Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Juni 2002
Ungebremst
von Anne Zeisig


„Vater! Du musst bremsen! Die Kurve!“
Der alte Herr hatte das Steuer los gelassen und umfasste stöhnend seine Brust.
Quietschende Autoreifen auf dem nassen Asphalt, die Sterne über Sarah versanken diffus, tauchten wieder auf, um wie glühende Schnuppen blitzartig auf sie niederzuprasseln. Eine Wucht durchstieß ihren Körper, als die Scheiben klirrend auf Sarah nieder barsten. Schützend hielt Sarah ihre Arme vor das Gesicht. Die Regentropfen wässerten ihr Blut rosa.
Stille. Die Eltern waren am Unfallort verstorben.
Das war vor einem Jahr. Kurz nachdem Sarah Maurice geheiratet hatte.

. . .

„Sarah, das ist ja fantastisch, was Maurice aus dem alten Landsitz deiner Eltern gemacht hat! Ich bin begeistert von diesem italienischem Design!“ ,quirlig wirbelte die Freundin durch den Salon, „das ist nicht nur das Werk eines begnadeten Innenarchitekten, das ist künstlerische Vollendung der absoluten Harmonie von traditionellem Wohnen und moderner Lebensart!“
Sarah bewegte ihren elektrischen Rollstuhl vorsichtig im ersten Gang zur Veranda, wo die Kaffeetafel gedeckt war, und goss den Cappuccino ein.
Das Geflecht ächzte, als Maria, die Freundin, in den Korbsessel plumpste.
„Und einiges an überflüssigen Pfunden halten diese Sitzmöbel auch aus,“ lachte Maria, als sie sich ein Stück Sahnetorte auf den Teller legte.
„Ja,“ bemerkte Sarah ernst, „Maurice hat hier in dem einen Jahr wirklich viel liebevolle Arbeit rein gesteckt.“ Sie trank einen Schluck.
Der Wilde Wein hatte die Natursteinwand ungezügelt überwuchert und das fächerartige Laub spendete dem Verandabereich Schatten und Kühle. De Französische Flieder duftete süß und herrlich rosa prangten die Blüten am Rhododendron. „Ich verstehe immer noch nicht, warum mein Vater den Wagen nicht abgebremst hat, er war immer ein vorausschauender Fahrer gewesen. Und am Auto konnte auch kein technischer Defekt oder eine Manipulation festgestellt werden,“ flüsterte Sarah in die Stille hinein.
Die Freundin verschluckte sich am heißen Cappuccino und stellte hart die Tasse auf den Unterteller.
„Sarah! Nun hör endlich auf, dir das Gehirn zu zermatern! Das ist heute dein erster Tag hier nach dem Klinikaufenthalt, ich habe Maurice versprochen, dass du die Junisonne genießen sollst!“ ,Maria stand auf und pflückte eine Fliederblüte, „Maurice liebt dich abgöttisch,“ ,sie setzte sich, steckte die Blüte in das oberste Knopfloch ihrer gelben Bluse, zog die Stirn kraus, „na ja, jetzt, wo meine PR-Agentur nicht mehr so gut läuft, werde ich mir wohl auch einen Mann angeln müssen,“ sie seufzte, „aber ich will dir heute nichts vorjammern.“ Und bediente sich eines zweiten Tortenstückes, „so eine gute Partie wie du bin ich halt nicht,“ Maria lachte laut und verschluckte sich an dem Bissen.
Sarah trank ein Glas Tafelwasser. „Der Auftrag von Maurice hat dir also auch nicht über die miese Auftragslage hinweg geholfen? Das tut mir leid. Wenn ich dir helfen kann?“
„Bloß nicht!“ ,unterbrach Maria, „du weißt ja, ich bin immer optimistisch und wer weiß,“ sie zwinkerte Sarah zu, „was das Leben noch an schönen Überraschungen bereit hält.“
. . .

