Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Juni 2002
Spiel des Lebens
von Olaf Deutz


Das namenlose Rauschen verdichtete sich zu einem elektrischen Brummen. Nur langsam öffnete Sandra ihre Augen. Sie blinzelte. Fahles Licht schien von einer metallischen Decke herab. Sie schluckte. Ihr Hals fühlte sich trocken an und ihre Gliedmaßen schmerzten, so als läge sie schon seit Stunden auf diesem harten Boden.
Nur langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Helligkeit. Das Letzte, woran Sie sich erinnerte war, daß sie auf dem Weg nach Hause von einem netten älteren Mann nach der Uhrzeit gefragt wurde. Von da an glich Ihre Erinnerung einem großen schwarzen Loch.
Langsam sah sie an sich herunter. Man hatte ihr einen derben, grauen Overall übergestreift, während ihre nackten Füße in einfachen Schnürstiefeln steckten.
Was zur Hölle hatte das zu bedeuten? Was hatte es mit diesem lächerliche Outfit auf sich und vor allem, wie war sie hier her gekommen? Langsam lichtete sich der Nebel, der ihre Gedanken zu lähmen schien, so daß sie wieder klar denken konnte. Doch an die letzten Stunden, bevor sie hier erwacht war, konnte sich die junge Frau kaum noch erinnern. Langsam richtete sie sich auf. Sie keuchte. Jeder Knochen ihres durchtrainierten Körpers schmerzte, als hätte sie gerade einen Zehntausend-Meter-Lauf hinter sich gebracht. Es dauerte einen Moment bis sie die wichtigsten Gelenke bewegt und sich der Schmerz verflüchtigt hatte.
Sandra sah sich um. Sie saß in einem quadratischen Raum, der vielleicht eine Kantenlänge von fünf Metern besaß. Die Wände schimmerten metallisch grau. Spärliches, kaltes Licht schien sich von der Decke her zu ergießen. In jeder der Wände hatte man eine metallene Tür eingelassen; sogar im Boden, sowie in die Decke waren je eine Luke eingebaut, durch die man diesen ungemütlichen Raum hoffentlich verlassen konnte.
Sie schüttelte ungläubig den Kopf und fragte sich wer hier sein Spielchen mit ihr trieb. Eines war jedoch klar. Wer immer auch dahinter stecken mochte, ließ sich diesen Spaß eine Menge kosten. Die Wände in diesem Raum bestanden jedenfalls nicht aus billigem Pappmaché. Zwar hatte Sandra nicht gerade sehr viel Ahnung von Technik, doch man würde sicher Einiges aufbieten müssen, um solche Effekte, wie das indirekte Licht, zu erzielen.
Doch was zur Hölle hatte dieser ganze Zauber zu bedeuten? Sie überlegte angestrengt, was jetzt am besten sei. Sitzen zu bleiben und darauf zu warten, daß etwas passierte, schied jedenfalls aus. Statt dessen entschloß sie sich eine der Türen zu öffnen, um zu sehen, was dahinter lag. Vielleicht traf sie ja auch auf den Verantwortlichen, dem sie dann mal gehörig ihre Meinung geigen würde.
Doch plötzlich ertönte eine verfremdete, krächzende Stimme aus einem verborgenen Lautsprecher:
»Guten Morgen und willkommen beim Spiel des Lebens!« Ein heiseres Kichern erklang. Scheinbar war der Sprecher der Meinung, er hätte einen irrsinnig komischen Witz gerissen. Sandra schnaubte verächtlich.
