Mainhattan Moments
Mainhattan Moments
Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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August 2002
Nur ein Kuss?
von Eduard Breimann


Er schlich auf das Gebäude zu, das sich protzig in den nachtschwarzen Himmel schob. Unter tief herab hängenden Fichtenästen, unmittelbar vor dem kurz geschnittenen Gras, das den Springbrunnen umgab, blieb er stehen. Leicht bewegte Zweige streiften sein Gesicht; er genoss den Duft von Harz und Frische, fühlte sich körperlos, unsichtbar.
„Unsichtbar! Das wär’s! Würde wohl alles leichter machen – für mich und alle anderen“, dachte er und spürte einen Stich im Hinterkopf.
Der wuchtige Bau hatte nirgendwo einen Anfang und endete irgendwo in der Dunkelheit. Aus hunderten leuchtender Fenster – so schien es ihm – beobachteten sie alle Ankommenden.
Das weit geöffnete Portal wirkte wie das Maul eines Monstrums; er fühlte die Gier des Ungeheuers, das die Eintretenden verschlingen, verdauen und wieder ausspucken würde. Es warf sein weißes Feuer auf die Treppe, zeichnete scharfkantige Schatten auf die Stufen.
Gestalten tauchten für Sekunden auf, huschten durch das Licht und lösten sich im Maul des Kolosses auf. Wie schlafend, lagen schwere Limousinen auf dem Ascheplatz vor der Treppe, ihre Hauben zentimetergenau ausgerichtet; in den glänzenden Scheiben spiegelten sich die Fenster.
„Lasse ich mich fressen oder nicht?“, dachte er und zählte die Knöpfe an seinem dunklen Anzug. „Ja, nein, ja.“ Er seufzte und ging auf das Haus zu, das er noch nie gemocht hatte.
Noch versteckte ihn die Dunkelheit des Parks vor den Menschen, die oben im Licht standen; nur seine Beine wurden von den wegsäumenden Lampen beleuchtet.
Vor der ersten Stufe zögerte er, blieb erneut stehen und blickte hoch in das Licht; Stimmengewirr und Musik lockten die Ankommenden, versprachen Entspannung, Heiterkeit und Belustigung.
„Afrika hat dich versaut; du kannst nicht mehr normal denken. Reiß dich zusammen Fred, du bist nicht in Gefahr – du bist bei Freunden!“, sagte er halblaut, nach kurzem, sicherndem Blick.
„Frisst du auch Aas?“, fragte er die Bestie in Gedanken und dachte an sein Spiegelbild.
Er war erst seit einer Woche wieder in der Stadt. Der Anzug stammte noch aus der Zeit vor seinem Afrikaaufenthalt, war unmodern und viel zu weit; Jackett und Hose schlotterten an seiner hageren Gestalt, flatterten im leichten Abendwind.
Dicht unter seinem linken Auge zuckte ein Nerv und trotz der Bräune schien eine graue Blässe durch die Haut. Er fühlte sich schmutzig und roch ständig seinen säuerlichen Schweiß. Er wusch ihn mehrfach täglich weg, aber er kam sofort wieder – es machte ihn verrückt.
Hinter ihm brummte der Motor eines Autos; er hob den Kopf mit den tief in ihren Höhlen liegenden Augen und den stark hervorstechenden Backenknochen und beobachtete die Ankommenden.
Er wollte ihnen nicht hier draußen beggegnen, sich nicht vorstellen müssen. Langsam stieg er die Stufen hoch und blieb im Eingang stehen; das Licht des Kristallleuchters stach in seine überempfindlichen Augen; er konnte die Menschen im Foyer nicht erkennen und blinzelte ungeduldig.
„Fredylein, Liebling! Die Sonne geht auf! Toll, dass du gekommen bist! Alles überstanden? Siehst gut aus. Schmeiß dich rein ins Gewühl – und lass dir gleich was zu trinken geben. Der Schampus ist Spitzenklasse!“
„Betty, die Sirene des Ungeheuers! Sie lockt immer noch“, dachte er. Die Übelkeit, die er schon den ganzen Abend über spürte, verstärkte sich.
Betty war schlank, groß und sah sehr gepflegt aus; ihr Schmuck musste ein Vermögen wert sein. Das Lächeln war uralt, tausende Mal eingesetzt und jederzeit einsatzbereit. Fred kannte Betty besser, als sie befürchtete.
Er ergriff die ausgestreckten Hände, ließ sich heranziehen, bis er ihre kleine Brust fühlte, drückte sein Gesicht abwechselnd an die Wangen, die sich ihm schräg entgegen reckten, warf zwei Küsse in die Luft, dicht neben dem brilliantenbesetzten Ohrgehänge, hielt anschließend seine Gastgeberin mit ausgestreckten Armen ein Stück weit weg, bleckte die Zähne, strahlte ein porzellanenes Lächeln, flüsterte „Wie gut du aussiehst, Betty! Hast dich nicht verändert. Danke für die Einladung!“
Sie lächelte noch etwas strahlender, dankbarer, blickte über seine Schulter und säuselte: „Danke, mein Lieber!“
Er hasste dieses Ritual – und trotzdem hielt er sich an die altgewohnten Spielregeln. Betty rauschte an ihm vorbei, streifte ihn und stand bereits hinter ihm; nur der Duft ihres Parfüms zog noch durch seine Nasenflügel. Mit ausgebreiteten Armen empfing sie die nächsten Gäste.
„Kurtchen! Was macht die Praxis? Ihr seid tatsächlich gekommen! – Hallo, meine Liebe; hätte dich fast übersehen. Da kommt Glanz in unsere Hütte! Was wäre das hier ohne euch! Schmeißt euch rein ins Gewühl. Karin, gut siehst du aus ...“
Mit gefühllosen Beinen stakste er durch das Foyer, ging dem Lärm entgegen, der aus dem Salon kam. Männerstimmen dröhnten, dazwischen perlte das Lachen der Frauen und glockenhelle Stimmen setzten die Kontrapunkte. Das brummte, summte und schwirrte; Gläser klingelten in verschiedenen Tönen und aus dem Hintergrund klirrte Essbesteck.
