Ganz schön bissig ...
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Juni 2002
Der Tod fährt mit
von Birgit Erwin


Sie hatte keine Chance. Das blasse Gesicht tauchte zu plötzlich vor ihrer Windschutzscheibe auf. Sie sah den stummen, aufgerissenen Mund und hörte das dumpfe Krachen, als ihr linker Kotflügel den Menschen erfasste und gegen einen Baum schleuderte.

Ich habe einen Unschuldigen getötet, dachte sie. Oh mein Gott...

Vielleicht hätte sie doch auf Robert hören sollen.
Überlass es der Polizei, hatte er gesagt. Die werden wissen, was sie tun.
Robert meinte es gut, aber wie immer hatte er den springenden Punkt übersehen. Sie wussten nicht, was sie taten.

Sie trat auf die Bremse und sprang aus dem Wagen. Wortfetzen spukten ihr durchs Gehirn. Die warnende Stimme ihrer Mutter, ihres Fahrlehrers, der Gesellschaft: Nie, nie sollst du als Frau nachts alleine aus dem Auto steigen. Mehr als eine Regel, fast schon ein Gebot. Aber sie konnte das blasse Gesicht nicht vergessen. Die Angst, die dieses Menschenwesen gespürt haben musste, als das Auto auf es zuraste, konnte nicht geringer gewesen sein als ihre eigene, jetzt, alleine auf der dunklen Straße.
„Hallo?“ rief sie und erschrak vor ihrer eigenen Stimme. Der Fußgänger hatte sich bereits aufgerappelt. Sie atmete auf. Gleichzeitig verstärkte die Angst ihren eisigen Griff. Sie hob langsam den ausgestreckten Arm, auch wenn die Geste nicht für diesen Mann gedacht gewesen war, den sie beinahe getötet hätte. Schwaches Licht schimmerte auf Metall.
„Haben Sie sich verletzt?“
Der Mann wandte ihr sein Gesicht zu. Sie spürte leichte Irritation, wie eine Mutter, die sich fragt, wie eine andere Frau ihr Kind alleine auf die Straßen lassen konnte. Er sah so jung aus. Seine Lippen waren schmale, schöne Bögen, seine Augen groß und dunkel. Seine Haut leuchtete weiß über dem schwarzen Kragen der schweren Lederjacke. Ihr Blick huschte zu seinen Füßen. Er trug Springerstiefel.
Vor ihren Auge zogen plötzlich skandierende Neonazis vorbei.
Der Junge lächelte.
„Sie müssen keine Angst vor mir haben.“
„Ich habe keine Angst.“
„Sie richten eine Waffe auf mich“, sagte er sanft.
„Ja.“ Etwas anderes fiel ihr nicht ein.
„Ich bin wirklich harmlos.“ Er lächelte wieder in der Dunkelheit und hob ihr seine weißen Handflächen entgegen. Die Geste war bedeutungslos und wirksam.
„Es tut mir leid“, murmelte sie.
„Ich verstehe vollkommen. Sie müssen vorsichtig sein. Sie haben Angst. Aber ich versichere Ihnen, dass Sie heute Nacht nicht sterben werden.“
Sie lächelte flüchtig und merkte dabei, wie verkrampft ihr Gesicht war. Dieser Anspannung verdankte sie ihre ersten, verfrühten Falten. Sie atmete tief.
„Kann ich Sie irgendwohin mitnehmen?“
„Das ist sehr freundlich von Ihnen. Aber Sie haben sicher eigene Pläne.“
Sie nickte und umklammerte den Griff der Waffe.
„Ich werde heute Nacht einen Menschen erschießen. Aber das hat Zeit. Wollen Sie immer noch mitfahren?“
Er musterte sie mit unbewegtem Gesicht.
„Es ist spät, und ich möchte meine Verabredung nicht warten lassen.“ Er zuckte die Achseln. „Ich fahre gerne mit. Vielleicht müssen wir sogar in die gleiche Richtung.“
„Zum Bahnhof?“
Er nickte lächelnd. „Zum Bahnhof. Was für ein Zufall.“

