Futter für die Bestie
Futter für die Bestie
Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Lars Blumenroth IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
August 2002
Die neue Marlis
von Lars Blumenroth


Eigentlich hatte sie nur darauf gewartet. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit gewesen. Nicht ob, sondern wann. Sie war darauf vorbereitet gewesen. Sie hatte es gewusst, verdammt noch mal. Aber wenn es dann erst soweit war, ja, dann war man plötzlich doch ganz überrascht. Ganz anders, als man es sich immer vorgestellt hatte.
Marlis hielt den Wisch in ihren zittrigen Händen. Auf dem Zettel war Peos saubere Handschrift zu lesen: Liebchen, ich muss für einige Zeit weg. Eine kleine Auszeit sozusagen. Bitte mach Dir keine Sorgen, ich komme wieder...
Natürlich hatte sie keine Zweifel, dass Peo wiederkommen würde. Peo hatte sie nie belogen. Das war auch der Grund, weshalb sie Fremdgehen immer ausgeschlossen hatte. Sie war sich sicher, dass er wiederkommen würde – aber um seine Sachen zu packen. Für sie gab es da keinen Zweifel. Sie war ein Gefühlsmensch, sie wusste solche Dinge einfach. Und was Peo anging, wusste sie über fast alles bescheid.
Er saß jetzt sicher an irgendeinem verdammten See oder Teich und angelte. Er würde von morgens bis abends an einem verkorksten Tümpel sitzen und scheiß Fische an Land hohlen – oder es zumindest versuchen.
Aber das wusste sie. Da würde sie nicht nachforschen müssen, sie wusste es schon. Dahinter steckte keine andere Frau. Niemals! Peo doch nicht. Aber er würde angeln. Vielleicht würde er auch fein essen gehen. Garantiert. Und eventuell würde er auch Anschluss bei anderen finden. Auch Frauen. Natürlich. Aber Peo würde sie nicht betrügen. Und die Frauen würden ihn auch nicht sonderlich attraktiv finden, denn Peos Leidenschaft war der modrige Fisch in den Pfuhlen dieser Welt.
Marlis lachte bitter. Keine Frau würde sich darauf einlassen, und ebenfalls ihren hübschen Arsch an einem dieser Sümpfe platt sitzen, bis endlich ein gigantischer Walfisch angebissen hätte.
Jetzt lachte Marlis laut und herzhaft. Ja, das war sein Wunsch, das war alles was Peo wollte, einen gigantischen, fetten Wal aus einer Pfütze angeln.
Aber das Lachen hielt nicht lang. Und es machte nicht fröhlich. Lachen machte sie normalerweise immer fröhlich. Sie war ein herzlicher Mensch und dazu gehörte auch, dass man viel lachte. Sie war schließlich ein Gefühlsmensch. Aber Lachen half nicht immer. Irgendwann gab es auch Zeiten, da sich einem das Lachen einfach in der Röhre festsetzte. Ja, wie ein Köder mit langen Widerhaken. Und dann ging nichts mehr. Weinen konnte sie auch nicht.
Fakt war, und das sah sie ganz nüchtern, sie war nicht mehr Undine. Sie hatte so wenig mit Wasser und Fisch gemein, wie irgend möglich. Ihre Haut war schon lang nicht mehr glatt. Die Feuchtigkeit hatte sich fast gänzlich aus ihr verzogen. Verdunstet sozusagen. Mit den Jahren abhanden gekommen, fast heimlich, aber unaufhaltsam. Und wenn sie heute in den Spiegel guckte, dann sah sie eine Frau, die nach Meinung so mancher schon längst hätte tot sein müssen.
Wie hatte sie das nur zulassen können? Peo hatte ihr diesbezüglich nichts gesagt. Natürlich nicht. Peo war Peo, Erklärungen überflüssig. Wahrscheinlich hatte er bei ihrem Paarungsritual immer an einen Fisch gedacht. Sie konnte nicht lachen, obwohl sie es bei dem Gedanken gern wollte. Aber die Widerhaken in ihrem Hals waren unerbittlich. Sie war ein Gefühlsmensch. Sie wusste alles.
