Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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August 2002
Meeting
von Gudrun Gülden


In der Chefetage standen alle Anzeichen auf Sturm. Seit Tagen bastelte Gert Hoggisch am Quartalsbericht, der noch soweit der Wahrheit entsprechen sollte, dass er nicht im Gefängnis landen würde. Allerdings musste Hoggisch die Realität über die wirtschaftliche Situation von „Dapper-Funktionsunterwäsche“ soweit verschleiern, damit sein Vertrag als Geschäftsführer verlängert würde. Seine Laune war entsetzlich. Das gesamte mittlere Management duckte sich hinter die Monitore und wartete. Hoggisch war gefürchtet, sein Wort war Gesetz. Irgendwas war im Busch, keiner traute der Ruhe.
Auch Gerlinde, die Marketingleiterin, wusste nichts genaues. Ihre ‚zufälligen’ Besuche bei Hoggisch’s Vorzimmerdame Delia führten zu rein gar nichts. Die zuckte nur mit den Achseln und sagte, dass es demnächst interessante Neuigkeiten gäbe.
„Die haben doch was miteinander!“, giftete Gerlinde später. „Wie kommt die an den Posten, die kann doch nicht ein einziges Wort richtig schreiben.“
In der Tat war es niemanden so recht klar, warum ausgerechnet Delia den Posten als Assistentin des Vorstands bekommen hatte. Aber seitdem kam keiner an Delia vorbei.
Das erste Quartal war katastrophal verlaufen. Auch wenn man Unterwäsche nicht direkt dem Neuen Markt zurechnen konnte, gelang es Vertriebsleiter Siggi Tromper, die schlechten Absatzquoten der miesen Konjunktur zuzurechen. Und irgendwie kriegte er jedes Mal noch die Kurve, die ganze Misere den Grünen anzuhängen - und dem Euro.
Dienstag bekamen alle Abteilungsleiter mit der Nachmittagspost einen Brief. Siggi hatte ein mieses Gefühl, aber er machte gute Miene zum bösen Spiel, nahm eine betont lässige Haltung ein, und öffnete langsam den Brief; er rechnete mit seiner Kündigung. Die käme jetzt zu einem besonders schlechten Moment. Er runzelte die Stirn und strich sich über die Haare. Er verstand nicht so recht, was er sah.

EINLADUNG ZUM NACKTMEETING

Donnerstag, 20:30 Uhr
Ort: Geschäftsleitungskonferenzraum

Anwesend werden sein:
Vorstand: Lutz Hoggisch
Marketing: Gerlinde Hauschild
Vertrieb: Siggi Tromper
Produktion: Martin Kien
Kundenbetreuung: Edgar Breitmann
Innere Verwaltung: Udo Kopius

Protokollführerin: Delia Sprüssel

Sehr geehrte Kollegen,
bitte folgen sie der Einladung zu diesem außerordentlichen Meeting. Aus Vertraulichkeitsgründen gebe ich das Thema des Meetings erst bei Beginn der Veranstaltung bekannt. Es gilt absolute Diskretion.