Nachdem Maria abgereist war, rollte Sarah in die ebenerdig angelegte Bibliothek, um eine Bettlektüre auszusuchen. Dieser Teil des Hauses lag der Ostseite zugewandt und entsprechend kühl war es, Sarah fröstelte, als sie sich der unteren Regale bediente. Ungern wollte sie den Hausmeister bitten, ihr das eine oder andere Buch aus den oberen Regalen zu holen. Maurice hatte das Hausmeister Ehepaar eingestellt, es waren einfache, ehrliche Leute mit den besten Referenzen, wie ihr Mann versicherte.
Aber ihr waren die beiden ältlichen, aber rüstigen Leute nicht sympathisch, seit ihrer Ankunft am Morgen tuschelten sie geheimnisvoll und ihr Lächeln empfand Sarah nicht herzlich aus dem Inneren kommend.
Die Fensterflügel waren weit geöffnet, und der kühle Abendwind wehte die azurblauen Tüllvorhänge in ausladenden Bögen in den Raum hinein. Sarah verfing sich in dem Stoff und schrie laut auf, als sie von hinten angesprungen wurde, sich etwas in ihre Schulter krallte. Ein Schatten huschte zu Boden.
„Miauuiiiiieeeee!“
`Eine Katze´, dachte sie aufatmend, als diese flugs über eines der Fenster verschwand.
Knarrend wurde die Tür geöffnet.
„Madam,“ der Haumeister war in den Raum getreten und verzog sein faltiges Gesicht zu einem Lächeln, „meine Frau meinte, sie hätten gerufen. Soll ich sie nach oben tragen?“ Erwartungsvoll wischte er sich seine Hände an der grünen Gartenschürze ab.
„Wann wird die Firma denn an der Aufzugsanlage weiter arbeiten?“ ,fragte Sarah und hielt drei Bücher auf ihrem Schoß mit den Händen umklammert.
„Heute ist Samstag, ich denke, bestimmt am Montag, Madam. Soll ich sie nun... ?“
„Ja, ja, sie können ... ,danke auch.“
Kräftig schlang der Mann seine Arme unter ihr Gesäß und um ihre Taille, schwer hatte er an ihrer zierlichen Figur nicht zu tragen. Zu nah spürte sie seinen Atem, der nach einer Mischung aus Zwiebeln und Nikotin roch. Der erdige Geruch seiner beschmutzten Arbeitsschürze vermischte sich mit dem süßlichen Schweiß eines alternden Mannes. Sarah schaute zu Boden, bemüht, ihn nicht ansehen zu müssen und unterdrückte ihren Ekel. Endlos erschien ihr der Aufgang durch das breite Treppenhaus aus Jura-Marmor.
Vor einem Jahr... ,da hatte Maurice sie nach der Trauung über die Schwelle seiner Stadtwohnung getragen.
„Meine zarte Aphrodite“, hatte er ihr damals zugeflüstert, „du bist das Kostbarste, was ich lieben darf.“
„Ja ja,“ ,lachte sie glücklich, „und mich Kostbarkeit hast du bei Maria in der Agentur aufgestöbert, du Spürhund. Pass auf, dass ich dir nicht deine süße Spürnase anknabbere.“
Und sehr zart hatte er zuerst ihre Zehenspitzen geküsst, als er sie auf das Bett gelegt hatte, dann ihre Knöchel mit seiner Zunge umkreist - nach den Flitterwochen dieser Unfall.
`Ein Jahr Reha´, dachte sie, `gefühllose Beine, bewegungsunfähige Beine.´ Wie oft hatte sie sich die Aufnahmen ihres Rückenmarkes angeschaut? Das graue Gewebe von Schmetterlingsgestalt, umgeben von einer weißen Mantelschicht, anzusehen wie ein Kunstwerk.
`Es gibt immer Fortschritte in der Neurochirurgie´, dachte sie bitter, `ich bin noch so jung, gerade dreißig.´
„Vorsicht!“ ,rief Sarah erschreckt, als
der Hausmeister mit ihr auf den Armen gegen das Baugerüst des Liftschachtes stieß, „wollen sie uns beide etwa zu Tode stürzen?“
„´tschuldigung,“ murmelte der Mann leise, „diese verflixten Gartenschuhe sind vom Lehm rutschig.“
. . .

