Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Juni 2002
Hanford
von Klaus Eylmann


“Also, ich meine, ein fünfzig Kilo schwerer Lachs ist schon was, worüber man schreiben kann.”
Ted MacLannon hielt inne und wartete auf Bobs Reaktion, doch der blickte der Kellnerin nach. Resigniert griff MacLannon nach seinem Bier.
“Und wenn zwei solcher Viecher in einer Woche gefangen werden, ist es was, worüber man schreiben muss. Bob, hörst du überhaupt zu? Nun sind aber fünf von ihnen an Land gezogen worden. Also, ich fuehle mich verpflichtet, der Sache auf den Grund zu gehen. Was meinst du?”
“Wie? Äh, ja, da hast du Recht.”
Die Kellnerin war verschwunden. Sie blickten durch das Fenster auf die vom Nieselregen verschleierte Strasse und hingen ihren Gedanken nach.
“Also,” MacLannon erhob sich und legte ein paar Dollar auf den Tisch. “Also, ich meine, ich sollte einen dieser Angler aufsuchen. Du kannst mitkommen, wenn du willst.”
“Wie? Mitkommen? Ich sage nur eines: Hanford.” Bob blickte bedeutungsvoll auf MacLannon, dann kam die Kellnerin wieder von den Tischen zurück.
“Ted, ich glaube, es geht nicht. Ich habe zu viel um die Ohren.”
MacLannon grinste. Die Frau war verheiratet.
“Moechtest du wohl, was?” Dann stand er auf der Strasse.

Er nahm die 82 und fuhr in südöstliche Richtung, auf Richland zu. Der graue Pontiac glitt durch das herbstlich trübe Wetter. Grau auch der Himmel, dann der Regen, die eintönig gerade Strecke. MacLannons Gedanken wanderten. ‘Ich sage nur eines: Hanford’, hatte Bob gemeint.

Der Mann hiess Tom Haynes.
“Also, von der Seattle Times sind Sie? Das was ich Ihnen jetzt zeige, ist kein Anglerlatein.” Der vierschrötige Mann deutete auf ein grosses Foto an der Wand. MacLannon trat dichter heran. Auf dem Bild hielt der Angler lachend einen Riesenlachs in den Armen.
“Herzlichen Glückwunsch zum Fang,” meinte MacLannon und griff nach seiner Kamera.
“Lassen Sie mich ein Foto machen, von Ihnen, dem Foto mit Ihnen und dem Fisch. Das bringen wir im Lokalteil. Wo haben Sie ihn erwischt?”
“Im Columbia River, unterhalb des Bonneville Staudamms. Es war ein Quinnat.
Er schaffte es nicht ueber die Fischtreppe.”
“Hanford. Was meinen Sie?”
Der Angler zuckte mit den Schultern. “Kann sein, meine Frau und ich haben ihn trotzdem gegessen. Der Nächste wird ausgestopft und kommt an die Wand, da können Sie Gift drauf nehmen.”
“Vielleicht reicht schon eine Besuchertour, ” meinte MacLannon, verabschiedete sich und ging.
“Wenn ihr Leute aus der Stadt jetzt zur Halloweenzeit an Riesenkürbissen interessiert seid, dann fahrt zu Ben!,” brüllte Haynes hinter ihm her und zeigte die Strasse entlang.
“Der wohnt zwanzig Meilen weiter. Ihr könnt ihn nicht verfehlen. Der Einzige, der da noch lebt!”
Bevor MacLannon fragen konnte, was mit den anderen sei, war Haynes in seinem Haus verschwunden.

Fünf Jahre bleibt der Quinnat-Lachs im Pazifik, dann kehrt er zurück, wandert seinen Fluss hoch um zu laichen, dort, wo er einstmals aus dem Ei schlüpfte. Der Columbia River fliesst zweiundachtzig Kilometer durch Hanford.