Über allem schwebten die Töne einer melodielosen Klaviermusik, liefen über den Köpfen und an den Wänden entlang, warfen sich zwischen die schnatternden, lachenden und dröhnenden Stimmen, ließen sich einfach nicht unterkriegen.
Männer und Frauen ordneten sich in Kreisen, standen eng beieinander, bildeten Interessengruppen und Geschwätzrunden. Die Kreise waren locker, offen, ließen Platz für neue Gäste. Schwarze Anzüge dominierten hier, wurden aufgelockert durch Kleider in allen denkbaren Farben.
Die Gruppen ließen gerade noch Platz für Mädchen in engen schwarzen Pullis und langen Röcken, auf die sie weiße Kurzschürzen gebunden hatten. Sie schlängelten sich unermüdlich durch den Raum, lächelten, balancierten verschnörkelte Silbertabletts, auf denen Champagner, Weine, Säfte und Wasser angeboten wurden; geduldig warteten sie auf Hände, die sich Getränke griffen oder leere Gläser abstellten.
Eine behaarte Faust legte sich auf Freds Unterarm und drehte ihn schwungvoll um die Achse. Fast wäre er gestürzt, griff hastig nach dem Arm und unterdrückte mühsam einen verärgerten Ausruf.
„He! Ist es möglich? Fred, altes Haus! Endlich wieder im Lande? Du alter Afrikaner! Was macht die Gesundheit? Wieder auf dem Damm? Ach Quatsch! Heute wollen wir nicht über Krankheiten reden. Klar? Genieß dein Leben und trink dir einen. Wer weiß, was morgen ist!“
„Peter!“, stöhnte Fred und griff nach dem schmerzenden Arm. „Du hast einen Griff!“
„Bin ja auch gut trainiert, mein Lieber. Spiele täglich Tennis oder Golf. Machst du auch was in der Richtung?“ Der Hauherr grinste und wackelte angestrengt mit den Ohren.
„Nicht der Rede wert. Danke übrigens für die Einladung; war ganz erstaunt, als ich sie bei meiner Ankunft vorfand. Ihr habt meinen Brief aus Kumasi also erhalten? Ich bin gerne gekommen, obschon ...“
Er lächelte, versuchte mit den Ohren zu wackeln, aber er fühlte sie nicht einmal – sie waren wohl gar nicht mehr vorhanden.
„Krieg sie nicht mehr zum Wackeln, Peter! Wenn ich bedenke, dass ich mal die Klassenmeisterschaft der Ohrwackler gewonnen habe.“
„Wenn alles andere noch funktioniert, kannst du darauf pfeifen“, sagte Peter und lachte anzüglich. „Und quatsch keine Arien über Schwächen und so, wir wollen heute feiern! Nimm was zum Trinken und such dir eine aus. Du weißt schon ...“
„Nein, weiß ich nicht.“
„Mann! Du bist doch solo – im Gegensatz zu mir. Stehste nur noch auf black Beautys? Soll ja auch seinen Reiz haben, oder? Kannst mir in einer stillen Stunde mal den Mund wässerig machen. Schau dich um. Da hinten siehst du ein paar reizende Solistinnen. Ich sag dir ...“
„Nein, nein! Kein Interesse, Peter. Bin nicht in der Stimmung. Verstehst du?“
„Nein, Mann, versteh ich nicht! Gerade darum sollst du was machen! Du musst da wieder anfangen, wo du aufgehört hast. Etliche Jahre in der Wildnis und mit Negern durch den Busch stromern; da muss doch der stärkste Mann versauern. Bist doch noch ein Mann, oder? Also los! Pack dir die da hinten, die an der Terrassentür. Ja – die mit dem kurzen Röckchen. Ist eine Freundin von Betty. Supergeil, sag ich dir. Na?“
„Hab keine rechte Lust, Peter. Aber ich seh mich mal um.“
„Mann, du scheinst wirklich entwöhnt zu sein. So lange warst du ja nun auch wieder nicht weg.“
„Nicht in Jahren, Peter, aber im Erleben. Ich bin ein anderer Mensch als der, den du kanntest.“
„Nichts mehr mit lustiger Großwildjagd und so?“
„Nichts! Du weißt ja, ich habe im Wassa West Distrikt von Ghana gejagt. Eigentlich ein schönes Stück Land – denk an die Postkartenbilder, die ich euch geschickt habe – bis die südafrikanischen Goldunternehmer Goldfields Ghana Limited kamen und mit ihrem Zyanid die Gewässer verseuchten.“
„Mann, das ist doch bekannt; ist ein Segen, ein Goldsegen fürs Land, oder?“
„Von wegen! Todessegen, könntest du auch sagen. Tausende Menschen haben kein Trinkwasser mehr, alles verseucht, und wer, wie meine ghanaischen Freunde, das Wasser trotzdem trinkt, der stirbt. Da hab ich zugepackt, Proteste organisiert, kleine Aufstände veranstaltet. Alles umsonst! Die Regierung ist dort genau so geldgierig wie anderswo. Na ja, und dann wurde ich krank und damit war Schluss und Ende.“
„Puh! Und für diese Wilden riskierst du deine Gesundheit?“ Er griff sich zwei Gläser Champagner, die gerade vorbei schwebten, und drückte Fred eins in die Hand.
„Komm! Trinken wir auf dein Wohl – und auf dein neues Leben in diesem zivilisierten Land. Prost, Fred!“
„Prost, Peter. – Auf alle, die es nötig haben.“
Noch während er trank, drehte Peter den Kopf, seine Blicke verfolgten einen Mann, der mit suchendem Blick durch den Raum ging.
