Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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August 2002
Liebe oder Tod
von Silke Vllasaljia


„Was habe ich mir nur dabei gedacht?“ Eva steckte sich mit zitternden Händen die fünfte Zigarette an. Dabei war sie Nichtraucherin. Sie atmete den Rauch tief ein und musste nicht mehr ganz so viel husten wie am Anfang.
Ungläubig starrte sie auf den blauen Punkt. Sie konnte es einfach nicht fassen. In sieben Jahren Ehe hatte die Pille immer gewirkt.
Nur in dieser einen Nacht nicht. Das Schicksal hatte sich gegen sie verschworen. Fassungslos warf Eva den Schwangerschaftstest in den Mülleimer. Sie dachte an die Nacht zurück, die sie in diese Situation gebracht hatte. Es war über einen Monat her:
Stefan war nur ihr Arbeitskollege gewesen. Ja, er war sehr charmant, gutaussehend und intelligent. Er hatte immer ein wenig mit ihr geflirtet. Und es gefiel ihr.
Es war so ganz anders endlich wieder begehrt zu werden.
Natürlich dachte sie gegen ein innigeres Verhältnis immun zu sein.
Schließlich war sie schon seit zehn Jahren mit Paul zusammen und nächstes Jahr würden sie ihren achten Hochzeitstag feiern.
Für Paul war sie Alltag. Nichts anderes als die Frau, die sowieso immer da war. Nicht so bei Stefan. Er war so aufmerksam, merkte sich jedes kleinste Detail, dass sie ihm erzählte und seine ständigen Komplimente schmeichelten ihr sehr.
Dann, es war so typisch. Betriebsfeier, zu viel Alkohol. Paul war seit zwei Monaten auf Geschäftsreise. Sie war Stefans Charme hilflos ausgeliefert.
Er bot ihr an sie nach Hause zu fahren. Er wollte ihr vorher noch kurz seine Wohnung zeigen. Sie stimmte zu. Denn sie wussten beide worum es ging.
Eva konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann sie das letzte Mal solche Gefühle hatte. Sie vergaß alles und ließ sich fallen.
Stefan war ein wunderbarer Liebhaber. In dieser Nacht war Eva glücklich.
Doch schon am nächsten Morgen ließ ihr schlechtes Gewissen die romantische Nacht verblassen.
Jetzt erst, viel zu spät, fiel ihr ein, was sie aufs Spiel gesetzt hatte.
Denn sie wusste, wie Paul zu Untreue stand. Dabei war es gleichgültig für ihn ob es sich um eine einmalige Sache oder eine längere Affäre handelte. Ihn durfte man nicht betrügen.
Am Tage ihrer Hochzeit hatte er zu ihr gesagt:
„Eva, Liebling, du bedeutest mir mehr als alles andere auf der Welt. Aber eines musst du mir versprechen. Du darfst mich niemals betrügen! Denn dann wird es jemand nicht überleben.“
Paul lachte dabei, als er dies sagte, aber sein durchdringender Blick schnürte ihr kurz die Kehle zu. Sie versuchte es als makaberen Scherz zu sehen und fragte mit dem Blick, den sie Bambi abgeguckt hatte: „ Aber du könntest mich doch niemals töten, oder?“
„Würdest du mich denn betrügen?“
Sie antwortete aus vollstem Herzen: „Ich werde dich nie im Leben betrügen! Wie könnte ich einen anderen Mann wollen als dich?“
Und in diesem Moment war es ihr voller Ernst.
„Siehst du! Dann darfst du auch weiter leben!“ Paul grinste sie immer noch vergnügt an, aber in seinen Augen sah sie etwas, dass ihr Angst machte. In diesem Augenblick war sie sich dessen nicht bewusst, aber als sie später an diese Unterhaltung zurück dachte, war sie davon überzeugt, dass Paul jedes Wort bitterernst gemeint hatte.
Wie hätte sie ahnen können, dass irgendwann nicht einmal mehr die Spur von Romantik vorhanden sein würde?
Ihr Sexleben spielte sich in der Werbepause der samstäglichen Fußballübertragung ab und hinterher konnte sie sich sogar noch was zu trinken holen ohne etwas zu verpassen.
Paul würde heute abend von seiner Geschäftsreise nach Hause kommen. Was sollte sie ihm sagen? „Hallo Paul, ich bin schwanger, aber du bist leider nicht der Vater. Tut mir leid.“ Tolle Idee.
So oder so. Wenn Paul auch nur irgendetwas erfuhr, würde er sie töten. Da war sie sich sicher.
Eva drückte ihre Zigarette aus und machte sich auf den Weg zum Flughafen, um Paul abzuholen.
Als sie ihn sah, brach sie in Tränen aus. Paul war erstaunt, dass sie sich so sehr freute ihn wiederzusehen. Drei Monate waren eben doch schon eine lange Zeit.
Endlich zu Hause bat Paul: „Schatz, machst du mir bitte etwas zu essen? Ich dusche in der Zeit eben mal.“
„Ja, natürlich.“ Eva war mit ihren Gedanken nur bei ihrem verhängnisvollen Seitensprung: „Oh könnte ich diese verflixte Nacht nur ungeschehen machen! Was bringt mir eine tolle Nacht, wenn mein Mann mich dafür verachten wird. Er wird sich von mir trennen. Er wird mich hassen. Wer kann es ihm verdenken? Und vielleicht wird er mich sogar...“
Plötzlich riss sie Pauls Gejubel aus ihren Gedanken:
„Du bist schwanger?“ Paul hielt den Schwangerschaftstest in der Hand und strahlte übers ganze Gesicht. „Wir bekommen endlich ein Baby! Hat die Pille nicht gewirkt? Na umso besser! Im wievielten Monat bist du denn? Muss ja mindestens schon der vierte sein, oder? Aber man sieht ja noch gar nichts...“
Eva suchte verzweifelt nach irgendeiner Ausrede, aber wie sollte sie eine plausible Erklärung finden? Unbefleckte Empfängnis?
„Paul, ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll... Ich bin wohl ungefähr am Anfang des zweiten Monats.“
Pauls Gesicht wurde erst leichenblass, ging aber schnell in ein leuchtendes rot über: „Soll das heißen, du hast dir von einem anderen Kerl ein Kind machen lassen, du elende Schlampe? Wie kannst du es wagen mich zu betrügen?“ Paul holte aus und schlug Eva mit der flachen Hand ins Gesicht. Die Wucht der Ohrfeige schleuderte sie zu Boden. Hilflos fing sie an zu weinen.
„Es tut mir so leid Paul! Es hatte nichts zu bedeuten! Glaub mir doch! Bitte verzeih mir! Ich liebe doch nur dich!“ schluchzend hielt sich Eva die schmerzende Wange, auf der Pauls Finger immer noch deutlich abgezeichnet waren.

