Futter für die Bestie
Futter für die Bestie
Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Juni 2002
Pfad – Finder
von Fran Henz


„ ... ich löste mich von meinem Körper, schwebte frei im Raum, immer höher und höher. Dann sah ich einen Tunnel, vor dem mein geliebter Großvater auf mich wartete. Neben ihm, Joe, mein viel zu früh aus dem Leben geschiedener Gefährte. Hinter den beiden konnte ich noch andere meiner Freunde erkennen, die diesen Weg vor mir gegangen waren. Sie nahmen mich in ihre Mitte und führten mich zum Licht ... “



Bernd lehnte sich in seinem Ledersessel zurück. Sein Blick glitt über die verschwenderische Einrichtung seines Büros und ein Gefühl der Befriedigung durchrieselte ihn.

Er besaß das, was wichtig war im Leben. Seine Geschäfte boomten, seine Konten wurden dicker und dicker. Mit 51 Jahren verfügte er über alles, was man mit Geld kaufen konnte. Sein Gesellschaftsleben wurde in der Regenbogenpresse breitgetreten, seine Partys waren Legende und so mancher würde für eine Einladung von ihm den rechten Arm geben. Manches Mädchen sogar weit mehr als das. Insbesondere seit sich seine Frau einige Jahre zuvor mit Schlaftabletten ins Jenseits befördert hatte.

Bernd schüttelte den Kopf. Dieses blöde Stück. Eva war dahinter gekommen, dass er sie nur wegen ihrer Firma geheiratet hatte. Glaubte diese Vogelscheuche etwa, irgendjemand würde sie wegen ihrer schönen Augen nehmen? Außerdem, in den 14 Jahren ihrer Ehe mangelte es ihr an gar nichts. Sie besaß alles, was ihr Herz begehrte: Schmuck, Designerklamotten, Rassehunde, Rasseautos, Rasseliebhaber.

Die anderen Frauen seines Bekanntenkreises kannten seine Spielregeln und hielten sich auch daran: ein exklusives Dinner, ein ansprechendes Klunkerchen, eine leidenschaftliche Nacht oder zwei, vielleicht noch ein Dutzend Rosen am nächsten Tag, schließlich war er Kavalier durch und durch.

Wenn er sich mit seinen Freunden zum Golfen traf, zogen sie ihn oft mit seiner Großzügigkeit auf. Aber er winkte nur ab und bestellte Champagner für alle. Auf seine Freunde konnte er sich verlassen, sie waren für jeden Schabernack und jegliche profitable Transaktion zu haben. Jeder von ihnen vergrub seine Leichen im gemeinsamen Keller und das verband ganz ungemein.

Bernd nahm den nächsten Brief aus der Mappe. Er kam vom Altersheim, in dem seine Mutter lebte. Ein renommiertes Haus an der spanischen Mittelmeerküste, mit allem Komfort und ausgezeichneten medizinischen Möglichkeiten. Die Direktion ließ anfragen, ob er mit den vorgeschlagenen Festlichkeiten zum 75. Geburtstag seiner Mutter einverstanden war.

Schwungvoll genehmigte Bernd die Summe mit seiner Unterschrift. Nur das Beste war gut genug für seine Mutter. Schließlich recherchierten immer wieder Reporter und TV-Teams seinen familiären Hintergrund. Es würde sich nicht gut machen, seine Mutter dort zu zeigen, wo sie Bernds Meinung nach hingehörte: in die Baracken am Stadtrand.

Niemals hatten seine Eltern irgendetwas für ihn getan. Niemals hatten sie seine Pläne unterstützt. Sein Vater schleuderte ihm seine Verachtung noch auf dem Totenbett entgegen und versuchte, ihm ins Gesicht zu spucken.

Bernd zuckte die Achseln. Es spielte keine Rolle mehr. Er hatte alles erreicht, was es zu erreichen gab. Er war der Beste, der Größte, der alleinige Meister seines Schicksals.

Gerade wollte er aufstehen, um sich von der Bar ein Glas Cognac zu holen, als ein scharfer Schmerz durch seine Brust fuhr. Der Schmerz lief strahlenförmig in sein linkes Bein und seinen linken Arm. Er fiel wie in Zeitlupe, schlug dumpf auf dem weichen Teppich auf.

Bernd sah sich selbst dort liegen, unnatürlich verkrümmt, die Hand auf seine Brust gepresst. Gleichzeitig entfernte er sich, schwebte an die Decke, durch die Decke, über das Bürohaus.

Mit seltsamer Distanz begriff Bernd, was geschah: er war tot oder so gut wie. Oft schon hatte er Berichte von Menschen, die einen Blick ins Jenseits werfen durften, gehört oder gelesen. Er hatte keine Angst. So wie in den 50 Jahren zuvor, würde er überall seinen Mann stehen.

Neugierig sah er sich um. Bald musste der Tunnel kommen und das Licht. Ja, da war er schon. Bernd hörte auf zu schweben und betrat den Tunnel. Undurchdringliche Finsternis hüllte ihn ein. Ganz, ganz weit weg schimmerte stecknadelkopfgroß ein Lichtschein.

Bernd fing an, zu laufen. Er wollte keine Sekunde seines neuen Lebens verschenken. Völlig unvorbereitet krachte er deshalb mit dem Kopf gegen ein Hindernis. Taumelnd stürzte er zu Boden. Während er aufstand, betastete er seine Stirn, die unverletzt schien, obwohl der Schmerz in seinen Schläfen hämmerte.

Vorsichtig ging er weiter, eine Hand ausgestreckt, um nicht abermals gegen eine Barriere zu prallen. Er verfluchte noch laut seine Ungeschicklichkeit als er über eine Stufe stolperte und wieder hinfiel. Sein Schienbein stieß an einen spitzen Gegenstand und begann teuflisch zu schmerzen. Mühsam erhob sich Bernd und humpelte mit zusammengebissenen Zähnen weiter. Er war vom Licht noch genauso weit entfernt wie beim Eingang des Tunnels.

Bei seinem nächsten Schritt hatte er das Gefühl, in tiefem Morast zu versinken und hechtete mit letzter Kraft vorwärts. Zitternd setzte er sich, umschlang seine Knie mit den Armen und starrte in die Dunkelheit. Feuchte modrige Kälte kroch in seine Kleider und machte sie schwer und klamm. Nur das rasselnde Keuchen, das aus seinen eigenen Lugen kam, unterbrach die absolute Stille um ihn herum.

Er lehnte den Kopf erschöpft an die Wand des Tunnels als unvermittelt geschäftige kleine Füße über seine Hand huschten. Panisch rieb er die Hand an seiner Hose ab und merkte dabei, dass der Stoff sich seltsam klebrig anfühlte. Angeekelt beschloss er, umzukehren. Es reichte. Sollte doch jemand anders seine Zeit in diesem unwirtlichen Gelände verplempern. Er, Bernd, hatte Besseres zu tun als dieses idiotische Spiel auch nur eine Sekunde länger mitzumachen.

Schwerfällig stand er auf, verlagerte sein Gewicht auf das nicht schmerzende Bein und drehte sich langsam zum Eingang des Tunnels um. Vor seinen Augen breitete sich dichtes undurchdringliches Schwarz aus. Undurchdringliches Schwarz, an dessen Ende ein stecknadelkopfgroßes Licht schimmerte.

Bernd begann zu schreien. Er schrie und schrie und schrie, dass sogar die Engel im Himmel die Stirn runzelten und Luzifers Knechte in der Hölle den Kopf schüttelten.



© Fran Henz

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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