„Hallo Kurt, hier bin ich! Wo ist dein Weib? Ach ja, ich seh sie schon! Was machen die Fonds? Mensch, hör zu, ich hab einen tollen Tipp bekommen. Muss dich dringend sprechen. Also, da ruft mich ...“
Fred verspürte einen leichten Schwindelanfall, der Nebel im Raum wurde dichter und er schmeckte Metall auf der Zunge. Er setzte das volle Glas auf ein Tablett, schüttelte ablehnend den Kopf, als ihm andere Gläser entgegen gehalten wurden und ging schwerfällig durch den Raum.
Eine Dunstglocke schwebte über den Köpfen, genährt aus Zigaretten- und Zigarrenschwaden, die sich zur Decke drehten. Der Geruch störte ihn und die Augen brannten bereits.
Der Klavierspieler nickte ihm zu, als er ihn passierte, warf den Kopf in den Nacken und stieß alle zehn Finger auf die Tasten. Ihre Farbe erinnerte Fred an seine zeitweilige Heimat, Sekondi-Takoradi, und an das Elfenbein, das im Wildhüterhäuschen gestapelt lag.
Er war schon fast an der Tür, als er die Melodie erkannte. „Head Hunters!“, dachte er und ihm fiel die verräucherte Studentenkneipe in Münster ein. Fast an jedem Abend hatten Peter und er da gehockt, der Jazzmusik gelauscht und Bier getrunken – dies war Peters Lieblingsstück gewesen!
„Auf Wunsch des Hausherrn, meine Damen und Herren. ‚Erinnerungen an einen Freund!’ hat er es genannt.“ Die Stimme des Klavierspielers klang nach Whisky und Zigarren.
Kühle Luft strömte aus der geöffneten Terrassentür und die Dunkelheit zog ihn magisch an. Die Augen der jungen Frau im kurzen Rock verfolgten jeden seiner Schritte; er sah es aus den Augenwinkeln, nahm die Einladung nicht an. Als er auf der Terrasse stand, wusste er, dass sie ihn beobachtete.
„Verdammte Schwätzerin, diese Betty“, dachte er und spürte Wut aufsteigen. „Jeder meint, er müsse sich in fremdes Leben einmischen. Keiner hat ein Recht dazu, keiner. Mein Leben ist das, nur meins, Mädchen – halt dich raus! Verdammt! Wenn du ihnen eine offene Stelle anbietest, dann dringen sie ein und du kriegst sie nicht mehr weg. Parasiten! Und du bist machtlos!“
Zwei Pärchen lehnten an der barocken Steinbrüstung und pressten die Gesichter aneinander. Ihre Gläser standen auf der Marmorabdeckung und schimmerten im vagen Licht wie Gold.
Er drückte sich an den Stein, spürte die Kühle durch den Hosenstoff dringen, saugte die Lungen voll, atmete aus, bis ihm schwindelig wurde. Drei Mal wiederholte er die Übung, dann fühlte er sich besser.
„Sollen sie’s doch versuchen! Mein Leben ist mein Leben. Lass sie quatschen und tun, was sie wollen; es geht mich nichts an – jetzt nicht mehr. Gar nichts!“
Er steckte die Hände in die Hosentaschen und ging langsam zurück. Das Mädchen im Minirock stand in der Tür, lehnte schräg am Rahmen und ihre langen Beine versperrten den Durchgang. Sie lächelte ihn herausfordernd an; es gab keinen Ausweg.
„Hallo! Sie sind Fred Burg? Stimmt´s? Betty hat so viel von Ihnen erzählt. Hat mich richtig neugierig gemacht.“
„Ja? Hat sie?“ Er hasste ihr glattes, nichts sagendes Gesicht; die kurz geschnittenen schwarzen Haare wirkten wie ein Bilderrahmen.
„Ach entschuldigen Sie! Ich bin Ulli, Ulrike Porter. Ich bin die Freundin von Betty – und zur Zeit völlig ungebunden.“
„Ach ja?“
„Können Sie mir ein Glas Champagner besorgen? Hier kann man doch glatt verdursten.“
Er stieg über ihre langen, gestreckten Beine, griff sich eines der Gläser von einem Tablett und hielt es ihr hin. „Bitte!“
„Danke. Sie trinken nichts?“
„Nein, im Augenblick nicht.“
„Oh! Eine interessante Nadel haben Sie an der Krawatte. Eine Erinnerung an Afrika? Was bedeutet die Maske?“
„Ach das! – Das lässt sich nicht in wenigen Sätzen sagen. Nehmen Sie einfach an, es wäre aus einem Andenkenladen und lassen wir es dabei. Es ist nichts anderes als eine Totenmaske.“
„Und die Neger in dem finsteren Afrika tragen Krawatten auf der nackten Haut und klemmen sich Krawattennadeln dran?“
„Quatsch! – Entschuldigen Sie, aber ich ärgere mich, wenn jemand von Negern spricht und sie auch noch lächerlich macht. Dazu haben Sie kein Recht! Außerdem habe ich die Totenmaske hier in Deutschland auf eine alte Krawattennadel geklebt. Reicht das?“
„Mann! Sie sind aber geladen. Und sehr gesprächig sind Sie auch nicht. Betty hat Sie ganz anders geschildert. Begnadeter Partylöwe; größter Spaßmacher der Stadt; Afrikakenner und Weltreisender; bester Unterhalter und Geschichtenerzähler. Meine Güte! Alle Frauen würden Ihnen zu Füßen liegen – und noch viel mehr, spricht man über Sie.“
„Es wird viel geredet, wenn der Tag lang ist.“
„Erzählen Sie – und unterhalten Sie mich; es ist so langweilig hier.“
„Was erwarten Sie?“
„Sie kommen doch aus Ghana. Betty sagt, sie waren mehrere Jahre da unten. Wie war es? Gab’s etwas Aufregendes? Wie sind die Neger? Sind sie so geil wie man hier erzählt?“
„Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie wollen was zum Aufgeilen? Dann sind Sie mit einem Porno besser bedient; den bekommen Sie in jedem Videoladen. In diesen Streifen toben sich doch meistens schwarze Männer für Geld an weißen Frauen aus. Was wollen Sie sonst noch von mir?“
„Äh – ich? – Wie meinen Sie das? – Nichts, ich wollte nur ... Ich wollte Sie nur kennen lernen.“
„Gut, das haben Sie ja jetzt“, sagte er und ging zum Buffet. Er war erleichtert, der Schwindelanfall war weg und fast hätte er gelächelt.
