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Juli 2002
Bahnhofskneipe
von Birgit Erwin


“Glauben Sie an die Große Liebe?”
Beinahe hätte ich nicht gemerkt, dass die Frau mit mir sprach. Sie starrte in ihr halbleeres Glas, und ihre Stimme war so leise, dass sie kaum die Musik übertönte, die aus einem Radio hinter der Theke plärrte.
“Als ich fünfzehn war, hatte ich einen Traum”, sagte sie und ihre Hände spielten mit dem Glas. “Hatten Sie einmal einen Traum, von dem Sie wussten, dass er wichtig war. Wichtiger als alles, was Sie in der Realität noch erleben würden?”
Jetzt sah sie mich an. Ihre Augen waren groß und glänzend mit geschwungenen Wimpern und müden Pupillen. Ich widerstand der Versuchung, den Blick abzuwenden.
“Hatten Sie?”
Ich schüttelte den Kopf. “Ich träume nicht”, sagte ich.
“Das ist nicht wahr”, widersprach sie. Ihre Heftigkeit berührte mich peinlich. “Jeder Mensch träumt. Wer nicht träumt, ist tot.
“Vielleicht haben Sie recht.”
“Sicher habe ich recht!”
Nach einer Pause sagte sie: “Ich werde Ihnen meinen Traum erzählen. Ich werde Ihnen den Traum erzählen, der mein Leben verändert hat.”
Aber sie sprach nicht. Sie blickte nur in ihr Glas. Ich hätte jetzt aufstehen und gehen können, aber ich ließ den Moment verstreichen. Ich wartete. Sie hatte weiche blonde Haare, die ihr über die Schultern fielen. Sie glänzten wie Gold in der matten Barbeleuchtung. Draußen regnete es. Ich nahm an, daß viele wie ich ihren Anschluss verpasst hatten, denn die Tische waren schon besetzt gewesen, als ich eintrat. Bahnhofskneipen sind selten voll.
Ich machte dem Barmann ein verstohlenes Zeichen und er stellte zwei Gläser vor uns. Ein Bier für mich und für sie das goldene Getränk, das sie in das sie gestarrt hatte, als ich kam. Es war als ob das Geräusch des Glases einen unsichtbaren Schalter betätigte.
“Es war ein Strand. Ein weiter, silberner Strand. Ich konnte nicht sehen, wo der Strand aufhörte und wo das Meer begann. Der Mond schien, und er war silbern wie der Strand. Aus der Ferne hörte ich Musik.”
Sie sah auf und schenkte dem Radio ein müdes Lächeln.
“Nicht solche Musik. Es war fröhliche Musik, laute Musik, wie man sie auf den Parties in unserer Jugend gehört hat. Erinnern Sie sich?”
Ich zuckte die Achseln. “Vielleicht. Ich war nicht auf vielen Parties.”
“Ich folgte der Musik. Der Strand war voller Menschen, die im Mondlicht tanzten.”
Ihre Schultern zuckten, während sie sprach, als ob sie die Musik noch hörte. Ihre Augen waren riesig.
“Ein Mann mit blonden Haaren und Narben im Gesicht rief mir zu, ich werde die Königin sein. ‘Sorgt dafür, dass sie alles bekommt, was sie möchte’, sagte er. Ein Mann kam auf mich zu. Ich hatte ihn nie zuvor gesehen. Aber in diesem Augenblick wusste ich, daß er die große Liebe war. Er lächelte und sagte: ‘Sie haben es gehört. Sie können alles haben.’ Und ich sah ihn an und fragte: ‘Wirklich alles?’ Als er meine Hand nahm, wusste ich, daß ich nie wieder einsam sein würde.”
Sie verstummte. Ihre Stimme war zuletzt so leise gewesen, daß ich zu ihr hatte beugen müssen, um sie zu verstehen. Ich sah, dass sie weinte.
“Das ist doch ein sehr schöner Traum”, sagte ich unbeholfen.
“Ein Traum, ja.”
Ich hörte den schrillen Pfiff und das Geräusch eines abfahrenden Zuges.
“War das Ihrer, Clarence?”
Ich sah irritiert in ihre schimmernden Augen. “Ich heiße nicht Clarence.”
“Sie sind Clarence. Der Engel, der seine Flügel verdienen wollte. Jeder Mann, der einer betrunkenen Frau zuhört, ist ein bisschen Engel.”
“Haben Sie ihn gefunden?”