Endlich war sie alleine hier im geräumigen Dachatelier. Maurice hatte es für sie im Südflügel herrichten lassen. Großflächige Fenster, eingelassen in Gauben, gaben den Blick auf den Sternenhimmel frei.
Und dieser herrliche Ausblick über den kleinen Park mit dem beleuchteten Springbrunnen
inmitten des Rosenrondells!
Was für ein Schatten huschte da unten hinter der Koniferenhecke entlang?!
`Sicherlich der Hausmeister´, dachte sie, `ob die Katze ihm gehört?´

Die Wände waren mit einem südländischen Wischputz versehen, dessen lichtes Apricot sich in grob eingerechten Pinselstrukturen schattierte. Den Mittelpunkt des großen Raumes bildete ein erhöhtes Futonbett mit allerlei zweckmäßigen Funktionen.
`Behindertengerecht´, dachte Sarah bitter, als sie vor dem Jugendstil-Spiegel saß und ihr pechschwarzes Haar bürstete. Die breite Narbe war inzwischen verblasst, sie zog sich perlmuttfarben vom äußeren Bogen der linken Augenbraue hinunter über die Wange zur Kinnmitte.
Das Gebälk ächzte und stöhnte. Besorgt sah Sarah hinauf zum Dachstuhl.
`Das ist der Temperaturunterschied vom Tag zur Nacht´, beruhigte sie sich, `da arbeitet das Holz.´
Und rollte hinüber zum Bett, wo die Hausmeisterin bereits die Tabletten und das Tafelwasser bereit gestellt hatte. Die gummierten Rollstuhl-Räder quietschten über die alten, gewachsten Dielenbretter, brachten diese leicht zum Schwingen. Sarah hievte sich auf das Bett und ordnete ihre leblosen Beine unter die Bettdecke, lehnte sich erschöpft zurück.
`Ich könnte sie mir abhacken, einschneiden, zerkratzen, ich würd`s nicht merken´, dachte sie verbittert und nahm eine Tablette. Müde schaute sie hinauf zum klaren Sternenhimmel.
`Maurice hat noch gar nicht aus Wales angerufen´ ,sie gähnte laut. Es ging um ein großes Projekt, deshalb war seine Anwesenheit sehr dringend.
Schläfrig tastete sie nach dem Handy.
Ärgerlich, sie hatte es auf dem Tisch in der Veranda liegen gelassen. Das Hausmeister-Ehepaar wollte sie zu so später Stunde nicht bemühen. Sarah löschte das Licht der Tiffany-Lampe.

. . .