„Fredylein! Da bist du ja! Hast du schon den Norweger Lachs probiert? Der zergeht dir wie Butter auf der Zunge – und der Belugakaviar erst!“
„Ich bin nicht hungrig, Betty. Vielleicht später.“
„Komm, ich stell dich mal ein paar Leuten vor. Warst ja so lange weg; du kennst kaum noch jemanden.“ Betty redete, zog ihn an der Hand und bugsierte ihn zu einer Vierergruppe.
„Halt! Betty, ich will mich nirgendwo rein drängen; ich flaniere lieber ein wenig herum, hör hier und da mal zu.“
„Quatsch! Wir haben schon so viel mit dir angegeben; jetzt sollen die dich auch kennen lernen. Ich sage nicht zu viel, wenn ich behaupte, dass ein paar Leute nur deinetwegen gekommen sind – und wegen unseres Buffet natürlich.“
„Natürlich! Was sind das für Leute? Kenne ich die? – Müsste ich die kennen?“
„Freds künftige Partner sind das. Der mit dem Silberhaar, da vorne links, kommt aus Frankfurt. Mehrfacher Millionär! Daneben steht sein Freund, kommt aus München und hat noch ein paar Mark mehr. Haben beide ihr Geld mit afrikanischen Partnern gemacht. Vielleicht kannst du denen noch ein paar Tipps geben. Die Leute sind wichtig für Fred, er braucht solche Geldgeber. Komm!“
„He, ihr Lieben! Das ist Fredy Burg, mein – unser bester Freund. Afrikakenner, kann euch was über Land und Leute erzählen. – Und er ist Fachmann für Literatur. Der passt zu euch Intelligenzlern; gute Unterhaltung wünsch ich euch.“
Der Schwindel war wieder da, trübte seinen Blick und er hatte Mühe, die vier Augenpaare zu ertragen, ohne in die Knie zu gehen.
„Hallo, herzlich willkommen in unserer Runde“, sagte der Mann der eine aufgeplusterte silberne Mähne trug; Fred musste schon wieder an Afrika denken.
„Ach? Sie sind Fachmann für Literatur?“, fragte die rothaarige Frau, die sich an den Mähnenmann lehnte. Ihre Finger wirbelten und drehten spielerisch eine dicke Perlenkette.
„Ich versteh’ nicht! Was macht ein Fachmann für Literatur denn eigentlich?“, fragte die andere Frau, deren Make-up jede Altersschätzung unmöglich machte.
„Du bist mir vielleicht ein Haserl!“, tönte ihr Mann, dessen Bauch makellos gerundet vor ihm hing; an seinem Revers steckte die Farbspange des Bundesverdienstkreuzes. Er blinzelte Fred an, hob die freie Hand und zeigte anklagend auf die Rothaarige.
„Schon mal was von Reich Ranicki gehört? Na? Literaturpapst und Fernsehstar? Das ist ein Literaturfachmann! Das weiß man doch!“
„Quatsch, Walter! Ein Literaturfachmann muss selber schreiben! Zeitungsfritze muss er mindestens sein, dann ist er Fachmann. Und er muss das studiert haben! Germanistik halt oder so was Ähnliches. Du wärst doch auch kein Finanzfachmann, wenn du nicht BWL studiert hättest“, belehrte ihn die Löwenmähne.
„Unsinn, Hans!“, rief die Rothaarige. Ich schreibe nicht, bin nie im Fernsehen zu sehen, hab nie studiert und bezeichne mich doch als Literaturfach – äh – Fachfrau eben. Ich lese jeden Scheißroman, den ich per Abo zugeschickt bekommen. Ich kenne sie alle. Fragt mich was – und ich erklär´s euch.“
„Hör auf! Ich lese alles, wirklich alles, was mit Geld zu tun hat. Aber den Schwachsinn, den du liest, der zieht einem die Schuhe aus. Das Zeugs überlass ich dir; du brauchst das Gesäusel ja wohl.“ Er lachte dunkel und drückte die Frau kräftig an sich.
„Fragen wir doch den Fachmann“, sagte der Verdienstkreuzträger. „Nun? Was für eine Art Literaturfachmann sind Sie?“
Er spürte das Zittern seiner Aschbacken, fühlte die Wellen in den dürren Oberschenkeln rauf und runter laufen. Er konzentrierte sich auf seine Beine, brauchte lange, um seine Gedanken zu sortieren, leckte sich immer wieder die Lippen ab. Ihre Augen sezierten ihn, taxierten sein Aussehen und seine Haltung; die Mienen wechselten von angestrengter Aufmerksamkeit über Verwunderung zur abfälligen, herablassenden Duldung.
„Ich – das war ein Scherz von Betty. Oder sie hat es unglücklich ausgedrückt. Ich war etliche Jahre in Afrika, mehr nicht. Darüber schreibe ich manchmal – ach das interessiert Sie nicht. Bestimmt bin ich kein ‚Literaturfachmann’.“
Sie nickten ihr Einverständnis, sahen ihn noch einmal an, kaum noch interessiert, und drehten die Köpfe weg.
