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August 2002
Der Spalt
von Alf Stiegler


Wie Leichentücher zogen die Nebelschwaden an uns vorbei, undurchsichtig und vergilbt, schwanger vom Gestank fauligen Wassers. Er bildete glitzernde Perlen in den stummen Gesichtern um mich herum, benetzte knochige und zitternde Leiber, fiebernde Augen und schwammige Haut.
Ich wußte nicht wie lange ich schon hier war, Jahre, so schien es, vielleicht hat mich aber auch nur die Angst, das Fieber oder der Hunger um den Verstand gebracht. Alle Erlebnisse waren mir ein Nebel im Kopf, ich kannte keine konkreten Ereignisse, schien alles über diesen Ort zu wissen, konnte aber keine Reihenfolge in meine Erinnerungen bringen. Die Gesichter um mich schienen mir bekannt zu sein, aber wer wußte das schon zu sagen – wir durften nicht sprechen, harrten geduldig wie die Lämmer auf den Schlachter, während uns die Angst beinahe wahnsinnig machte. Ich wußte nicht mehr, wie ich in diese Käfige gekommen bin, Herrgott, ich wußte nicht einmal mehr wie ich in diesen Krieg kam, erinnerte mich nur schemenhaft an die patriotischen Tiraden meines Bruders. Wie das Feuer in seinen Augen gebrannt hatte, Vater war schon lange Tod gewesen und Mutter sagte nie etwas dazu, aber er sah sich als den Botschafter des amerikanischen Traums. Der Kommunismus durfte sich nicht ausbreiten, sagte er stets, und flammend hatte er die Phrasen wiederholt, die uns Onkel Sam mit mahnendem Zeigefinger von den übergroßen Plakaten herab entgegenpredigte. Nie hätte ich mich gegen meinen Bruder entgegenstellen können, es hätte ihm das Herz gebrochen, wenn ich nicht mit ihm gegangen wäre – all sein Glauben, sein Sinn und vielleicht sogar sein Schicksal, haftete an seinem Streben die Errungenschaften der Gründungsväter mit mir, seinem kleinen Bruder, zu verteidigen. Jetzt lag ich hier in einem Bambuskäfig und mein Bruder unter der Erde. Das Wasser stand uns bis zu den Knien und trotz der schwülen Hitze zitterten wir ob der Feuchtigkeit, die uns das Fleisch von den Knochen ziehen zu wollen schien. Unsere Kleidung war durchnässt, zerfetzt, starrend vor Dreck und beinahe nur noch von Ungeziefer zusammengehalten, zudem war es vollgesaugt mit dem stinkenden Wasser des Flußes, aber niemand wollte es ablegen. Wenn wir das täten, so hätten wir all das aufgegeben, woran wir einst geglaubt hatten, dann würde der letzte Faden reißen, wir würden zu dem Vieh, wie uns die Vietkong behandelten. Immer wieder hörten wir die harten Stiefel auf den Stegen um die Käfige patroullieren und oft blieben sie in unheilvoller Nähe zu uns stehen. Befehle in gebrülltem, bellenden Ton zerrissen das apathische Warten in jeder Sekunde, wir hörten das Wimmern anderer Gefangener, hörten flehende Stimmen, weinende Stimmen, manchmal aber auch brüllende, wütende Gegenwehr, die meist mit einem scharfen Knall verstummte. Käfige wurden geöffnet und Gefangene abgeführt – niemand wußte wohin er kam, manchmal wurde man nur woanders hingebracht. Manchmal wurde ein Trupp neuer Gefangener gebracht, verhört und in unsere Käfige geworfen, wo sie stumm und verstört durch jeden Mitgefangenen hindurchstarrten, kein Wort mehr sagten und den Geruch frischen Blutes und nackter Angst verströmten. Jetzt schien es wieder so weit zu sein. Die beständig knarrenden Schritte verstummten über uns, ich sah mich um, verhärmte Gesichter glotzten sich in schierer Todesangst um, man sah die Hoffnung, daß es ein anderer sein möge, daß man selbst noch verschont bliebe, die Kameradschaft war in dem urinverseuchten Wasser ertrunken, als sich die Tür öffnete. Niemand hob den Blick, jeder versuchte