Gelbrötliche Riesenkürbisse, grösser als Medizinbälle, farbige Tupfen auf dunkelbraunen Äckern. MacLannon spähte angestrengt durch den Regen. Ein Haus tauchte aus dem Dunst, und er hielt an. Der Vorgarten war verwildert, das Gras nicht gemäht. MacLannon stieg aus, ging zum Eingang und klopfte. Keine Antwort. Die Tür war angelehnt, Staub lag auf den Möbeln. Hier wohnte schon seit längerer Zeit niemand mehr. Muller stand auf dem Namensschild. Er ging um das Haus herum. Ein Husky lag auf dem Boden, alle Viere von sich gestreckt, abgemagert, tot. Dunkelbraune Flecken durchsetzten sein hellgraues Fell.
MacLannon fuhr weiter. Ihm war nicht wohl. Er sah eine heruntergekommene Holzhütte und einen Schuppen, davor einen alten Traktor mit Anhänger, einen Pick-Up, zwei Männer in Regenmänteln. Sie holten Kürbisse aus dem Anhänger und luden sie um. Einer von ihnen stieg in den Laster und fuhr davon. Der andere, ein kahlköpfiger, blasser Mann, humpelte auf MacLannons Wagen zu. MacLannon liess die Scheibe herab.
“Sind Sie Ben? MacLannon von der Seattle Times. Tom Haynes schickt mich zu Ihnen. Er meint, Sie hätten die grössten Kürbisse hier in der Gegend. Wie kommt das?”
“Weil sonst niemand mehr in der Gegend ist, um Kürbisse anzubauen,” antwortete der Mann mürrisch.
MacLannon kletterte aus dem Wagen und vertrat sich die Beine. Er sah, wie Wasser vom Dach rieselte und sich in einer Pfütze sammelte.
“Wo sind Ihre Nachbarn hin?”
“Weiss nicht. Wolln Sie nen Kürbis?” Der Mann zwang sein Gesicht zu grinsen. “Halloween. Halloween Kürbis.”
“Was ist mit der Familie Muller?”
“Weiss nicht. Wolln Sie nen Kürbis?”
“Passt nicht in meinen Kofferraum.” Er hörte das Miauen einer Katze und blickte nach oben. Sie kauerte auf dem Dach des Schuppens, sah ihn an, sprang auf den Anhänger, von dort auf den Boden. Vollkommen durchnässt, kaum war ihr graues Fell zu erkennen, strich sie um MacLannons Beine und schnurrte. Vital, und doch nur ein Bündel aus Haut und Knochen mit dunkelbraunen Flecken.
“Was hat sie denn?”
“Roxy ist krank. Manchmal ist sie tagelang weg, dann muss ich sie suchen gehen. Ich bin wohl auch krank, immer so müde.”
“Ben, Sie bringen sie besser zum Tierarzt.”
“Ich kann hier nicht weg. Die würden mich mitnehmen. Sie beobachten mich.”
“Wer?”
“Die Ausserirdischen.”
“Ausserirdische?”
MacLannon ging zu seinem Wagen und holte Zettel und Bleistift hervor.
“Ben, malen Sie mal auf, wie die aussehen.”
Regen tropfte auf das Papier. MacLannon beobachtete verblüfft, wie schnell Ben Figuren auf das Blatt brachte. Figuren ohne Gesicht, Figuren in Raumanzügen.
“Ben, wenn Sie hier nicht wegkönnen, wovon leben Sie denn?”
“Von meinem Gemüse. Es wächst sehr gut, kommen Sie, und ich hab auch einen Brunnen.”
Ben ging voran. Rötliche Karotten ragten zwanzig Zentimeter aus der Erde und bildeten mit ihren Trieben eine Barriere, hinter der Salatköpfe so gross wie Fussbälle heranwuchsen. Dahinter bildeten sich faustdicke Erbsen- und Bohnenschoten in dichtem Rankwerk, durch das gelbe Gurkenblüten leuchteten.
“Wie machen Sie das, Ben?”
“Ich rede mit ihnen, den Pflanzen. Aber es ist die Erde. Sie meint es gut mit mir. Ich will hier auch nicht weg.”
“Und Ben, die Familie Muller, die wollte doch sicher auch nicht weg.”
Ben trat von einem Bein aufs andere. Er starrte auf den Boden, auf das Wasser, das aus der Regenrinne schoss, auf die Pfütze, die sich ihren Füssen näherte, dann blickte er auf MacLannon. Seine Augen schienen ohne Leben.
“Sie waren tot. Ich habe gesehen, wie sie sie mitgenommen haben. Den Jack, die Stacy, und die beiden Kinder.”
“Wer?”
“Die Ausserirdischen.”

Als MacLannon die Strasse zurückfuhr, sah er ein Hinweisschild. ‘Hanford Besucher-Zentrum’. Er bog ab.

