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Juni 2002
Stecknadeln
von Lutz Schafstädt


Für Paul war der Kirchturm ein vertrautes Gesicht, das durch das Fenster in sein Zimmer schaute. Ein kantiger Backsteinkopf mit grauer Schiefermütze und weiß leuchtenden Ziffernaugen, der sein Kinn auf dem Dach des Hauses gegenüber stützte.
Dieses Bild war kindisch und eigentlich passte es nicht mehr zu ihm, wusste Paul. Es gehörte zu dem Teil seines Lebens, der mit diesem Sommer enden sollte. Dann begann sein Studium, in einer fremden Stadt, mit neuen Menschen und endlich spannenderen Perspektiven für seinen Blick. Die Enge seines Zimmers und die Tristesse der kleinen Stadt würden unumkehrbar aufgehoben.
Seit Wochen schon fühlte sich Paul von gegensätzlichen Gefühlen zerrissen. Vorfreude, Neugier und Optimismus gaben Wehmut, Skepsis und Angst die Klinke in die Hand. Es kostete ihm zunehmend Kraft, diesen innerlichen Ausnahmezustand im Verborgenen zu halten. Er achtete akribisch darauf, gelassen, fast gleichgültig zu wirken. Er wollte als jemand gesehen werden, der immer die Kontrolle behält und entschlossen seinen Weg geht. So war es schließlich auch.
An diesem Freitag war Paul bester Stimmung. Er wollte sich am Stadtpark mit Freunden treffen. Sie kannten sich von Kindheit an und alle standen vor ähnlichen Veränderungen wie er. Sie sahen sich regelmäßig und bestärkten sich immer wieder in ihrem Willen, auch zukünftig engen Kontakt miteinander zu halten. Für Paul war dieses Versprechen von großer Bedeutung und er war sich klar darüber, dass sie mit ihren abendlichen Zusammenkünften die Basis dafür festigten.
Er warf sich seine Jacke über die Schulter, ging noch einmal am Fenster vorbei und warf einen flüchtigen Blick auf die Turmuhr. Er wusste ohnehin, dass es Zeit war zu gehen. Schon halb abgewandt hielt er plötzlich inne. Irgendetwas hatte ihn irritiert. Er drehte sich um schaute in das Kirchturmgesicht. Es schielte! Die beiden sichtbaren Ziffernblätter hatten unterschiedliche Zeigerstände und es sah tatsächlich so aus, als verdrehe es die Augen zu einer komischen Grimasse. Paul schmunzelte über das skurrile Bild, ging aus dem Zimmer und hatte es im nächsten Moment vergessen.