Gert Hoggisch

Siggi rieb sich die Augen. Nacktmeeting? Was war das denn für eine blöde Idee? Sollte das ein Scherz sein? Oder eine Anspielung? Hatte Hoggisch Wind bekommen von der letzten Betriebsfeier? Er grübelte. Gerlinde! Sie hatte immer eine zündende Idee. Er ging durch die Führungsetage zu ihrem Zimmer. Wie immer hing sie am Telefon und stritt mit jemanden rum, bedeutete Siggi aber reinzukommen und die Tür zu schließen. Nachdem sie ihr Telefonat beendet hatte, schaute sie ihn dramatisch an.
„Was hältst du davon?“, flüsterte sie.
„Na ja“, versuchte Siggi Zeit zu schinden. Er wollte erst wissen, wie sie die Einladung bewertete. „Hast du was davon gewusst?“
„Kein Stück!“, explodierte sie. „Wenn Gert mich abservieren will, dann soll er es mir ins Gesicht sagen. Das war doch nicht seine Idee, da sind wieder Tausende in eine Marketingagentur geflossen. Alles hinter meinem Rücken.“
Siggi fand die Antwort nicht befriedigend. „Und wie findest du das Ganze?“
„Etwas gewagt, aber es ist mal was Neues. Aber was soll es überhaupt bedeuten?“
„Das ist doch klar.“ Siggi bezog jetzt Stellung. „Nacktmeeting heißt Nacktmeeting. Da gibt es nichts zu interpretieren.“
„Ist eigentlich mal ne faire Idee, Siggi. Sonst müssen wir doch immer die Hosen runterlassen. Sollen die anderen auch mal.“ Jetzt konnten beide schon wieder lachen.
Trotzdem war Siggi alles andere als beruhigt. Irgendwie konnte er sich das Ganze nicht vorstellen. Sollte er sich dann im Meetingraum ausziehen, oder schon vorher in seinem Büro und dann nackt über den Gang gehen?
Auf dem Weg zurück in sein Büro sah er Edgar und Martin in der Küche stehen. Er gesellte sich zu ihnen.
„Sagt mal, habt ihr schon die Einladung gesehen?“
Sie hatten. Edgar war stinksauer.
„Nie bekomme ich rechtzeitig Informationen. Warum bespricht man nicht mal vorher was mit mir? Das ist doch keine Art. Ich erfahre immer als letzter was davon. Auf welcher Managementschule hat der denn so einen Blödsinn gelernt?“
Martin war anderer Ansicht.
„Das ist doch typisch. Meine Leute arbeiten sich in der Produktion den Arsch wund, ich soll immer mehr aus ihnen rauspressen und die Geschäftsführung denkt sich dreckige Spielchen aus. Das Ganze bedeutet doch das „Aus“ für uns. Nach dem Motto: ‚Nackt kommen wir, und nackt gehen wir’! Ich gehe zur Gewerkschaft, mir reichts!“
„Bist du wahnsinnig!“, entfuhr es Siggi und Edgar gleichzeitig.
Siggi beschwörte Martin. „Du fliegst hochkantig raus. Wenn der Boss das erfährt, macht er Spaghetti aus dir. Das ist streng vertraulich. Außerdem, was willst du bei den Kommunisten? Die machen doch erst alles kaputt.“ Siggi war strikt gegen Gewerkschaften und Betriebsräte. Er wechselte das Thema. „Habt ihr Udo schon gesprochen?“
Udo leitete seit 20 Jahren die Innere Verwaltung und war nicht ganz standhaft gegen Versuchungen in Form von Geld und Schnaps. Er hatte eine ganz neue These, er vermutete eine gigantische Verschwörung, die bis in die höchsten Kreise führte und sah Hoggisch als Drahtzieher.
„Das ist doch klar wie Kloßbrühe. Der will jetzt seine Schäfchen ins Trockene bringen. Da geht es um Summen, da wird euch schwindelig.“
Siggi war der Zusammenhang noch nicht ganz transparent, aber es war bestimmt was dran. Alles hing mit Geld zusammen. So war es doch leider.
Auch Martin nickte.
„Das ist doch typisch. Die da oben sacken ein und unsereins weiß nicht, wie es weitergehen soll. Ich werde wohl auch langsam zu alt für diese ganzen Änderungen.“
