Ganz schön bissig ...
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Juni 2002
Gefährlicher Zauber
von Ingeborg Restat


Grau und dunkel der Himmel; finster und drohend die See. Vergessen der Sonnenstrahl, der eben noch die Wolken durchbrach und über den menschenleeren Strand glitt, als wolle er Antonia die Muscheln im Sand zeigen, die sie einsammelte.
Ihr Beutel war fast voll. Sie sah auf ihre Armbanduhr; bald würde Mathias kommen; sie musste sich beeilen, wenn sie bis dahin alles fertig haben wollte. Sie stapfte durch den tiefen Sand und lief dann in weiten Sprüngen den Weg an der steilen Küste hoch. Ihr langes, blondes Haar flatterte hinterher. Behände erstieg sie noch den letzen Hang, bis sie den festen Fahrweg erreichte, der einen Ort in einiger Entfernung mit einem einsam gelegenen kleinen Haus am Rand der Steilküste, hoch über der See, verband.
Sie blieb einen Moment stehen, sah erwartungsvoll den Weg zum Ort entlang. Vorfreude erfüllte sie. Sie liebte Mathias, wollte mit ihm hier, wie fernab der Welt, ein paar glückliche Tage verbringen. Aber noch war sein Auto nicht zu sehen. Er weilte in dem Ort zu einer Tagung, hatte das kleine Haus gemietet und sie gebeten, hier auf ihn zu warten.
Sie drehte sich um und rannte auf das Haus zu. Mit seinem weit ausladenden und tief heruntergezogenen Reetdach schien es sich hier oben über der See zu ducken, klein machen zu wollen, um jedem Sturm, der an ihm rüttelte, zu trotzen.
Antonia sah sich noch einmal um. Noch war es nicht Abend und doch war es, als werde es schon Nacht. Draußen auf der See zeigten Schaumkronen auf hohen sich aufbäumenden Wogen, dass ein Sturm sie auf das Land zutrieb. Immer heftiger wurde das Klatschen und Rauschen der auf den Strand schlagenden Wellen. Nicht zum ersten Mal war sie hier, bisher hatte sie sich nicht gefürchtet, wenn sie allein war, aber heute erfasste sie eine ihr unerklärliche Beklemmung. Ein heftiger Wind fuhr ihr ins Haar, bauschte ihre Bluse auf. ‚Das gibt ein Wetter’, dachte sie, sah noch nach ihrem bei den Büschen neben dem Haus abgestellten Auto, mit dem sie hergekommen war, öffnete schnell die knarrende Haustür und ging hinein. Da traf der erste Anprall des Sturmes das Haus; es ächzte und stöhnte.
Einen Moment lang lauschte Antonia. Der Sturm heulte durch alle Ritzen des Hauses. Dämmrig wurde es in den Räumen. Die Beklemmung wurde zur Furcht in ihr. Sie wusste nicht, warum. Mit einem schnellen Schritt war sie am Lichtschalter und schaltete die Deckenleuchte ein. So war es besser. Sie ging in jedes Zimmer und machte jede Lampe an.
Sie hatte nicht Zeit, sich in Angst zu verlieren. Geschäftig und liebevoll deckte sie den Tisch, stellte Kerzen und Rosen darauf. Dann nahm sie den Beutel mit den Muscheln und ging damit ins Schlafzimmer. Sorgsam begann sie auf seinem Kopfkissen mit den Muscheln ein Herz zu legen. Sie wusste, wie sehr er sich über solche kleinen Gesten freute. Das machte ihn für sie noch liebenswerter.
Über ein Jahr war es jetzt her, dass er sie verzaubert hatte, als er groß und stattlich vor ihr stand. Selbstsicher war er gekommen, wollte etwas zu ihr sagen, hatte sie zuerst jedoch nur verwundert angesehen und war sich wie verlegen durch seine schwarzen Haare mit den schon weißen Schläfen gefahren. Überrascht hatte sie zu ihm aufgeschaut, sich von seinen hellen Augen festhalten lassen, von diesem Blick, der sie gefangen nahm, noch ehe sie begriff, was da mit ihr geschah.