Als er am Treffpunkt ankam, warteten dort bereits Micha und Ines. Nur wenig später kamen zwei weitere Freunde hinzu und die Gruppe war komplett. Sie beratschlagten, wie sie den Abend verbringen wollten und einigten sich schließlich auf die kostengünstigste Variante. Die milden Temperaturen luden geradezu ein, es sich hier im Park bequem zu machen und einfach die Zeit zu verplaudern. Vom nächstgelegenen Supermarkt wurden schnell noch ein Paar Getränke und Chips geholt. Sie setzten sich auf ihren Jacken auf den Rasen und bildeten einen Kreis, in deren Mitte sie ihren Proviant auftürmten.
Es wurde eine vergnügte Runde, in der die Anekdoten der gemeinsamen Schulzeit genauso zu ihrem Recht kamen, wie die aktuelle Weltlage - alles gut gemischt mit einem Schuss Kleinstadtklatsch und Seitenhieben auf die Macken aller nicht Anwesenden.
Unmerklich war es dunkel geworden, die Wein- und Biervorräte schmolzen dahin. Irgendwer machte den Vorschlag, sich Gruselgeschichten zu erzählen. Die Zustimmung war einhellig. Reihum sollte jeder sich etwas schauriges einfallen lassen. Es wurde von Gräbern berichtet, aus denen knöcherne Hände schnellen und arglose Kinder in morastige Tiefen zerren. Lebendig Begrabene bahnten sich mühsam den Weg aus ihrer Gruft, um beim ersten Schritt in die endlich errungene Freiheit vom Blitz erschlagen zu werden. Zombies jagten wehrlose Menschen, um sich von ihren Eingeweiden und pulsierenden Hirnen zu ernähren. Wehrwölfe, Vampire, Teufel, Geister und Wahnsinnige bevölkerten den Park und hin und wieder wurde es wirklich so unheimlich, dass Paul meinte, Blicke auf seinem Rücken zu spüren. Durch lautes Lachen oder Hinweise auf die Unglaubwürdigkeit der Situationen, in denen er oft sogar die Vorbilder aus Filmen wiedererkannte, ließen sie sich vertreiben. Und doch genoss er das leise Prickeln den Nacken hinauf und freute sich darauf, als Nächster von einem wütenden Mutanten zu erzählen, der sich aus einem Laboratorium befreit und der Familie seines Schöpfers auflauert, um Rache für sein elendes Schicksal zu nehmen, sich aber in die Frau des Professors verliebt und sie entführt. Die Geschichte wurde eine wilde Mixtur aus Frankenstein, King Kong und dem Glöckner von Notre-Dame. Paul bemerkte, das er die Action etwas hoch dosiert hatte und das Gruseln sich nicht recht einstellen wollte. Doch die Freunde spendeten Anerkennung und das Wort ging an Ines.
„Mir fällt keine Story mehr ein“, sagte sie. „Aber ich kann euch ein Zauberritual erklären, mit dem man seine Feinde erkennt.“
„Feinde! Die erkennt man doch wohl auch so“, meinte Paul, der direkt neben Ines saß. „Ich kann dir aufzählen, wer mich alles nicht leiden kann und meist beruht das sogar auf Gegenseitigkeit.“
„Nein, so simpel ist das nicht gemeint“, erwiderte sie und dämpfte ihre Stimme geheimnisvoll. „Deine wirklichen Feinde geben sich dir nicht zu erkennen. Sie wirken im Verborgenen und versuchen dein Leben zu zerstören. Das ist mehr als jemanden nicht zu mögen. Oft fallen uns Steine in den Weg und wir denken, das wäre Schicksal. Bist du dir immer sicher, dass nicht vielleicht deine Feinde dahinterstecken. Willst du wirklich nicht wissen, wer es ist?“
Paul bereute, das er sich auf dieses Gespräch eingelassen hatte. Er fühlte sich unbehaglich, so direkt angesprochen zu sein. „Hokuspokus“, sagte er mit einer abweisenden Handbewegung und schob ein krächzendes Lachen hinterher. „Leider bin ich nicht sehr abergläubisch.“
„Lass sie doch erst mal erzählen, wie das gehen soll“, mischte Micha sich in das Gespräch. Alle stimmten ihm zu. Auch Paul, der ganz verwundert darüber war, dass er den Eindruck erweckt haben sollte, er wolle nichts davon hören. Ganz im Gegenteil, versicherte er Ines und sie fixierte ihn mit ihren Augen, während sie sprach:
„Es gibt eine magische Zeremonie, die dir deinen Feind offenbart. Du benötigst dazu Stecknadeln, die in einem Topf mit Wasser über offenem Feuer zum Sieden gebracht werden. Genau um Mitternacht muss die Nadelsuppe kochen, mindestens fünf Minuten lang. Das ist wichtig, sonst wirkt der Zauber nicht. Und Du musst allein sein, niemand darf dich beobachten. Wenn du alles richtig gemacht hast, werden deine Feinde dich aufsuchen. Der erste Mensch, in dessen Gesicht du am nächsten Tag blickst, ist dein ärgster Feind.“
„Das ist doch nicht etwa schon alles?“, fragte Micha nach einem kurzen Augenblick des Schweigens.
„Doch, mehr ist nicht zu tun“, bestätigte Ines.
Auch Paul hatte das Gefühl, das dieser Zauber nicht besonders gut ausgedacht war. „Schwachsinn“, sagte er. „Die Feinde kommen dir also zugelaufen. Wenn ich morgen am Frühstückstisch, sitze muss ich dringend vermeiden, meinen Eltern ins Gesicht zu blicken. Ich suche mir dann einen aus, den ich als erstes ansehe und begründe eine treue Feindschaft.“ Sein Unbehagen war verflogen und er lachte fröhlich. „Diesen Spuk hätte ich mir etwas geheimnisvoller vorgestellt. Ich glaube kein Wort davon.“
„Probier es aus, Paul. Es funktioniert. Du wirst es sehen“, sagte Ines eindringlich und zwinkerte ihm ermunternd zu.
„Ich würde es lieber nicht darauf ankommen lassen“, meinte Micha, bevor Paul etwas entgegnen konnte. „Man kann bei solchen Sachen nie wissen...“
Paul wollte im Grunde ähnliches sagen, doch meinte nun, diesen offensichtlichen Anflug von Scheu parieren zu müssen.
„Quatsch. Das ist doch nur ein Ulk. Ich werde es noch heute ausprobieren.“
Die Gespräche verzweigte sich wieder in belanglose Plaudereien und nur wenig später löste sich die Runde auf und die Freunde trennten sich.