Und allem voran schlich sich langsam die Gewissheit ein, dass sie für Peo schlichtweg nicht mehr attraktiv war. Da brauchte sie sich nichts vormachen. Peo war zwar Peo, aber er war auch zu gewissen Teilen ein Mann. Und Männer waren eben nur Männer. Da konnte man als Frau herzlich wenig tun.
Und Lächeln allein hatte nicht gereicht. Sie fand ihr Gesicht nicht schlimm. Sie mochte ihr Gesicht. Sie hatte Falten, verdammt noch mal, ja. Aber sie war nicht hässlich. Sie schämte sich nicht. Sie wusste ganz genau, wer sie war. Sie war Marlis und sie hatte Gefühl.
Die Ausdrücke, die andere (meist junge) Leute für ihr Gesicht parat hatten, kannte sie alle. Sie war nicht zimperlich, sie hatte Humor und Herz. Und sie hatte wohl ein Gesicht wie eine Landkarte, einen Hals wie ein Gewinde und Brüste, die sie bald vom dritten Stock bis auf die Erde baumeln lassen konnte. Jetzt lachte Marlis doch. Es klang trocken und schmerzhaft.
Ja, Menschen, die vom Alter noch nicht betroffen waren, konnten da schon eine Menge Scherze machen. Eine Frau in ihrem Alter, die so viel erlebt hatte wie sie, musste sich schon einiges anhören können. Aber es tat Marlis nicht weh. Sie war immerhin Marlis, sie war stark, sie hatte Charakter. Und sie fand ihr Gesicht hübsch.
Es war ein Gesicht, das Geschichten erzählen konnte. Sie hatte Falten, die sowohl an schlechte als auch an gute Zeiten erinnerten. Ihre Wangen hatten an Form verloren, aber sie sahen noch lang nicht denen eines Boxerhundes gleich. Das kam wahrscheinlich vom Lachen. Freundlichkeit zahlte sich am Ende immer irgendwie aus. Ja, auch wenn ihre Nase knollig und etwas klobig war. Sie hatte immer noch Augen, die Wärme und Herzlichkeit ausstrahlten.
Sie war mit sich zufrieden. Sie war mit sich im Einklang und hatte einen feinen Sinn für zwischenmenschliche Belange, was am allerwichtigsten war. Wenn man im Alter irgendwann vergaß, sich selbst zu fühlen, in sich selbst hinein zu schauen, dann wurde man womöglich wirklich alt. Aber sie war nicht alt, denn sie hatte immer noch diese innere Kraft, diesen Pol, der alles im Gleichgewicht hielt, ihren Gefühlshaushalt.
„Und Sie sind sich sicher?“
War sie sich sicher? Das wusste sie nicht mit Sicherheit. Nicht sicher wissen, ob man selbst sicher sagen konnte, dass man ganz sicher sicher war... Seltsam. So was brachte einen ganz schön durcheinander. Was war schon sicher? Peo war ihr eigentlich immer sicher gewesen. Auf ihn hatte sie ihr Leben ausgerichtet. Bis das auch irgendwann nachgelassen hatte. Sicher war sie eigentlich nur in sich drin – so halbwegs. Früher jedenfalls. Seit sie diesen Zettel vorgefunden hatte, war ihr Fundament weniger belastbar, vielmehr porös. Mittlerweile versuchte sie um ihre Sicherheit zu kämpfen, um ihr Gefühl, um Peo. Aber sie wusste plötzlich nicht mehr, ob ein Mühen um Peo aussichtsreich sein würde. er war gegangen. Auszeit, wie er es genannt hatte. Und sie war jäh ins Stolpern geraten. Eine Stütze war ihr entzogen worden und sie musste unvermittelt aufpassen, dass sie nicht hart auf ihre schlaffen Backen fiel. Marlis hätte wieder lachen mögen. Aber sie war hier nicht mehr zu Hause. Sie war hier nicht sicher.