»Sie befinden sich in der Spielzone. Ihnen stehen einhundertfünfundzwanzig kubisch angeordnete Räume zur Verfügung. In anderen Räumen befinden sich noch weitere fünf Spieler.« Sandra traute ihren Ohren nicht. Sie saß hier wie eine Laborratte in einem Labyrinth, während draußen jemand darauf wartete, daß sie den Ausgang fand, um sich ihre Belohnung abzuholen. »Ziel des Spieles ist es natürlich, wie sie unschwer erraten werden, den einzigen Ausgang zu finden. Doch sie sollten hierbei vermeiden, dem Jäger in die Arme zu laufen.« Wieder war das schnarrende Kichern zu hören. »Ja, sie haben richtig gehört. Ein Jäger befindet sich unter ihnen und natürlich werden Sie nicht erfahren wer es ist. Finden sie innerhalb von zwei Stunden den Ausgang und sie überleben. Gehen sie während dieser Zeit dem Jäger aus dem Weg und sie überleben.«
»Was!?« Entfuhr es Sandra. Das sollte wohl ein schlechter Scherz sein, um ihr Angst einzujagen. Schließlich war das hier nicht das Alte Rom und sie war auch keine Gladiatorin, und sie war, verdammt noch mal, auch kein zum Abschuß freigegebenes Wild. Das Ganze konnte doch nur ein schlechter Scherz sein. Warum hatte man gerade sie hier rein gesteckt?
»Wie sie sehen,« krächzte die Stimme weiter, »sind die Regeln denkbar einfach. Leben Sie wohl.« Ein kurzes rauschen verriet Sandra, daß der Unbekannte seine Ansprache beendet hatte.
Sie saß immer noch ungläubig, aber mit einem flauen Gefühl in der Magengegend, auf dem metallenen Boden, als ein tiefer Buzzer die neuerliche Stille zerriß. Offensichtlich hatte das Spiel soeben begonnen. Langsam erhob sich Sandra, immer noch unschlüssig was sie nun tun sollte. Vielleicht war es besser, einfach sitzen zu bleiben und abzuwarten was passiert. Sie würde diesem anonymen Sadisten nicht die Genugtuung geben, indem sie jetzt wie ein kopfloses Huhn nach dem Ausgang suchte. Denn wenn dieser Kubus wirklich einhundertfünfundzwanzig Räume hatte, lagen mehr als zwei Drittel nach außen. Hier innerhalb von zwei Stunden den Ausgang zu finden war nie und nimmer zu schaffen. Allein dieser Umstand machte dieses lächerliche Spiel zu einem sinnlosen Unterfangen. Doch was hatte sie sonst schon für Möglichkeiten? Hier sitzen zu bleiben, kostete anscheinend am wenigsten Mühe.
Langsam und sehr leise drangen die ersten Geräusche von hallenden Schritten an ihre Ohren. Auch das Bullern der Türen verriet Sandra, daß sich einige scheinbar wirklich bemühten, den Ausgang zu finden. Vielleicht sollte sie sich auch auf den Weg machen, um sich mit einigen Leidensgenossen zusammen zu tun.
Die Quelle der Geräusche lag eindeutig über ihr. Langsam und etwas wackelig ging sie zu der aus Stahlrohren zusammengeschweißten Leiter hinüber, die in der Mitte des Raumes, direkt unterhalb der Deckenluke hing. Sandra zupfte an ihrem Overall, der wirklich schrecklich geschnitten war, bevor sie die Leiter nach oben stieg.
Sie stieß die Luke auf und sah in den Raum. Er sah dem, der sich unter ihr befand, täuschend ähnlich, obwohl ihr diese Kammer etwas dunkler erschien. Ansonsten war hier niemand zu sehen. Nachdem sie sich durch die Öffnung gezogen hatte, schloß sich die Luke hinter ihr selbstständig. Das Hallen der Schritte war hier oben sehr viel deutlicher, doch immer noch weit entfernt.

Sandra suchte sich weiter ihren Weg durch das Labyrinth von Kammern. Langsam nahmen auch die Geräusche an Intensität zu. Doch irgend etwas war anders. Die Schritte klangen sehr viel hektischer, so als wäre dort eine wilde Verfolgungsjagd in Gang. Hatte Sandra zuvor nur eine leichte Unsicherheit befallen, so kroch nun langsam die Angst an ihr hoch. Vielleicht war das alles ja doch kein geschmackloser Scherz. Was wäre, wenn in diesem Kubus wirklich Menschen gejagt und getötet wurden? Sandra mochte gar nicht daran denken. Erste Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn.
