Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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August 2002
Untertauchen
von Frank Hoese


Das Jägergeschwader der Gutzpeck-II-Kolonie klebte so dicht an unserem Heck, dass die Triebwerke ionisierten Dreck auf ihre Bugfenster spuckten. Klath hatte auch Dreck gespuckt, als ich unsere Frachtmühle in einen Asteroidengürtel lenkte; erst als wir schon drin waren, fiel mir ein, dass die wendigeren Schiffe der Jäger hier viel besser navigieren konnten als unsere Hj!Ath. Nun ja, wir alle machen Fehler.
„Haaaarrr“, machte Klath und hieb mit drei Tentakeln auf die Steuerkonsole ein, während ich mich bemühte, einem besonders dicken Brocken auszuweichen. „Haaaharrrr!“
„Krieg dich wieder ein, Mädel“, sagte ich und schob ein Zigarillo vom linken in den rechten Mundwinkel. „Sie haben vielleicht die schnelleren Schiffe, aber wir haben den besten Piloten.“
Klath haharrte eine Spur schriller. „Captain Jump, haben wir Treibstoff alle gleich“, meldete Opderheide von hinten, der wenigstens ein Humanoid mit zwei Armen und zwei Beinen war, wenn auch einer aus dem D’rennfarz-System, wo verflucht sonderbare Sitten herrschen.
„Warum soll eigentlich immer ich alle eure Probleme lösen?“ fluchte ich. Hinter uns ging einer der fünf Jäger in einer grellen Explosion unter, nachdem er in etwas geflogen war, das wie ein großer Nickelklumpen aussah. „Werdet endlich erwachsen!“
Eins unserer Probleme lag im Frachtraum: etwa siebenhunderttausend Shaqta-Ohren, im Darlton-Sektor ein begehrtes Zahlungsmittel, aber im Raum der Gutzpeck-II-Kolonie ziemlich illegal. Erstaunlich, wenn man bedachte, dass es überhaupt nur hier Shaqta gab. Die Shaqta waren auch keine intelligenten Wesen - jedenfalls nicht allzu intelligent - und ihre andauernden Stammesquerelen lieferten genug Ohren für alle, die den Mut hatten, ihren winzigen, chaotischen, klomethbepissten Planeten anzusteuern.
Im Darlton-Sektor würden diese siebenhunderttausend Ohren uns soviel Zaster einbringen, dass wir und unsere Kinder und unserer Kinder Kinder Kinder für alle Zeiten das sorgenfreie Leben eines andorianischen Vielfraßes führen konnten. Das war schon ein bisschen Ärger wert, fand ich.
Ein Teil unseres Leitwerks verabschiedete sich im Feuerstrahl eines Jägers in einem schön irisierenden Blau, und Klath und Opderheide kreischten unisono auf: Klath in einer wundervollen, tragenden Altstimme, während Opderheide sich für das obere Klangspektrum des Tenors entschied. Mein Zigarillo fiel mir aus dem Mund; wahrscheinlich war es ohnehin wieder ausgegangen.
„Ich sehe ein, dass unsere Situation etwas verzwickt aussieht“, sagte ich, „und ich erwarte Vorschläge. Also?“
„Ist Wasserplanet ein es bald“, radebrechte Opderheide und winkte verzweifelt nach rechts unten. „Tursa minor. Fallen Wasser, nix zu finden kann.“
„Unsere einzige Chance“, säuselte das Fladenwesen zu meiner Rechten, und vier ihrer Tentakel formten eine Bittgeste. „Schnell, Jump!“
„Hm“, machte ich. „Ein Wasserplanet. Da könnten wir uns ein bisschen bedeckt halten, mit unserem Wasserstoffmodul Treibstoff für die Hilfstriebwerke brauen und dann zusehen, dass wir hier wegkommen. Kommt mir aber ein bisschen feige vor.“
Zweistimmiges Geheul, Diskant.
„Andererseits“, sagte ich, „ist das von all euren bisherigen Vorschlägen der vernünftigste. Also los. Ich hoffe, ein paar Hirnwürmer stören euch nicht weiter.“
Das Weltall kippte in einer rasanten Kurve weg, und ich glaubte zu hören, wie die Außenhülle der Hj!Ath über Fels schrammte. Opderheide fiel in Ohnmacht, aber das machte nichts, denn für das, was nun kam, brauchte ich keinen Navigator.