„Und, Marlis? Sind Sie sich sicher?“
Sicherheit, Sicherheit, immer wurde Sicherheit gefordert, die eh kein Mensch geben konnte. Es war ein Spiel. Sie setzte ihren Einsatz, sie spielte und sie konnte verlieren oder gewinnen. Was sie verlieren würde, wusste sie: ein Stück ihrer eh nicht mehr vorhandenen Stabilität. Aber was sie gewinnen konnte, wusste sie nicht genau. Vielleicht Peo? Vielleicht auch nicht. Es war ein riskantes Spiel. Da war sie sich jedenfalls sicher. Riskant. War sie in ihrem Alter noch bereit, ein solches Wagnis einzugehen?
„Ja, ich bin sicher!“ log sie plötzlich. Und die Dreistigkeit ihrer Lüge ließ sie fast wieder lachen. Man hatte im Leben nicht immer viel zu lachen, wenn man es genau betrachtete. Aber Lachen war dennoch wichtig. Und sie wollte lachen, sie wollte lachen, bis sie vergessen hatte, wie unbedarft und verlassen sie war.
„Das freut mich, Marlis. Ich bin mir sicher, dass Sie zufrieden sein werden.“
Zufrieden! Was für ein Wort. Zu Hause lachte sie darüber. Sie war zufrieden gewesen damals. Und sie war immer noch zufrieden mit sich. Aber Peo schien urplötzlich nicht mehr glücklich zu sein. Peo hatte einen gewaltigen Hau. Er hatte einen monströsen Fisch im Kopf, den man ihm operativ entfernen sollte. Aber statt dessen gab sie sich selbst her. Sie wusste, dass sie im Grunde nicht die Ursache des Problems war. Und dennoch versuchte sie das Problem auf diese Art zu lösen, obwohl sie doch mit sich im Einklang war. Sie hatte keinen Fisch im Kopf und trotzdem tat sie diesen Schritt.
Und dann war sie plötzlich wieder dort. Wieder in dieser Klinik. Und sie wusste, dass sie die Entscheidung eigentlich wieder zurücknehmen wollte. Sie war sich verdammt noch mal nicht sicher! Aber sie würde es nicht tun. Dies geschah allein für Peo. Es war eine Chance, es war eine große Chance. Fast so groß wie das Risiko. Peo war weg, aber er würde wiederkommen. Und der Arzt hatte ihr versprochen, dass kein Mann sie dann je wieder würde verlassen können. Ja, der Arzt hatte ihr wirklich allerhand versprochen. Natürlich wusste er nichts von ihrer Schwachstelle, natürlich wusste er nichts von Peo. Aber dennoch schien er seine Versprechungen exakt auf sie abzustimmen. Ihr Inneres war noch heil, kraftvoll und vielleicht sogar jung. Sie musste ihr Äußeres nur anpassen. Bei Gott, dieser Schritt war ihr nicht leicht gefallen. Sie liebte sich so wie sie war. Aber wenn Peo sie nicht so liebte, dann hatte sie keine Wahl. Ihr Entschluss stand fest.
„Sind sie bereit, Marlis?“
„Ja.“ hauchte sie. Sie war bereit. Aber eigentlich auch nicht. Sie wusste nicht genau. Durfte sie das tun? Durfte sie sich das antun, nur um Peo zu beeindrucken? Hatte sie jetzt noch eine Wahl? Sie lag in ihrem Leibchen auf dieser Trage. Der Arzt sah sie freundlich an. Er hatte seinen Kopf über sie gebeugt. Es war ein wenig unangenehm, ihn so sehen zu müssen. Sein Mundschutz war schon über die Nase gezogen. Sein Gesicht verzerrte sich zu einem unechten Lächeln. Marlis sah an den Augen, dass es nur eine Maske war, die sie beruhigen sollte. Und Marlis kannte sich in solchen Dingen sehr gut aus. Doch sie lächelte trotzdem zurück, denn sie war freundlich.