Nein, dachte sie immer wieder. Sie würde sich nicht den Gegebenheiten dieses Spieles unterwerfen. Sie würde nicht in Panik verfallen. Sie rang mit sich, um nicht ihre Fassung zu verlieren. Immer wieder redete sie sich ein, daß es für eine solche Jagd, wenn es denn eine war, überhaupt keine rationale Begründung gab. Schmerzlich mußte sie feststellen, daß ihre Versuche der Selbstillusionierung immer weniger Früchte trugen, denn mittlerweile blieb die Angst bestehen.
Dem Staccato der Schritte nach zu urteilen, waren die anderen ganz in der Nähe. Während die junge Frau noch überlegte, welchen Weg sie als nächstes einschlagen sollte, wurde mit einem mal hinter ihr die Tür aufgerissen.
Sandra wirbelte herum. Ein spitzer Schrei entfuhr ihr, als sie eine bullige Gestalt langsam auf sich zukommen sah. Während diese Silhouette, wie ein Angetrunkener, weiter auf die junge Frau zu wankte, gab der Unbekannte zahlreiche gurgelnde und zischende Laute von sich. Verdammt! In diesem Halbdunkel ließen sich kaum Einzelheiten erkennen.
Sandras Beine waren eigentlich schon auf der Flucht. Zumindest fühlte es sich so an. Allein ihr Wille hinderte die junge Frau daran, ihr Heil in der Weite zu suchen.
Offensichtlich trug die Gestalt den gleichen Overall, wie sie. Entweder war es ein Gefangener, genau wie sie, oder es war der Jäger. Wenn sie jetzt wegrannte, würde sie es nie erfahren. So schwer es ihr auch viel, sie würde bis zum letzten Moment warten, ehe sie sich davon machte. Sie war sich sicher, daß sie den Fremden problemlos abhängen könnte, wenn es darauf an käme. Doch plötzlich blieb die Gestalt stehen und brach schließlich vor ihren Augen zusammen.
Ohne nachzudenken stürzte Sandra zu dem Unbekannten hinüber, um ihm zu helfen und fast augenblicklich wurde ihr übel.
Der Mann, der vor ihr lag, war über und über mit Blut bedeckt. Es quoll aus einer tiefen Wunde am Hals hervor und hatte seinen Anzug schon vollkommen durchtränkt. Immer noch hielt er eine Hand auf die Wunde gepreßt, um dem Schwall Einhalt zu gebieten. Angsterfüllt blickte er Sandra an, so als wolle er sagen: „Hilf mir, ich will nicht sterben!“
Tränen rannen ihr übers Gesicht, als der am Boden liegende einen letzten, gurgelnden Atemzug tat, sich noch ein mal aufbäumte, um zu erschlaffen.
Eine ganze Zeit lang blickte die junge Frau in die leblosen Augen des Mannes, bevor sie sich zur Seite drehte und übergab.

Es brauchte eine Weile, bis sie sich wieder beruhigt hatte und einen klaren Gedanken fassen konnte. Es war also alles wahr. Kein dummes Spiel, kein schlechter Scherz, sondern tödliche Realität. Es gab da oben tatsächlich einen Irren, der einen anderen Irren losgeschickt hatte, um Menschen zu jagen und zu ermorden. Doch wie sollte sie den Killer erkennen, wenn sie ihm begegnete. Wahrscheinlich war es am besten, das Weite zu suchen, sobald jemand ihren Weg kreuzte.
Erneut wurde eine Tür aufgerissen. Das Scheppern selbiger kam Sandra wie ein Fanfarenstoß vor.
In der Tür stand wieder eine kräftige, männlich wirkende Silhouette, die einen langen Gegenstand in der Hand hielt.
Da war er, der Jäger! Er war gekommen, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Genau so, wie er es bei dem Mann getan hatte, der nun mit leblosen Augen vor ihr lag.