unsichtbar zu werden, eine Leiche zu sein, um das Interesse der unbekannten Peiniger nicht zu wecken. Mich packte eine Hand an den Haaren und riß meinen Kopf nach hinten, ich starrte in ein gelbes Gesicht vor mir, nein, ich starrte hindurch, sah keine Konturen und keine Züge, sie sahen alle gleich aus, sie waren Symbol für unser Grab. doch dieses hier wendete sich ab und packte einen anderen. Ein gebrülltes Wort und er deutete auf den mageren Jungen in der Ecke – er war höchstens 19 ein Kind, nicht mehr. Dessen fiebrige Augen huschen hin und her, hofften noch, daß nicht er gemeint war, hilfesuchend klammerten sich seine Blicke an uns fest, die wir ihn nicht offen anzusehen wagten. Er begann zu wimmern und zu betteln bis ihm der Vietkong mit dem Gewehrkolben eine Handvoll Zähne ausschlug und an den Haaren aus dem Käfig zerrte. Niemand sah auf. Keiner wollte den Blick im Gesicht des Jungen sehen und keiner wollte dem Jungen seine verschämte Erleichterung zeigen, diesmal verschont worden zu sein.
Dann saßen wir wieder allein, vergruben dieses Erlebnis sofort wieder in den unergründlichen Kammern des Unbewußten, warteten auf das nächste mal.
Den Jungen sahen wir nie wieder – aber was hies das schon, sein Gesicht war vergessen, als es aus dem Käfig war, Gesichter verschwammen, Individuen gab es nicht mehr. Wir wußten nie was mit den Abgeholten geschah, manche kamen vielleicht zurück, manche wurden vielleicht getötet, jedenfalls erfuhr man es nie. Die Vietkong demoralisierten uns wo sie nur konnten, liessen keinen Rhythmus, keine Gewissheit aufkommen und manchmal standen sie über den Käfigen um die Leichenteile toter Kameraden in das Wasser zu werfen. Diese tanzten dann auf der schmierigen Brühe bis sie verfault oder von den Fischen gefressen worden waren. Manche schwammen auch durch die Gitterstäbe hindurch an uns vorbei – wir mieden sie, als würden wir sofort krepieren, wenn wir sie berührten.

Dann hatte es mich erwischt, mitten in der Nacht. Namenlose Insekten stachen mich, legten ihre Eier unter meine Haut, als mich ein harter Tritt aus dem Schlaf riss und ich aus dem Käfig hinauszerrt wurde. Ein Begleiter des Soldaten wartete oben auf dem Steg. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten, der Soldat schlug mir ins Gesicht und schleifte mich hinterher, ich rappelte mich auf und versuchte taumelnd Schritt zu halten. Die Angst trieb mich an den Rand des Irrsinns, war mir das schon öfter passiert? ich erinnere mich an diese Kreuzgänge, ich kannte diese Angst und hatte Bilder im Kopf von Folter und den gebrochen amerikanischen Satzfetzen, die mir ein vietnamesischer Offizier unter Schlägen ins Gesicht brüllte – vielleicht waren das auch nur die Ausgeburten meiner Fantasie, Wahnbilder gezeugt aus Fieber, Erschöpfung, Angst und Hunger...ich wußte es nicht...ich wußte es nicht. Die beiden Männer schleiften mich über mehrere Stege und durch unzählige Pfahlbauhütten hindurch – das Gelände war so riesig, ich konnte nichts wiedererkennen, wir sind so viele Winkel und Abzweigungen gegangen, ich hätte nichteinmal mehr die Himmelsrichtung sagen können, von wo wir gestartet waren. Käfige standen im Wasser, gesichtslose Gefangene wendeten ihren Blick ab und die Sonne war hinter dem gelben Dunstschleier nirgends auszumachen. Es war ein Labyrinth hier, riesig groß, verschlungen und unergründlich, Insekten zirrpten und schwebten um einen herum, bissen und Stachen, manche so groß wie Bienen. Schilf stand teilnahmslos im Wasser und der Dschungel war ein schmutzig grünes Geschwür das von überall her seine Arme in das Gelände streckte um bösartig nach mir zu greifen.

