Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Mai 2002
Lisa
von Justus Faber


Rote Tulpen waren ihre Lieblingsblumen. Damals wusste ich das natürlich noch nicht, sie wahrscheinlich auch nicht. So etwas war in dem Alter uninteressant, kein Thema.

Wir standen nebeneinander in der Pausenhalle des Gymnasiums und lauschten der Rede des Direktors, der die neuen Sextaner begrüßte. Ich gab mir Mühe, meine Nervosität nicht zu zeigen und kniff fest die Lippen zusammen. Sie war totenblass und hatte riesige Augen, als sie mich von der Seite anschaute.

"Stell dir den Kerl in Unterhosen vor, dann ist er nicht mehr so grässlich", flüsterte ich ihr zu, und augenblicklich erhellte sich ihr Gesicht, und sie hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht laut loszuprusten.

"Ich hab Schiss", tuschelte sie zurück, "du auch?"
Keinem anderen Menschen gegenüber hätte ich das zugegeben, aber dieses kleine Mädchen mit dem blonden Pferdeschwanz war mir sofort vertraut. Ich nickte
leicht. Sie puffte mich in die Seite und lächelte mich an. Vorn trug sie eine silberne Zahnspange, aber auch die mochte ich. Ich war Knall und Fall in sie verliebt, mit 10 Jahren!

Wir wurden in andere Klassen gesteckt und trafen uns nur in der Pause oder bei Schul- und Sportfesten. Als die anderen uns zu hänseln begannen, wenn wir in der Pause aufeinander zu liefen - da waren wir schon 13 - gingen
wir uns aus dem Weg. Sie stand mit ihren Freundinnen zusammen, und ich bemühte mich, in meiner Ecke mit den Kumpels mitzuhalten. Irgendwann verknallte ich
mich auch in eine andere, die ich im Rock 'n Roll-Kurs zur Partnerin bekam, und Lisa wurde immer unsichtbarer für mich.

Bis zum Abitur, da saßen wir zufällig wieder nebeneinander in der hohen Aula, in der die Zeugnisse ausgegeben wurden. "Hallo Jens", "hallo Lisa" - wir lächelten uns an und dachten wohl beide an unseren ersten Tag auf der Penne.

Von da an hielten wir Kontakt, obwohl wir an verschiedenen Hochschulen studierten. Als ich das Vordiplom hatte, fasste ich mir ein Herz, schrieb einen
langen Brief und machte ihr einen Heiratsantrag.
Am nächsten Tag rief sie an. Das heißt, ich wusste erst gar nicht, wer am Telefon war, weil kein Name genannt wurde und nur ein leises Geräusch - Schluchzen, Lachen? - zu hören war. Dann sagte sie leise. "Hallo Jens." Und dann lauter: "Ja, ich will! Immer schon!"

Wir heirateten zu Weihnachten, und es war gar nicht so einfach, rote Tulpen für ihren Brautstrauß und die Tischdekoration zu bekommen um die Jahreszeit.

Jetzt ist Mai. Sechsundzwanzig Jahre sind vergangen. Jahre mit Höhen und Tiefen, aber immer voller Liebe, trotz allem. Und nun kriegt sie Tulpen im Übermaß. Ich habe den Sarg und die Kapelle damit schmücken lassen und einen Kranz ganz in Rot niedergelegt. Ohne Schleife, sie weiß auch jetzt, von wem der kommt und was ich fühle.

(c) Justus Faber


Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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