Bitte lächeln!
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August 2002
Dumm gelaufen
von Fran Henz


Harald Meinert konnte sich nicht mehr genau daran erinnern, wann er die Straße des Erfolges verlassen hatte. Unbestreitbare Tatsache jedoch war, dass er sich gegenwärtig mitten im Nichts befand und dieses Nichts auch noch mit einem totalen Versager teilen musste.
Er warf seinem Gegenüber, Dieter Kleinmann, der mit völliger Hingabe seine Bleistifte in einer am Schreibtisch festgeschraubten Spitzmühle spitzte, einen bösen Blick zu. Bei jeder Umdrehung der Kurbel gab das Gerät einen quietschenden Laut von sich, was Harrys Konzentration empfindlich störte. Schon wieder hatte er ein Moorhuhn verpasst. Ärgerlich drückte er „Exit“. Seinen Rekord konnte er für heute vergessen.
Das Excel-Sheet mit den Verkaufsstatistiken des ersten Halbjahres tauchte auf dem Schirm auf und Harry sah dem Feind ins Auge. Seine Leistungen waren nicht gefallen, das war die gute Nachricht. Aber sie waren auch nicht gestiegen.
Im Klartext bedeutete das, seine längst fällige Beförderung fand wieder nicht statt. Seit zehn Jahren war er jetzt bei Wolf & Co, dem größten Batterienhersteller Europas, und seit vier Jahren saß er hier auf diesem Sessel in der Verkaufsabteilung Beta/Ost/E. Und da würde er vorrausichtlich auch bleiben.
Persönlich störte es ihn nicht wirklich. Gut, Kleinmann war ein Langeweiler, der nur biologisches Grünzeug und makrobiotische Körner wiederkaute, Kefir und Apfelsaft trank und seine Bleistifte nach Länge und Härte sortierte. Aber verglichen mit den fetten Enddreißigerinnen von Beta/Ost/C, war er trotz schütteren blonden Haars und fliehenden Kinns eine Augenweide. Angenehmerweise eine meist still vor sich hin arbeitende Augenweide.
Nein, das Problem war nicht Dieter Kleinmann, sondern Gerti Riegler, Lebensabschnittbegleiterin der letzten Jahre.
Seit ihrem 29. Geburtstag hörte sie ihre biologische Uhr ticken und der einzige, der ihrer Meinung nach das Ticken abstellen konnte, war er selbst.
Harry seufzte. Er war nicht grundsätzlich gegen die Ehe und er mochte auch Kinder – solange sie abends seine Wohnung verließen. Andererseits konnte er Gerti verstehen und acht Jahre Probegalopp waren genug. Es sprach auch absolut nichts gegen eine Heirat. Gerti hatte eine tolle Figur, verdiente ihr eigenes Geld und ließ ihm seinen Freiraum. Zwar wusste er, dass sie von seinen Freunden nicht viel hielt, aber sie besaß die Größe, ihn doch zu den wöchentlichen Treffen gehen zu lassen und das ohne die häuslichen Szenen, die ihm von anderen Clubmitgliedern oft geschildert wurden.
Der Club. Die Hellbirds. Biker mit Leib und Seele. Dort spielte sich sein wahres Leben ab und nicht zwischen ein Ein- und Verkauf, Reklamationen und Gutschriften. Es war schon Zugeständnis genug, sein Haar nicht über Kragenlänge wachsen zu lassen und sich täglich einen Strick namens Krawatte umzulegen. Aber in der Firma galten diese Opfer als selbstverständlich und darum parkte er seine Harley auch zwei Gassen weiter und ließ die Lederjacke mit dem Clubemblem – ein Adler mit einem menschlichen Totenkopf – im Motorradkoffer.
Seit der Fusion mit den Amerikanern blies ihm der Wind ohnehin frontal ins Gesicht und er hatte Mühe, sich mit all den Neuerungen anzufreunden.
Am meisten nervte ihn der ausgebrochene Gesundheitswahn. Rauchen am Arbeitsplatz war verboten, nur mehr in einer winzigen Abstellkammer wurde es geduldet. Er erinnerte sich an einen beim Verteilen des diesbezüglichen Rundschreibens hämisch grinsenden Kleinmann. Früher hatte der Gute beim Anblick seiner Marlboroschachtel immer hektisch das Fenster aufgerissen.
Die Kantine wurde auf „Leichte Küche“ umgestellt, die vorwiegend aus rohem Gemüse und trockenem Vollkornreis bestand. Gelegentlich verirrte sich auch ein zu Tode gekochtes Stück Huhn oder ein gedämpftes Fischfilet auf den Teller. Harry hatte kapituliert und war seither Stammkunde bei der heißen Theke des benachbarten Metzgers.
