Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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August 2002
Spieglein, Spieglein oder trau nie einer Frau
von Michael Metzner


Sissy und Tom waren zwei aufgeweckte Brummer. Brummer im wahrsten Sinne des Wortes. Mit herrlich durchsichtig schimmernden Flügeln, einer ansprechenden Körperbehaarung in modischem Stahlblau, wohlbeleibt und mit graziös wirkenden Beinpaaren. Sie waren hier recht bekannt und stammten aus den Familien der Dung- und Schmeißfliegen.

Heute morgen trafen sie sich wie immer auf dem Misthaufen des Bauern Trocknescholle. Der Herr über dieses wundervolle Fleckchen Erde hatte schon für frischen dampfenden Nachschub aus dem benachbarten Stall gesorgt.
Freudig erregt und übermütig hüpften die Zwei von Strohhalm zu Strohhalm, immer bedacht nicht in die etwas sumpfigen Stellen zu geraten.

Sissy neigte ständig zu übermäßigen Späßen, und so war das nächste Objekt ihrer Begierde schnell entdeckt. Kuh Emma kam gerade aus ihrem Nachtquartier getrottet und stand etwas ratlos auf dem Hof herum.

„Hey Tommy“, sprach sie zu ihrem Begleiter, „ich wette mit dir, du traust dich nicht, dich auf den Nasenring von Emma zu setzen und „La Palloma“ zu pfeifen!
„Ha!“, rief Tommy, „nichts leichter als das!“, spannte seine Flügel und sauste um den Kopf der braven Milchkuh. Diese blähte aber ständig die Nasenlöcher auf, um die frische, mit Stallduft angereicherte Morgenluft zu schnuppern. Der Ring schwankte daher hin und her und machte den Anflug nun doch etwas schwierig.
Tommy visierte die kleine Schweißnaht in der Mitte des Ringes an und sauste darauf zu. Bong, ein dumpfer Stoß erschütterte sein behaartes Haupt, und das was man beim Menschen „Sterne sehen“ nennt, war bei ihm ein Reigen von zierlichen Obstmaden. Das Gekicher von Sissy drang durch sein leicht benebeltes Köpfchen. Gerade noch rechtzeitig um nicht in der nächsten Wasserlache, einem Extrakt des imposanten Misthaufens, ein Bad zu nehmen.
Schließlich schaffte er es doch, in einer genau berechneten Flugbahn, erfolgreich zu landen.
Aber anstatt von Sissy Beifall zu ernten, düste diese schon wieder in vollem Tempo in Richtung der Felder.
Weiber, dachte sich unser Tommy, und flog hinterher, um nicht den Anschluss zu verpassen.

Auf den Feldern war an diesem Morgen Hochbetrieb. Die Schwalben schossen wie verrückt durch die Lüfte und sausten im Tiefflug knapp über die Äcker. Man konnte sogar erkennen, wie sich ihre feinen Federn auf der Brust sträubten und leicht den Erdboden berührte.
In der Mitte des Feldes stand eine Vogelscheuche, und ein paar Meter davor hatte sich eine Wasserpfütze in den Ackerfurchen gebildet. Das brachte unsere Sissy auf eine neue Idee. Ohne weitere Umwege steuerte sie diese lustige Gestalt an und setzte sich auf den höchsten Punkt ihres schon recht zerzausten Hutes.

„Tommy!“, rief sie suchend nach ihrem leidvollen Begleiter. Der aber machte erst einmal eine Pause auf dem Rest einer Kartoffel des Vorjahres. „Ich bin doch kein D-Zug“, dachte er sich und tupfte in Ruhe mit seinem kleinen Saugrüssel winzige Tautropfen von dem verfaulten Erdgemüse ab.
Sissy ortete den kleinen Dicken und rief ihm voller Begeisterung zu: „ Hei ist das herrlich, hier ist ein Spiegel klar und rein. Ich wusste noch gar nicht wie schön ich bin!“
Tommy stutzte und startet im Düsentrieb um innerhalb der nächsten Sekunde neben Sissy zu landen.
„Papperlapapp, wieso schön, du siehst doch genauso aus wie sonst! Und überhaupt, Spiegel hin, Spiegel her, ich sehe nur eine Pfütze.“
Sissy säuselte ganz hinterhältig: „Tja, wenn du wie ich dicht über das Wasser fliegst, dann kannst du deine wahre Schönheit erkennen!“
Unser Tommy zögerte ein wenig. Er gehörte zu der Sorte seiner Art, die bei Gefahr erst wegfliegt und dann erst nachschaut, was wohl gewesen sein könnte.
„Also, muss ich dir das erst vormachen oder schaffst du es auch alleine?“, rief Sissy ungeduldig und setzte zum Sturzflug an.
Tommy ließ sich natürlich nicht gern von einem Weibsbild etwas vormachen und flog jetzt, ohne sich weiter umzusehen, steil nach unten, um möglichst schnell seine Schönheit bewundern zu können. Direkt über dem Wasser erkannte er ganz deutlich was er schon immer wusste. Da kreiste eine dicke kleine Dungfliege, etwas verschönert durch den Glanz der schillernden Haarpracht. Aber wo war jetzt der Knalleffekt?

Ein paar Sekunden später landet eine Schwalbe in ihrem Nest unter der Dachrinne des Bauernhauses. Fünf kleine, weit aufgerissene Schnäbel versuchen, ihr die dicke Fliege zu entreißen.
Sissy sitzt mit Roy, einer grün schillernden, attraktiven Jung-Fliege auf dem frisch aufgehäufelten Misthaufen und nimmt Möh, den alten Schafbock ins Visier.
Der Bauer geht seiner Wege und auch sonst ist es ein schöner Tag.

©Michael Metzner

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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