„Habt ihr die letzte Sendung mit dem Reich Ranicki eigentlich gesehen? Ich meine die, wo er solo auftritt“, fragte die Rothaarige. „Der hat eine Art ...“
„Ich glaube nicht, dass dieser Papst auch nur eines der Bücher gelesen hat, über die er herfällt“, unterbrach sie ihr Mann. „Der treibt’s doch lieber mit Frauen – sagt er selber. Soll ja auch kurzweiliger sein.“
Im allgemeinen Lachen, dem gegenseitigen Zuprosten und Anstoßen, tauchte er weg, wich langsam zurück; es fiel ihnen nicht auf.
Das Buffet war immer noch stark belagert. Auf spitzen Fingern trugen Frauen kleine Teller, auf denen gerade ein Scheibchen Lachs und ein Häufchen Kaviar Platz fanden, und hielten Besteck, Glas und Serviette in der anderen Hand. Sie schielten auf die Tellerchen der anderen Frauen, rümpften hier und da die Nase und schätzten immer wieder den Kaloriengehalt ihrer eigenen Wahl.
Etliche Männer drängten sich vor dem Holzbrett, auf dem ein als Koch gekleideter Mann großzügig bemessene Stücke vom rosa gebratenen Fleisch abschnitt und gerne die verlangte Zugabe auflegte.
Fred nahm sich einen Teller, stellte sich an der Dessertecke an und griff sich zwei Stücke vom Krustenbrot. Prüfend glitt sein Blick über das Angebot und nach einigem Zögern sägte er sich ein schmales Stück vom Käseblock,
„Na? Ist das schon die Nachspeise? Käse schließt den Magen – sagt man ja.“
„Irrtum! Das ist bei mir Hauptgang und Nachspeise in Kombination“, sagte Fred.
Der Mann war groß, sehr schlank und auf seinem Teller rollten zwei Äpfel. „Ich hasse diese Völlerei. Die tun alle, als wenn sie sonst nie etwas Ordentliches zu essen bekämen. An solchen Abenden futtere ich als Protest, aus Prinzip, nur Äpfel – wenn sie welche haben. Sonst lieber nichts.“
Fred ging automatisch hinter ihm her; sie suchten sich einen Platz in der Nähe der Terrassentür.
„Guten Appetit“, sagte der Mann; es krachte, als er ein Stück aus dem Apfel biss. Sein Kauvorgang zog sich hin, war sehr geräuschvoll und Fred beugte sich über den Käseteller.
„August Blech! Blech wie Eisen!“
„Aha!“, sagte Fred, roch an dem Käse und blickte hoch. „Fred Burg! Wie Schloss!“
„Herrlich! Humor haben Sie jedenfalls. Peter meinte, sie wären sehr krank gewesen. Geht’s wieder?“
„Weiß hier jeder über mich Bescheid? Das ist ja zum Kotzen! Entschuldigung!“
„Macht nichts. Zum Apfel durchaus erlaubt. Wir sind mit Peter befreundet. Er hat es uns vertraulich erzählt.“ Er biss wieder ab, wischte sich die Feuchte von den Lippen und sah Fred aufmerksam an.
„Hat Sie in Afrika erwischt, was? Man muss vorsichtig sein in den tropischen Ländern. Was hatten Sie eigentlich?“
„Grippeähnliche Virusinfektion.“
„Harmlos! Anders als bei meinem Bekannten; war so um die vierzig.“ Er biss in den Apfel und warf den Rest in den Aschenbecher. „Kam auch gerade aus Afrika zurück – Südafrika. Mensch sah der aus. Ich sag zu dem: ‚Mann was hast du dir da eingefangen?’ Aber der wollte nicht raus mit der Sprache. ‚Ist das strafbar’’, hab ich ihn gefragt. ‚Was soll das? Heute kann doch jeder alles kriegen.’ Netter Mann und wupps, plötzlich stirbt der weg. Einfach so; von einem Tag auf den anderen. Hepatitis C, sagten die nachher, wär’s gewesen. War lange in Afrika, der Mann. Also, was soll’s! Ich leb jedenfalls gesund. Brauch ich mir nachher keine Vorwürfe zu machen.“
Drei Männer kamen von der Terrasse, lachten schallend, bogen sich dabei und waren rot vor Anstrengung. Mit hastigen Blicken suchten sie die Umgebung ab.
„He, August, da bist du ja. Da hast du was verpasst. Den Witz kennst du garantiert noch nicht. Komm mit. Herbert hat noch mehr absolut frische Herrenwitze auf Lager“, rief einer und steuerte auf ihren Tisch zu.
„Warte, August! Einen zum Anwärmen!“, sagte der, den sie Herbert nannten, und sah dabei nur Fred an. „Kennst du den, wo der Neger sagt, er wolle ins Guinness Buch der Rekorde?“
„Nein, womit denn?“, fragte August Blech.
„Er legte ein Attest vor, in dem stand: Garantiert HIV-frei!“
Ein brüllendes Gelächter belohnte den Erzähler und August Blech stand auf. „Na dann, bis später“, sagte er grinsend zu Fred, nahm den zweiten Apfel und zog mit den Männern ab.
Fred aß seinen Käse, wischte mit dem letzten Brotstück den Tellerrand sauber und ließ sich ein Glas Wasser geben. Der Rücken schmerzte und die Beine zitterten so stark, dass er sie zusammen drückte. Im Nacken spürte er den Schweiß, der von den Haaren perlte.
„Geht’s dir gut, Fred?“ Peter setzte sich zu ihm und stellte einen Teller mit Braten und Kartoffeln auf den Tisch.
„Geht so – sind die Scheißmedikamente. Interessante Leute hast du eingeladen. Alle Achtung!“
„Viele wollen lieber was Rustikales essen – wie früher nach dem Krieg. Französisch ist out – essen mein ich!“, sagte er grinsend. Dafür sind Schweinebraten und Roastbeef wieder in. Die Weiber stehen allerdings mehr auf Fisch.“
„Ist sicher gesünder.“
„Und? Unterhältst du dich gut? Wie ist’s mit dem Minirock? Dein Kaliber?“
„Eher nicht. Versteh mich nicht falsch, Peter. Es geht nichts mehr.“
„Na, na! Was heißt das? Ein paar Jahre Afrika – na und?“
„Ich war krank; hab lange in der Klinik in Kumasi gelegen.“
„Weiß ich doch! Irgendeine Virusinfektion. Kriegt doch hier auch jeder mal.“
„Nicht jeder, sonst würden wir aussterben.“
„Hä?“ Er stierte Fred an, kaute an dem Fleischrand, das Fett schlich sich an seinem Kinn herunter und ein Tropfen fiel auf die Tischdecke.
