Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Juni 2002
Paris bei Nacht
von Monique Lhoir


"Und? Wie hat es dir hier gefallen?" frage ich meinem Gegenüber und wische mir mit der Serviette den Mund ab.
"Phantastisch", erwidere Henning begeistert. "Der ganze Tag war phantastisch. Und deine Idee mit diesem Bistro ebenfalls".
"Ich mag es auch ganz besonders gern. Ich komme immer hierher, wenn ich in Paris bin. Nur schade, dass Marcel nicht mitkommen konnte. Aber dafür bist du ja hier", und ich schaue Henning freundlich an.
Ich fuhr jedes Jahr über Pfingsten nach Paris, um meine Schwiegereltern zu besuchen. Das ist schon Tradition. Normalerweise begleitete mich mein Mann. Um die weite Strecke nicht allein fahren zu müssen und kurzweilige Gesellschaft zu haben, nahm ich einen Kollegen aus unserem Büro mit.

Tagsüber hatte ich mit Henning eine Stadtbesichtigung gemacht und mich dann abends in Clichy, unterhalb des Montmatre, mit ihm zum Essen verabredet. "Damit du mal ein typisches französisches Bistro kennen lernst", hatte ich zu ihm gesagt und nun neigte sich ein gelungener Abend langsam dem Ende zu.
Ich schaue auf die Uhr und seufze: "Du, ich muss los. Die letzte Metro fährt gleich. Sonst komme ich nicht mehr zurück."
"Soll ich mit dir zurückfahren?" fragt Henning, ganz Kavalier.
"Nein, lass das mal. Ich finde mich hier allein zurecht. Immerhin kenne ich Paris besser als du. Ich fahre ja nicht das erste Mal mit der Metro. Und du wohnst ja gleich hier um die Ecke", erwidere ich gönnerhaft und fühle mich nicht nur aufgrund meiner Pariskenntnisse überlegener, sondern wohl eher wegen des zu vielen Rotweins, den wir reichlich genossen hatten.
Ich hatte Henning in einem Hotel direkt in Clichy untergebracht. Natürlich wohnte ich bei meinen Schwiegereltern im Westen von Paris.
Etwas mühselig fische ich meine Jacke hinter dem Stuhl hervor und ziehe sie an.
"Soll ich dich nicht doch lieber begleiten?" wiederholt Henning schon ziemlich lallend seine vorherige Frage noch einmal.
"Nein, ich fahre allein", erwidere ich kategorisch. "Außerdem müsstest du dann mit dem Taxi die ganze Strecke zurück und das ist hier verdammt teuer."
Auf der Straße hole ich tief Luft und blase mir die Haare aus der Stirn. "Musst du umsteigen?" erkundigt sich Henning, als wir auf dem Weg zur Metro-Station sind.
"Ja." Ich lache, weil ich die Besorgnis meines Kollegen absurd finde. "Einmal. Aber ich bin diese Strecke schon öfters gefahren. Mach dir mal keine Gedanken."
Henning bringt mich, immer noch ganz besorgter Kavalier, bis zum Ticketautomaten. Ich löse meinen Fahrschein, verabschiede mich mit einem freundschaftlichen Kuss von ihm und betrete die Station "Place de Clichy". Beschwingt winke ich mit beiden Händen hinter ihm her, als er die Treppe wieder hinaufsteigt.
Auf die Informationstafel blickend stelle ich fest, dass ich noch drei Minuten Zeit habe. 'Na, das wäre ja beinahe zu spät geworden', überlege ich. 'Dann hätte ich ein Taxi nehmen müssen', und mir fällt plötzlich das Gespräch mit meiner Schwiegermutter am frühen Abend ein, kurz bevor ich mich von ihr verabschiedet hatte.

"Komme aber bitte mit dem Taxi zurück und nicht mit der letzten Metro. Paris ist des nachts gefährlich", hatte meine Schwiegermutter gesagt. Während ich noch meine Lippen nachzog, bemerkte ich nur kurz:
"Werde ich machen. Aber wahrscheinlich bin ich schon wieder viel eher zurück. Ist ja nur ein Abendessen mit einem Kollegen."
"Vorige Woche haben sie ein junges Mädchen nachts im Metro-Tunnel überfallen und ihr beide Ringfinger abgeschnitten, weil sie den Schmuck nicht abziehen konnten. Die Täter hat man noch nicht geschnappt. Das ist inzwischen schon der achte Fall innerhalb der letzten vier Wochen," hatte sie noch einmal eindringlich gewarnt.

