließlich der Familienfrieden), konnten ihn ausreichend überzeugen.
Heute war Peter, so hieß nämlich der kleine Mann mit der Nickelbrille, 36 Jahre alt. Normalerweise trug er konservative Kleidung. Meist eine Schwarze Hose, ein frischgebügeltes Hemd und darüber ein Jackett. Jetzt aber saß er nur in einer ockerfarbenen Unterhose auf seinem Bett, in welchem er sich in den nächsten zwei Minuten einen Orgasmus erhofft hatte (er sah keinen Sinn darin sich beim Sex unnötig mit irgendwelchen Dingen aufzuhalten, denn er hielt den weiblichen Orgasmus für eine Lüge) Er saß also auf seinem Bett und blickte wütend auf die sich verführerisch räkelnde, unbekleidete Sarah:
"Das ist die größte Lüge, die es auf dieser verdammten Welt gibt!"
Sarah gab es entnervt auf sich verführerisch zu räkeln und schaute ihn verwirrt an.
Peter polterte jedoch weiter: "Versuch gar nicht erst dich zu verteidigen. Ich habe Recht."
Kaum ein Auto wäre wohl in der Lage gewesen Sarahs verständnislosen Blick zu imitieren. Zusätzlich ruderte sie hilflos mit ihren Händen in der Luft herum. Erst danach hatte sie sich ihre Worte zurechtgelegt: "Mag ja sein, das du Recht hast. Aber womit?"
"Das du mich angelogen hast. Ich kann es nicht ausstehen, wenn man mich anlügt. Dieses ewige ‚Ich liebe dich' ist die größte Lüge auf dieser verdammten Welt."
Jetzt war Sarah an der Reihe wütend zu werden: "Soll das heißen, dass du mich nicht liebst?"
"Natürlich nicht. Ich glaube ja auch nicht an den Osterhasen. Damit du es weißt: Es war mein Vater, der die Eier im Garten versteckt hat!"
"Das hat mein Vater auch gemacht, aber ich verstehe nicht, war das mit uns zu tun haben soll."
"Deiner auch? Vielleicht haben sie ja zusammen gearbeitet. Aber dann musst du doch verstehen, dass dieser ganze niedliche Kram nur auf Lügen basiert. Er ist nicht existent! Kein Osterhase, kein Weihnachtsmann, kein Klapperstorch und keine Liebe! Verstehst du!"
"Das glaubst du doch selbst nicht, was du da sagst."
"Das glaube ich nicht nur, ich weiß es!"
Sarah nahm Peter in den Arm: "Du armer, armer Mann! Du musst dich sehr einsam fühlen, wenn du nicht an die Liebe glaubst."
Damit hatte sie ihn überrumpelt, aber Peter war sehr geübt mit solchen Sachen und hatte die sich meldenden Tränendrüsen schnell bezwungen. Fatalistisch erwiderte er: "Das ist vielleicht der Preis der Wahrheit."
"Hast du keine Freunde?"
Peter versuchte ihrem Blick auszuweichen: "Ich komme mit den meisten Menschen gut aus."
"Das habe ich nicht gefragt?"
Was interessierte es diese Person eigentlich, ob er Freunde hat. Das hatte ihn noch niemand gefragt und bislang hatte er die Frage auch nicht vermisst.
"Ich glaube nicht an die Freundschaft."
"Es muss doch irgendjemanden geben, dem du dich anvertrauen kannst."
Sie soll aufhören! Er konnte ihr doch nicht von IHM erzählen. Er würde sich doch zum Affen machen.
"Nein, habe ich nicht."
"Ich glaube, jetzt lügst du", sagte sie sanft, denn sein Zögern war ihr nicht verborgen geblieben.
Peter winkte energisch ab.
"Erzähl mir, wer es ist."
"Ach, das würdest du mir eh nicht glauben."
"Lass mich das entscheiden. Immerhin habe ich ja sogar die Sache mit der Liebe geschluckt."
"Es ist nur ein Mann."
"Und weiter?"
"Ich kenne ihn seit ich sieben bin. Es war Nacht und ich konnte nicht schlafen. Also bin ich ins Wohnzimmer gegangen, denn dort stand noch ein Päckchen Apfelsaft. Dann hörte ich ein Stöhnen und Krachen. Ich ging der Sache nach und entdeckte den dicken Mann, der im Kamin feststeckte. Er behauptete natürlich der Weihnachtsmann zu sein und er bat mich ebenso natürlich, ihn aus dieser misslichen Lage zu befreien.
Da es sich bei ihm ja nur um einen Betrüger handeln konnte, fand ich es nur gerecht ihn dort stecken zu lassen. Da blieb er mehrere Tage."
"Warum hat er sich nicht am nächsten Morgen an deine Eltern gewand?"
"Das verstehe ich auch nicht. Er sagt er dürfe nicht mit Erwachsenen sprechen. Vermutlich irgend so ein Gelübde oder so"
"Und weiter."
"Na ja, da er sich nun in unserem Kamin befand und tagsüber nicht reagierte, schlich ich nachts zu ihm, um zu hören, ob er endlich mit seinen Lügen aufhörte. Er behauptete weiterhin der Weihnachtsmann zu sein. Aber wir kamen ins Gespräch. Er sprach viel von diesem kitschig tröstendem Kram, aber aus seinem Mund klang es irgendwie richtig. Bald bekam ich allerdings angst, er könne im Kamin verdursten. Es war ja schon gut, dass meine Eltern den Kamin nie benutzten. Ich stellte ihn vor eine Wahl. Er musste ja für seine Lügen bestraft werden. Ich sagte ihm, dass er dort verdursten könne, was mir allerdings leid täte. Oder er bliebe so lange bei mir, bis er zugegeben hätte nicht der Weihnachtsmann zu sein. Er gab mir sein Ehrenwort und hat es gehalten."
"Du meinst er lebt immer noch bei dir?"
"Sag mal, bist du jemals mit einem Rentierschlitten geflogen?"
"Nein, nie."
"Dann zieh dich schon mal an. Ich hole nur schnell den Mann aus der Besenkammer."

(c) Ralf Orendi

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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