Letzte Blödheit der Firmenleitung war das im Haus untergebrachte Fitnessstudio. Dort lag für jeden Angestellten ein Datenblatt mit seinen medizinischen Werten sowie der im Studio verbrachten Zeit auf. Die Benützung war kostenlos und es wurde ein Minimum von 2 Stunden eifrigem Herumturnen an den Geräten pro Woche von jedem Mitarbeiter erwartet.
Der Arzt hatte nach der Erstuntersuchung lapidar zu ihm gesagt. „Für einen Fünfundvierzigjährigen ist Ihr Gesundheitszustand ganz ausgezeichnet.“
Harry schwieg daraufhin verbissen. Er war 31 und sich völlig im Klaren darüber, dass diese Protokolle direkt an höhere Instanzen weitergeleitet wurden.
Damals tauchte zum ersten Mal der Gedanke bei ihm auf, sich nach einer neuen Wirkungsstätte umzusehen. Allerdings blieb es auch bei dem Gedanken. Nach reiflicher Überlegung kam er zu dem Schluss, dass er mehr zu verlieren hatte als er gewinnen konnte. Abgesehen davon, ging er Entscheidungen seit jeher gerne aus dem Weg und hoffte darauf, dass sich die Dinge von selbst gefällig arrangierten. Nichts zu tun war besser als das Falsche zu tun.
Er seufzte noch einmal. Wenn Gerti nur nicht ... natürlich konnte er die Beziehung abbrechen, aber was dann? Frauen wie Gerti liefen nicht zu Dutzenden herum, auch da war mehr zu verlieren als zu gewinnen.
Wohl oder übel musste er sich damit abfinden, bald verheiratet und Familienvater zu sein. Sein Missmut wich einem Lächeln, als er sich einen kleinen dunkelhaarigen Jungen vorstellte, den er mit seiner Harley vom Kindergarten abholte. Der Kleine trug eine Mini-Lederjacke und reckte den Weicheiern, die von ihren Müttern mit dem Fahrrad abgeholt wurden, den gestreckten Mittelfinger entgegen. Sein Little Hellbird.
Little Hellbird Markus. Ja, das klang gut.
Flüchtig streifte ihn der Gedanke, dass es auch ein Mädchen werden könnte, aber das war mehr als unwahrscheinlich. Den Lenden eines Bikers entsprangen nur Jungs. Heimo hatte einen und Kalle ebenso, das wusste er ganz genau, schließlich zeigten die beiden immer Fotos herum, die ihnen ihre geschiedenen Frauen im Austausch gegen Alimente regelmäßig schickten.
Was ihn zum nächsten Problem brachte: Kinder kosteten Geld. Von seinem gegenwärtigen Gehalt konnte er unmöglich die Raten für ein Reihenhaus und eine komfortable Familienkutsche hinblättern, nicht ohne auf all die schönen Dinge des täglichen Lebens verzichten zu müssen. Und Gerti hatte ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie die ersten Jahre bei DEN KINDERN bleiben wollte, was sich nicht nach einer schnell überbrückbaren Zeitspanne anhörte.
Kleinmanns Stimme riss ihn aus seinen Träumereien. „Herr Obrowsky möchte uns sprechen“, sagte er und legte den Telefonhörer auf.
Harry griff nach seinem Sakko, schüttelte es aus und schlüpfte hinein. „Dann wollen wir mal sehen, was die Nervensäge will.“
Obrowsky war Abteilungsleiter von Beta/Ost und sein Büro befand sich in der sechsten Etage. Als Harry hinter Kleinmann den Raum betrat, stellte er fest, dass schon alle 21 anderen Mitarbeiter von Beta/Ost angetreten waren. Er setzte sich auf einen freien Sessel.
„Liebe Freunde ...“, begann Obrowsky.
FREUNDE, wiederholte Harry ironisch für sich und ließ seinen Blick vom Teppichboden, der im gleichen Farbton wie die Vorhänge gehalten war, über die vor sich hin plätschernde Wasserwand neben den Grünpflanzen zu dem riesigen Schreibtisch aus poliertem Mahagoni wandern. Dort stand ein schnittiger Flachbildmonitor, nicht so ein dicker flimmernder Brummer wie in seinem eigenen Büro.
Verstimmt wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Obrowsky zu.