Ich schaue mich um. Es sind nur noch wenige Menschen auf dem Bahnsteig. Ein paar "Blacks", ein paar Pärchen und auf den Bänken einige Clochards, die sich trotz Verbots dort schon zur Ruhe begeben hatten, um sich vor der nächtlichen Kälte zu schützen.
'Vielleicht hätte ich doch auf meine Schwiegermutter hören sollen. Ein Taxi wäre bestimmt sicherer gewesen', und ein wenig mulmig wird mir angesichts des dunkeln Metrotunnels doch. 'Ach was', ich schüttele mich und verwerfe diese Gedanken. 'Warum sollte ausgerechnet ich das nächste Opfer sein. Ist ja absurd.'

Die Bahn rast mit quietschenden Bremsen und dampfend in die Station. Ein ekelhaftes Geräusch, das aus allen Schächten widerhallt und mir eine Gänsehaut einbringt. Entschlossen steige ich in einen Waggon. Er ist fast unbesetzt. Bis zur Station "Charles de Gaulle-Etoile" sind es sechs Stationen, das weiß ich. Dann würde ich umsteigen müssen und die Metrolinie 6 zur Station "Trocadéro" nehmen. 'Ist doch alles ganz einfach', beruhige ich mich. 'Allerdings hätte ich dann noch ein Stück zu Fuß zu gehen', sann ich weiter.

Ich schaue mich um. Neben mir gibt es nur noch drei weitere Personen im Waggon, zwei "Blacks", die mich anzüglich mustern, und ein unscheinbar wirkender Mann, der gelangweilt und desinteressiert aus dem Fenster in die Dunkelheit blickt.
Das freche und aufdringliche Grinsen der zwei "Blacks" verunsichern mich und lassen mich unruhig werde. Ich blicke demonstrativ nach unten. Dabei fällt mein Blick auf meine Finger, wo meine Ringe unverkennbar aufblitzen und die Warnung meiner Schwiegermutter fällt mir siedend heiß ein. Mit einem Schlage bin ich nüchtern. O lala, an mindestens vier Fingern befinden sich Ringe. 'Deshalb grinsen die "Blacks" mich so unverschämt an', folgere ich blitzschnell und verstecke meine Hände in meiner Jackentasche. 'Die haben schon längst ein Auge darauf geworfen'.
Ich schaue in Richtung des unscheinbaren Mannes. 'Hoffentlich bleibt dieser Herr noch eine Weile in der Metro. Ob ich ihn vielleicht ansprechen sollte?' Ich überlege. Aber was sollte ich ihm sagen? Dass die zwei "Blacks" es auf ihre Ringen abgesehen hätten?
'Absurd', denke ich weiter. 'Nun fängst du schon an zu phantasieren.'

Aber angesichts der Tatsache, dass ich eventuell mit den zwei "Blacks" allein die Strecke zurücklegen muss, kriecht doch Angst in mir hoch und macht sich als ein mulmiges Gefühl in der Magengegend breit. Oder ist es nur der Rotwein?
'Ich muss die Ringe abbekommen', sinne ich weiter und bewege langsam meine Hände, die inzwischen schweißnass sind, in der Jackentasche. Ziemlich unauffällig versuche ich, die Ringe von den Fingern zu streifen, was sich mit einer als fast völlig aussichtslos erweist.
Irgendwie muss ich aber plötzlich das Interesse des unscheinbaren Herrn geweckt haben, denn er lächelt mich freundlich an und nickt mir zu. Ich grinse gequält zurück.
An der dritten Metro-Station habe ich es endlich geschafft, drei der Ringe loszuwerden. Nun blieben noch zwei übrig. Mein Ehering mit den Brillanten an der rechten Hand und der Smaragd an dem linken Finger. Ein Geschenk meines Mannes anlässlich einer Türkei-Reise und zudem noch geschmuggelt. Diese beiden Ringe ließen sich einfach nicht abstreifen. Sie waren fest mit meinen Fingern verwachsen.
Die Station "Charles de Gaulle-Etoile" rückte näher.
'Verdammt, jetzt musst du gleich aussteigen', kommt es mir nun doch ängstlich in den Sinn, 'und die beiden Ringe sitzen immer noch fest auf meinen Fingern'.
'Hoffentlich steigen die beiden "Blacks" nicht mit mir aus', überlege ich und erwarte unruhig werdend meine Zielstation.
Schweiß bricht mir aus und perlt sich auf meiner Stirn. Ich spüre ihn. 'Die Station Charles de Gaulle-Etoile ist riesengroß und man muss weite Strecken in den endlosen Gängen zurücklegen, um an die Anschluss-Bahn zu gelangen. Ich kenne sie gut.'