Doch selten, viel zu selten hatte er Zeit für sie. „Die Firma, die Reisen ...“, sagte er immer entschuldigend. „Nein, außer ihr, gebe es für ihn niemand, der wichtiger sei“, versicherte er, wenn er spürte, dass Misstrauen bei ihr aufkommen wollte. Aber warum blieb er kaum einmal über Nacht, kam oft nur zum Frühstück? Dann reichte die Zeit gerade noch fürs Bett und schon musste er eilig wieder weg. Warum konnte nicht auch sie einfach zu ihm gehen? Doch wenn er dann lachend sagte: „Zerbrich dir nicht deinen hübschen Kopf“, dann verdrängte sie ihre Gedanken. Warum sollte sie ihm nicht vertrauen? „Lass mir Zeit! Wir müssen doch nichts überstürzen. Du wirst mich nicht mehr los, da kannst du ganz sicher sein.“ Und sie wollte ja auch an gar nichts anderes glauben.
Der erste Blitz zuckte, der erste Donner grollte, da ... Was war das? Es polterte an der Eingangstür, als schlage einer mit einem Knüppel dagegen. Sie erschrak, verharrte, lauschte. Das Herz auf dem Kissen war fast fertig. Die letzte Muschel hielt sie noch in der Hand. Da ... jetzt wieder ... dieses Klopfen!
Sie fuhr sich über ihre Augen und lächelte. Natürlich: Mathias! Er kam schon und wollte bei dem Wetter schnell ins Haus. Hastig legte sie die letzte Muschel auf das Kopfkissen und lief erwartungsvoll zur Tür. „Liebling!“ Sie riss die Tür auf – und erstarrte. Nichts! Niemand war da. Vor ihren Füßen lag eine seltsame Stoffpuppe, in deren rechter Hand eine lange Nadel steckte. Was sollte das? Wer hatte ...? Sie nahm sie auf, machte einen Schritt hinaus. Der Sturm erfasste sie, wollte sie gegen die Hauswand drücken. Sie stemmte sich dagegen, schaute suchend den Weg entlang. Nichts zu sehen! Nur ihr Auto stand bei den Büschen, die von vielen Stürmen verkrüppelt und verdreht worden waren und sich nun dem Sturm ächzend beugten. Sie fröstelte, kalt lief es ihr über den Rücken. Erste große Regentropfen trafen sie. Aber einer musste doch diese Puppe hierher gelegt haben? Warum diese Nadel in der Hand? Sie zog sie heraus. „Au!“, schrie sie auf. Eine ungeschickte Bewegung, wie von allein fuhr ihr die Nadel in die rechte Hand. Es blutete. Eine Sturmbö, die Tür hinter ihr quietschte, schlug krachend zu und ging wieder auf. Sie fuhr zusammen. Weit warf sie die Puppe von sich, rannte ins Haus und lutschte die Wunde aus. Allzu schlimm war es zum Glück nicht. Sie band sich ein Taschentuch um die Hand. Sie beruhigte sich, natürlich, der Sturm, er war so gewaltig, er hatte diese Puppe, die irgendjemand verloren hatte, polternd gegen ihre Tür geschleudert.