Wolken hatten sich inzwischen vor die Mondsichel geschoben. Ein Hund in der Ferne war des Heulens und Bellens noch nicht müde geworden. Sarahs Atem wurde flacher und das Ächzen des Holzes leiser.
Leise war auch das Klopfen. Zaghaft zunächst.
`Ein Specht auf der Regenrinne´, sinnierte Sarah im Halbschlaf. Gebannt hörte sie, wie das Einhämmern lauter wurde und einer gleichmäßigen Rhythmik glich.
Zwei mal kurz - lange Pause - zwei mal kurz - lange Pause. Dieses Hämmern vermischte sich mit dem Quietschen der Rollstuhl-Räder, ihr Körper wurde mit Wucht in die Tiefe gerissen, lag verkrümmt auf dem nassen Untergrund.
Sarah riss die schweren Augenlider auf und schaltete das Lämpchen an. Salzig schmeckte der Schweiß auf ihren trockenen Lippen.
`Ein Traum´. Sie fühlte sich so alleine, nahm noch eine zweite Tablette. Es hatte keinen Sinn, die Dosis versuchsweise zu verringern.
„Das ist doch nur noch ein leichtes Präparat fürs Gemüt, meine Aphrodite,“ hatte Maurice gesagt, „damit du ohne diese Unfall-Träume schlafen kannst. Hab Geduld, meine Kleine,“ ,beruhigte er sie, „bald kannst du auch wieder angstfrei Auto fahren, ich lasse dir das Cabrio umrüsten.“
`Behindertengerecht umgerüstet,´ ,dachte sie wieder und spülte den bitteren Geschmack im Mund mit einem zweiten Schluck Wasser fort. Müde lehnte sie sich im Bett zurück, bald würde die Tablette wirken und ihr einen ruhigen Herzschlag und traumfreien Schlaf bringen.
Tack-Tack-Pause-Tack-Tack-Pause. Wieder der Specht auf der Regenrinne. Der Hund in der Ferne heulte inzwischen mit dem Wind um die Wette. Hart prasselte der Regen auf die Fenster.
Hallende Tritte näher kommend. Das kurze Aufquietschen der Rollstuhl-Räder. Ein leichtes Heben und Senken des Bettes.
„Sie schläft bereits, hat ja auch die volle Dosis des Medikamentes genommen.“ ,flüsterte heiser eine Männerstimme.
„Bist du sicher, dass sie nicht laufen kann?“ ,fragte eine Frau zischend in die Dunkelheit.
„Die kann ebenso wenig laufen wie ein Neugeborenes, meine Liebe.“
Und die Räder des Rollstuhles... ,leise fiel eine Tür ins Schloss.
Tack-Tack-Pause-Tack-Tack-Pause.
Unruhig warf Sarah ihren Kopf hin und her, das Blitzen und Donnern störte ihren Schlaf. Zudem empfand sie das Aufklatschen des Regens auf die Scheiben unerträglich laut.
Das durchdringende Piepsen der Gegensprech-Anlage ließ sie erschreckt zum Hörer greifen.
„Ja?“ ,fragte sie aufgeregt, „was ist los?“
„Aphrodite, ich muss dir flüstern, dass dein Maurice nicht in Wales ist. Der amüsiert sich mit ´ner Drallen nicht nur beim Cabrio fahren“, raunte ihr entfernt eine raue Stimme zu. Klick Eingehängt.
Sarah knipste das Tischlämpchen an und rieb sich benommen die Augen.
„Aber das glaube ich nicht,“ sagte sie halblaut und wählte die Null zur Hausmeisterwohnung. Der Wecker zeigte Ein-Uhr-Fünf. Niemand nahm in der Souterrain-Wohnung den Hörer ab.
Aufgebracht stemmte sie sich in den Rollstuhl. War das die Stimme des Hausmeisters gewesen? Nein. Sie war ja noch im Halbschlaf. Kraftlos rollte sie vorsichtig im ersten Gang ins Bad, wusch sich das verschwitzte Gesicht.
Wieder das Piepsen der Anlage.
Sie legte den Gang ein, der Elektromotor des Rollstuhles surrte los, die Räder quietschten übers Holz, wieder das Piepsen! Sarah rollte zu langsam, sie legte den zweiten Gang ein und prallte unsanft gegen das Bett, als sie hastig den Hörer abnahm.
„Was soll das?!“ ,schrie sie hysterisch in die Muschel.
„´tschuldigung,“ erkannte sie die Stimme des Hausmeisters, „ich will ja nicht stören, Madam, aber meine Frau und ich haben einen Rundgang gemacht, da sahen wir bei ihnen Licht und dachten... ,Madam, ist bei ihnen alles in Ordnung?“
Sarah bemühte sich um einen ruhigen Atem.
„Sie waren also nicht in ihrer Wohnung?“
„Wir machten doch unseren Rundgang, sind gerade zurück gekommen, Madam,“ antwortete der Hausmeister langsam.
„Und das Haus war abgeschlossen? Es könnte doch sonst jeder hier rein! Oder? Ich meine, äh...“ , stotterte Sarah aufgebracht.
„Aber Madam,“ entrüstete sich der Hausmeister, „selbstverständlich schließen wir ab. Sie haben keinen Grund, sich zu fürchten. Soll meine Frau ihnen was bringen? Haben sie noch einen Wunsch?“
Nervös rieb Sarah ihre schweißnassen Hände am Pyjamaoberteil ab.
„Nein danke, es ist nur, ich erhielt über die Gegensprech-Anlage einen Anruf.“
„Madam!“ ,der Hausmeister unterdrückte sein Lachen, „`tschuldigung, aber das ist nicht möglich. Ich sagte ja seinerzeit zu Monsieur Maurice, er solle lieber eine Telefonanlage installieren lassen, aber er meinte, es gäbe ja heutzutage diese Handys.“
Das Handy!
Sie bat, man möge ihr das Handy bringen, sie habe es auf dem Tisch in der Veranda liegen gelassen.
Müde lehnte Sarah sich im Rollstuhl zurück. Kein Anruf über die Gegensprech-Anlage möglich. Hatte sie geträumt? Das Klopfen - ein Specht sicherlich. Dann waren da doch auch noch diese Stimmen gewesen - sie erinnerte sich nicht an den Wortlaut. Aber das Piepsen der Anlage hatte sie geweckt... ,sie sehnte sich so sehr nach einer ruhigen Nacht. Würde bald Maurice´ vertraute Stimme hören übers Handy.
Das Piepsen durchdrang ihre Gedanken. Atemlos teilte der Hausmeister ihr mit, dass er das Handy nirgends im Haus finden könne, auch nicht in der Bibliothek.
„Dann schauen wir morgen bei Tage noch mal nach,“ flüsterte Sarah und hängte schlaff den Hörer ein.
Sie hangelte den Bademantel vom Kleiderhaken und fand in der Seitentasche noch eine Tablette, die sie ohne Wasser schluckte. Tränen rannen ihre Wangen hinab und brannten salzig auf der Haut, nicht auf der tauben Narbe.
Wütend schlug sie mit beiden Fäusten auf ihre Oberschenkel ein und stemmte sich mit letzter Kraft ins Bett, fiel schwer in die Kissen.
Auch der Hund in der Ferne war des Heulens müde geworden.