„Peter! Hör zu! Ich hab mir da was eingefangen. Aber – bitte – du bist mein bester Freund. Ich bitte dich, halt´s für dich, ja? Ich hab mich angesteckt! HIV – du weißt, was das heißt! Bin unvorsichtig gewesen – einmal nur in der ganzen Zeit.“
„Du hast was? Spinnst du?“
„Nein, leider nicht. Inzwischen ist es ausgebrochen – schon sehr früh, nach knapp zwei Jahren. Ich habe Soor-Ösophagitis, sagen die Ärzte; ist eine Variante vom Aids!“
„Nein!“ Das halb zerkaute Fleischstück wurde deutlich sichtbar, als Peters Mund fassungslos offen hing. Fred ekelte sich und blickte auf seinen Teller.
„Doch. – Es ist so.“
„Aber – da läufst du einfach so rum? Musst du da nicht in Quarantäne oder so? Du bist doch ansteckend!“
„Ja, sicher. Aber kein Aidskranker kommt in Quarantäne. Ich stecke niemanden an. Hör zu, Peter! Ich bin in Behandlung und mir bleibt noch etwas Zeit. Ich mach diese Haart-Therapie mit den neuesten Medikamenten. Deshalb bin ich zurück gekommen. Es ist sauhart; mir geht’s schlecht und ich hab niemanden, mit dem ich reden kann. Ich brauche ein normal reagierendes Umfeld, sagen die Ärzte. Sagt der so locker, als gab’s das auf dem Markt zu kaufen. Ich bin keine Gefahr – für niemanden!“
„Das sagst du so!“ Peter warf das Besteck auf das Fleischstück, schob den Teller weg und betrachtete seine Hände. „Entschuldige! Muss mal eben zum Klo.“
Fred blickte ihm nach und wischte sich den Schweiß aus dem Nacken. Der Lärm rundum war wieder stärker geworden, seitdem fast alle ihre Teller leer gegessen hatten. Der Klavierspieler klimperte lustlos; Fred sah, dass er immer wieder zum Buffet schielte.
„Hör zu, Fred.“
Peter stand einen halben Meter vor dem Tisch und sah zu ihm herunter. „Meinst du, dass es richtig ist, zu Partys zu gehen, als wenn nichts wäre? Bist du nicht zu krank dafür?“
„Nein, bin ich nicht. Ich fühl mich wohl unter Leuten. Ich brauche etwas Ablenkung.“
„Ja, schon. Aber das ist doch gefährlich, Fred. – Wie lange hast du noch?“
„Wie meinst du das? Willst du wissen, ob ich auf deiner Party tot umfalle? Das wär das Ereignis des Jahres für deine Gäste, was? Sondereinlage zur Belustigung der VIPs bei Peter Bender! Aber ich kann dich beruhigen. Meine Kombinationspräparate bremsen den Verfall und ich halt´s noch ein paar Tage aus.“
„Okay, okay! Pass aber bitte auf, ja? Komm keinem zu nahe. Hab keine Lust auf Scherereien. Mach mir keinen Skandal, hörst du? Den kann ich wirklich nicht gebrauchen. Diese Party ist die wichtigste meines ganzen Lebens.“
Er ging weg, sah sich mehrfach sichernd um; sein Blick war rätselhaft. Er ging ins Foyer, blickte sich noch einmal um und war dann nicht mehr zu sehen.
Fred lehnte sich zurück und schloss die Augen; vernahm alle Geräusche intensiver und drängender. Als er es nicht mehr aushielt, öffnete er die Augen und sah Betty, die mit großen Schritten ins Bad stürmte. Sofort danach kam Peter ins Bild, blickte sich immer wieder um und verschwand hinter der selben Tür. Zwei Frauen gingen an Fred vorbei, musterten ihn neugierig.
„Hat der die schon informiert? Warum glotzen die sonst so?“, dachte er und blickte auf die Tischplatte. Seine Arme waren schwer und als er sich mit der Serviette den Mund abwischte, rutschte die Rechte kraftlos an der Brust herunter.
„Fred! Was erzählt Peter? Du hast was?“
Betty stand in gehörigem Abstand vor dem Tisch, die Hände in den Hüften. „Ich kann’s nicht glauben! Und dann kommst du hier her? Warte mal! Halt! Halt! Du hast mich geküsst! Oh, du mieses Schwein! Ich zeig dich an, ich verklag dich, du ...“
„Nein! Ich hab dich noch nie geküsst. Auch heute nicht. Nur die Luft neben deinen Ohren. Außerdem ist das nicht ansteckend. Wir hatten weder Oralverkehr noch einen anderen Spaß miteinander. Oder?“
„Fred! Das ist kein Spaß!“
„Nein, wirklich nicht. Das versichere ich dir.“
„Wenn wir das gewusst hätten – das ist doch viel zu anstrengend für dich. Musst du dich nicht hinlegen? Soll ich dir ein Taxi rufen?“ Ihre Stimme hatte einen besorgten Tonfall angenommen und er sah die Lüge in ihren unsteten Augen.
„Das kann ich selber noch. Es ist nett von dir, dass du dich so um mich sorgst. Ich werde nicht mehr lange bleiben.“
„Kommen Sie mal her! – Sie! Ja, Sie! Und ein bisschen flott!“ Betty winkte einer Bedienung heftig zu. Das Mädchen kam mit schnellen Schritten und hielt Fred ihr Tablett hin.