Die beiden "Blacks" machen keinerlei Anstalten die Metro zu verlassen. 'Gott sei Dank.' Ich bin erleichtert, öffne hastig die Tür, steige aus und hetze zum Ausgang. 'So, sich jetzt nur nicht in den unterirdischen Gängen verlaufen und die richtigen Abzweigung zur Linie 6 zu finden.'
Die Gänge sind menschenleer und nur spärlich beleuchtet. Für Pariser Verhältnisse herrschen eine unnatürliche Ruhe. Nur die Absätze meiner Stöckelschuhe machen einen Höllenlärm und dieses Geräusch halle von allen Seiten zurück: tack-tack..., tack-tack..., tack-tack ...
Der Gang will kein Ende nehmen. Meine Schritte werden immer hastiger, überschlagen sich fast und mein Atem keucht. 'Hätte ich doch bloß auf meine Schwiegermutter gehört.' Ich mache wir Vorwürfe.
'Hier gibt es ja tausend Ecken, Kurven und Treppen, hinter denen sich jemand versteckt halten kann.' Ich überlege, ob ich nicht besser meine Schuhe ausziehen soll. Dieses tackernde Geräusch geht mir auf die Nerven.
'Diese blöden Schuhe,' ärgere ich mich. 'Sie machen mich zu einem leichten Opfer, das man schon von Weitem hört. Warum bin ich nicht mit dem Taxi gefahren.' Meine Angst steigt immer höher. Die Gänge sind mir unheimlich, aber letztendlich behalte ich vorsorglich doch die Schuhe an.
Schwer atmend bleibe ich an einer Abzweigung vor der Hinweistafel stehen. Ich will mich noch einmal davon überzeugen, dass ich mich in dem richtigen Gang zur Linie 6 befinde. Es ist alles so unheimlich ruhig, nur meinen keuchenden Atem höre ich und erschrecke darüber. Und dann spüre ich es. Einen warmen Hauch. Nur ganz sacht, kaum wahrnehmbar, aber ich weiß, dass ich nicht mehr allein bin.
Die Buchstaben auf der Anzeigetafel verschwimmen vor meinen Augen. Nein, nur nicht ohnmächtig werden. 'Jetzt hat er mich. Ich werde sein nächstes Opfer sein.' Diese entsetzliche Erkenntnis lähmt mich vollends. 'Hätte ich doch nur auf meine Schwiegermutter gehört.' Ich drehe mich langsam um. Ich will wissen, wie er aussieht, dieser Mensch, der den Frauen die Ringfinger abschneidet.

Unwirklich erkenne ich den unscheinbaren Mann, der mir in der Metro gegenüber gesessen hatte. Er steht ein paar Schritte von mir entfernt, sieht mich eindringlich an und nickt mir zu, so, als wenn er bekräftigen wollte, dass ich nun sein nächstes Opfer werde würde.
Ich ringe nach Atem und gerate nun endgültig in Panik, mache auf den Absatz kehrt und renne los, nehme dabei weder die Hinweisschilder noch die beleuchteten Reklamen im Gang wahr. Alles zerfließt in einem einheitlichen Grau, wird konturenlos und rast an mir vorbei.
Der Tunnel mündet - zum Glück, wie ich erleichtert feststelle - auf dem richtigen Bahnsteig. Fieberhaft schaue ich mich um, ob vielleicht jemand auf der Station ist. Zu meinem Entsetzen ist nicht eine einzige Person zu sehen. Alles ist menschenleer. Auch auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig steht kein Fahrgast. Es gibt niemanden mehr, der in Richtung Trocadero fährt. Ich bin hier völlig allein, bis auf diesen unscheinbaren Mann, der mich in der Metro schon die ganze Zeit beobachtet hat und nun langsam auf mich zukommt.