. . .

Im unrenovierten Ostflügel des Dachgeschosses klapperten die alten Holzläden im Gewittersturm. Unbeirrt hämmerte der Specht seinen Rhythmus.
„Madam! Madam Sarah!“ ,hallte eine kalte Stimme, “denken sie auch daran, den Rollstuhl nur im ersten Gang zu benutzen? Sie wissen doch, die Bremsen sind noch nicht repariert!“
„Lass mich schlafen, böser Traum,“ murmelte Sarah und bettete ihren Kopf bequem ins Kissen. Sie rieb ihre Nasenspitze, weil kurz der Hauch von Zwiebeln, Nikotin und süßlichem Schweiß über sie hinweg zog.
Das monotone Surren des Rollstuhlmotors wurde vom lauten Piepsen der Gegensprech-Anlage unterbrochen. Aber Sarah war zu müde, als dass sie diesem Traum nachgeben wollte.
„Madam!“ ,versuchte eine hohle Stimme ihren Schlaf zu stören, „im Ostflügel hält ihr Vater ein aufschlussreiches Schriftstück für sie bereit. Sie sind doch neugierig? Der Rollstuhl ist fahrbereit. Sie wollten ja den Hörer nicht abnehmen, das muss ich es ihnen nun persönlich sagen.“
Sarah drehte ihren Kopf auf die linke Seite und blinzelte zum Rollstuhl.
„Komm, Prinzessin, Vaters Töchterlein will doch lesen, was geschrieben steht?“
`Prinzessin,´ lächelte sie schlafend in sich hinein, `so hat Vater mich immer genannt´.