Sie lief in die Küche. Mathias musste jeden Moment kommen und sie hatte das mitgebrachte Essen noch nicht vorbereitet, den Braten nicht geschnittenen. Sie füllte eine Schüssel mit Salat, stellte eine Platte für den Braten bereit und legte ein scharfes Messer daneben. Da – ein Knall gegen das Küchenfenster. Sie fuhr zusammen. ‚Wer weiß, was der Sturm da wieder gegengeschleudert hat?’, beruhigte sie sich und konnte doch ein furchtsames Zittern nicht unterdrücken. Der Sturm heulte in seinen höchsten Tönen. Sie wollte gerade Baguette in den Herd legen, da krachte es, das Fenster war schlagartig dunkel. Sie stand im Schein der Küchenlampe und starrte wie erstarrt auf die geschlossenen Fensterladen draußen. Langsam, wie von Geisterhand, öffneten sie sich, um dann erneut mit lautem Krach zuzuschlagen, auf und zu, wieder und wieder. Wie gelähmt stand sie, ließ es geschehen, bis sie begriff, der Sturm musste die Riegel gelöst haben. – Aber wie? Egal! Sie lief zum Fenster, öffnete es, griff nach den Fensterladen, wollte sie festhaken, aber der Sturm riss sie ihr aus der Hand. Nur mit großer Anstrengung gelang es ihr endlich. Ihr wurden die Beine schwach. Was war nur los?
Noch hatte sie das Fenster nicht wieder geschlossen, da polterte es erneut an der Eingangstür. Mathias konnte es nicht sein. Sein Auto stand noch nicht neben ihrem. Ein Blitz fuhr vom Himmel hernieder, Blitz und Donner waren eins. Der Sturm schlug die Haustür kreischend auf, Zugluft riss an ihren Haaren, wehte Papier vom Tisch durch die Küche, riss ihr den Fensterflügel aus der Hand und schlug das Fenster zu. Panik erfasste sie. „Verdammt! Ich hatte doch die Haustür geschlossen, wie kann sie aufgehen?“, rief sie laut und rannte zur Tür.
Da lag sie wieder, diese Puppe. Diesmal mit der Nadel in der linken Hand. Sie starrte darauf, ihr wurde unheimlich, sie konnte sich dagegen kaum wehren. Zornig bockte sie auf und gab der Puppe mit ihrem Fuß einen Stoß, dass sie weit wegflog. Dann schloss sie die Tür.
So weit kommt es noch, dass sie beginnt an Übersinnliches zu glauben, redete sie sich ein, ging in die Küche und machte sich daran, den Braten aufzuschneiden. Weit kam sie damit nicht. Sie rutschte ab und schnitt sich böse in die linke Hand. Das schmerzte! Auslutschen half diesmal nichts. Sie suchte Verbandszeug heraus, tat blutstillendes Pulver auf die Wunde und ein Pflaster darüber. Sollte das nun so weitergehen? Suggerierte sie sich diese Verletzungen selbst auf durch diese Puppe mit der Nadel? Was war das Nächste? Sie schlich sich zur Haustür, öffnete sie vorsichtig und sah suchend hinaus.
Die Puppe war nicht zu sehen. Aber sie lag auch nicht da, wo sie diese mit dem Fuß hingestoßen hatte. Der Sturm schien eine Pause zu machen. Ein seltsames Wetter war das, Himmel und See so dunkel und drohend, ab und an ein Blitz, ein Donner und nur wenige große Regentropfen. Doch in diesem Moment war es ruhig. Vielleicht war es vorbei.
Sie ging wieder in die Küche, um weiter das Essen vorzubereiten. Gleich, bestimmt gleich würde Mathias kommen, dann war sie nicht mehr allein und der Spuk vorüber. Sie lauschte ängstlich. Nichts war mehr zu hören, kein Aufheulen des Sturms, kein Ächzen des Hauses. Eine so absolute Ruhe, die schon wieder unheimlich war, wie die Ruhe vor dem Sturm, die Ungutes ahnen lässt. Dazu flimmerte draußen die Luft in einem seltsam schwefelgelbem Dämmerlicht. Sie konnte kaum noch ihre Furcht unterdrücken. Sie musste sich zusammennehmen, durfte nicht durchdrehen. Ganz vorsichtig begann sie den Braten zu schneiden. Noch einmal wollte sie sich nicht verletzen.