Auf einem ozeanischen Planeten zu landen, erfordert wenig Geschick, denn es endet so oder so mit dem Absaufen, wenn man nicht über ein Amphibienfahrzeug verfügt. Aus naheliegenden Gründen sind die wenigsten Raumfahrzeuge amphibisch, und deshalb saufen wir Raumfahrer stets ab, wenn wir auf einem ozeanischen Planeten herunterkommen.
Uns ging es nicht anders. „Blupp“, machte die Hj!Ath, und weg waren wir.
„Jägerin gutzpeckisch onomon nein“, berichtete Opderheide, der wieder zu sich gekommen war und nun die Scanner bediente. „Sinkung in Fuß hundertfünfzig. Rasch viel mehr.“
„Onomon ist kein Wort, das Menschen benutzen“, korrigierte ich, und die Fühler des D’rennfarzers rollten sich beschämt zusammen. „Zumindest keine, die ich kenne. Vermeide es in Zukunft. Klath, du behältst den Innendruck im Auge. Alarm beim geringsten Anzeichen von Überdruck.“
Die Drellianerin schwang einen Tentakel.
Die Tiefe, in die wir hinuntersanken, wurde immer lichtloser. Eine Wolke tursanischer Hirnwürmer näherte sich dem Schiff und hüllte es ein. Die ersten von ihnen verkochten in der Wolke kosmischer Strahlung, die unser Schiff abgab, und den nächsten erging es nicht besser, aber man wusste von einigen unfreiwilligen Bruchlandungen, dass die Hirnwürmer von Tursa ziemlich hartnäckig sein konnten, wenn es darum ging, ein Raumschiff zu knacken. Ich machte mir keine Sorgen, denn die Hj!Ath mochte alt und zerschrammt sein, aber sie war ein tüchtiges Schiff mit einer tüchtigen Besatzung und einem mehr als fähigen Captain. Die Jäger waren keine Gefahr mehr; sie würden ein paar Stunden über der Wasseroberfläche kreisen, aber nichts auf der Welt würde sie davon abhalten können, rechtzeitig zum Schichtwechsel auf Gutzpeck einzutreffen - jedenfalls ganz bestimmt nicht ein mickriges drellianisches Schmugglerschiff.
Ich übergab Klath das Kommando, verließ meinen Sessel und tauchte in die Eingeweide des Schiffes hinab, um nach dem Rechten zu sehen.
Im Halbdunkel des Maschinenraums konnten tödliche Gefahren lauern: Gutzpeck-Parasiten, deren rasiermesserscharfe dreifache Kiefer einen Raumfahrer in Millisekunden zu Grütze verarbeiteten, oder Galva-Kontinuum-Echos, die von den hochleistungsfähigen Schub-Aggregaten erzeugt wurden und ein halbbewusstes Leben führten wie ein irdischer Spuk. Oder man konnte sich fies die Schienbeine anstoßen, weil an den unmöglichsten Orten Rohre entlang liefen, mit denen man nicht rechnete. Deshalb mied ich den Maschinenraum und ging aufs Promenadendeck, was mir klüger erschien.
Die Panoramafenster des Frachtschiffes boten einen atemberaubenden Ausblick auf die fremdartige Landschaft des Planeten, der uns als Versteck diente. Alles war voller Wasser und Hirnwürmer. Ich hatte keine Ahnung, wie tief wir nun unter der Wasserlinie lagen, aber das war ohnehin nur ein unwichtiges Detail. Wichtig war, dass wir nun unseren Treibstoff ergänzten, denn sonst würden wir hier verschimmeln. Also steckte ich mir einen neuen Zigarillostummel ins Gesicht und inspizierte das Wasserstoffmodul, das aus dieser alienverseuchten Suppe etwas brauen würde, mit dem unsere Triebwerke funktionierten.
In früheren irdischen Fortbewegungsmitteln hatte es ein Gerät mit der Bezeichnung „Zigarettenanzünder“ gegeben, das man zum Anzünden und Abbrennen von aromatisierten Kohlenwasserstoff-Genussmitteln verwendete. Mit ihm war es ähnlich wie mit den Wasserstoffmodulen der modernen Raumschiffe: Man benutzte es eigentlich nie, weil es viel zu lange brauchte, um in Gang zu kommen, aber wenn man darauf angewiesen war, war man verdammt froh, dass die Konstrukteure es noch nicht rausgeschmissen hatten. Wer auf einem ozeanischen Planeten aus Energiemangel absoff, konnte gemütlich Däumchen drehen, bis sein Wasserstoffmodul eine primitive Brühe gebraut hatte, die ihn wenigstens bis zur nächsten interstellaren Erg-Ladestation brachte - vorausgesetzt, es war nicht Tursa minor, wo die Hirnwürmer gelegentlich effizienter und schneller arbeiteten als das Wasserstoffmodul. Ich drückte einen Knopf und zählte meinen Autorisierungscode auf; das Gerät gab ein elektronisches Zirpen von sich und begann dann zuversichtlich vor sich hin zu rattern.