Jäh wurde sie hoch geschleudert und unsanft im Rollstuhl platziert!
Und sie surrte mit dem Rollstuhl schnell, viel zu schnell, durch den Flur gen Ostflügel. Weit hinten hörte sie ein gellendes Lachen, welches sie wie ein Echo auf ihrer rasanten Fahrt begleitete, vorbei an Schatten, die im Blitze des Gewitters umhertanzten.
Diese Dunkelheit! Sarah krallte sich an den Armstützen fest und fingerte gleichzeitig nach dem Hebel, um die Bremse zu betätigen. Das gelang ihr nicht.
Ihre Füße rutschten ab von der Stütze und schlaff rieben ihre Beine an den Gummirädern. Der Rollstuhl verlangsamte sich und sie streifte seitlich das Baugerüst des Aufzug-Schachtes.
„Das ist kein Traum!“ ,schrie Sarah, als sie wuchtig zu Boden fiel. Ein stechender Schmerz durchschnitt ihren Ellenbogen, sie fühlte eine nasse Wunde.
„Hilfe!“ ,schrie sie gellend durch das Treppenhaus. Dem Donner des Gewitters folgte ein heller Blitz, als ein Gewicht auf ihren Rücken nieder ging, sich in ihre Schultern verkrallte.
„Mijauiieeee!“ ,fauchte die Katze und entschwand. Die Holzläden klapperten und klirrend ging eine Scheibe zu Bruch.
Zitternd lag Sarah auf dem Boden.
„Hilft mir denn keiner?“ ,schluchzte sie wimmernd. Wo war der Rollstuhl? Sie konnte ihn nicht sehen, robbte sich quälend vorwärts. Diese Dunkelheit! Stück für Stück tastete sie sich weiter. Sie hatte so wenig Kraft in den Armen und der Schmerz in der Linken machte ein Fortkommen fast unmöglich. Der Boden war entsetzlich rau und uneben.
Sie erinnerte sich.
Wie sie als Kind manchmal hier hoch gestiegen war, wenn die Eltern sich stritten, dann hatte sie fasziniert die Spinnen in ihren Netzen beobachtet. Nun jagte ihr das einen Schauer über den Rücken.
Sie hörte Schritte hinter sich!
„Wer ist da?!“ ,schrie sie ins dustere Treppenhaus.
„Hier ist einer, der dir was vorlesen will, Prinzessin,“ hallte es ihr kalt aus dem hinteren Teil des Flures entgegen.
Panisch robbte sie weiter, fühlte eine Baulatte des Gerüstes. Sie befand sich direkt vor dem Lift-Schacht! Und ein kleines Stückchen weiter rechts fühlte sie einen Reifen des Rollstuhles. Der Stuhl stand also seitlich des Baugerüstes. Ihr angestrengtes Keuchen hallte laut. Viel zu laut. Ihr Herzschlag drohte den Kopf auseinander zu sprengen.
„Prinzessin! Weglaufen geht nicht! Oder willst du den Schacht hinab stürzen?“
Schritte. Harte Schritte, langsame Schritte.
Sarah riss die Augen auf, wollte der Dunkelheit wenigstens etwas Sehbares abgewinnen. Das Gewitter hatte sich verzogen. Keine aufhellenden Blitze mehr. Sie presste eine Hand auf ihren Mund, um ihr schweres Atmen leiser klingen zu lassen.
„Na? Liegt die verwöhnte Prinzessin nun wimmernd vor dem Abgrund? Aber Kleines, du darfst dich erst runter stürzen, wenn ich dir eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen habe von deinem Vater!“ Und sein Lachen drang kalt durch das Treppenhaus.
„Dann lies endlich!“ ,schrie sie tränenerstickt, und klammerte sich am Rad des Rollstuhles fest, der leicht von ihr weg rollte. Kurz in die Stille hinein quietschte.
In der Ferne begann wieder das Heulen des Hundes.
„Ja, halte dich schön fest an deinem Elektro-Cabrio! Soll ich dich rein setzen? Du liebst doch den Luxus, stimmt ´s?!“
Hart stieß es sie in die Lende! Sie zuckte ruckartig mit dem Kopf zur Seite, wurde wie eine schlaffe Puppe vom Boden hoch genommen und in den Rollstuhl gesetzt.
„Nein!“ ,und ihr Schreien überschlug sich, „fass mich nicht an!“ Wild schlug sie mit den Armen um sich in das Schwarze hinein, der Rollstuhl wurde herumgerissen. Eilig entfernte sich die Gestalt mit hallenden Schritten fort von ihr.
Zaghaft beugte sie ihren Oberkörper nach vorne, konnte die Holzlatten des Baugerüstes fassen. Sie stand frontal vor dem Schacht. Starr verharrte sie. Vor ihr der Abgrund. Ein Tritt von ihm und ...
„Ich habe dir nichts getan,“ jammerte Sarah. Beißend tropfte der Schweiß von der Stirn in ihre Augen, nass und klamm spürte sie ihr langes Haar im Nacken.
Sie fingerte nach dem Bremshebel, zog ihn mit aller Kraft hoch, bis er klickend einrastete. Nur ein Tritt von ihm ...
„Doch!“ ,zischte die Stimme kalt aus dem Hinterhalt, „du und deine Mutter, ihr beide habt mir was angetan! Euch wollte er nicht verlassen! Verwöhntes Weiberpack! Und ich?!“ Schrie er lauter und kam näher. „Ich war Zeit meines Lebens der uneheliche Bastard dieser Hausmeisternutte, welche sich meine Mutter nennt!“ Sie hörte, wie er auf sie zu lief mit harten Schritten. Sarah zog wieder mit unermesslicher Kraft den Bremshebel hoch, als sie den immensen Tritt wahr nahm ... krachend zerbarst das Baugerüst, als sie in die Tiefe stürzte, und der metallene Aufprall des Rollstuhles übertönte das dumpfe Aufschlagen ihres zarten Körpers.
Stille.

. . .

„So ein dummer Junge,“ flötete Maria süß, „er konnte ja nicht wissen, dass Sarah Dich als Alleinerben testamentarisch bedacht hat.“ ,und genoss Maurice´ Zärtlichkeiten, wie er an ihren Zehenspitzen knabberte.
„Und kann nicht einmal seinen Pflichtanteil einklagen, der Ärmste, weil er seiner Halbschwester nach dem Leben trachtete, hat aber wenigstens eine Einzelzelle,“ ,grunzte sie aufstöhnend, wuschelte ihm durch das lockige Haar und hauchte: „Maurice, mein Schatz, du bist das Kostbarste, was mir im Leben begegnet ist.“

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