Paul hatte seinen Entschluss gefasst und machte sich, zuhause angekommen, gleich auf die Suche nach Stecknadeln. Es war bereits still in der Wohnung und er schloss daraus, dass bis Mitternacht nicht mehr viel Zeit war. Ein kurzer Blick auf die Turmuhr bestätigte ihn. Gut zehn Minuten Zeit blieben ihm noch für die Vorbereitungen.
In der Küche füllte er einen Topf mit heißem Wasser und stellte ihn auf den Herd. Die Gasflamme musste als offenes Feuer genügen. Er klappte das Küchenfenster an, um die Kirchenuhr besser hören zu können. An ihrem Schlagen wollte er sich orientieren. Als er den Kurzzeitwecker auf den Tisch stellte, hörte er, wie das Wasser zu brodeln begann. Es konnte losgehen. Er füllte eine große Schachtel Nadeln in den Topf und schaltete das Licht aus. Wenn schon Zauber, dann auch mit der richtigen Atmosphäre.
Paul wartete und lauschte. Die Stecknadeln begannen zu rasseln. Sie hüpften durch die aufgewühlte Flüssigkeit und schlugen gegen die metallene Wand des Topfes. Vor dem Hintergrund der nächtlichen Stille erschien ihm das Geräusch höllisch laut. Fast sorgte er sich, jemanden aus seiner Familie damit zu wecken. Doch die Tür war geschlossen, das musste genügen.
Das Klappern der Nadeln wurde umrahmt von dem unruhigen Licht der Herdflamme, das einen matten Lichtkranz an die Zimmerwand warf. Zunehmend wurde ihm das Gespenstische dieser Szenerie bewusst. Er allein, in einem Raum voller schemenhafter Schatten, stand vor einem Topf mit tanzenden Nadeln und erwartete die Mitternacht. Gänsehaut kroch ihm den Rücken herauf. In diesen Moment krachte der erste Schlag der Turmuhr. Paul zuckte zusammen und war von der Gewalt dieses Klanges erschrocken. Er spürte, wie sich jeder Muskel in ihm verkrampfte und sich ihm der Hals zuschnürte. Sein Puls raste bereits, als die Glocke zum zweiten Mal schlug. Nein, dachte er, ich breche die Sache ab. Hastig schaltete er das Licht ein, schaltete den Herd ab und schloss das Fenster. Eine seltsame Panik hatte ihn erfasst und er wünschte sich, das Ganze ungeschehen machen zu können. Aber vielleicht war es ja noch nicht zu spät. Er hatte nicht einmal die erste Minute nach Mitternacht verbraucht.