Verzweifelt schaue ich auf die Informationstafel über mir. 'Noch fünf Minuten, bis die letzte Metro kommt.' Endlose fünf Minuten.
'Nach diesen fünf Minuten bin ich schon tot', überlege ich geknickt und sinke in mir zusammen. 'Und während die Metro einfährt, werde ich bereits in einer Blutlache mit abgeschnittenen Ringfingern liegen und der Täter ist schon längst über alle Berge. Erinnernd an mich und diese grauenvolle Tat würde morgen nur ein kleiner Artikel in der Tagespresse stehen: "Deutsche Touristin im Pariser Untergrund ohne Ringfinger tot aufgefunden'. Ein verzweifeltes Schluchzen entringt sich meiner Kehle. 'So ein fürchterliches Ende und nur eine kleine Notiz in einer französischen Zeitung'.

Um mich abzulenken laufe ich nervös hin und her, tue so, als sei ich beschäftigt, krame in meiner Handtasche herum, entnehme ein Taschentuch und stelle resigniert fest, dass ich noch nicht einmal mein Handy mitgenommen hatte.
Aus den Augenwinkeln erkenne ich, dass der unscheinbare Mann in meiner Nähe stehen geblieben ist. 'Aber warum sollte er sich auch beeilen', denke ich niedergeschlagen. 'Er hatte alle Zeit der Welt. Ich sitze wie ein Kaninchen in der Falle.'
Meine Beine fangen an zu zittern, werden weich und drohen einzuknicken. Ich setze mich erschöpft auf eine Bank. Der Schweiß rinnt aus allen Poren. Meine Haare, vorher zu einer kunstvollen Frisur hochgesteckt, haben sich gelöst, hängen zum Teil in Strähnen herunter und streifen meine Wange.

Verstohlen fixiere ich den Mann mit zusammengekniffenen Augen, der immer noch an der gleichen Stelle steht. Er war wohl so Mitte Vierzig. Sehr solide gekleidet, man könnte ihn für einen Bankangestellten und nicht für einen Mörder halten. 'Das war also seine Taktik', überlege ich. 'Deshalb haben sie ihn noch nicht geschnappt. Unauffällig und sogar vertrauenerweckend schleicht er nachts durch die Metro-Schächte, wählt sich sein Opfer sorgfältig aus und braucht dann nur noch den passenden Zeitpunkt abzuwarten. Und ich war sein nächstes Opfer. Aber wann würde er zuschlagen? Welchen Zeitpunkt würde er wählen?' Diese Ungewiss war unerträglich.

Ruhelos stehe ich wieder auf, renne hektisch zur Informationstafel. Einfach, um etwas zu tun und um mich noch einmal zu vergewissern, dass dies auch die richtige Metro-Linie ist. Es sind endlose fünf Minuten, die einfach nicht vorübergehen. Und dann plötzlich - diese Berührung. Die Berührung einer warmen Hand.

Ich zucke erschreckt zusammen, schreie hysterisch und schlage wild um mich. Meine Schreie gellen durch die leeren Gänge und Tunnels der Metro und hallen von allen Seiten zurück. Jetzt war also der Zeitpunkt gekommen.
"Pardon, Madame", sagt der Mann leise und greift fester meinen Arm.
Ich nehme die Stimme überrascht wahr und verstumme fassungslos. Nur ein Schluchzen kommt noch tief aus meiner Brust. Mir wird wieder schwindelig und die Beine knicken ein, so dass ich gegen seine Brust falle. Ich habe keine Kraft mehr zu schreien oder mich zu bewegen, ergebe mich und denke nur noch: 'Dann mach endlich Schluss und hetze mich nicht wie ein Tier. Nimm dein Messer und schneide mir die Ringfinger ab'.
In diesem Moment rast die Metro in die Station. Hell erleuchtet.