„Spüren Sie schon etwas?“
Marlis überlegte. Müde vielleicht. Ja, sie war schon müde. Der Einstich auf ihrem Handrücken tat nicht mehr weh. Sie war verdammt müde. Und das wollte sie dem Arzt sagen. War es in Ordnung, wenn man bei einer solchen Sache müde war? Es ging hier schließlich um ihr Leben. Nicht das vergangene, aber um das, was noch vor ihr lag. Wenn sie jetzt einschlief, dann würde sie vielleicht nie wieder als Marlis aufwachen. Vielleicht würde sie danach kein Gefühlsmensch mehr sein. Und das wollte sie dem Doktor sagen. Sie wollte sagen: Halt! Ich bin müde, das geht so nicht. Ich will nicht mehr. Ich will nach Hause mit meinem Sandpapiergesicht. Ich will aussehen wie ein Dörrobst, aber ich will nicht mehr hier liegen. Sie kicherte innerlich über ihre Gedanken. Aber sie meinte es ernst. Doch als sie den Mund öffnete, um noch etwas zu sagen, war sie plötzlich weg. Die Leere der Bewusstlosigkeit hatte sie fort getragen.
„Ich werde Sie noch eingehender über die Risiken aufklären, aber zuerst werde ich Ihnen sagen, was wir machen müssen und wie wir es machen.“
Das Beratungszimmer war geräumig und luxuriös ausgestattet. Der Arzt stand auf und kam zu Marlis hinüber. Er sprach wie ein Vertreter. Sie musste aufstehen, sie musste sich drehen. Der Mann im Kittel nahm Maß.
„Wir werden den Schnitt immer im Haar verstecken. Er läuft später hier hinter dem Ohr her. Vor dem Ohr wird nicht genäht. Wir ziehen die gesamte Haut einfach etwas höher und nähen sie dann wieder fest. Keine Angst, wir werden Ihr Haar nicht abrasieren, das schaffen wir auch so. Wenn ich das bei Ihnen so sehe, ja, da müssen schon gute drei Zentimeter weg, vielleicht mehr. Aber das ist kein Problem, das ist alles lockeres Gewebe. Und die Augenlieder machen wir auch gleich mit. Wir wollen ja nicht, dass Sie überall straff aussehen und nur um die Augen nicht. Was ist mit den Lippen? Sollen wir die auch machen? Die könnten ein wenig Grundlage gebrauchen. Das ist ein recht schneller und unkomplizierter Eingriff. Wir nehmen dazu aus Ihrem Bein etwas Fettgewebe und spritzen es einfach ein. Das geht ganz schnell. Und Ihre Nase, darüber hatten wir ja schon gesprochen, wirkt etwas grob. Aber Sie wollen ja nicht, dass wir die auch bearbeiten, oder? Das wäre kein Problem. Das muss ich täglich machen. Und ich verspreche Ihnen, Sie werden nichts merken.“
Marlis wehrte ab. Sie wollte ihre Nase behalten. Sie mochte ihre Nase. Natürlich konnte man etwas daran machen, aber es war nicht nötig. Nötig war ihr Gesicht, das sah sie ein. Und später würden vielleicht auch ihre Brüste nötig sein. Aber das stand jetzt nicht zur Debatte. Sie wollte nicht, dass man ihr die Nase zertrümmerte.
„Okay, Risiken bestehen natürlich immer. Allein schon aufgrund der Narkose. Aber das wissen Sie ja sicherlich. Ansonsten würde ich sagen, ist unsere Vorgehensweise sehr zuverlässig. Fast hundert Prozent kommen ohne Komplikationen durch. Und die Restlichen haben nur leichte Entzündungen. Vornehmlich an der Schnittkante, hinter den Ohren. Aber das verschwindet im Laufe weniger Wochen. Jedenfalls wird es da nicht zu sichtbaren Komplikationen kommen. Für Ihre Umwelt sehen Sie spätestens nach einer Woche wieder gänzlich normal aus, wenn auch um etliche Jahre jünger.“
Und Marlis stimmte zu. Verträge wurden geschlossen. Diese Sache war bei Leibe nicht kostengünstig. Aber sie war alt, und sie hatte Geld gespart. Wofür sollte sie es sonst aufwenden, wenn nicht, um ihre Liebe zu retten, ihren Peo?