Sandra schrie; sie schrie aus Leibeskräften. Dieser Irre hatte auch noch eine Waffe. Sie wirbelte herum. Ihre Augen suchten fieberhaft nach dem nächsten Ausgang. Ihr Handeln war nur von einem einzigen Gedanken geprägt: „Nur weg hier!“
Im nächsten Raum kauerte eine zierliche Person. Als sie aufsah, bemerkte Sandra das die kauernde Frau aus einer Wunde am Kopf blutete.
»Lauf!« Bellte Sandra ihr entgegen. »Er wird gleich hier sein!«
Doch die junge Frau machte keinerlei Anstalten, die Flucht zu ergreifen. Vielleicht noch zu benommen, um an Flucht zu denken, erhob sich die Frau schwerfällig.
Sandra stürzte kurzentschlossen heran und griff der Fremden unter die Arme. Schon konnte sie die Schritte ihres Verfolger hören.
Doch plötzlich sah Sandra, aus dem Augenwinkel heraus, etwas aufblitzen. Instinktiv machte sie einen Satz zurück und sah gerade noch, wie die blitzende Klinge eines mörderischen Messers auf sie zuraste; dann kam der Schmerz!
Sandra fiel und schlug hart auf den stählernen Boden. Der Aufprall raubte ihr den Atem und Sterne tanzten vor ihrem geistigen Auge.
Verschwommen sah sie die fremde Frau näher kommen, die jetzt ein großes Messer in der rechten Hand hielt und Sandra mit eiskaltem Blick musterte.
Aus, jetzt war es vorbei. Diese Geisteskranke würde sie wie einen Truthahn tranchieren.
Die Killerin hob gerade das Messer, als sie kurz zusammenzuckte. Sie verdrehte die Augen etwas, bevor sie förmlich in sich zusammen fiel.
Erst jetzt sah Sandra den Typen, vor dem sie eigentlich geflohen war. Er hielt ein Stahlrohr in der Hand, das offensichtlich von einer der Leitern stammte. Er holte erneut aus und ließ das wuchtige Rohr niedersausen. Sandra schrie erneut, als das schwere Metall den Schädel der zierlichen Frau wie eine Eierschale aufplatzen ließ. Triumphierend sah er auf das leblose Bündel hinab.
»Du schlitzt niemanden mehr auf!« Er spie die Worte förmlich aus. Danach warf er das Metallrohr über die Schulter und reichte Sandra die Hand. »Alles in Ordnung?«
Jetzt dämmerte ihr langsam, daß sie diesem Mann ihr Leben zu verdanken hatte. Doch noch bevor sie Worte des Dankes herausbringen konnte, verlor sie das Bewußtsein.

Als Sandra die Augen wieder öffnete, war es taghell. Sie sprang förmlich auf, Doch sie war nicht mehr in diesem dunklen, metallenen Raum. Sie hatte auch nicht mehr diesen schlecht sitzenden Overall an. Statt dessen lag sie in ihrem Bett. Das war ihre Bettwäsche, ihr Zimmer; nebenan konnte sie sogar hören, wie ihre Mitbewohnerin den Frühstückstisch deckte. Alles war wie immer. Nur ein Traum, dachte Sandra und seufzte erleichtert.
Sie stand auf und watschelte, immer noch etwas benommen, in die Küche. Elke, ihre Mitbewohnerin, grinste sie verschmitzt an. »Na, eine wilde Nacht gehabt?«
»Gute Frage,« Sandra fuhr sich durch die Haare, »Ich kann mich beim Besten Willen an nichts mehr erinnern. Ich weiß nur, daß ich einen höllischen Alptraum gehabt habe.« Elke musterte sie erstaunt. »Du müßtest dich doch zumindest daran erinnern, was dafür verantwortlich war.« sie zeigte auf den rechten Oberarm ihrer Mitbewohnerin.
Ungläubig sah Sandra an sich herab. Sie trug ein ärmelloses Top, das den Blick auf eine häßliche Wunde freigab, die wie eine diagonaler Schnitt, quer über ihren Oberarm reichte.

(c) Olaf Deutz

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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