Der Tod aus der Teekiste
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Juni 2002
Bergsee
von Gudula Goering


Armin schaute ungeduldig auf seine Armbanduhr.

Viertel nach sechs. Er würde zu spät kommen.
Warum nur sprang sein Wagen nicht an?
Er musste ihn morgen in die Werkstatt bringen....

Von der Armbanduhr wanderte sein Blick in Richtung Königstrasse.
Dort, in Höhe der Bäckerei, musste die Straßenbahn um die Ecke biegen.
Doch auch sie kam nicht.

Unruhig lief er auf und ab. Sein erstes Date - und schon zu spät.
Würde sie wohl auf ihn warten?

Während er dies noch überlegte, hörte er das Quietschen der Räder auf den Schienen. Endlich!
Die Straßenbahn zog an ihm vorbei und hielt dann an.

Er fixierte den nächstgelegenen Einstieg und drückte auf den Knopf - doch die Tür öffnete sich nicht! Er drückte nochmals - die Tür blieb zu.

Teufel!, fluchte er leise und trat mit dem Fuß gegen das Glas.

Mit einem Ruck sprang sie auf. Nur ein einziger Platz war noch frei. Wie praktisch, dachte er. Gleich neben dem Ausstieg. Er musste sich beeilen und hatte nicht mehr viel Zeit.

Er setzte sich und schaute aus dem Fenster. Vielleicht würde er es doch noch schaffen, halbwegs pünktlich zu sein?
Die Häuserfronten der Strassen zogen am Fenster vorüber - doch er hatte keinen Blick für sie.

Ob Danielle wohl so blond war wie auf dem Photo? Er mochte blonde Frauen. Würde auch sie _ihn_ mögen? Er war aufgeregt. Der e-mail-Kontakt lief glänzend, doch wie würde es sein, wenn er ihr zum ersten Mal gegenüber stand? Er schloss die Augen ein wenig.....

... als er sie wieder öffnete, stellte er fest, dass er ganz allein in der fahrenden Bahn verblieben war und die Gegend, durch die sie fuhr, nicht kannte.

Grün bestandene Hügel säumten in der Ferne die Fahrstrecke. Links und rechts waren vorwiegend Kuhweiden und Getreidefelder zu sehen. Ganz weit hinten, in Fahrtrichtung, entdeckte er gar hohe Berge!

Ein Gebirge so hoch wie die Alpen.

Wo war er nur? Er wohnte doch im Flachland, und es war ihm in der Nähe keinerlei Erhebung bekannt. Er musste aussteigen und umkehren in die Stadt.

Armin schaute nochmals auf die Uhr. Zwanzig nach sechs! Sollten nur fünf Minuten vergangen sein?

Sie fuhren schnell. In der Ferne erkannte er glücklicherweise noch ein Halteschild und drückte den Knopf, um dem Fahrer seinen Willen, auszusteigen, kund zu tun. Mit einem leisen Quietschen der Räder hielt die Bahn an - doch die Tür öffnete sich nicht.

Armin ärgerte sich. Warum hatte er nicht daran gedacht? Vor ein paar Minuten kam er nicht rein und jetzt kam er nicht raus. Er lief schnell durch den vollkommen leeren Waggon - doch die Bahn fuhr schon an, bevor er den nächsten Ausstieg erreichen konnte.

Der Fahrer saß in seiner königsblauen Uniform in einer Glaskabine und schaute nach vorn. Armin klopfte an die Scheibe, doch er reagierte nicht! Wendete nicht einmal den Kopf. Zeigte kein Anzeichen, dass er das Klopfen überhaupt wahrnahm.

Er fuhr schnurstracks auf das hohe Gebirge in der Ferne zu und steigerte dabei sein Tempo. Wie verwischende Schemen flogen die Weiden mit ihren Kühen
und die kleinen Büsche und Bäume an den Fensterscheiben der Straßenbahn vorbei.

Armin gab es auf, sich bemerkbar machen zu wollen und fügte sich in sein Schicksal. Gleich im ersten Fahrgastsessel neben der Glaskabine nahm er Platz und schaute gebannt durch die Frontscheibe.

Die Bahn fuhr immer schneller und raste förmlich auf das Gebirge in der Ferne zu. Armin bemerkte, wie sie zudem aufwärts fuhren, nicht viel, aber so, dass er spürte, wie er sacht mit dem Rücken in den Sitz gedrückt wurde.

Schneller und schneller ging die Fahrt. Armin bemerkte mit Entsetzen, dass sie geradewegs auf eine abweisend wirkende, kahle Felswand zurasten. Hier mussten die Schienen ihr Ende haben, hier würde er selbst bei diesem Tempo ein Ende finden...

Er schloss die Augen und erwartete das Unvermeidliche.

Plötzlich jedoch wurde es stockdunkel, und er riss unwillkürlich seine Augen wieder auf. Keineswegs waren sie auf den Fels geprallt. Vielmehr setzte die Bahn in noch schnellerem Tempo ihre Fahrt durch einen steil aufstrebenden und in engen Kreisen verlaufenden Tunnel fort. Die dunklen, zum Teil feuchten Felswände schienen bedrohlich nah zu sein und immer näher zu rücken.

Nein, Armin wollte das nicht sehen! und schloss die Augen wieder.

Ein warmes, sehr helles Licht fiel auf einmal auf sein Gesicht. Gleichzeitig blieb die Straßenbahn mit einem heftigen Ruck stehen, der ihn fast aus dem Sessel warf.