Im Bad, während er sich etwas von der Stirn wischte, bei dem es sich zweifellos um Angstschweiß handeln musste, entdeckte er ein Fünkchen Wahnsinn in den Augen seines Spiegelbildes. Was er da gerade getan hatte, war doch im Grunde etwas ganz belangloses. Niemand würde je verstehen, geschweige denn jemals erfahren, was eben passiert war.
Wie im Rausch tastete er sich in sein Zimmer und sah noch einmal zum Gesicht des Kirchturms hinüber. Zum Glück schwieg er wieder und beruhigt stellte Paul fest, dass er auch sein Schielen beibehalten halten. Er schlief schnell ein und hörte nicht mehr, wie die Turmuhr nach einer Stunde erneut zu schlagen begann. Zwölf Mal.

Ein Klopfen weckte ihn am nächsten Morgen. Paul fühlte sich zerschlagen, als hätte er sich gerade erst hingelegt. Heute ist doch Sonnabend, dachte er und räkelte sich verschlafen aus dem Bett. Einige Sekunden brauchte er, um zu bemerken, das das Klopfen von seinem Fenster kam. Irgendwer warf Kiesel gegen die Scheiben.
Schlagartig fiel ihm der gestrige Abend wieder ein. Mein Feind ist da, schoss es ihm durch den Kopf.
Langsam näherte er sich dem Fenster und blickte zur Straße hinunter. Dort standen Micha und Ines. Was wollten sie hier? Noch nie waren sie an einem Vormittag zu ihm gekommen. Niemals hatten sie ihn je durch das Fenster geweckt. Paul stand wie versteinert und konnte durch seine Glieder verfolgen, wie ihm das Blut gefror. Er begann zu zittern wie im Fieber und warf sich auf sein Bett. Sie waren doch seine besten Freunde.
Ausgerechnet Micha, mit dem er diesen Sommer noch zum Zelten an die Ostsee wollte. Das war vorbei.
Ines, die ihn doch zu diesem ganzen Unsinn angestiftet hatte, stand vor seinem Haus und lachte ihm höhnisch ins Gesicht. Er hätte es wissen müssen, man kann niemandem vertrauen.
Paul suchte nach einem Ausweg. Das alles konnte nicht stimmen, das musste ein Irrtum sein. Gibt es so einen Zufall? Ausgerechnet nach so einer Aktion sind diese Beiden die ersten Menschen, die er sieht. Oder hatte er bereits vorher jemanden gesehen? Das Turmgesicht? Nein, das ist ein Gebäude. Doch es symbolisiert für ihn sein ganzes bisheriges Leben. Hat sich die ganze Stadt gegen ihn verschworen? Er grübelte angestrengt nach einem Ausweg. Bin ich es etwa selbst? Ich habe in den Spiegel, in mein Gesicht geblickt, kaum das der neue Tag begonnen hatte.

Paul verstrickte sich in seinen Gedanken, sah überall Feinde und steigerte sich in wirre Vorstellungen. Er schloss sich ein und verließ den ganzen Tag über sein Zimmer nicht mehr. Die Eltern sorgten sich und öffneten schließlich mit Gewalt die Tür. Paul lag apathisch auf seinem Bett und redete scheinbar wirres Zeug. Am Abend kam ein Arzt, diagnostizierte einen Schock und nur zwei Stunden später wurde Paul in ein Krankenhaus gebracht.

Micha und Ines wollten ihn in der psychiatrischen Klinik besuchen, um zu erklären, das alles ein Spaß hätte sein sollen. Paul sollte sich nur ordentlich erschrecken, wenn seine beiden Freunde am Morgen nach dem Nadelkochen ihm plötzlich als erste begegnen. Nur ein Spaß, weil er doch ohnehin nicht abergläubisch war.
Sie konnten es ihm nicht sagen, weil Paul bei ihrem Anblick in einen Schreikrampf verfiel.


(c) Lutz Schafstädt


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