Ein Knall an der Eingangstür, zugleich ein greller Blitz, Donner, der Sturm heulte auf, als hätte er nur Luft für neue Kraft geschöpft. Antonia fiel das Messer aus der Hand. Noch ein Knall an der Tür, dann als würden Holzscheite dagegen geworfen, eines nach dem andern. „Verdammt, da ist doch jemand! Wer treibt sein Spiel mit mir?“, fluchte sie laut, machte sich Mut damit, löste sich aus der Erstarrung und näherte sich vorsichtig der Eingangstür. Sie zögerte – noch einmal flog etwas dagegen – sie zuckte zusammen, wartete – nur der Sturm heulte heftig – vorsichtig wollte sie die Tür öffnen, doch der Sturm riss ihr diese gleich aus der Hand und drückte sie mit einem Schlag auf. Es warf sie fast um; sie taumelte und machte entsetzt einen Schritt zurück. – Da lag sie wieder, die Puppe, wie von Geisterhand geworfen, diesmal mit einer Nadel im linken Bein.
„Nein!“, schrie Antonia laut. Zorn überwand jetzt jede Angst in ihr. Voller Wut rannte sie raus, stemmte sich gegen den Sturm, achtete nicht auf die großen Tropfen die wieder aus den Wolken fielen. Sie musste ihn finden, diesen unverschämten Kerl, der mit ihr ein böses Spiel trieb. Sie rannte um ihr Auto, ums Haus; sie schaute hinter die Büsche, blickte so weit sie konnte. Nichts! Niemand! Ihr war zum Heulen. Warum kam denn Mathias nicht. Längst hätte er da sein müssen. Wie konnte er sie so lange allein lassen? Am liebsten würde sie sich ins Auto setzen und zu ihm fahren, denn das hier ging nicht mit rechten Dingen zu. Aber er wollte es nicht, hatte es nie gewollt, dass sie zu ihm kam, wenn er zu einer Tagung in dem Ort war. „Von den andern hat auch niemand seine Frau oder Freundin mit“, hatte er ihr erklärt. Und sie fand sich damit ab, von ihm versteckt gehalten zu werden.
Langsam ging sie zum Haus zurück. Der Zorn war verflogen, war angstvoller Ergebenheit gewichen. Die Puppe rührte sie nicht an. Sie machte einen großen Bogen um sie. Aber wie gebannt konnte sie den Blick nicht von ihr wenden. Da – ein Schritt – ein Loch – voll trat sie hinein und knickte um - sie schrie auf, fiel hin. Mühsam erhob sie sich wieder, aber mit dem linken Fuß konnte sie vor Schmerzen kaum noch auftreten. Ein Blick zur Puppe. Die Nadel aus dem linken Bein war verschwunden. Antonia humpelte so schnell sie konnte ins Haus. Der Sturm hielt die Haustür fest; sie konnte sie nur mit aller Kraft zumachen. Das Heulen in allen Ritzen klang jetzt wie höhnisches Gelächter. Sie hielt sich die Ohren zu.
Sie machte keinen Versuch mehr, das Essen vorzubereiten, sie setzte sich hin und kühlte den Fuß, er schwoll an und schmerzte sehr. Müsste sie damit nicht zu einem Arzt? Und Mathias kam nicht. Was war los? Warum kam er nicht? Warum rief er nicht wenigstens an? Sie nahm ihr Handy, versuchte selbst ihn in ihrer Angst anzurufen, obgleich sie wusste, sie sollte dies nicht tun, er wollte sich melden. Aber sie erreichte ihn nicht; er hatte sein Handy abgeschaltet.