Der unscheinbare Mann lockert unvermutet seinen Griff, öffnet eine Waggontür und lässt mir sehr bestimmend den Vortritt. Zaghaft steige ich ein und setze mich nahe der Tür. Neue Hoffnung keimt in mir auf, dass sich im Abteil Menschen aufhalten würden. Menschen, die mir helfen konnten. Er setzt sich nicht, bleibt in meiner Nähe stehen. Ich blicke mich verstohlen um. Es ist niemand im Waggon, nur der Mann und ich und er hatte mich noch nicht getötet.

'Nur drei Stationen', überlege ich, als sich die Bahn in Bewegung setzt. Resignierend starre ich aus dem Fenster auf den menschenleeren Bahnsteig. 'Nur drei Stationen, dann wäre ich am Trocadero.' Der Trocadero ist immer belebt, das weiß ich, und wenn ich es bis dahin schaffen würde und vor allem aus den Metrogängen raus wäre, dann war ich in Sicherheit. Aber was hat er nur mit mir vor?

Der unscheinbare Mann bleibt bewegungslos, schaut mich nicht einmal an. Ich sehe mein Spiegelbild im Waggonfenster. Sowohl Wimperntusche als auch Lippenstift sind völlig verschmiert und die so kunstvoll hochgesteckten Haare stehen wie Drähte ab. Ich bin einzig und allein ein Bild des Elends. Nur eine von Vielen. Bedauernswerte, namenlose Opfer im Untergrund von Paris. Und die Bahn rattert quietschend durch den Tunnel.

Endlich. Nach drei meilenweit auseinander liegenden Stationen, hält die Metro an der Station "Trocadero". Ich renne zum hinteren Ausgang des Waggons, um nicht an den Mann vorbei zu müssen, reiße die Tür auf und falle fast auf den Bahnsteig. Dann rase ich gehetzt in Richtung Ausgang, stolpere die Stufen hoch und befinde mich am rettenden Trocadero. Hier pulsiert noch das Leben von Paris, die Straßen sind hell erleuchtet, die Autos hupen wie eh und je. Alles ist so vertraut.
Ich bleibe erleichtert stehen, lehne mich erschöpft an die Mauer der Metro-Station, sauge tief die Luft ein und spüre nach einiger Zeit, wie sich mein Körper langsam entspannt und der Pulsschlag wieder normales Tempo annimmt. Die Konturen werden klarer und ich kann den angestrahlten Trocadero erkennen.

'So', überlege ich, meinen restlichen Mut zusammennehmend. 'Da bist du gerade noch einmal dem Tode von der Schippe gesprungen und mit viel Glück davongekommen. Jetzt nur noch den Platz überqueren und die Rue de Passy entlang laufen sowie ein kleines Stück über die Avenue Mozart. Dann hast du es geschafft.'

Die Rue de Passy ist noch von Schaufenstern erleuchtet. Ab und zu begegnet mir ein Pärchen, das wahrscheinlich ebenso wie ich nach Hause will. Die Avenue Mozart, in die ich nun einbiege, ist hingegen menschenleer. Kaum ein Fenster des Wohnviertels ist erhellt, wie ich mit einem Blick feststelle. 'Hier habe ich noch etwa 300 Meter zu laufen, bis ich bei der Wohnung meiner Schwiegereltern bin.'

'Das müsste zu schaffen sein', denke ich nunmehr entschlossen und eile die Straße entlang. Meine Schritte klingen unnatürlich laut im nächtlich schlafenden Paris. Gehetzt schaue ich mich immer wieder um, ob mir noch jemand folgt und bemerke dann aus den Augenwinkeln, wie sich vom gegenüberliegenden Hauseingang ein Mann aus der Dunkelheit löst, die Straße überquert und direkt auf mich zugeht.

Plötzlich werde ich von hinten gepackt, am Arm festgehalten und weiter über den Gehweg gezerrt. Ich schreie auf, drehe mich um, rufe hinter dem Mann her, der sich gerade eben noch aus dem Hauseingang gelöst und auf mich zubewegt hat. Aber was macht er? Er zieht nur seinen Kragen hoch, entfernt sich eilig und duckend, ohne überhaupt einen Blick in meine Richtung zu werfen oder gar den Versuch zu machen, mich aus meiner Zwangslage zu befreien.