Siggi durchzuckte es schmerzhaft. Ob sie ihn auch für alt hielten? Er war 48 Jahre, das Leben als Vertriebler hatte ihm hart zugesetzt. Wegen dem ewigen Druck rauchte er wie ein Schlot und musste oft mit den Händlern saufen, bis er im Rinnstein lag. Manchmal fühlte er sich dem Stress nicht mehr gewachsen, aber deswegen konnte man ihn doch nicht verurteilen! Er hatte nicht mehr die Figur eines 20-jährigen, aber wollte man ihm das ankreiden? Langsam wurde er sauer.
„Wenn die denken, ich komme da nicht mehr mit, dann werde ich den zeigen, was `ne Harke ist.“
Er ging in sein Zimmer. Es fiel ihm schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Seine Gedanken schweiften ab. Gerlinde hatte er bei diversen Abenteuerchen schon nackt gesehen, die kannte er, aber ob Delia splitternackt zum Meeting kommen würde? Sie sah bestimmt knackig aus, Siggi hatte einen guten Blick dafür. Das wäre ein interessanter Aspekt. Allerdings, wenn er dann im Meeting, vor den anderen ..., nicht auszudenken, wie peinlich das wäre. Siggi sprang schnell an. Er ging ja auch nicht in die gemischte Sauna.
Der Mittwoch zog sich elend in die Länge, der Donnerstag schien gar nicht vorübergehen zu wollen. Siggi hatte sich für die zwei Tage eine strenge Diät verordnet, nur Wasser und rohes Gemüse, was dazu führte, dass es in seinem Unterleib verdächtig rumorte. Er hatte sich schick gemacht, vom Scheitel bis zur Sohle ein vollendeter Gentleman. Er trug seinen neuen Boss-Anzug, der seine Figur besonders vorteilhaft betonte. Bezüglich der Unterwäsche hatte er sich nach langen Überlegungen für Calvin Klein entschieden, seine Socken waren von Dior. So fühlte er sich am sichersten und hoffte, etwas von dieser Sicherheit in die Nacktheit rüberzuretten. Er hatte mit den anderen ausgemacht, dass sich jeder in seinem Büro entkleiden würde. So war die Gefahr, noch in Unterhosen auf den Boss zu treffen, gebannt.
Um 20 Uhr rutschte Siggi in eine Krise. Er fühlte sich elend. Es gab wenig Demütigungen, die er nicht ertragen hatte, und zwar lächelnd ertragen. Er verstand seinen Job und konnte einstecken wie kein anderer. Schmissen ihn die Händler zur Hintertür auf die Gosse, so kam er durch den Haupteingang lächelnd wieder rein. Alles kein Thema. Aber hier war das Limit erreicht. Vielleicht sollte er in diesem Moment hinschmeißen. Mit erhobenen Kopf und seiner gepflegten Kleidung dem Chef gegenübertreten und sagen „Das nicht.“
Aber war es das wert? Er würde nicht so leicht einen anderen Job bekommen und die anderen machten ja auch mit. Und wer sagte ihm, dass es woanders besser sei? Eins hatte Siggi gelernt in seiner langjährigen Laufbahn. Es war überall gleich Scheiße.
Seufzend begann er sich zu entkleiden. Er legte seine Sachen ordentlich über seinen Bürostuhl, die Unterwäsche in seinen abschließbaren Container.
Er nahm sich seine Unterlagen, hielt sie schützend vor seine Männlichkeit und ging los. Ganz ruhig und natürlich. Es war erst sehr ungewohnt, doch nach ein paar Metern machte es ihm direkt Spaß. Er war mutig, er ließ sich nicht so leicht erschüttern. Das sollte ihm so ein unerfahrener Jungspund erst mal nachmachen. Vor der Küche saugte die türkische Putzfrau, die erschüttert so tat, als sei nichts. Siggi legte einen Gang zu. Aus den anderen Zimmern kamen die Kollegen gekrochen. Siggi musste grinsen, als er sah, wie sie sich genierten. Udo hielt sich seinen Laptop vors Geschlechtsteil und einen Mousepad vor den Hintern. Martin und Edgar gingen nebeneinander und zogen den Bauch ein. Wo war Gerlinde?
Sie saß schon im Meetingraum, schlau wie sie war. Sie hatte die Beine stramm übereinandergeschlagen und hielt sich ihre Unterlagen vor die Brüste. Nichts zu sehen.