Die Vietkong schleppten mich in eine weitere Holzhütte, sie war wie die anderen, Holzvertäfelt und morsch. Als ich jedoch den Gang durchstolperte, erregte etwas ungewohntes meine Aufmerksamkeit. Es schien den ganzen Raum, die ganze Szene zu beherrschen, es war einfach da und lockte, versprach und flüsterte, als ich daran vorbeiwankte – es war ein unscheinbarer Spalt in der Holzwand. Niemand schien ihn zu bemerken, er war eine Chance, eine Fluchtmöglichkeit, ich bräuchte nur durch ihn hindurchzuspringen, dann wäre ich woanders, wer wußte denn schon, wo ich hingebracht wurde? Aber wer wußte was sich hinter dem Spalt verbergen mochte? Eine Falle, eine tödliche Kugel, vielleicht aber auch Sumpf, ein feuchtes Grab in dem ich namenlos versinken würde? Was geschah, wenn mich meine Bewacher aufhalten konnten, wenn sie mich erwischten? Was geschah, wenn mich niemand erwischte, wenn ich von den Tiefen des Dschungels verschluckt wurde? Nein, ein Fluchtversuch bedeutete den Tod...dennoch... es säuselte mir entgegen, welche weitere, bessere Chance auf Flucht würde man hier denn schon bekommen? Welche Chance hatte man ohnehin auf ein überleben? Welche Chance war ich gerade im Begriff zu verschenken? Aber ich konnte es nicht, mein Wille war gebrochen, mein Mut unterwandert, lieber klammerte ich mich an die diffuse Hoffnung, mein Leben verlängern zu können. Vielleicht sind es noch Stunden, vielleicht auch Tage, Wochen gar – es waren diese Gedanken, die meine Aufmerksamkeit von dem Spalt wegrissen. Er schien mir traurig hinterherzusehen, als mich die Vietkong durch eine Tür in eine stickige Bude schleppten, die nach Tod und faulenden Wunden roch. Sie öffneten eine Bambustür und traten mich hindurch, es war zu dunkel und ich konnte nur Schemen erkennen. Ich stürzte auf etwas warmes, weiches, es stank gotterbärmlich und ich spürte die Insekten und Würmer die darin nisteten, sich hin und her wanden, aufgebracht von meiner Störung. Es war irgendein verrottetes Grünzeug, das in der Zelle aufgeschichtet war und trotz seines ekellerregenden Zustandes fiel ich hinein und versuchte dem Zucken meiner ausgehungerten, überanstrengten Muskeln Herr zu werden. Die Soldaten verliessen den Raum und schlossen die Tür – nun waren Stille und absolute Dunkelheit meine Zellengenossen.

Es war hier so dunkel, daß die Augen nichteinmal Umrisse Wahrnehmen konnten, man spürte die Insekten auf sich herumkriechen, manche lang wie ein Daumen und doppelt so breit, während die Fühler neugierig nach einem tasteten wenn man sie von sich stossen wollte – es ist erstaunlich welch ekelhaften Bilder einem der Verstand zeichnet, wenn man sich nur auf das Fühlen und Hören verlassen muß.
Wieder verschwamm die Zeit um mich herum, Tag und Nacht lies sich nicht unterscheiden, es herrschte ständig die gleiche, warme und erstickend feuchte Luft, ob es nun Nacht oder Tag war. Die Wachen kamen unregelmäßig, manchmal brachten sie stinkendes Wasser, oder manchmal kamen sie nur um vor der Tür zu stehen, auf mich herabzustarren wie ich in dem vergammelten Kraut am Boden zusammengesunken war um dann wieder zu gehen. Manchmal bekam ich sogar etwas zu essen, dann erst spürte ich wieder wie meine Eingeweide nach Nahrung schrien und ich schlang herunter was sie mir gaben, geschmeckt hatte ich nie etwas.