„Nein, nein. Kein neues Getränk. Bringen Sie alles weg, was auf dem Tisch steht; Teller, Besteck, Servierte und Glas! Alles in den Mülleimer! Haben Sie mich verstanden? Alles sofort in den Müll!“
„Ja, natürlich“, sagte das Mädchen und blickte Fred fragend an. Sie war sehr jung, hübsch und hatte traurige Augen. Fred dachte an den Blick der sterbenden Antilope; es war seine letzte Jagd vor dem Ausbruch der Krankheit gewesen und das angeschossene Tier hatte ihn mit großen Augen abgefragt. Die Frage nach dem ‚Warum’ stand auch in diesen Augen.
„Ich fass es nicht! Du hast Aids, gefährdest uns und ziehst alle anderen Gäste auch damit herein. Uns – deinen langjährigen Freunden – tust du das an! Hat Peter dir nicht gesagt, wie wichtig diese Party für uns ist?“
Betty hatte das Mädchen völlig vergessen; sie existierte für sie nicht. Es stand wie angewachsen neben dem Tisch, schaute abwechselnd Betty und Peter an. Er sah, wie ihr Adamsapfel rauf und runter rutschte.
„Geh noch ein Stück zurück, Betty, damit ich dir nicht zu nahe komme. Ich steh jetzt auf; ich muss raus! Mir ist schlecht geworden bei deinem Anblick – und es könnte sein, dass ich dir auf deinen kostbaren Teppich kotze.“
„Nein!“ Sie atmete hörbar aus, machte tatsächlich einen raschen Schritt rückwärts; er stand auf und wollte zur Terrassentür.
„Bitte! Er steckt doch niemanden an. Bitte!“ Das Mädchen stellte das Tablett auf den Tisch und sah Betty an.
Bettys Kopf flog herum. Sie brauchte einige Sekunden um die Stimme, ihren Inhalt und die Sprecherin miteinander zu kombinieren.
„Also! – Was erlauben Sie sich? Schweigen Sie! Nehmen Sie den Abfall und machen Sie, dass Sie wegkommen. Sie hören noch von mir!“
„Bitte! Ich weiß, dass es nichts ausmacht. Sagen Sie es ihr doch!“ Sie drehte sich zu Fred und hob die Hände.
Er schüttelte den Kopf und machte einen Schritt in Richtung Terrasse. Der Ausdruck in ihren Augen wechselte und bevor er sich wundern konnte, ergriff sie seine Schultern, zog ihn an sich und dann schmeckte er ihre Lippen. Sie schloss die Augen, küsste ihn mit weit geöffnetem Mund. Ihre Zunge berührte seine, fuhr zart über seine Zähne. Er hörte Betty stöhnen, fühlte die warme Zunge, schmeckte Vanille und Zitrone – und dann löste sie sich von ihm.
„So!“, sagte sie und lächelte Fred verlegen an. „Glauben Sie mir jetzt, gnädige Frau? Das war völlig gefahrlos.“
In Freds Kopf zuckten Blitze und seine Beine wollten sich selbstständig machen. Er musste sich an der Tischkante festhalten, um nicht zu stürzen.
„Raus! Sie dreckiges Flittchen! Raus! Lassen Sie sich hier nicht mehr sehen! Knutscht einen ab, der die Aidsseuche hat! Die ist doch geisteskrank! Oh, mein Gott, Peter! Peter, greif doch endlich ein!“, schrie Betty.
Fred bemerkte, dass sich die Töne der Klaviermusik in der Stille sehr klar anhörten. Alle Gesichter hatten sich zu ihnen gedreht.
„Gehen Sie, bitte“, sagte er leise zu dem Mädchen und schlurfte durch eine breite Gasse zur Terrassentür.
Das Mädchen mit dem Minirock war nicht mehr zu sehen. Es war merklich kühler geworden; niemand stand auf der Terrasse. Eine Treppe führte in den rückwärtigen Park; der Weg war gut beleuchtet, schlängelte sich über den Rasen, verschwand hinter Gebüsch.
Langsam schritt er über die Steinplatten, bis er an die Mauer stieß. Er roch Moder und Humus. Hier gab es kein Licht; alles um ihn herum war nur fühlbar. Er lehnte sich an die raue Wand und atmete tief durch.
„Was, verdammt, was war das? Verdammt, was sollte das?“
Noch immer spürte er ihren Mund, fuhr sich mit der Zungenspitze prüfend über die Lippen, suchte Spuren von Vanille und Zitrone. „Unfassbar! Küsst mich wie ... Ein eigentümliches Mädchen.“
Er löste sich von der Mauer, ging langsam zurück zum Haus, und durchquerte, ohne anzuhalten, den Raum.
Der Klavierspieler saß auf seinem Hocker, balancierte einen Teller mit Fleisch auf dem Schoß, nickte und lächelte ihn an. Er war der Einzige, der hier lächelte. Fred konnte keine Stimmen hören, Gläser klirrten leise, verschämt, und selbst das Räuspern hinten an der Wand klang verlegen.
Die Gruppen hatten ihre Kreise geschlossen wie Wagenburgen, die einen Feind abwehren müssen. Er ging zwischen den Menschen durch, fühlte ihre erschreckten Blicke und sah ihr langsames Zurückweichen.
Er kam sich vor wie ein schlechter Schauspieler, der auf die ersten Tomatenwürfe wartet. Peter und Betty standen am Buffet, taten sehr beschäftigt und sahen ihm verstohlen nach.
„Das war’s dann wohl, ihr alten Freunde“, dachte er und war nicht im Geringsten verbittert.
Das Mädchen stand im Foyer. Sie hatte sich einen Trenchcoat übergezogen und schien auf ihn gewartet zu haben; sie kam sofort auf ihn zu.