Die Männer setzten sich und warteten. Es war eine quälende Situation, keiner wusste so recht was zu sagen. Siggis Därme gaben gluckernde Geräusche von sich und er begann zu schwitzen. Er versuchte die Stimmung aufzulockern, aber sein Kommentar:
„Mal sehen, ob heute die nackten Tatsachen auf den Tisch kommen“, kam nicht gut an, vor allem nicht bei Gerlinde. Sie funkelte ihn an und er verstummte.
Um 20:40 beschlich Siggi ein klammes Gefühl. Er kam sich so ungeschützt vor.
„Was glaubt ihr eigentlich, warum wir hier nackt erscheinen sollen?“, fragte er. „Und wieso kommen Gert und Delia nicht? Das ist doch alles zu merkwürdig?“
Auf einmal hörten sie Geräusche. Gert und Delia näherten sich dem Meetingraum. Jetzt würde er gleich seinen Boss und dessen hübsche Assistentin nackt sehen. Ohne den teuren Fummel, sondern nackt. Alle würden sie gleich sein. Ob Gert wie immer im Stehen moderieren würde?
Die Tür öffnete sich. Gert trug eine Jeans und ein Polohemd, Delia einen hellgrauen Hosenanzug.
Siggi schoss das Blut in den Kopf. Das war kein Teamgeist, das war feige.
Gert und Delia blieben verdattert vor der Tür stehen. Sie brauchten eine Weile, um zu begreifen, was sie da sahen?
„Was ist denn hier los?“, polterte Gert. „Soll das irgendeine blöde Anspielung sein? Wollt ihr mich verarschen?“
„Keine Sorge, Gert, das geht nicht gegen dich, das geht gegen mich. Merkst du nicht, wie ich hier gemobbt werde?“ Delia ertrug den Anblick nicht länger und fegte aus dem Raum.
Gerlinde schnappte nach Luft.
„Was hat die denn schon wieder? Du hast uns doch dazu eingeladen? Du hast das doch so gewollt?“
„Was habe ich gewollt?“, Gerts Kopf schwoll bedrohlich an, seine Adern zeichneten sich deutlich ab.
„Na ja“, piepste Martin, „die Einladung zum Nacktmeeting.“
„Nacktmeeting? Ihr spinnt ja wohl, so einen Mist hab ich noch nie gehört!“ Gert setzte sich an den Tisch und schielte zu Gerlinde rüber.
„Hier, schau dir das an, das haben wir alle bekommen.“ Siggi legte Gert die Einladung vor die Nase.
Gert schaute verständnislos auf das Papier.
„Nacktmeeting, ja, da steht Nacktmeeting, was soll denn das?“, murmelte er sich in den Bart. „Hmh. Das verstehe ich nicht. Will mal Delia fragen.“ Er ging zur Tür und rief nach ihr.
Die Führungsmannschaft von Dapper Funktionsunterwäsche saß ziemlich aufgewühlt um den Meetingtisch. Siggi wünschte, er hätte seine Kleidungsstücke nicht in seinem Büro gelassen.
Delia kam rein.
„Delia, was soll das hier bedeuten?“ Gert gab ihr die Einladung.
Delia schaute sie an und verzog den Mund.
„Das soll Nachtmeeting heißen, Gert, du hast doch gesagt, wir wollen das Meeting nachts abhalten, wenn du mit dem Quartalsbericht fertig bist und da dachte ich, ich nenne es mal Nachtmeeting.“ Sie fing vorsichtshalber an zu flennen.
Siggi dachte kurz darüber nach, dass Gert die Einladung ja unterschrieben hatte, aber er verkniff sich seine Meinung dazu.
“Na so was!”, brummte Gert. “Na wenn das so ist, Leute, dann kanns ja losgehen. Ihr seid alle gefeuert.”
Es herrschte ein eisiges Schweigen. Siggi rauschte das Blut in den Ohren und sein Herz begann zu rasen.
“Hahaha!”, grölte Gert, “Das war ein Spaß, Leute, was für ein Jux.”
Es wollte nicht so recht Stimmung aufkommen. Siggi stand auf und entschuldigte sich.
Als er zur Tür rausging, hörte er Gert noch hinausposaunen: ”Bloss gut, dass Delia euch nicht aufgefordert hat, aus dem Fenster zu springen.”
Gert lachte und lachte und lachte.


(c) Gudrun Gülden

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