„Es muss seltsam sein, zu einem Mord zu fahren“, sagte der Junge. Er hatte ganz still gesessen. Sie hatte seine Anwesenheit fast vergessen.
„Ich möchte nicht darüber reden.“
Wenn sie darüber redete, musste sie an Marko denken, und der Schmerz kehrte zurück. Sie tötete, damit der Schmerz aufhörte. Sie konnte beinahe hören, wie der junge Mann sein sanftes Lächeln lächelte.
„Irgendwann müssen Sie reden. Mit einem Priester, mit ihrem Mann, mit der Polizei. Mit irgendwem. Mit Ihrem Kind.“
„Meinem Kind?“ fragte sie und zog den Atem so scharf ein, dass er kalt durch ihre Zähne schnitt.
„Sie sind schwanger.“
„Ja... woher....“ Plötzlich begann sie zu weinen. Heiße Tränen rannen lautlos über ihr Gesicht. Als sie sie fortwischen wollte, merkte sie, dass sie die Pistole nicht losgelassen hatte. Sie schauderte.
„Er hat es verdient“, flüsterte sie wild. „Er hat meinen Sohn ermordet. Er war zehn Jahre alt. Er war blond und... und... sehen Sie ins Handschuhfach. Machen Sie schon.“
Der junge Mann streckte seine blasse Hand in die Öffnung und holte eine Fotografie heraus. Von Marko für Mama, stand in ungelenker Kinderschrift darunter.
„Er ist sehr hübsch“, sagte er mit einem Blick auf das runde Kindergesicht. „Und Sie wissen, wer ihn getötet hat?“
Sie nickte, Haarsträhnen verfingen sich in ihrem Mundwinkel. „Hier hat er ihn getötet, in diesem Wald. Die Polizei hat ihn gehen lassen. Aus Mangel an Beweisen.“ Ihr Lachen war verzweifelt und hässlich. "Sie ermitteln, haben sie gesagt."
„Und nun wollen Sie ihn töten, damit er nicht noch andere kleine Jungen tötet?“
„Nein. Weil er meinen kleinen Jungen getötet hat. Ich will seine Augen sehen, wenn er stirbt. Ich will.... ich will ihn leiden sehen.“
Die letzten Worte hatte sie geflüstert. Sie hatte mit Marko geredet. Sie hatte den jungen Mann schon wieder vergessen.
"Glauben Sie an den Tod?"
Seine leise Frage traf sie unerwartet. Sie dachte an die endlosen Stunden im Leichenschauhaus, an lähmende Kälte, an Papierschildchen, die von nackten Zehen baumelten.
„Wie sollte ich nicht", flüsterte sie.
„Dann sollten Sie ihm vertrauen“, sagte der Junge sanft. „Er kennt die richtige Zeit.“
„Der Tod ist nur ein verdammter Befehlsempfänger von Gott“, schrie die Frau auf. Sie war mittlerweile zu müde und zu wütend, um Tränen zu vergießen. Sie fuhr an dem Ortsschild vorbei und spürte Erleichterung, dass sie es bald hinter sich haben würde. Eine Uhr schlug eins.

„Können Sie bitte hier halten?“
„Hier?“
Die Frau sah aus dem Fenster, und ihr Blick zuckte zu dem blassen Gesicht des Jungen. Der nickte. Das Lächeln war aus seinen Augen gewichen.
„Hier“, bestätigte er.
Ein Fixer kauerte neben einer umgestürzten Mülltonne. Es stank nach Kotze und Pisse und ungewaschenen Körpern. In der schlaffen Hand lag die Spritze. Ihre Nadel streifte den schmutzigen Boden.
„Ist das Ihre Verabredung?“ fragte die Frau. Sie betrachtete das junge Gesicht mit plötzlicher Härte.
„Ja.“
Sie suchte vergeblich nach Anhaltspunkten.
Dealer? Süchtiger?
Polizist?
Er öffnete die Türe leise. Sie sah zu, wie er um den Wagen herumging und vor dem zusammengesunkenen Menschenhaufen stehen blieb. Der Fixer hob den Kopf und murmelte etwas. Speichel tropfte ihm über das Kinn. Langsam ging der junge Mann in die Hocke. Seine Hand berührte die Stirn des Süchtigen, dann löste er sanft die Spritze aus den klammen Fingern. Er schob den Ärmel der schmutzigen Jeansjacke hoch und tastete nach der schlaffen, misshandelten Vene.
„Nein!“ wollte die Frau schreien, aber sie konnte nicht.
Der Sterbende auf dem Pflaster zuckte und zitterte, als der goldene Schuss ihn mit einem letzten Hochgefühl erfüllte, bevor Schwärze ihn umarmte. Ein letztes High, dann das Ende.
Der Junge ließ die Spitze fallen.
Sie wusste, dass sie nie der Anblick dieser Augen vergessen würde, als sie begriffen, dass das Leben sie verließ. Sie zitterte, und merkte nicht, dass sie doch noch weinen konnte.
Der bleiche Junge richtete sich auf und sah ihr ins Gesicht. Seine Augen waren müde und unendlich traurig.
„Ich habe diesen Menschen getötet“, flüsterte er. Sie fragte sich mit einem losgelösten Teil ihres Bewusstseins, wie sie ihn durch die geschlossene Scheibe verstehen konnte. Die Waffe war schwer und der Griff glitschig von dem Schweiß ihrer Handflächen. Sie legte sie auf den Beifahrersitz.
„Töte du den Mörder deines Kindes, wenn du es kannst. Du weißt jetzt, wie es geht.“
„Gott“, wimmerte sie und schlug die kalten Finger vor das Gesicht.
„Siehst du“, raunte der bleiche Junge, der kaltblütige Mörder. „Das ist der Unterschied zwischen uns. Ich bin Atheist.“
Sie vergrub den Kopf in den schützenden Händen, aber der junge Mann hatte ihr bereits den Rücken zugekehrt. Langsam ging er über die dunkle Straße, schwarz und schmal, nur seine weißen Hände schlenkerten entspannt im Rhythmus seiner Schritte.
Die Frau fühlte, wie die Kälte sich löste.
Was machte sie eigentlich hier?
Robert... Er würde sich Sorgen machen. Und Jasmin. Sie legte die Hand sekundenlang auf den Bauch und spürte das Leben in ihre Handfläche gleiten.
Heute nacht würde sie niemanden töten.
Und sie würde auch nicht sterben. Das hatte ihr einer versprochen, der es wissen musste.

(c) Birgit Erwin

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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