„ ... wird mir die große Ehre zuteil, ab Juli im Mutterhaus unserer amerikanischen Freunde in Dallas eine neue Funktion zu übernehmen.“
‚Wie kann ein normaler Mensch nur so geschwollen daherreden’, wunderte sich Harry, dann fiel bei ihm der Groschen. Der Posten des Abteilungsleiters Beta/Ost wurde neu vergeben. Mit gesteigertem Interesse verfolgte er Obrowskys Rede weiter.
„Wie Sie wissen, meine Lieben, legt die Firmenleitung großen Wert darauf, freie Stellen vorzugsweise mit langjährigen, loyalen Mitarbeitern zu besetzen. Ich wurde beauftragt, entsprechende Vorschläge auszuarbeiten und das werde ich in der mir noch verbleibenden Zeit gerne tun.“
Schweigen in der Runde. Auch Harry vergaß kurzzeitig darauf, einzuatmen. Das war sie. Die Chance, wieder auf die Straße des Erfolgs zurückzukehren. Little Hellbird Markus winkte ihm fröhlich zu.
Obrowsky sprach weiter: „Die Firmenleitung ist immer bestrebt, für ihre Mitarbeiter in jeder nur erdenklichen Weise zu sorgen. Nur ein zufriedener Mitarbeiter ist auch ein produktiver Mitarbeiter. Das Fitness-Studio ist ein gelungenes Beispiel dafür. Der im kommenden Frühjahr stattfindende Firmenlauf, an dem auch die Angestellten von Hewlett Packard und UPS teilnehmen werden, stellt einen ersten Höhepunkt all dieser Initiativen dar. Leider kann ich nicht mehr dabei sein. Deshalb erhielt ich von der Firmenleitung die Genehmigung, quasi als mein Abschiedsgeschenk, etwas ganz Besonderes zu planen.“
Er strahlte in die Runde und Harry konnte das herandräuende Unheil mit den Fingern greifen.
„Ein alter Traum von mir ist, einmal meine Grenzen auszuloten, meinen Urängsten ins Gesicht zu blicken und auf mich allein gestellt das Unmögliche zu überwinden. Und Sie, meine Lieben, Sie dürfen diese Erfahrung mit mir teilen.“
Unbehaglich rutschten die Versammelten auf den Sesseln herum.
„Zu meiner großen Freude ist es mir gelungen, für alle hier Anwesenden einen Fallschirmspringerkurs zu organisieren. Auf Firmenkosten versteht sich. An zwei Wochenenden erfahren Sie alles Nötige und krönender Abschluss ist dann der Sprung selbst.“
Er griff nach einem Stapel bedruckter Blätter. „Die genauen Infos entnehmen Sie bitte diesen Broschüren. Ich freue mich schon, Sie alle am Samstag auf dem Flugplatz begrüßen zu dürfen.“
Die Türen hatten sich noch nicht völlig hinter der Belegschaft von Beta/Ost geschlossen, als ein Sturm der Entrüstung losbrach.
“Der hat sie wohl nicht mehr alle ...“
„Wenn er seine Ängste überwinden will, dann soll er mit mir kurz rausgehen ...“
„ ... ich spring doch für den Alten nicht aus einem Flugzeug ...“
„ ... mit mir ganz sicher nicht ...“
„ ... Scheiß-Ami Methoden. Psychoterror ist das ...“
„ ... der Alte kann mich mal ...“

Am nächsten Samstag fanden sich 22 der 23 Beta/Ostler in einem Nebengebäude des Flughafens ein. Sie sahen Filmvorführungen, paukten Theorie und verbrachten drei Stunden damit, von einem fünf Meter hohen Gerüst richtiges Abrollen zu trainieren.
Harry spürte an diesem Abend jeden Knochen in seinem Körper. Aber das war ihm egal. Um an Obrowskys Schreibtisch zu landen, musste man aus dem Flieger springen, soviel war sicher.
In der folgenden Woche fegte ein gewaltiger Grippevirus durch Beta/Ost, der zur Folge hatte, dass sich am Samstag nur drei Personen auf dem Flugfeld einfanden: Harry, Obrowsky und Kleinmann.
Obrowsky schüttelte ihnen die Hand, fing einen Satz mit: „Liebe Freunde, die Stunde der Wahrheit ist gekommen ...“ an, der von einem Hustenanfall erstickt wurde.
Kleinmann sah blass aus, sein dünnes Haar hing noch trauriger als sonst von seinem Kopf. Außer einem wackeligen Lächeln kam von ihm keine weitere Begrüßung.
Gemeinsam mit dem Instruktor packten sie die Fallschirme, schlüpften in die bereitgestellten Overalls und stapften über das Flugfeld zu der wartenden Maschine. Über ihnen hing dumpfes, brütendes Schweigen.