Eine junge Frau füllte einen Prospekt-Ständer. MacLannon blieb unschlüssig stehen und sah ihr zu. Es war alles so schrecklich normal. Warum fühlte er sich so beklommen? Rechts vom Empfangstresen standen zwanzig leere Sessel, wie in einem Kino aufgereiht. Er trat näher heran, sah eine Leinwand, ein Schild, einen Knopf. MacLannon las: ‘Virtuelle Tour. Bitte drücken.’

“Willkommen in Hanford,” säuselte eine Frauenstimme, “folgen Sie uns auf unserer Virtuellen Tour.”
Auf der Leinwand erschien eine Landkarte mit 21 durchnumerierten Arealen.
“Hanford umfasst 1450 Quadratkilometer Steppe und Sand mit Salbeisträuchern
am Columbia River im Südosten des Staates Washington. Das Gebiet wird vom Energieministerium, dem Nachfolger der Atom Energie Kommission, verwaltet.
Als Plutonium Produktionsstätte spielte Hanford über mehr als vierzig Jahre eine wichtige Rolle in der Nuklearverteidigung unserer Nation, beginnend mit dem Manhattan Projekt der Vierziger Jahre. Heute ist es Schauplatz der grössten Atommüllentsorgungsinitiative.”

Atomreaktoren, Plutoniumaufbereitungscanyons, Trainingsplätze, Wissenschaftliche Versuchsanstalten auf der Leinwand und Erklärungen aus unsichtbaren Lautsprechern. Der Film stellte einen stillgelegten Reaktoren nach dem anderen mit seinen technischen Daten vor, und MacLannon schlief in seinem Sessel ein.

“Wachen Sie auf, Sir, ich muss jetzt schliessen.”
Jemand rüttelte ihn aus dem Schlaf. Die Angestellte des Besucher-Zentrums lächelte freundlich.
“Kann ich noch etwas für Sie tun, Sir?”
“Wie heissen Sie, schöne Frau? Wie wäre es mit einer Privatführung?”
“Lorie. Führungen werden durch unser qualifiziertes Personal durchgeführt, mein Herr. Nächsten Donnerstag habe ich noch Plätze frei. Darf ich Sie eintragen?”
“Ich weiss nicht. Ist das nicht gefährlich?”
“Keineswegs, Sir. Verstrahlte Gebiete werden weiträumig umfahren.”
MacLannon liess sich von Lorie die Tour sowie die verseuchten Gebiete auf der Karte zeigen, steckte den Plan in die Jackentasche und verabschiedete sich.

Einige Tage dauerte es, dann kam der Geigerzähler mit der Post. MacLannon fuhr wieder los. Die Kürbisfelder tauchten auf. Er liess seinen Wagen bei Ben stehen, schnallte das Messinstrument an seinen Gürtel, nahm seine Kamera, und gemeinsam gingen sie an den Warnschildern vorbei in das Areal. Niemand hinderte sie daran.
“Ben, wo hat sich Roxy meistens aufgehalten?”
“Auf dem Berg.” Ben zeigte auf das vor ihnen liegende Plateau. Sie gingen darauf zu. Der Geigerzähler fing an zu klacken.
“Wir laufen besser,” meinte MacLannon. “Sollten uns nicht zu lange der Strahlung aussetzen.” Er rannte los, dann drehte er sich zu Ben um. Der humpelte, so schnell er konnte, hinter ihm her. Der Geigerzähler ratterte immer schneller, je mehr sie sich der Anhöhe näherten. Nicht gut, dachte MacLannon und lief keuchend den Abhang hoch. Er wandte sich um, sah, dass Ben Mühe hatte, ihm zu folgen und rief ihm zu: “Laufen Sie zurück, Ben. Ich mache allein weiter. Noch eines: Wo sind die Ausserirdischen hergekommen?”
“Von dort.” Ben zeigte nach rechts. MacLannon wandte sich um. Hinter einigen Krüppelkiefern ragte ein flaches, weisses Gebäude hervor.
MacLannon rannte weiter, blickte kurz zurück, sah wie Ben humpelnd zwischen den Sträuchern verschwand. Motorengeräusche drangen durch das Rauschen des Regens. Er wandte sich um, lief ihnen entgegen, dann hechtete er hinter einen Felsen, als er den Laster sah, der sich die Anhöhe hochquälte. Er hatte riesige Glasklötze geladen.
MacLannon zückte seine Kamera und knipste, bevor der Wagen in einem gigantischen Stollen verschwand. Der Geigerzähler klackte ohne Unterbrechung. MacLannon rannte über die Fläche des Plateaus. Die Strahlung liess nach, als er den Abhang hinablief und sich dem weissen Gebäude näherte.

