Der Cousin im Souterrain
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Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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August 2002
Fischer und seine Frau...
von Ines Haberkorn

Fischer und seine Frau
(oder: Frisch gewagt, ist halb gewonnen)

“Mandje! Mandje! Timpe Te!
Buttje! Buttje in de See!
Mine Fru, de Ilsebill,
will nich so, as ick wol will.”

“Und was will sie denn?”, fragte Schröder von der Kreditabteilung und bot Fischer einen Platz an.
“Ach, eigentlich nicht viel,”, antwortete Fischer, setzte sich in den Freischwinger und wippte ein wenig. “nur eine neue Küche, so eine praktische, eingebaute, mit Elektroherd und Mikrowelle, mit Gefrierschrank und Geschirrspüler. Die wünscht sie sich schon lange.” Genaugenommen träumte seine Frau seit dem Tag von einer neuen Küche, als der liebenswürdige Kundenberater vom Küchencenter ganz unverbindlich und nur spaßeshalber ihre Küche vermessen und sie ihnen am Computer neu eingerichtet hatte. Das Ergebnis war aber auch wirklich ein Traum gewesen, und die anderen hatten das sowieso schon lange.
“Na dann schauen wir mal”, entgegnete Schröder und zupfte einen Kreditantrag aus seiner ledernen Aktenmappe. Nachdem er von Fischer Arbeitgeber, Nettoeinkommen und Kontonummer für den Rateneinzug erfragt hatte, schrieb er in das Feld für die Kreditsumme, direkt unter das Eurozeichen, eine eins mit vier Nullen.
“Frisch gewagt, ist halb gewonnen, Herr Fischer”, sagte er und klopfte ihm jovial auf die Schulter. “Nun erfüllen Sie Ihrer Frau mal den Wunsch. Und schöne Grüße von mir und der Bank.”

“Mandje! Mandje! Timpe Te!
Buttje! Buttje in de See!
Mine Fru, de Ilsebill,
will nich so, as ick wol will.”

“Und was will sie denn, Ihre Frau?”, fragte Schröder von der Kreditabteilung und rückte Fischer den Freischwinger zurecht.
“Im Grunde nicht viel,”, antwortete Fischer, lümmelte sich hinein und streckte die Beine aus. “Sie wünscht sich halt nur ein neues Auto, so ein schickes, rotes mit Breitreifen und Alufelgen, mit aufklappbaren Verdeck und Navigationssystem. Das wünscht sie sich schon eine ganze Weile.” Wenn Fischer es recht bedachte, träumte seine Frau genau seit jenem Tag von diesem Wagen, als der smarte Verkäufer vom Autohaus sie nur mal so und völlig kostenlos zu einer Probefahrt eingeladen hatte. Die 170 Pferde hatten nur so gewiehert, als sie mit 200 Sachen über die Autobahn galoppiert waren. Alles in allem war der Wagen wirklich ein Traum, und außerdem hatten die anderen das sowieso schon lange.
“Da wollen wir doch mal sehen, was sich machen lässt”, entgegnete Schröder und zupfte einen Kreditantrag aus der Ledermappe. Dann brachte er Fischers Angaben zu Arbeitgeber und monatlichen Nettoeinkommen auf den aktuellsten Stand, ergänzte Gleiches zur Gattin und fügte die Kontonummer für den Rateneinzug aus seinen Akten hinzu. Zuletzt schrieb er in das Feld für die Kreditsumme, direkt unter das Eurozeichen, eine fünf mit vier Nullen.
“Frisch gewagt, ist halb gewonnen, Herr Fischer”, sagte er und schüttelte ihm die Hand. “Und nun nix wie nach Hause und Ihrer Frau den Wunsch erfüllt. Mit den besten Grüßen von mir und der Bank.”

“Mandje! Mandje! Timpe Te!
Buttje! Buttje in de See!
Mine Fru, de Ilsebill,
will nich so, as ick wol will.”

“Was will sie den diesmal?”, fragte Schröder von der Kreditabteilung und führte Fischer zur Sitzgruppe in der Ecke hinter den Grünpflanzen.
“Nicht viel,”, antwortete Fischer, lupfte die Hosenbeine ein wenig, damit sie beim Sitzen nicht ausbeulten und ließ sich in den Sessel fallen. “Sie wünscht sich nur ein Häuschen, so ein hübsches, kleines mit Balkon und Terrasse, mit Garten und Pool. Das wünscht sie sich schon lange.” Zugegeben, davon träumte sie erst, seit der wortgewandte Immobilienmakler sie zufällig bei einem Spaziergang an seinem Musterhaus vorüber beobachtet und sofort zu einem Gläschen Sekt mit anschließendem Schnupperrundgang hereingebeten hatte. Das Haus war aber auch wirklich ein Traum gewesen und überhaupt, das hatten die anderen doch sowieso schon lange.
“Wäre doch gelacht, wenn sich da nichts machen ließe”, entgegnete Schröder augenzwinkernd und klappte seine Ledermappe auf. Er übertrug sorgfältig die Daten der Fischers aus seinen Unterlagen auf ein neues Kreditformular und schrieb in das Feld für die Kreditsumme, direkt unter das Eurozeichen, eine drei mit fünf Nullen.
“Frisch gewagt, ist halb gewonnen”, sagte er, holte ein Mäppchen mit dem Slogan der Bank auf dem Deckel aus seinem Schreibtisch und legte ein weiteres Formular hinein.
“Sie haben doch sicher ein Oma, so eine nette, alte Dame mit strammer Witwenrente und Sparstrumpf unter der Matratze, mit einem großen Herz für ihre Kinder und dem Wunsch ihre alten Tage in ihrer Nähe zu verbringen. Es wäre sicher ihr Traum für Sie zu bürgen.” Nachdem er noch einen Kugelschreiber, natürlich auch mit den Insignien der Bank versehen, an das Mäppchen geklemmt hatte, überreichte er beides.
“Vielen Dank”, sagte Fischer und nahm das Mäppchen freudestrahlend entgegen.
“Nichts zu danken, Herr Fischer”, antwortete Schröder, begleitete ihn zur Tür und hielt sie zuvorkommend auf. “Sie wissen doch, einfach leben, den Rest besorgen wir.”

“Mandje! Mandje! Timpe Te!
Buttje! Buttje in de See!
Mine Fru, de Ilsebill,
will nich so, as ick wol will.”

Ja, was kann man denn noch mehr wollen, dachte Schröder von der Kreditabteilung und streichelte, während er einstieg, liebevoll über den rotfunkelden Lack seines beinahe neuen, trotzdem ungemein preisgünstig erworbenen Cabrio.
“Frisch gewagt, ist halb gewonnen”, sagte er, gab den 170 Pferden die Peitsche und galoppierte mit ihnen zur Zwangsversteigerung der Fischerschen Immobilie.

(c) Ines Haberkorn


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