„Entschuldigen Sie. Ich habe Sie schon gesucht.“
„Warum? Warum, um alles in der Welt, haben Sie mich geküsst?“
„Ich weiß es nicht. – Vielleicht ... ich hatte Mitleid mit Ihnen – und ich musste dieser Frau etwas zeigen. – Es war nur ein Kuss.“
„Wissen Sie, was Sie getan haben?“
„Sicher! Ich weiß, was ich tue. Ich bin nicht bescheuert und nicht geil. Mein Bruder ist vor vier Jahren an Aids gestorben. Er hat bis zu seinem Tod bei uns gelebt, bei meiner Mutter und mir. Ich weiß, was Aids bedeutet – für den Betroffenen und die Angehörigen. Wir mussten sogar unsere Wohnung verlassen.“
„Mein Gott! Sie kennen mich doch überhaupt nicht. Und dafür haben Sie Ihre Stelle riskiert?“
„Ach wo. Kein Problem. Ich gehöre zum Serviceunternehmen, das die hier verpflichtet haben; die setzen mich eben woanders ein.“
„Ihren Kuss – also, das, das war ... Ich werde diesen Moment nie vergessen – er hat mehr Bedeutung für mich, als Sie ahnen können.“
„Ja? – Bitte, es war nur ein Kuss; es bedeutet nichts.“
„Für mich schon! Aber – kann ich etwas für Sie tun? Ich möchte Ihnen danken für das, was Sie gemacht haben.“
„Nein, ich will keinen Dank. Das war doch nichts. Ich bin impulsiv und dann mache ich das, was mir gerade richtig erscheint. Es war nicht so wichtig.“
Ihre schmale, kindliche Gestalt rührte ihn; das Gesicht wirkte noch immer traurig. Nur ihre Augen hatten jetzt einen Schimmer, der vorher nicht da gewesen war.
„Doch, das war es wohl. So hab ich noch keinen Kuss empfunden.“
„Haben Sie schon mal jemanden geküsst, den Sie nicht kannten?“
„Ja. – Hier küssen Prostituierte nicht – aber in Afrika tun sie’s.“
„Oh! Das wusste ich nicht. – Na so was! Ich wollte was ganz anderes von Ihnen. Ich habe hier etwas, das Ihnen gehört. Auf ihrem Teller, unter der Servierte, lag diese Krawattennadel; ich hab’ sie im letzten Moment gesehen. Sie ist doch bestimmt kostbar; die Maske ist sicher aus Elfenbein – und sie sieht so geheimnisvoll aus. Wunderschön! Sie ist mir schon an Ihrer Krawatte aufgefallen.“
„Oh – das ist nett. Ich habe sie noch gar nicht vermisst. Haben Sie einen Freund?“
„Ja, schon ...“
„Sagen sie ihm nichts von dem Kuss; das bleibt unter uns, ja? Ich möchte gerne, dass es so bleibt, wie es ist; es darf nicht im Streit zerredet werden.“
„Aber die da“, sie zeigte auf den Salon, „die werden es nicht nur zerreden. Sie werden uns verteufeln und den Wölfen zum Fraß vorwerfen – vor allen Dingen Sie.“
„Die hier, die zählen nicht. Bitte schenken Sie ihrem Freund die Nadel – zum Geburtstag oder wozu auch immer. Die Maske kommt aus Ghana. Sie soll den Tod abschrecken und man verschenkt sie nur, wenn er sich nicht mehr abweisen lässt, wenn er den letzten Schuldschein unbedingt einlösen will.“
„Wie weit ist es? Ist es schon sehr schlimm?“
„Es braucht Sie nicht zu berühren. Wir sehen uns nie wieder.“
„Es muss mich berühren. Denken Sie an den Kuss. Sie haben die Maske doch auch geschenkt bekommen? Hat sie ihrem Vorbesitzer nicht geholfen? Hat er nicht an ihre Kraft geglaubt?“
„Kann sein, dass er den Glauben seiner Väter verloren hatte – ja, das ist möglich. Sie ist tatsächlich das Geschenk meines besten afrikanischen Freundes. Er war Häuptling in Huniso, einem Dorf in Ghana – er ist schon einige Zeit tot. Wegen schäbigem Gold musste er sterben; da half auch kein Amulett. Sie haben ihn umgebracht mit Trinkwasser, das vom Zyanid verseuchtem war.“
„Oh, mein Gott! Und ...“ Sie schaute ihn lange an, erforschte den Ernst seiner Worte und wurde blass.
„Nichts ‚und’. Sagen Sie ihrem Freund, dass ich ihm ein langes Leben wünsche.“ Er drückte die ausgestreckte Hand, auf der die Nadel lag, heftig zur Seite.
„Nein, nein! Behalten Sie die Maske, bitte. Sie kann Ihnen vielleicht doch noch helfen; Sie haben doch selber gesagt ...“
„Nein! Ich hab den Glauben auch verloren. – Ich muss jetzt gehen.“
„Aber – das kann ich nicht annehmen.“
„Sicher, nehmen Sie diesen Talisman ruhig – mehr ist es nicht. Ich brauche ihn nicht mehr. Einen schönen Abend noch – und grüßen Sie Ihren Freund von mir.“
Als er die Treppe herunter ging, verspürte er ein kleines Glücksgefühl, wie er es zuletzt vor einer unendlichen Zeit erlebt hatte – damals war noch alles möglich.
„Dieser Kuss! Ich nehm ihn mit und er gehört mir – nur mir!“
Als er sich umdreht, hörte er das Stimmengewirr, sah den noch immer aufgerissenen Schlund des Ungeheuers.
„Hast mich als unverdaulichen Brocken wieder ausgespuckt, was?“, sagte er halblaut und ihm fiel auf, dass er in der letzte Zeit immer häufiger zu sich selber sprach.
Er ging an den wartenden Autos vorbei, tauchte ein in die Dunkelheit des Parks und fühlte sich unsichtbar, sicher und geborgen.

© Eduard Breimann


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