‘Verglasungsanstalt’. MacLannon passierte das Schild vor dem Eingang und ging hinein. Im Flur war niemand. Er öffnete die erste Tür. Der Raum war leer, bis auf einige Strahlenschutzanzüge an der Wand. MacLannon zog seine Schuhe von den Füssen, den Geigerzähler vom Gürtel, nahm einen Anzug vom Haken und schlüpfte hinein. Er trat in den Flur. Als er die nächste Tür öffnete, spürte er einen heftigen Schlag auf dem Kopf, dann wurde es dunkel um ihn.

Es rüttelte heftig, als er wieder zu sich kam. Einige Sekunden blieb er mit geschlossenen Augen stehen. Stehen? MacLannon erschrak und riss die Augen auf, versuchte sich zu bewegen. Etwas hinderte ihn daran, und das Atmen fiel ihm schwer. Panik befiel ihn, als die Landschaft wie unter Glas an ihm vorüberzog. Unter Glas? Er stand in einem Glasblock, zwischen anderen gleicher Grösse, auf der Ladefläche eines Lasters, der dem Plateau entgegenholperte. Wie lange reichte die Luft? Er versuchte, sich an den Hals zu fassen. Es ging nicht! Ihm wurde schwarz vor Augen, und er fiel in ein bodenloses Loch.

Dunkelheit umgab ihn, als er wieder erwachte. Nicht ganz, die Blöcke strahlten ein schwach bläuliches Leuchten aus. Die Erinnerung kam zurück. Er versuchte sich zu bewegen. Ohne Erfolg, er steckte in dem Glasblock! Das Blut dröhnte in seinen Ohren. Sein Kopf schmerzte. Wo befand er sich? In einer Atommülldeponie? Das Leuchten, war es radioaktiver Zerfall von Cesium 137 und Strontium 90 im Wasser? Hatte er nicht so etwas gelesen?
MacLannon blickte genauer hin. Das Blut gefror in seinen Adern. Bläulich leuchtende Kadaver! Sie befanden sich in Glasblöcken, genau wie er! S tanden um ihn herum, wie eine Armee entseelter Zombies, doch sie waren ohne Leben! Bestand der menschliche Körper nicht zum grössten Teil aus Wasser? Das Grauen schnürte sein Innerstes zusammen. Er schloss die Augen, wollte das schreckliche Bild verdrängen, doch sah er weiter ihre eingefallenen Gesichter. Sie waren auf ihn gerichtet, als ob sie dachten: ‘Bald bist du einer von uns.’

Er atmete flach. Wieso konnte er es überhaupt noch? Ein dumpfes Geräusch. MacLannon drehte die Augen nach oben. Roxy! Die Katze stand über ihm. Wie von Ferne hörte er ihr Miauen.
MacLannon schloss die Augen, versuchte seinen Atem anzuhalten und an nichts zu denken. Es klopfte. Wieviel Zeit war vergangen? Halluzinierte er? Ben stand vor ihm und rief ihm etwas zu, dann verschwand er wieder.
Heftige Schläge weckten MacLannon wieder auf. Das Glas zerbrach unter Hammerschlägen, MacLannon schnappte nach Luft und fiel zu Boden. Mit letzter Kraft griff er zur Kamera, die neben ihm lag und blieb einige Minuten liegen, dann richtete er sich auf, fotografierte mit zitternder Hand die Leichen um sie herum.
“Das ist Muller mit seiner Familie, und dort sind die anderen Nachbarn.” Bens Stimme bebte, als er auf ein paar leuchtende Glasblöcke zeigte. Ein Mann, eine Frau, zwei Kinder. Dann zehn weitere Leichen in Glascontainern.
Ben blickte MacLannon an. “Ich habe Angst, aber ich gehe nicht von zu Hause weg.”
“Mir fehlen die Worte!” MacLannon schluckte, er brachte nichts mehr hervor. Seine Augen fuellten sich mit Tränen. Mühsam erhob er sich, er wankte. Ben und MacLannon stützten sich gegenseitig, als sie den Stollen verliessen. Es dauerte eine Ewigkeit, bevor sie die Hütte erreichten.