Harry, der selbst auch kein Bedürfnis nach Konversation verspürte, zwang sich, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Der Anblick des Fliegers selbst trug dann in keinster Weise dazu bei, seine flatternden Nerven zu beruhigen.
Statt eines Hi-Tech-Jets stand eine behäbige kleine Maschine vor ihm, die schon der Rote Baron gesteuert haben konnte. Sie war wiesengrün lackiert und auf der Flanke stand in verspielter weißer Schrift „Tante Jule“.
Sie betraten das Flugzeug über die geöffnete Heckklappe, die unter ihren Schritten erzitterte. Harry setzte sich sofort auf die längs der Wand verlaufende Bank, da der Boden plötzlich zu schwanken schien. Die Worte des Instruktors, die Begrüßung des Piloten, alles rauschte an ihm vorbei. Auch, dass die Luke langsam hochging, nahm er nicht wirklich wahr. Erst als sich die Maschine holpernd in Bewegung setzte, löste sich seine Erstarrung.
Er wollte raus hier. Sofort.
Im gleichen Moment schwang sich das Flugzeug mit einem Satz in die Luft. Die Wände ächzten und stöhnten, durch die Ritzen fielen Sonnenstrahlen, die die in der Luft hängenden Staubteilchen aufleuchten ließen. Tante Jules Nase zeigte steil nach oben und Harry klammerte sich an die Haltegriffe, um auf der Bank nicht wegzurutschen. Obrowsky und Kleinmann, die ihm gegenüber saßen, ging es nicht anders.
Nach endlosen Minuten stabilisierte sich die Lage des Flugzeugs und das Ächzen ging in ein summendes Vibrieren über. Harry entspannte sich. Alles halb so schlimm. Schließlich war er schon oft genug Hochschaubahn gefahren. Dann öffnete sich geräuschlos die Luke neben ihm und er starrte auf die vorbei schwebenden Wölkchen. Wie in der Oberfläche eines beschlagenen Spiegels sah er Äcker und Wiesen, Häuser und Straßen, winzig klein und unendlich weit weg.
„Wir haben die Absprunghöhe erreicht“, sagte der Instruktor neben ihm. „4500 Meter.“
Harry schloss die Augen. Was tat er eigentlich hier - 4500 Meter über dem sicheren Boden in einer fliegenden Sardinenbüchse.
„Wollen Sie als Erster?“
Der Instruktor stand vor ihm und stützte sich mit einer Hand an der Flugzeugwand ab. Schwankend stand Harry auf. Die Gurte des Fallschirms drückten bleischwer in seine Schultern, die Reißleine baumelte vor seiner Brust. Er warf noch einen Blick in den Abgrund vor ihm, dann war er sich sicher.
Nichts in der Welt konnte ihn dazu bringen, da hinunter zu springen. Nicht Gerti, nicht Litte Hellbird Markus, nicht der gepolsterte Sessel eines Abteilungsleiters.
Er machte einen Schritt zurück. „Ich bin noch nicht soweit. Ich brauche noch ein paar Minuten Konzentration.“
Der Instruktor wandte sich an Kleinmann. „Wie ist es mit Ihnen?“
Ungläubig beobachtete Harry, wie Kleinmann an die Luke trat. Seine Finger krampften sich so fest um die Kante, dass die Knöchel weiß hervortraten. Die Schutzbrille verdeckte den größten Teil seines Gesichts, aber seine Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst.
Und dann ... sprang er. Sein Körper überschlug sich ein paar Mal in der Luft, bevor sich der Fallschirm öffnete. Harry starrte hinunter in die Tiefe, wo sich das gelbe Rechteck bauschte.
Er hatte nicht damit gerechnet, dass Kleinmann wirklich springen würde. Die Landschaft, die Wolken, der Fallschirm ... alles verschwamm vor seinen Augen wie Wasserfarben auf einem feuchten Blatt Papier. Aus den ineinanderlaufenden Farben schälte sich ein Bild: Gerti, an der Hand einen kleinen Jungen.
Der Junge hatte ein fliehendes Kinn und dünnes blondes Haar.
Stöhnend verscheuchte Harry die Vision mit einer Handbewegung. Sein Mund war trocken und sein Frühstück machte sich auf den Weg nach draußen.
Aus einiger Entfernung hörte er Obrowsky husten, dann fiel etwas zu Boden und rollte in Harrys Gesichtsfeld. Automatisch stoppte er den Gegenstand mit seinem Schuh.
Tante Jule kehrte in einem spürbaren Bogen zur Absprungstelle zurück.