Als sie wieder aufwachte, wusste sie erst nicht, wo sie war. Es dauerte, bis es ihr dämmerte. Und dann hatte sie plötzlich furchtbare Angst. Sie erinnerte sich daran, dass sie gesagt hatte, sie wolle nicht operiert werden. Sie erinnerte sich daran, dass sie den Vertrag auf dem OP-Tisch widerrufen hatte, dass sie gebettelt hatte, sie wolle nach Hause. Sie hatte sogar gesagt, dass sie das gesamte Geld bezahlen würde. Aber dann, nach weiteren Minuten, erinnerte sie sich plötzlich daran, dass sie vorher eingeschlafen war.
Ihr Gesicht fühlte sich an wie ein Ballon. Überall presste Verband auf sie ein. Sie konnte kaum ihre Augen öffnen und ihre Lippen schienen enorm geschwollen. Gott, Marlis, da hast du es doch tatsächlich gemacht, du feige Nuss, dachte sie überwältigt. Und in diesem Moment war ihre Gefühlslage gar nicht mehr klar. Sie hatte Angst, aber sie verspürte auch Freude. Sie war unsicher, aber auch zuversichtlich.
Später dachte sie an Peo. Nun war sie richtig wach. Sie war sich immer noch nicht sicher, ob sie richtig gehandelt hatte, aber sie war dennoch zu einem gewissen Grad stolz, dass sie es gewagt hatte. Sie liebte Peo. Und sie freute sich auf seine Augen, wenn sie ihm die Tür öffnete und ihn mit ihrem neuen Gesicht begrüßte.
Dann schaltete sich wieder die Angst ein. Komplikationen konnte es geben, das hatte der Arzt ihr gesagt. Nun, gestorben war sie nicht, sie hatte die Narkose überstanden. Aber ihr Gesicht schien platzen zu wollen. Vielleicht war das ein sicheres Anzeichen dafür, dass etwas schief gegangen war. Und sie war völlig allein. Normalerweise stand Peo immer bei ihr, wenn sie in einem Krankenhaus von einer Operation aufwachte. Diesmal war ihr Peo bei seinen Fischen. Vielleicht dachte er nicht mal an sie.
Als sie wieder zu Hause war, wusste sie aber ganz genau, dass er an sie dachte. Zumindest bildete sie sich das ein. Er musste schließlich an sie denken, wo sie doch für ihn so viel durchgemacht hatte. Die Schwellungen waren immer noch nicht ganz abgeheilt, aber der Arzt sagte, dass die Wundheilung absolut problemlos, ja sogar erstaunlich gut verlief.
Wenn sie in den Spiegel schaute, war sie allerdings nicht so überzeugt. Sie hatte Angst, dass ihre Lippen so dick bleiben würden. Wenn sie den Mund aufmachte, hatte sie das Gefühl, Gewichte hingen an ihnen. Der Doktor hatte sie aber beruhigt. Das sei ganz normal. Lippen reagierten immer so enorm. Sie hatte jetzt Beinfett in ihnen. Na, war das ein Wunder, dass die sich so aufgebläht hatten? Marlis wollte wieder lachen, doch sie konnte nicht. Etwas stimmte nicht.
Ihr Gesicht dagegen war schon sehr viel straffer. Wenn sie ehrlich war: Es gefiel ihr. Ihre Lider waren noch dicklich und blutunterlaufen. Doch das würde nicht mehr lange so bleiben. Die Narben in ihrem Haaransatz waren noch rot, aber erst sichtbar, wenn sie die Haare abteilte. Sie konnte zufrieden sein. Sie sah wirklich jünger aus. Aber es spannte noch seltsam. Das Gefühl war seltsam ungewohnt. Früher war alles locker gewesen. Unbeschwert hatte sie lachen können. Auch Grimassen hatte sie immer gern geschnitten. Im Moment war das nicht möglich. Aber die Zeit würde das schon machen. Ich bin ein Gefühlsmensch, sagte sie sich selbst. Aber sie war sich unsicher.