Die Abenddämmerung setzte ein, machte alles noch dunkler, unheimlicher, als es schon war. Sie grübelte: Wieso war da ein Loch? Ganz sicher war sie sich, dass da vorher kein Loch gewesen war – oder doch? Hatte sie es nur übersehen? Ja sicher, das musste sie übersehen haben. So etwas konnte es doch gar nicht geben. Noch nie hat sie an magische Kräfte geglaubt. Bestimmt ist alles erklärbar – jawohl! - Und die Puppe? Ach der Sturm trieb sie wahrscheinlich hin und her und auch gegen die Tür. – Und die Nadeln? Das bildete sie sich nur ein. – Ja, so war es! Wenn sie jetzt gleich hinausginge, dann würde sie das Loch finden, weil es eben immer da gewesen ist und sie es nur nicht gesehen hat. Davon war sie nun überzeugt. Sie brauchte nur aufzustehen und dahin zu humpeln. Ruhig war es draußen wieder, kein Donner, kein Sturm, als gäbe es gar kein Wetter.
Sie stand auf, sie wollte es wissen. Sie versuchte aufzutreten, es ging. Vielleicht war die Verletzung ja nicht so schlimm, aber es tat höllisch weh. Mühsam sich abstützend, wo es nur ging, humpelte sie zur Tür. Zögernd legte sie die Hand auf die Klinke. „Ach, was!“ Entschlossen riss sie die Tür auf. – Nichts! Ruhe! Nicht einmal Regentropfen – und keine Puppe zu sehen. Sie holte tief Luft und humpelte zu der Stelle, an der sie in das Loch geraten war. – Sie sah sich um und um – kein Loch, keine Unebenheit des Weges. Ratlos fuhr sie sich durch die Haare; ihr war, als sträubten sie sich. Da – Blitz Donner, aufheulender Sturm, der einen kurzen Regenguss in ihr Gesicht peitschte. Sie wollte schreien, konnte nicht. So schnell es ging, humpelte sie zurück zum Haus. Dann blieb sie wie erstarrt stehen – vor der Tür lag die Puppe, diesmal mit der Nadel in der linken Brust. – „Nein“, schrie sie auf, Grauen packte sie. Sie hastete so gut sie mit dem Bein konnte an der Puppe vorbei ins Haus und schlug hinter sich die Tür zu. Keine Überlegung mehr, ob es möglich sei oder nicht, nur noch: ‚Ich muss hier weg – einfach weg! Ich muss zu Mathias, sonst bringt mich das Unheimliche um, was hier geschieht.’
Kein Gedanke mehr an einen verliebten, romantischen Abend bei Kerzenschein, alles ließ sie stehen und liegen, holte ihre Tasche, nahm ihre Autoschlüssel und flüchtete zur Tür hinaus, humpelte eilig zum Auto, achtete nicht mehr auf die Puppe. War sie noch da oder war sie wieder verschwunden? Weg hier, nur weg hier! Das Bein tat unsagbar weh, gut dass es das linke war, sonst hätte sie nicht einmal Auto fahren können und wäre hier gefangen gewesen. Wie gehetzt gab sie Gas und raste davon, auf den Ort zu. Mathias, er würde sie in die Arme nehmen und Ruhe würde sie endlich finden. Aber könnte er ihr denn glauben? Er musste sie ja für verrückt halten. Da schüttelte eine Bö das Auto, drückte es fasst von dem Fahrweg weg, bedrohlich der Steilküste zu. Alle Kraft brauchte sie, um den Wagen zu halten. Zugleich krachte etwas gegen die Windschutzscheibe. Sie schrie auf! Im Scheinwerferlicht sah sie schemenhaft, es war die Puppe. Das träumte sie doch nicht, er musste ihr glauben, auch wenn es keine Erklärung dafür gab.