Ich pfiff ein Liedchen und marschierte zurück zum Cockpit. Würde schon schief gehen.
„Darm-Fäkalien“, fluchte Opderheide. „Jäger fünf, sieben, elf. Touchdown. Penetration Wasser-Ofle.“
„Ich glaube nicht, dass du mir tatsächlich das sagen willst, was ich gerade verstanden habe“, entgegnete ich. „Klath, mach das Radio an.“
Das Fladenwesen gab seit einer Weile Töne von sich, in denen ich einen drellianischen Totengesang wiederzuerkennen glaubte, aber sie folgte meiner Anweisung. Zwei ihrer Tentakel bewegten mit viel Fingerspitzengefühl einen Schieberegler, und das mit blondem Haar überwucherte, in debiler Fröhlichkeit grinsende Gesicht eines Gutzpeck-Medionators erschien auf unserem Kom-Schirm.
„Die Offensive gegen die fremdplanetaren Shaqta-Wilderer wird heute einen neuen Höhepunkt erreichen“, plapperte er. „Einheiten unserer glorreichen Streitkräfte, denen ewiger Ruhm und Heil zuteil ist, haben keine Mühen gescheut, um eine besonders verabscheuungswürdige Mörderbande in den Tiefen des tursanischen Meeres zu stellen.“
„Oh-oh“, machte Opderheide.
„Unser verehrter Präsident, dem die ewigen Mächte am kommenden Sonntag die Wiederwahl bescheren mögen“, fuhr der Sprecher fort, „hat in einem heiligen Schwur, die ehrlosen Köpfe der Schlächter auf den Zinnen des Regierungspalastes auszustellen, sein Leben und das seiner Familie verpfändet.“
„Das reicht“, sagte ich. „Klath, langsamen Schub vorwärts. Suchen wir ein Mauseloch.“

Es hat wohl kaum jemals einen Planeten gegeben, der in seismischer Hinsicht fauler gewesen ist als Tursa minor. Jede vernünftige Planetenoberfläche hatte eine ganze Sammlung von Schrunden, Narben und Warzen, in denen ein Staubkörnchen wie wir auf Nimmerwiedersehen hätte verschwinden können, aber es musste ja ausgerechnet Tursa sein, wo der Meeresboden so glatt war wie der Hintern eines Klann-Tarr-Welpen. Seit einer Stunde bewarf ich Opderheide mit benutzten Papiertaschentüchern, aber er zeigte immer noch kein Zeichen von Reue. Was schlimmer war, er fand nicht die winzigste Spalte, in der wir uns vor den Gutzpeck-Jägern verstecken konnten, die hinter uns her waren wie eine bösartige Figur aus der irdischen Mythologie hinter einer anderen mythologischen Vorstellung. Mir graute vor der Entscheidung, aber uns blieb nur ein Weg.
„Den Zentralgraben“, sagte ich. „Wir müssen in den Zentralgraben, sonst finden sie uns in den nächsten Stunden.“ Opderheides Augenbrauenflusen kletterten in die Höhe, und Klaths Tentakel erbleichten.
„Der Zentralgraben ist die unerforschte Heimstatt der Hirnwürmer“, stellte Klath fest, und ihre Membran undulierte ahnungsvoll. „Die Populationsdichte dieser Lebewesen beträgt im Zentralgraben ... “
„Wir müssen es wagen“, rief ich und schlug mit der Faust auf die gepolsterte Lehne meines Pilotensessels. „Entweder wir sterben hier wie Feiglinge, oder wir laufen vor ihnen davon wie vernunftbegabte Wesen. Zentralgraben oder Tod!“
„Navigation Zentralgraben ist nächstens östlich 7 Komma 28“, seufzte Opderheide, „und 51 Komma 3 Nord.“
Der Zentralgraben war praktisch die einzige Verwerfung, die es auf dem Planeten gab. Er bestand aus einer tiefen Felsrinne, die die unterseeische Oberfläche des Planeten in etwas teilte, das ich gern mit zwei Arschbacken verglich. Man vergleicht überhaupt gern Dinge mit Arschbacken, wenn man seine ganze Zeit mit einem Fladenwesen und einem D’rennfarzer verbringt. Es wurde sogar warm, wenn man in die Rinne eintauchte, denn die Planetenkruste war hier besonders dünn, und das unterseeische Magma heizte die Wassertemperatur hier zum Teil über zweihundert Grad Celsius. Das blubberte ganz ordentlich.