"Madame", sagt der unscheinbare Mann sanft, greift fester meinen Arm und zwingt mich zum Stehenbleiben. Meine hysterischen Schreie hallen durch die menschenleere Straße. Der Mann schüttelt mich, bis ich endlich verstumme und ihn mit angstgeweiteten Augen anstarre. Schweiß tropft mir in die Augen. Er lockert seinen Griff etwas, währenddessen ich verzweifelt versuche, den Ring mit dem Smaragd von meinem Ringfinger zu bekommen. Aussichtslos.
"Madame", erinnert er noch einmal eindringlich, schüttelt mich wieder, streicht mir sanft und beruhigend über die Wange, sagt irgend etwas auf Französisch, was ich nicht verstehe. Ich zittere, nein, schlottere, und meine Stimme ist kaum hörbar, verhaspele mich, als ich angstvoll flüstere:
"Pardon Monsieur, je suis étrangère. Je suis en vacances au Paris". Mir laufen die Tränen übers Gesicht und ich starre ihn hoffnungslos an, wo ich doch so nah an meinem Ziel war.
Urplötzlich, wie ein letzter Geistesblitz, fallen mir die Ohrringe ein, die ich noch trage und hoffe, ihn damit zufrieden stellen zu können. Diese reiße ich mir mit der freien Hand von ihren Ohren, ohne zu berücksichtigen, dass es Stecker und nicht Clips sind. Schmerzen empfinde ich keine mehr. Ich werfe sie ihm ins Gesicht. Er zuckt zurück und fängt sie reflexmäßig auf, so dass ich mich in diesem Moment losreißen kann.

Und dann renne ich um mein Leben, die letzten Meter die Straße hinunter. Bevor ich zur Eingangstür meiner Schwiegereltern gelange, muss ich durch eine kleine Pforte, kniehoch, die ich mit dem Fuß polternd aufstoße, dabei mit dem Schienbein am Schloss hängen bleibe und es mir aufreiße. Auch das schmerzte nicht einmal mehr. Gehetzt schaue ich mich um und drücke wie wild auf den Klingelknopf.

"Verdammt, macht doch auf. Warum dauert es denn nur solange", jammere ich verzweifelt und dresche weiterhin auf den Klingelknopf ein. Der unscheinbare Mann kommt hinter mir her, bis zur Pforte, die wieder zugefallen ist, nicht weiter. Ich starre ihn stumm an und nun spüre ich, wie mir das warme Blut am Bein hinunterläuft und auch auf meinem Kleid sehe ich Blutstropfen, die wohl aus meinem Ohrläppchen kommen. Zwischen ihm und mir liegen ungefähr drei Meter und zwischen der rettenden Wohnung und mir nur das Öffnen der Tür.

Der unscheinbar aussehende Mann legt ruhig lächelnd meine Ohrringe auf die Pforte und sagt freundlich in meiner Sprache mit französischem Akzent: "Pardon Madame, aber Sie sollten nachts nicht allein mit der letzten Metro durch Paris fahren. Hat man Sie nicht auf die Gefahren hingewiesen?"

Der Summer ertönt. Ich drücke auf, bleibe aber wie gelähmt in der geöffneten Tür stehen. Er verneige sich höflich: "Au revoir, Madame", und geht, in der Dunkelheit verschwindend, die Straße hinunter. Ich starre, nur noch der Schatten meiner selbst, geschunden und blutend, sprachlos hinter ihm her.
Ich sehe an mir hinunter. Ich bin schmutzig und blute. Dann versagen meine Kräfte, rutsche die kalte Flurwand entlang, kauere auf dem Boden und ein befreiendes Schluchzen kommt aus meiner Kehle. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ahne es. Er hat mich nach Hause begleitet und meine Ringfinger gerettet. Der unscheinbare Mann kannte Paris. Meine hysterische Phantasie hat mir einfach nur einen Streich gespielt.

Wie ich erst später erfuhr, hatte man Zivilbeamte eingesetzt, um die Überfälle in der Metro zu verhindern.

© by Monique Lhoir

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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