Der Fahrer in seiner Glaskabine kippte mit einer kleinen Drehung vom Stuhl. Armin blickte schaudernd in die kalten, leeren Augen und sah das kleine Loch inmitten der Stirn.

Mit einem Schrei sprang er auf, drückte auf den Knopf und seufzte erleichtert: die Tür öffnete sich!

Draußen spürte er den kalten Wind. Auf den kahlen Felsen ringsum lag Schnee, weiter oben sah er die Eishauben der Berge.
Ein Fußweg führte ein Stück aufwärts und eröffnete ihm plötzlich eine atemberaubende Aussicht.

Unter ihm lag in einer Senke ein kleiner Bergsee.

Türkisfarben schimmerte er im hellen Licht der Sonne, umgeben von einem Grasrand, der sich wohltuend von der Kahlheit der ihn umgebenden Felsen abhob. Magisch fühlte er sich von diesem See angezogen, stolperte abwärts und ließ sich erschöpft ins grüne Gras fallen.

Über ihm der Himmel in einem hellen, wolkenlosen Blau.

Die Sonne spendete angenehme Wärme. Er ließ eine Hand ins kalte Wasser sinken, schöpfte daraus, um sich sein Gesicht zu kühlen, drehte seinen Körper dann ein wenig zur Seite und schaute über die kleinen Wellen des Sees.

Wie schön und ruhig war es doch hier! Kein Laut war zu hören. Nur das leise und beruhigend klingende Plätschern des Wassers nahm er wahr, setzte sich auf und beugte sich nach vorn.

Für einen kurzen Moment sah er sein eigenes Gesicht auf der Wasseroberfläche.

Dann jedoch veränderte es sich und wurde zum Gesicht Danielles! Seine dunklen Haare wurden langsam immer heller und länger. Er sah, wie sie verführerisch bis in Brusthöhe frei herabfielen und sich im Wasser rund um den Kopf ausbreiteten. Vorher schienen sie hochgesteckt gewesen zu sein.

Die Augen Danielles passten genau zur Farbe des Sees: türkis und weit geöffnet, blickten sie ihm vom Wasserspiegel aus entgegen. Und dann sah er in der Tiefe ihren nackten Körper. Silbrig schimmerte die Haut, und er überlegte, ob sie nicht fror?

Während er noch nachdachte, was wohl zu tun sei, hob sie langsam die Arme empor und streckte die Hände nach oben. Gleichzeitig hob sie ein wenig den Kopf und nickte ihm zu. Danielle! Sie hatte ihm verziehen! Sie war so schön wie in seinen kühnsten Träumen nicht.

Erstaunt bemerkte Armin wie die Hände sich ihm entgegenstreckten, den Wasserspiegel durchstießen, das Gesicht Danielles verwischten und immer länger wurden.

Zwei ungeheuer langgliedrige Hände ragten nun aus dem Wasser und griffen nach ihm! Flugs hatten sie seinen Kopf gepackt und drückten sein Gesicht nieder. Kräftig waren sie. Fast hatten sie ihn ins Wasser gezogen, als er das Geräusch rollender Steine hinter sich hörte.

Sie mussten zu vielen sein. Von überall her knirschte und kullerte es nun. Sie schlichen sich an von allen Seiten.

Armin versuchte verzweifelt, sich vom Griff der Hände zu befreien, die ihn nicht freigeben wollten.

In seiner Jackentasche hatte er noch das Feuerzeug! Er griff schnell hinein und ließ die Flamme züngeln, näherte sich der einen Hand... ein langgezogener, lauter Schrei verkündete ihm, dass er Erfolg gehabt hatte! Auch die andere Hand gab seinen Kopf nun frei, und er hob seinen Blick und sah sie...

Klein und hässlich, ein jeder mit einer primitiv zusammen gezimmerten Axt näherten sie sich von den Bergeshöhen ringsum. Gnome? Ihre hohe Anzahl beunruhigte ihn. Nur ein Fluchtweg schien ihm noch frei.

Er stand schnell auf, lief den Weg zurück, den er eben gekommen war und sprang mit einem Satz in die Straßenbahn. Mit einem Griff riss er die Tür der Glaskabine des Fahrers auf und verriegelte zentral alle Einstiege. Denn schon kamen sie. Von allen Seiten schauten sie zu ihm herein, drückten ihre Gesichter an den Scheiben platt: bärtig, mit verfilzten dunklen Haaren auf dem Kopf, und hoben wie auf Kommando jeder seine Axt, um die Scheiben einzuschlagen..

.... eines dieser Gesichter schwebte direkt über ihm! Sein Atem stockte....

"Atmen! schön atmen!"

Armin hörte das hektische Piepsen neben sich.

"Sie dürfen jetzt nicht schlafen! Atmen Sie!"

Und er spürte das ekelhafte Gefühl des dicken Beatmungsschlauchs im Rachen, wollte ihn ausspucken, drehte seinen Kopf so weit es ging.

"Bleiben Sie ruhig liegen! Atmen Sie!"

Das Gesicht des Gnoms kam wieder näher, wurde groß und größer, füllte sein gesamtes Blickfeld aus.

"Beruhigen Sie sich! Atmen Sie! Sie sind hier auf der Intensivstation des Gertrud-Krankenhauses! Freuen Sie sich, dass Sie den Unfall lebend überstanden haben. Alle anderen Insassen der Straßenbahn sind nach dem Zusammenprall unter dem umstürzenden Sattelzug begraben worden oder in den Flammen umgekommen."

Und in dem bärtigen Gesicht schimmerte eine Reihe blendend weißer Zähne, als der Arzt ihn freundlich anlachte.

© Gudula Goering

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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