Abgehetzt, verschwitzt kam sie vor dem Hotel an, in dem Mathias wohnte. Menschen gingen ein und aus, gut angezogene Menschen, die lachten und miteinander sprachen, die keine Ahnung davon haben konnten, was ihr widerfahren war, die es bestimmt anzweifeln würden. Hier war kein Sturm, Lichtschein aus Fenstern und von Laternen erhellte die abenddunkle Straße. Einen Moment blieb sie im Auto sitzen, musste erst zu sich kommen. Dann warf sie einen Blick in den Spiegel und richtete sich so gut es ging her, damit sie da hineingehen konnte, ohne Aufsehen zu erregen. Doch allein die Nähe dieser Menschen ließ sie schon ruhiger werden. Alles eben Erlebte begann ihr selbst unwahr zu erscheinen. War da nur ihre Fantasie mit ihr durchgegangen? Wem konnte sie überhaupt davon erzählen? Mathias, ja, er würde, nein, er musste sie verstehen. Aber die andern? Wer hat sich nicht schon einmal in die Hand gestochen, geschnitten oder ist unglücklich in ein Loch getreten. Schließlich hatte die Nadel in der linken Brust bei der Puppe wohl nichts zu bedeuten, denn nun war sie hier und fühlte sich in Sicherheit, ohne dass etwas geschehen war.
So weh der Fuß auch tat, sie humpelte tapfer ins Hotel und fragte nach Mathias. Er sei nicht in seinem Zimmer, sondern im Restaurant, gab man ihr Auskunft. Ihr Herz klopfte heftig. Sie sehnte sich danach, sich an ihn zu lehnen, getröstet zu werden, seine Wärme, seine Liebe zu spüren, nach diesen schrecklichen Stunden. Und dann sah sie ihn – er saß mit einer ihr fremden Frau an einem Tisch am Fenster. Sie neigten sich einander zu, tranken Wein und lachten. Er lachte mit einer anderen, während sie auf ihn gewartet hatte und vor Angst fast vergangen war. Wer war das?
Antonia stand in der Tür. Er sah sie, sprang auf, kam zu ihr. Sie wollte weinen, erlöst weinen, aber er packte sie fest am Arm und flüsterte ihr zu: „Sag jetzt nichts! Um Gottes willen, sag nichts! Ich erkläre dir später alles“ und laut: „Kommen Sie, setzen Sie sich zu uns.“ Dann zog er sie zu seinem Tisch, bemerkte dabei, dass sie humpelte, und fragte nur beiläufig: „Was haben Sie denn gemacht?“ Das war alles. Kein Bedauern, kein Warten auf eine Antwort.
Antonia ließ sich sprachlos mitziehen. Warum duzte er sie nicht? Sie spürte, wie angespannt und verkrampft er war, wie unfrei sein Lachen. Was kam nun noch auf sie zu? Sie hatte keine Kraft mehr, sich dagegen zu wehren, fühlte sich ohnmächtig und hilflos dieser Situation ausgeliefert. Was war denn nur los?
Die Frau an dem Tisch wandte sich ihr zu und sah ihr entgegen. Antonia verhielt den Schritt. Rote Haare, grüne Augen, die sie durchdringend ansahen. „Darf ich Ihnen meine Frau vorstellen?“, hörte sie Mathias sagen. – ‚Meine Frau vorstellen – meine Frau vorstellen – seine Frau vorstellen’, wie ein Echo ging das durch ihren Sinn. Er hat eine Frau! Er hatte sie belogen. Wie ein Aufschrei kam ihr die Erkenntnis; ein unglaublich schmerzender Stich fuhr ihr durch die Brust. Sie glaubte, der Erdboden müsse sich öffnen und sie verschlingen. Wie aus weiter Ferne hörte sie, dass er sie als eine gute Bekannte bezeichnete, mit der er eng geschäftlich zusammenarbeite. Und er lachte, ja, er lachte dabei.
Sah Mathias denn nicht, was Antonia sah? Dieses fratzenhafte Gesicht der Frau mit dem unverschämten Grinsen, diese durchbohrenden grünen Augen, umrahmt von einer wilden roten Mähne. Hörte er nicht, wie diese Hexe höhnisch lachte. Nein, Mathias sah es nicht.