Die Hj!Ath verschwand zwischen den aufsteigenden Blasen, die aus dem Graben emporquollen, und sank langsam der Planetenkruste entgegen, hin- und hergeworfen wie ein Kinderspielzeug. Wir orgelten zu dritt an der Steuerkonsole herum, aber jeder Versuch, das Schiff unter Kontrolle zu bringen, war aussichtslos. Schließlich drängte Klath uns von der Steuerkonsole und zwang das Schiff im Blindflug mit der Nase nach unten in den Graben, und die Außenhülle jaulte gequält auf, als sie sich in etwas Dunkles, Weiches bohrte, das unseren Abstieg abrupt beendete.
Als wir wieder zu uns kamen, brummten unsere Schädel, sofern wir welche hatten.
„In Ordnung“, begann ich im strammsten Tonfall, den ich hervorbringen konnte. „Klath, du wirst unsere Ladung überprüfen. Ich möchte genau wissen, wie viele Ohren wir haben.“
„Siebenhunderttausend“, flötete die Drellianierin.
„Vielleicht ist eins weggekommen. Los, zähl sie. Alle. Mit deiner Zahnbürste.“
Klath kroch auf ihren Tentakeln davon, ein gebrochener Fladen.
„Opderheide, wo zum Henker sind wir hier?“
„Dunkel“, sagte Opderheide, und das stimmte.
Die nächsten Stunden verbrachten wir zwischen den Drähten der Navigationssensoren, die anscheinend einen Totalausfall hatten. Wir hatten neunzig Prozent der Schaltkreise gecheckt und noch keinen Fehler gefunden. Druck und Hitze im Inneren unseres Schiffes schienen stetig zuzunehmen.
„Captain Jump“, rief der Navigator, der gerade die physikalische Sensorenphalanx prüfte. „Seltsames außen. Scanner- sehen- Messschirm.“
Ich eilte zur Wissenschaftsstation. Die Messfühler der Außenhülle stellten minimale Instabilitäten und Integritätsschwankungen fest.
„Woher kommt das?“
„Nix ich“, antwortete der Navigator. „Ah, hier Sensoren.“
„Kurze Reichweite, hohe Auflösung“, befahl ich, und die blauen Finger des D’rennfarzers huschten über die bonbonfarbenen Tasten der Konsole. Auf dem Schirm wuchs ein dünnes grünes Liniengitter zu einer Geometrie zusammen, die so unverkennbar organisch war wie ein Schneckenhaus oder ein Libellenflügel. Es war eine Art Made aus zahlreichen Ringen, groß wie ein Lagerhaus auf Rigel VII, und in mir wuchs ein furchtbarer Verdacht.
„Sensoren in Chemo-Modus“, sagte ich. „Analyse.“
Ein simuliertes Gas-Chromatogramm der Substanz, die uns umgab, wurde eingespielt, und das Elektronengehirn des Schiffes suchte in seinen Speicherbänken nach vergleichbaren Substanzen. Zunächst führte es vierhunderttausend an, reduzierte sie auf hundertfünfzig, sieben, eine. Es war das Verdauungssekret der tursanischen Hirnwürmer.
„Hirnwurm?“ fragte Opderheide, und seine Stielaugen schienen fast aus dem schmalen Gesicht zu fallen.
„Nicht irgendein Hirnwurm“, sagte ich. „Es ist die Mutter aller Hirnwürmer.“

Zu dritt saßen wir mit finsteren Mienen auf der Brücke unseres Schmugglerschiffes, gestrandet in einem gigantischen Wurm, und starrten die Wände an. Die Luft war erfüllt vom optimistischen Piepen und Blinken unserer Instrumente, die uns weder Trost noch Hilfe spenden konnten. Unsere Sensoren meldeten das Eindringen von Hirnwürmern in unsere Antriebsaggregate. Damit waren sie rettungslos hinüber, Wasserstoffmodul hin oder her.
„Das Wasserstoffmodul!“ brüllte ich, sprang auf und schlug mir mit der Hand vor die Stirn, dass ich Sterne sah. „Warum bin ich nicht gleich darauf gekommen?“
Sechzehn verdutzte Augenpaare ruhten auf mir. Keine Zeit für Erklärungen.
