Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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August 2002
Sturm
von Annemarie Nikolaus


Die Pike, die Pauline dem Gardisten vorm Stadthaus entrissen hatte, lag schwer auf ihrer Schulter. Sie würde Mühe haben, diese Waffe zu benutzen. Ächzend hielt sie mit dem vorwärtsstürmenden Bataillon ihrer Sektion Schritt.

Zwei Straßen von den Tuilerien entfernt geriet der Vormarsch ins Stocken. Die Glocken der Faubourgs läuteten Sturm. Von allen Seiten strömten die Bürgerinnen und Bürger heran. Aus den Augenwinkeln sah Pauline, dass Théophile Leclerc sich durch die Menge drängte.

„Guten Morgen, Mademoiselle Léon", begrüßte er sie artig, als er mit gesenkter Pistole neben ihr stand. „Mir scheint, wir treffen uns immer an den gleichen Orten: entweder in der Druckerei oder auf dem Schlachtfeld."

Pauline schnappte nach Luft. „Ich ziehe die Begegnung auf dem Schlachtfeld vor: In der Druckerei kommen Sie mir regelmäßig mit den Extra-Ausgaben ihrer Zeitung in die Quere."

„Der ,Ami du Peuple‘ ist Marats Zeitung, nicht meine, auch wenn ich die Ehre habe, meine Auffassungen darin kundzutun." Leclerc zwinkerte: „Es tut mir Leid, dass wir Ihnen zuweilen ein Hindernis sind!"

„Zeitungen sind in diesen Tagen wichtiger als Plakate für Mamans Schokoladenfabrik." Pauline gönnte ihm ein kurzes Lächeln.

Sie wurden von der nachdrängenden Menschenmenge weiter geschoben. Neben ihnen marschierten die Bataillone der anderen Stadtteile, vor ihnen die Freiwillige aus Marseille. Die Männer in den ersten Reihen hatten ihre Säbel gezogen oder die Gewehre im Anschlag. Als sie die nächste Kreuzung überquerten, ertönte ein Gewehrschuss, dann ein zweiter, ein dritter. Die Schweizer Garde hatte begonnen, das Schloss zu verteidigen.

„Wo ist der König?", brüllten die Bürger. „Nieder mit dem Verräter!" - „Es lebe die Nation!" Die Föderierten Truppen an ihrer Spitze rückten ungeachtet der feuernden Wachen weiter auf den Eingang der Tuilerien zu und schossen zurück.

„Mademoiselle, geben Sie mir Ihre Waffe", beschwor Leclerc die junge Schokoladenhändlerin und langte nach der Pike.

Pauline wehrte ihn ab: „Ich habe genauso das Recht, meine Freiheit und mein Vaterland zu verteidigen wie ein Mann!"

„Damit wird es Ihnen kaum gelingen. Das ist nicht das rechte Gerät für Ihre zarten Hände."

„Das werden wir ja sehen", fauchte Pauline. „Wir Bürgerinnen können mehr als stricken!" Entschlossen verlagerte sie das Gewicht der Waffe auf ihrer Schulter.

Leclerc zwinkerte erneut und setzte zu einer Antwort an. Da öffneten sich die Tore zu den Tuilerien; eine Reihe Kanonen starrte den Aufständischen entgegen.

Die Schweizer feuerten eine volle Ladung auf das Volk. Die Menge reagierte mit einem Aufschrei der Empörung; dann begannen die Menschen zu fliehen. Die mutigsten Bürger nahmen sich der Verwundeten an, bevor sie sich zurückzogen.

Pauline umklammerte ihre Pike und versuchte, sich dem zurückflutenden Volk entgegenzustemmen. Vergeblich; sie wurde bis an die Häuserzeile zurückgedrängt. Leclerc hatte sie in dem Durcheinander aus den Augen verloren.

Aber die Föderierten hielten Stand. Sie brachten ihre Kanonen in Stellung und erwiderten das Feuer der Schlosswachen mit Kartätschen. Die Pariser schöpften Mut.

Zwei junge Bäcker zündeten einen Karren am Straßenrand an und gaben ihm einen Stoß, damit er auf den Eingang der Schlossgärten zurollte. Erschrocken sah Pauline, wie er statt dessen an einer Hauswand zum Stehen kam und die Flammen langsam die Fensterläden emporzüngelten.

Paulines Sektion formierte erneut und es gelang ihr, sich anzuschließen. Inzwischen brannte es an mehreren Stellen; dunkler Qualm zog durch die Straße und erschwerte die Sicht. Pauline rang nach Luft.

Die Schweizer hatten die Kanonade eingestellt und versuchten, sich ins Schloss zurückzuziehen. Mit ihrem Bataillon an den Toren angelangt, brachte Pauline die Pike in Angriffsposition; sie schwankte. Nur mit Mühe konnte sie die schwere Waffe ausbalancieren.

Der Mann an ihrer Seite zog die Augenbrauen hoch: „Pauline, überlass uns deine Pike. Wir können sie besser gebrauchen."

Sie zögerte noch einen Augenblick. - „Du hast Recht, Bürger."

© Annemarie Nikolaus

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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