Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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August 2002
Gedanken eines Fahrrad fahrenden Paters auf einem Hügel über den Menschen
von Torsten Schmandt


Pater Braun bremste und stieg von den Pedalen. Die Mittelstange hob seinen Talar zwischen seinen Beinen, so dass man die schwarzen Socken und darüber die blass-bläuliche Haut seiner Waden sehen konnte. Aber das war jetzt zweitrangig. Wenn er sich nicht zu sehr verschätzte, dann befand er sich etwa so hoch über dem Meeresspiegel wie das Ziffernblattes der Kirchturmuhr. Die staubige Straße den Hügel hinunter! Wie ein rasender Irrwisch über den Marktplatz hinweg! Durch das gotische Portal hindurch und mit einer wilden Schleuderbremsung Halt gemacht vor dem Altar und – zugegeben – dem einen oder anderen betenden Mütterchen einen kleinen Schrecken eingejagt! Ha!
Aber das war reine Träumerei. Wie wild er auch den Hügel hinabschießen würde, spätestens auf der anderen Seite des Marktplatzes, also auf der Höhe der Wiedehopf-Apotheke würde er ausrollen. Vielleicht war schon das Vorhaben an sich tollkühne Phantasterei. Vielleicht kam es daher, dass die Sonne oben im blauen leeren Himmelsgewölbe so heiß hernieder brannte.

War er nicht schon als Kind jeden Hügel runtergebraust, als gelte es, dem Teufel zu entwischen? Doch, ja, es lag ihm wohl so im Blut. Aber damals war er noch nicht Pater und trug auch keinen Talar, dieses fahrradfeindlichste aller Kleidungsstücke. Es lag wohl eine Kluft zwischen der geistlichen Würde seines Amtes und einer staubwolkenumtosten und schutzblechklappernden Talfahrt, ein Spalt, und bei genauerer Betrachtung konnte der Spalt sogar eine theologische Dimension haben, denn was, wenn er in dem Spalt saß: der Versucher?! Hieß dieses halsbrecherische Abenteuer nicht tatsächlich Gott versuchen, zumal mit einem Gefährt, dessen Tauglichkeit für solche Unternehmen nicht garantiert war?

Es war Anfang August, die große Stunde des Pan. Links und rechts flimmerten die Weizenfelder in der sengenden Hitze. Ein paar Meter vor ihm huschte eine Schwalbe über den Weg. Schon im vorhinein spürte Pater Braun den Fahrtwind im Gesicht. Ach, wie herrlich wäre das. Und der Kitzel von Wagemut im Bauch! Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Seine Schäfchen hatten sich zu dieser Stunde in allen auffindbaren Schatten verkrochen. Nur er allein stand hier auf Gottes weiter Flur. Es gab nur ihn, den Hügel und, nun ja, dieses zweifelhafte Zweirad.
Braun beugte sich runter und prüfte den Rahmen und die Gabel. Sie waren rostig. Wer wusste, wie viel stabiles Metall sich unter dem Rost noch befand? Gott allein. Jawohl! So war es doch! Und sollte er, Pater Immanuel Braun, vielleicht Zweifel an Gott haben? Sollte er abfällig werden und zögern, sich in Gottes Hand zu begeben?
Plötzlich, wie ein Blitz, der an einem schwülen Sommerabend den Himmel zerreißt, plötzlich keimte in ihm die Gewissheit auf: Sein ganzes Leben hatte nur auf diesen Augenblick abgezielt. Alles kam darauf an, dass er jetzt die richtige Entscheidung traf. Sein Gotteserlebnis mit vierzehn, die Priesterausbildung, die Pilgerfahrt nach Rom, die Versetzung in diese Gemeinde mit der staubigen Straße, die den Hügel hinunter ins Dorf hineinführte und gegenüber von St. Michaelis in den Marktplatz mündete. Alles das war nur das Vorspiel gewesen. Jetzt kam es darauf an. Seine Existenz stand auf dem Spiel. Nicht mehr, aber auch nicht weniger und für einen Menschen war das eine ganze Menge, auch wenn dieser Mensch vor allem ein Diener Gottes war. Oder vielleicht auch gerade dann.
Viele Jahre kann das Leben auf einer einfachen Spur dahingleiten und alle Erschütterungen und Glücksfälle bedeuten lediglich ein langsameres oder schnelleres Dahingleiten. Aber ein paar Mal im Leben steht man am Scheideweg und es liegt nicht mehr in Gottes Hand, sondern Gott hat die Entscheidung in unsere Hände gelegt.
Mit einem erschütternden Schlag begriff Pater Braun, was es mit der menschlichen Freiheit auf sich hatte. Sie war die Bedingung des Menschseins, die ihn über das Tier erhob, aber unter Gott stellte, denn Freiheit, dachte Pater Braun, war das Wissen, dass es eine Zukunft gab, ohne zu wissen welche.
Der eine Weg führte zu Gott. Der andere zu Zweifel, Unglaube und Atheismus. Was geschah mit ihm, wenn er sich jetzt zum Verzicht zwang und nicht die Sturzfahrt auf das Portal von St. Michaelis zu wagte, sondern, wie gewöhnlich, abstieg und das Fahrrad priesterlich-würdevoll, aber unendlich viel langweiliger schob? Würde das Zwietracht zwischen ihn und Gott säen oder ihn vielmehr noch enger, nämlich demütiger, an den christlichen Glauben binden? Das war es also, was die Menschen Freiheit nannten: Unwissenheit! Ein bitteres Lächeln schlich sich um Brauns Mund. Freiheit! Ein gewissermaßen heilig-gesegneter Fluch. Vor der Gemeinde sprach Pater Braun stets in klaren, eindeutigen Worten. Doch für sich selbst wählte er auch gern das Paradoxon, diese süß-bittere Frucht der Rhetorik, über die sich die Gelehrten stritten, ob sie Gottes oder des Teufels sei.