Antonia fuhr sich über die Augen. Das Bild verschwand, da saß eine sehr gepflegte Frau, keine Hexe. Eine beneidenswerte Erscheinung. ‚Ich bin verdreht von all dem seltsamen Geschehen, von dem wahnsinnigen Schmerz in meiner Brust, den ich kaum aushalten kann’, dachte sie, noch immer unfähig zu eigenem Handeln.
„Was haben Sie mit ihrem Bein gemacht, Sie Ärmste?“, fragte die Frau mit einem eigenartigen Lächeln wie triumphierender Hohn. „Stehen sie nicht unnötig herum, trinken Sie ein Glas Wein mit uns“, forderte sie Antonia auf.
Nein, Antonia wollte weglaufen, weit weg! Aber als wäre sie in einem Bann, ohnmächtig einer fremden Macht ausgeliefert, dem Willen dieser Frau, setzte sie sich. Und Mathias? – Hilflos schien auch er dieser Situation gegenüber zu sein. Sie sah ihn an, wollte weinen, ihm eine runterhauen, ihn anschreien, anklagen, vielleicht würde dann der unerträgliche Schmerz in der Brust, als durchbohre eine Nadel ihr Herz, nachlassen. - Die Nadel in der Puppe - jetzt hatte sie die Nadel in ihrer Brust! – Diese grünen Augen der Frau ließen sie nicht los, als weidete sie sich an ihrem Schmerz.
Sie redeten. Was redeten sie? Ach, das einsame Haus da, hoch oben über der See, ja, das kenne sie gut, darin hatten sie ihre Flitterwochen verbracht, sagte die Frau. Und wieder klang Antonia ihr Lachen wie Hohn. Ihr war, als hätte sie es schon einmal gehört, da in dem Haus, als der Wind durch alle Ritzen heulte. Erneut schien sich das Gesicht der Frau zu einer Fratze zu verändern. Sie kramte in einem Beutel, als suche sie etwas, hielt ihn aber so, dass Antonia hineinsehen konnte. Die Puppe – Antonia sah ganz deutlich die Puppe darin mit der Nadel im Herzen. Entsetzen packte sie. Sie musste weg. Sie sprang auf, murmelte irgendetwas, drehte sich um und flüchtete fort von Mathias, fort von der Frau, raus aus dem Hotel.
Erst als sie auf dem Weg zum einsam gelegenen Haus über der See war, kam sie zu sich. Keine Regentropfen fielen mehr, einzelne Wolken glitten am Himmel entlang, verdeckten zeitweise die Sterne und den Mond. Es war vorbei, der Sturm, der Spuk, ihre Liebe. Endlich konnte sie weinen. Mondschein glitt über das geduckte Haus, als sie ankam. Sie ging hinein, nahm die Muscheln von seinem Kopfkissen, humpelte zum Rand der Steilküste und warf jede Muschel einzeln zum Strand, zur See zurück. Und mit jeder Muschel warf sie auch ein Stück ihrer Liebe fort, bis nicht eine mehr vorhanden war. Es würde noch lange wehtun, aber es würde vergehen, so wie nun auch die See nicht mehr tobte, sondern leise rauschte, als wollte es sie beruhigen.
Sie wandte sich um, packte im Haus ihre Sachen und verließ es. Hier musste sie auf nichts mehr warten.
Als sie den Weg fort von dem Haus ihrer Liebe, zurück in ihr Leben fuhr, kam ihr Mathias in seinem Auto entgegen. Er sprang heraus, stand da im Scheinwerferlicht ihres Autos, wollte ihr den Weg versperren, gab ihr Zeichen, sie solle anhalten, am Ende nur noch fragende Gesten. Aber Antonia sah nicht einmal richtig hin. Sie fuhr um ihn herum und unbeirrt weiter. Wer war das? Sie kannte ihn doch gar nicht. Sein Leben hatte er vor ihr verborgen gehalten.

© Ingeborg Restat

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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