Paul schien sich etwas beruhigt zu haben. Jedenfalls drohten ihr im Moment wohl keine weiteren Schläge.
„Wer war es?“ Paul versuchte die Beherrschung nicht wieder zu verlieren.
„Das ist doch nicht wichtig Paul. ER ist nicht wichtig.“
„Im Prinzip hast du Recht. Er hat mich ja nicht hinter meinem Rücken betrogen. Das warst ja du! Wie lange geht das schon mit euch?“
„Da geht gar nichts. Es war ein einmaliger Ausrutscher, den ich sehr bereue. Ich würde alles dafür geben um es ungeschehen zu machen! Ich wünschte, ich hätte es nie getan“
Paul seufzte: „Ja, das wünschte ich mir auch.“ Dabei zog er sich seine Jacke an. „Komm mit. Ich muss an die frische Luft. Lass uns draußen weiter reden.“
„Aber es ist doch schon fast dunkel.“ Eva behagte die Idee nicht.
„Ist doch völlig egal. Ich muss irgendwie wieder einen klaren Kopf bekommen.“
Weil Eva sich auch noch Jacke und Schuhe holen musste, sah sie nicht, wie Paul etwas in seiner Jackentasche verschwingen ließ.
Sie stiegen in Pauls Auto und fuhren eine Zeitlang schweigend durch die Gegend. Eva beruhigte sich während der Fahrt ein wenig. Sie hasste ihn für die Ohrfeige, obwohl sie froh war, so glimpflich davon gekommen zu sein. Sie hätte Paul noch viel Schlimmeres zugetraut. Aber so krank war er nun doch nicht, sie wegen einem Seitensprung umzubringen.
Verstohlen betrachtete sie ihn von der Seite. Ein Lächeln spielte um seine Lippen. Jetzt war Eva doch froh, dass er es herausgefunden hatte. Es wäre schrecklich gewesen ihn dauernd belügen zu müssen. Aber was würden sie mit dem Kind machen?
Das konnten sie ja gleich alles in Ruhe besprechen.
Paul bog gerade auf einen einsamen Waldweg ab und hielt nach einigen Metern an. Eva war zufrieden. Hier konnten sie in Ruhe alles besprechen ohne dass sie jemand störte. Eva wollte aussteigen, aber Paul hielt sie zurück.
„Wollen wir nicht ein Stück gehen? Dann redet es sich besser.“,
versuchte sie Paul zu ermuntern.
„Nein.“ Wütend blickte er Eva an.
„Was ist denn? Kannst du mir doch nicht verzeihen?“ Eva war schockiert über seinen plötzlichen Stimmungsumschwung.
„Doch. Gleich...“
Blitzschnell zog Paul ein Küchenmesser aus seiner Jackentasche und stieß es Eva mit vollster Wucht in den Bauch.
„Erst stirbt dieser Bastard – und dann stirbst du!“ Mit diesen Worten schnitt er Eva die Kehle durch.
Zufrieden betrachtete Paul seine blutüberströmte, tote Frau auf dem Beifahrersitz.
Ihr staunender Gesichtsausdruck verriet, dass Eva gestorben war, bevor sie begreifen konnte, was passiert war.
Lächelnd gab Paul ihr einen letzten, zärtlichen Abschiedskuss.
„So. Jetzt verzeihe ich dir.“
Paul fuhr wieder aus dem Wald heraus. In kurzer Zeit hatte er die Autobahn erreicht. Er gab Vollgas, bevor er die Handbremse zog und sein Auto sich um 180° drehte. Dann machte er die Scheinwerfer aus und fuhr mit hohem Tempo gegen die Fahrtrichtung. Ja, er würde sterben. Aber er würde nicht der Einzige sein...

(c) Silke Vllasalija

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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