Und heute? Heute saß sie hier in ihrer Küche, den Zettel in den Händen und konnte nicht weinen, konnte nicht lachen. Peo war immer noch fort. Und sie wusste plötzlich nicht mehr, ob sie noch mit ihm rechnen durfte. Ihr Gesicht war sicher zehn Jahre jünger, wenn nicht noch mehr, aber in ihrem Inneren war sie gealtert. Die Narben waren verheilt, aber am Gesichtsrand hatte sie kein Gefühl mehr. Es war alles taub. Fast zwei Monate war das jetzt her. Peo war nicht da. Der Arzt sagte ihr, dass es normal sei, dass man etwas an Gefühl einbüßte. Und sie war vollkommen alt geworden. Und das war das Schreckliche: Sie fühlte sich alt. Damals hatte sie nur alt ausgesehen. Und ihr Gefühl würde wohl nicht wiederkommen. Vielleicht würde sie nie wieder mit sich selbst in Einklang kommen. Ich bin ein Gefühlsmensch, sagte sie sich, wie sie es jeden Tag tat. Aber das war gelogen. Ihr Gespür war nicht mehr verlässlich. Sie hatte sich geändert. Nicht nur äußerlich. Aber durfte so was sein? Durfte man sich innerlich ändern, wenn man lediglich äußerlich renovieren ließ? Sie versuchte über die Wortwahl zu lachen, wie sie es immer so gern getan hatte - aber das Lachen kam nicht. Nicht über diese Lippen.
Und dann ging plötzlich die Haustüre. Ihr Herz hüpfte. Peo! Plötzlich stand er da im Flur. Er hatte ein Lächeln auf dem Gesicht. Doch ihr eigenes Lächeln stak hinter ihrer Fassade fest.
„Ich bin wieder da, Liebchen!“ rief er. Ihr Gefühl damals hatte recht gehabt. Er würde wiederkommen. Er war Peo, und ein Peo hielt, was ein Peo versprach.
„Ich habe dir Fisch mitgebracht!“
Marlis schaute nicht hin. Sie sah starr zum Fenster hinaus. Er war wieder zurück, er hatte seine Pause gehabt, er hatte sich erholt. Doch was kam jetzt? Sie fragte in sich hinein. Gefühl! Was kommt jetzt? Was wird passieren? Doch in ihr schwieg alles. Dann sprach alles auf einmal. Sie konnte nichts verstehen. Dann schwieg wieder alles. Ihr Gesicht fühlte sich so fremdartig an, als gehörte es eigentlich gar nicht zu ihr.
„Liebchen, was ist? Freust du dich nicht?“
Nein, sie freute sich nicht. Sie war sich nicht sicher, denn sie hatte nichts mehr, was ihr sicher war. Aber über Peo freute sie sich doch. Nichts von alledem war auf ihrem Gesicht zu sehen.
Marlis sah ihren Peo an.
„Donnerkiel!“ rief Peo erschrocken aus. Er taumelte mit schweren Schritten etwas zurück. Dann kam er langsam näher. „Was hast du gemacht, Liebchen?“ Er sah sie fassungslos an.
„Ich habe mich für dich etwas restaurieren lassen.“ Sie wollte lächeln. Sie wollte freundlich gucken, doch nichts dergleichen gelang ihr. Sie fühlte sich, als wäre sie hinter einer Maske verborgen.
„Du, du siehst so verdammt jung aus!“
„Ja.“
„Mensch, waren das diese Ärzte, die manchmal im Fernsehen...“
„Ja.“
„Gott, Liebchen! Du traust dich was!“
„Ja.“
Einen Monat später verließ er sie. Sie war nicht mehr seine Marlis.

(c) Lars Blumenroth

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
Dieser Text enthält 19116 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2020 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.