„Klath, du berechnest den Flammpunkt einer Mischung des Hirnwurmsekrets mit unserem Treibstoff. Opderheide, du misst die Dicke der Planetenkruste! Na los, los!“
Ich hastete ins Heck des Schiffes, wo das tapfere kleine Wasserstoffmodul noch aus dem Leib der Bestie Treibstoff für die zerstörten Antriebsaggregate pumpte. Es hatte bereits einen 500-Gallonen-Tank gefüllt. Genug für meine Zwecke. Ich nahm mit ein paar Handgriffen einige Veränderungen am Gerät vor, und als ich zurückkehrte, hatte meine Crew ihre Berechnungen beendet und blickte mich fragend an.
„Bericht“, forderte ich und ließ mich in den Pilotensessel fallen. Knapp und präzise erstattete Klath Bericht, und selbst Opderheide fasste sich kurz. „Ausgezeichnet“, murmelte ich und rieb mir die Hände.
Mein Plan war simpel: Wenn wir unseren Treibstoff nach außen statt nach innen ins Schiff pumpten, würde er mit den Verdauungssäften des Mutterwurms eine höchst explosive Reaktion entfesseln. Diese improvisierte Bombe würde den Planeten entlang seiner Zentralrinne in zwei Hälften brechen wie eine Walnuss. Ungeheure Wassermassen würden in den zentralen Kern des Planeten stürzen, der mit einer Temperatur von 10.000 Grad Celsius den größten Dampfkochtopf aller Zeiten entfesseln würde. Kein Verlust; Tursa war nicht mehr als eine wurmverseuchte Pfütze auf dem Weg in den Raumsektor der Gutzpeck-Kolonie.
Der Dampfdruck würde uns mit einer solchen Geschwindigkeit ins Weltall schleudern, dass die Gutzpeck-Jäger sich noch staunend die Augen reiben würden, wenn wir längst die Grenze ihres Raumes überquert hatten und in den Darlton-Sektor sausten, wo man uns bergen konnte, bevor wir in einen Planeten krachten. Wir hatten gute Schilde; es würde schon schief gehen.
Opderheides Mund stand offen. Klaths Tentakel hingen traurig herab. Ich war glänzender Laune.
„He, ich weiß selbst, dass es ein Risiko ist“, sagte ich. „Aber es ist unsere einzige Chance.“
Etwas piepte, und Opderheides melancholisches Gesicht wandte sich dem Kurzstreckenradar zu.
„Jägersch siebenundzwanzig“, sagte er matt. „Gutzpeck. Lasern Mutter Wurm.“
Vor unserem Sichtfenster kochte ein weißer Hochenergie-Laser durch den Leib des Mutterwurms und hinterließ eine verkohlte Spur. Das Schiff bäumte sich auf.
„Das ist der Augenblick“, rief ich und hieb auf den Knopf, der den Treibstoff freisetzte. „Wir müssen es wagen!“
Die Explosion war allumfassend.
Als wir diesmal zu uns kamen, drehten sich die Sterne draußen so schnell, dass es unmöglich war, unseren Standort ohne Computer zu bestimmen. Wir konnten atmen, also hatten wir keinen kompletten Hüllenbruch. Mein Zigarillo war weg.
„Himmel, das dreht sich“, sagte ich.
„Gewöhn dich dran“, antwortete Klath, „wir können nicht gegensteuern.“
„Opderheide?“
Stöhnend kroch der Navigator an sein Pult und fingerte an den Kontrollen herum. Eine große blaue Kugel, die an unserem Fenster vorbeisauste, bewies, dass es Tursa noch gab und dass wir nicht allzu weit davon entfernt waren. Ein Schwarm vorbeifliegender Ohren ließ mich an einen Hüllenbruch im Bereich des Lagerraums denken.
„Trudeln Orbit“, sagte Opderheide. „Tursa.“
Ein scharfer Ruck ging durch das Schiff, und das Trudeln hörte auf. Ich sah in einige von Klaths Augen, die so ahnungslos dreinschauten, wie ich mich fühlte.
„Traktorstrahl, Captain Jump“, sagte Opderheide; unser Schiff wurde gedreht, bis wir einem Rudel von etwa dreißig Gutzpeck-Jägern gegenüberlagen, deren Waffenphalanxen unheilvoll glühten.
„Ein interessantes Problem“, stellte ich fest.
„Grußfrequenzen?“ fragte Klath.
„Grußfrequenzen“, sagte ich und straffte meinen Pullover. „Zeit für ein bisschen Diplomatie.“

(c) Frank Hoese 2002

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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