Von Braun unbemerkt hatte sich ein Fußgänger von hinten genähert, ein großer, wuchtiger Mann mit rotem Gesicht.
„Guten Tag, Pater, was treiben Sie hier in der Hitze?“ Es war der Apotheker, ein Freigeist und Trinker, wie es hieß, auf jeden Fall gehörte er nicht zu den regelmäßigen Kirchgängern. So viel wusste Braun.
„Gott zum Gruß, Herr Heller, ich halte innere Einkehr in Gottes freier Natur.“
„Ach so“, antwortete der Apotheker, „und mir sah es gerade so aus, als wollten Sie wie ein Lausbube auf Ihrer Rostlaube den Hügel runterrauschen. Aber das ist ja wohl auch nicht möglich, erst recht nicht in diesem schwarzen Dingsda.“ Heller zog einen Mundwinkel nach oben und zwinkerte. Braun wusste nicht, ob es ein Tick war oder ob er ihm zuzwinkerte.
„Wollen Sie mich nicht das Stück ins Dorf runter begleiten, Hochwürden? Dann ist man abgelenkt und spürt die Hitze nicht so. Und Sie haben Gelegenheit, mir mahnende Worte ins Gewissen zu reden, ich solle mich gefälligst mal bei der Beichte blicken oder hören lassen.“
Pater Braun lächelte verschämt angesichts einer so freimütigen Redeweise.
„Aber bitte, Herr Heller, steht mir denn das zu?“
Der Apotheker klopfte ihm fröhlich auf die Schulter.
„Nur zu, Hochwürden, lassen Sie Ihren Gedanken freien Lauf, nur zu...“

Und so gingen die beiden Männer den Hügel hinunter, Apotheker Heller munter schwatzend und gestikulierend, während der Pater nur hier und da etwas einwarf und mit beiden Händen den Lenker gepackt hielt, denn das Fahrrad zog und zerrte auf dem abschüssigen Weg wie ein heißblütiges Pferd am Zügel, das am liebsten davon galoppiert wäre.
Auf dem Marktplatz standen sie noch eine Weile beieinander, bis sie sich von einander verabschiedeten und Heller winkend auf den Dorfkrug, Pater Braun aber auf den Seiteneingang von St. Michaelis zusteuerte.

(c) Torsten Schmandt ("Tortitch")

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