Ich konnte die Antwort in ihrem Gesicht lesen, in den ungeweinten Tränen, die in ihren Augen glänzten, und dem Glas, das vor ihr stand.
“Es tut mir leid”, sagte ich unsinnigerweise. Aber ich meinte es ganz ehrlich.
“Ich weiß, Clarence. Sie sind ein guter Mann.” Sie berührte meine Hand. “Ich habe nicht aufgehört zu suchen.”
Wir sahen uns in die Augen. Sie sah ein bisschen aus wie die junge Ingrid Bergmann mit ihren weichen blonden Haaren und der Sehnsucht im Blick. Ich fühlte mich ein bisschen wie Humphrey Bogart.
Meine Hand berührte ihre feuchte Wange, auf die die Schatten der Bar fielen. “Meinen Sie...?”
“Ich weiß nicht”, sagte sie und lehnte ihr Gesicht gegen meine kalten Finger. “Lassen Sie mich träumen. Sie müssen für uns beide denken.”
“Ich kenne nicht einmal Ihren Namen.”
“Ist das wichtig, Clarence? Ich kannte seinen auch nicht.”
“Wo wohnen Sie?”
Sie erhob sich schwankend von ihrem Barhocker. “Nur die Treppe hoch. Ich habe ein Zimmer hier.”
Sie ging voraus und mir wurde klar, dass ich im Begriff war, mit einer einsamen betrunkenen Frau zu schlafen. Ich fühlte mich schuldig und erregt. Ein Teil in mir – der anständige – wollte umkehren. Aber jetzt gab es kein zurück mehr. Ich schwor mir, sehr zärtlich zu ihr zu sein. Danach wollte ich sie vergessen.
Sie ließ mich eintreten, und ich fand mich in dem sonderbarsten Zimmer wieder, das sich je gesehen hatte. Jeder Zentimeter der Wände war beklebt mit schwarz-weiß Photos: Strände, Landschaften, Filmstars. Eine bunte Lichterkette mit roten Herzen hing im Fenster, als wolle sie die einsame Frau, die hier wohnte, daran erinnern, dass es Farbe gab in diesem Leben. Vielleicht sollten die roten Herzchen sie auch an ihren Traum erinnern.
“Mein silberner Strand”, flüsterte sie. “Meinst du es ernst, Clarence?”
Ich konnte ihr doch nicht sagen, dass daheim eine Frau auf mich wartete. Ich nickte.
Ich konnte selber nicht glauben, was für ein Schwein ich war.
Sie schenkte mir ein weiches Lächeln.
“Mach den Kassettenrekorder an.”
Ich gehorchte. Eine Gitarre begann leise zu klimpern. Sie tanzte einen selbstvergessenen kleinen Tanz. Ihre Hüften und Schultern bebten unter den Klängen, und ich sah die gelöste Freude in ihren halbgeschlossenen Augen. Ihr Kleid glitt über ihre Schultern und Hüften, und plötzlich stand sie nackt vor mir.
Ich konnte vor schuldiger Erregung kaum atmen.
“Zieh dich aus, Clarence”, flüsterte sie.
Wieder gehorchte ich. Sie stürzte sich auf mich wie ein verhungertes Tier und ich... ich machte mein stummes Versprechen wahr und ich liebte sie mit aller Hingabe, die ich zu geben hatte. Ich würde sie wieder verlassen, aber heute nacht würde ich ihre große Liebe sein. Ich würde mir meine Flügel verdienen.

Ich verdiente sie mir dreimal in dieser Nacht.

“Wieviel Uhr ist es?” fragte sie leise, als ich mich erschöpft auf die Seite rollen wollte.
Ich blinzelte nach dem Radiowecker auf dem Nachttisch.
“Halb drei.”
“Drei Stunden. 50 Euro die Stunde. Macht 150 Euro. Ein Freundschaftspreis für Engel. Du kannst mir einen Scheck geben. Ich vertraue dir.”
Ich starrte sie an.
“Du bist eine...”
“Eine Nutte?” Sie lächelte. “Was hast du denn gedacht?"
"Aber... aber dein Traum...."
"Oh, den Traum habe ich wirklich gehabt. Es war genau das – ein schöner Traum.“
Plötzlich fand ich ihren Körper abstoßend.
“Sieh es, wie es ist, Clarence”, sagte sie kühl. “Wir alle haben Träume. Du wolltest der verruchte, strahlende Ritter sein. Ich habe dir diesen Traum heute Nacht verkauft. Für nur 150 Euro.”

(c) Birgit Erwin

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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