Harry taumelte, dann bückte er sich und hob das Ding unter seinem Schuh auf. Es war eine kleine Spraydose mit einem seltsam geformten Verschluss. Ratlos drehte er die Dose zwischen den Fingern.
Obrowsky kam mit ausgestreckten Händen auf ihn zu.
„Bitte ...“, keuchte er heiser.
Harry hatte die Aufschrift entziffert und wusste im gleichen Moment, dass es das Schicksal gut mit ihm meinte. Jetzt musste er alles auf eine Karte setzen und volles Risiko fahren, dann würde er eine strahlende Gerti im Arm halten und jeden Sonntagnachmittag mit Little Hellbird Markus seine Harley blank polieren.
Geschickt balancierte er den Spray außerhalb von Obrowskys Reichweite.
„Lieber Freund“, begann er genüsslich, „was denken Sie, wird aus Ihrer Beförderung, wenn die Firmenbosse erfahren, dass Sie Asthmatiker sind? Ein Mitarbeiter, der ständig unter Medikamenteneinfluss steht, womöglich wegen Unpässlichkeiten seine Termine nicht einhalten kann ...“
Obrowsky holte rasselnd Luft. Seine Augen begannen aus den Höhlen zu treten.
„>Gesunder Geist in gesundem Körper<, unsere amerikanischen Freunde nehmen diesen Spruch wörtlich, das wissen Sie doch am besten von allen. Schade, Sie hätten so tolle Aussichten gehabt ...“
„Was ... wollen ... Sie?“
Noch immer hielt Harry den Spray unerreichbar für Obrowsky.
„Erstens: Ich werde nicht springen. Zweitens: Sie stellen mir ein Empfehlungsschreiben aus, mit dem ich Ihr Nachfolger werde. Ich krieg’ Ihr Büro, Ihre Sekretärin und eine private Krankenversicherung, die für meine ganze Familie gilt.“
Obrowsky nickte und Harry drückte ihm den Spray in die Hand.
„Gut. Schön, dass wir uns so schnell verstehen.“
Nach ein paar Atemzügen aus dem Inhalator sagte Obrowsky, noch immer schwer atmend: „Sie sind ein gottverdammtes Schwein, Meinert.“
„Dann bin ich für den Job ja bestens geeignet.“
Obrowsky wandte sich ab und bedeutete dem Instruktor, dass er bereit sei, zu springen.
Harry setzte wieder, zog den Reißverschluss des Overalls auf und holte seine Marlboro heraus.

Tante Jule landete eine Viertelstunde später rumpelnd auf dem Flugfeld, aber diesmal störte es Harry nicht im Geringsten. Genauso wenig störte es ihn, Obrowsky und Kleinmann mit leuchtenden Augen in angeregter Unterhaltung vorzufinden.
Er schüttelte beiden die Hand und klopfte ihnen auf die Schulter. „Respekt, meine Herren. Bis Montag dann.“
>We are the Champions< pfeifend, marschierte er zu seinem abseits geparkten Motorrad. Gut gelaunt holte er die Jacke aus dem Koffer, bewunderte einmal mehr das Emblem auf dem Rücken und schlüpfte hinein.
Beim Wegfahren ließ er den Motor aufheulen und nahm dann die Ausfahrt zur Autobahn. Auf der Geraden beschleunigte er voll durch. Immer wieder summte der Fahrtwind „alles gewagt, alles gewonnen“ in sein Ohr. Er flog und dazu brauchte er kein Flugzeug und keinen Fallschirm. Endlich flog er wieder auf der Straße des Erfolgs dahin und dieser Gedanke musste ihn so berauscht haben, dass seine Aufmerksamkeit für den Bruchteil einer Sekunde nachließ.
Zumindest bleibt das die einzig logische Erklärung dafür, wie Harry den ausscherenden Sattelschlepper übersehen konnte.
Denn er war ja „... ein umsichtiger, weitblickender Fahrer, der jedes Risiko verabscheute und seine Maschine immer voll im Griff hatte“, wie Hellbird Franjo in seiner Trauerrede an Harrys Grab stellvertretend für den Club sagte. Aus den Augenwinkeln sah er dabei, wie sich die schluchzende Gerti auf Dieter Kleinmann stützte - der in seiner Funktion als zukünftiger Abteilungsleiter von Beta/Ost an dem Begräbnis teilnahm - und wusste nicht, ob ihm es ihm gefiel, dass dieser Wicht es wagte, seine begehrlichen Finger nach dem Mädel auszustrecken.

Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

(c) Fran Henz

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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