“Du weisst nichts, Ben. Hast nichts gesehen, nichts gehört. Sie werden dir nichts tun.” MacLannons Stimme war heiser geworden. Er schnaufte, als er in seinen Wagen stieg.
“Ich habe dies hier,” er hielt seine Kamera hoch und fuhr nach Seattle zurück.

Als MacLannon am nächsten Morgen die Redaktion aufsuchte, fühlte er sich, als habe er nächtelang nicht geschlafen.
Er trat ohne anzuklopfen in das Büro seines Chefs und hielt sich an der Tür fest.
“Was ist, Ted. Fühlen Sie sich nicht wohl? Sie sehen bleich aus.”
“Hanford hat Leichen im Stollen, Boss,” fluesterte MacLannon heiser. “In Glascontainern. Ich habe es aufgenommen.”
Er hielt seine Kamera hoch.
“Mann, lassen Sie das Material sofort entwickeln.”

“Tut mir leid, Ted.” Der Mann vom Labor schüttelte bedauernd den Kopf.
“Der Film ist geschwärzt, es ist nichts zu erkennen.”
Die Strahlung! Es war alles umsonst! MacLannon wurde übel, er musste sich setzen. Er stützte seinen Kopf in beide Hände und starrte vor sich hin. Konnte er so leicht aufgeben? Sie hatten sie gesehen, Ben und er. Bens Nachbarn, als Leichen, als Kadaver, aus sich heraus leuchtend. Das musste an die Öffentlichkeit.

“Sheriff, Sie müssen mir glauben. Hanford hat Leichen eingeglast, sie stecken in Glascontainern. So glauben Sie mir doch. Ich kann es Ihnen zeigen, und ich bin nicht der Einzige, der das gesehen hat.”
“Nun gut, ich habe von dem neuen Verglasungsprozess gehört. Und ich wünschte, wir könnten den gesamten menschlichen Abfall auf diese Art beseitigen.” Der Sheriff lachte meckernd. “Aber das, was Sie jetzt erzählen. Mann, Sie müssen einen über den Durst getrunken haben. Doch gehen wir der Sache nach. Sind wir nun bürgerfreundlich oder was?” Er winkte einen Polizisten herbei.

Sie fuhren zu Bens Hütte. Die Tür war unverschlossen, von Ben keine Spur. War er auf der Suche nach Roxy? Die lag auf dem Dach und sah auf die beiden Männer herab.
MacLannon führte den Polizisten zur Verglasungsanstalt. Dort gaben ihnen freundliche Leute zwei Strahlenschutzanzüge und geleiteten sie in den Stollen.
“Fehlanzeige. Mann, wo sind denn Ihre Leichen? Sie haben halluziniert.” Der Polizist schüttelte den Kopf. Das bläuliche Leuchten rührte vom Cesium 137 und Strontium 90 im Wasserbad, das durch Glascontainer strahlte.

“Ted, gehen Sie nach Hause und machen ein paar Wochen Urlaub. Sie sollten ausspannen,” meinte sein Boss.
Besser so, dachte MacLannon, als er in seiner Wohnung sass. Ihm ging es nicht gut. Bald fand er jeden Morgen immer mehr Haare in seinem Kamm. Deprimiert stellte er fest, die Mission, die hinter seinem Reporterberuf stand, war ihm abhanden gekommen. Wahrheit, Lüge, Recht, Unrecht, was interessierte noch? Täglich wurde er schwächer, apathischer, und als MacLannon sich mit letzter Kraft aufmachte, Ben zu besuchen, war er so kahl wie dieser; doch Ben war nicht mehr da.
MacLannon blieb in dessen Hütte. Roxy hatte sieben Leben. Mit müden Augen sah er, wie sie, trotz ihres schäbigen, zerfressenen Felles, nichts von ihrer Energie verloren hatte, und sie liess ihn nicht allein. Sie begleitete ihn, wenn er die Kürbisse vom Feld holte, um diese an ignorante Seelen zu verkaufen.
Er ernährte sich von dem Riesengemüse, trank Wasser aus dem Brunnen, während Roxy Mäuse herbeischleppte und sie MacLannon zeigte. Heute war ein besonderer Tag. Stolz legte Roxy ihm eine Maus mit zwei Köpfen vor die Füsse.

(c) Klaus Eylmann

Zu Hanford siehe auch http://www.hanford.gov/

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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