In den ungreifbaren Augenblicken der Einsamkeit nahmen meine Gedanken Bilder an in der Dunkelheit, ich sah Verwundete, Tote und Verbrechen die meine eigenen Kameraden unter dem Banner patriotischer Gerechtigkeit verübt hatten, ich sah Soldaten sterben, in vielen, seltsamen Szenen, in denen sich die eine stets von der anderen unterschied. Nur die bittere Asche verloschenen Glaubens, die ihre sterbenden Augen überstäubte, war gleich. Ich wälzte mich hin und her, wußte nicht was wahr, was Fantasie war. Lag ich die ganze Zeit in der Zelle, oder wurde ich tatsächlich ab und zu hinausgeschleppt um verhört und gefoltert zu werden? Da waren aber noch andere Eindrücke, verstörende Eindrücke die meine Vergangenheit, aber nicht den Krieg betrafen, ich versuchte sie niederzuringen, aber immer wieder, immer häufiger suchten sie mich in meinen üblichen Visionen heim. Auch, ohne, daß ich sie genau benennen konnte lösten sie in mir eine hoffnungsvolle Wehmut, einen Schmerz aus, den ich noch weniger ertrug als die Angst vor dem Wahnsinn. Nicht einmal das hier und jetzt schien gewiß zu sein, Erinnerung und Wahrnehmung verschwammen zu einem wilden, erschreckenden Bildertanz, den ich nicht mehr einordnen konnte, aber trotzdem bewältigen mußte.

Dann verlegten sie mich ein weiteres mal, ein weiteres mal quälte mich die bohrende Angst vor dem Tod und ein weiteres mal wurde ich über unzählige Stege geschleift, durch Hütten. Nichts sah gleich aus und doch schien sich alles zu wiederholen. Bis auf das Wachhaus, das sich Schritt für Schritt und drohend vor mir zu erheben begann. Der Steg vor ihm barst vor bewaffneten Soldaten, die nach mir traten und unverständliche Flüche mit sich überschlagenden Stimmen gegen mich schleuderten. Aber sie blieben draussen, als die Tür des Hauses aufflog und ich hineinstolperte. Die Tür schloss sich wie von alleine und mit einem Schlag war es still. Niemand war mit mir hier und ich sah ihn am Boden, vor dem überfüllten Schreibtisch. Wieder ein Riß in den Holzbrettern, gerade groß genug für mich. Es war dunkel darunter, aber keine bösartige Dunkelheit, sie lockte mich, beinahe konnte ich Stimmen hören, die nach mir riefen, die mich flehten, ich solle diese Chance wahrnehmen....aber die Soldaten.... Ich sah mich um, wußte das ich damit unschätzbar kostbare Sekunden verschenkte während derer ich durch den Spalt hätte fliehen können, aber die Angst war so groß, so beherrschend! Was wenn sich die Tür in dem Moment öffnete, da ich ein Bein in den Spalt setzen wollte? Ich dachte an die Soldaten vor der Tür, an ihre Waffen, geladene Gewehre mit verkrusteten Bajonetten an deren Enden, ich sah mich selbst in dem Loch im Boden, eingeklemmt, während ich die Hände vor mein Gesicht hob um den Vietkong abzuwehren, um das Bajonett abzuwehren, daß auf meinen Kopf zuraste....nein, nein, ich konnte nicht, konnte nicht! Hilflos kniete ich vor dem Spalt, klare, frische Luft drang daraus zu mir empor, so rein und kühl, daß es mir die Tränen in die Augen trieb, so nahe, daß es mir das Herz brechen wollte, aber die Krallen meiner eigenen Furcht rissen mich davon fort. Sie liessen mich aufstehen und auf die Wachen warten, die, als seien sie gerufen worden, sogleich durch die Tür stürmten und mich mit sich durch eine andere Tür rissen, weitere Ewigkeiten durch ihr Steglabyrinth hetzten und in einen weiteren Käfig warfen.

Diesmal war ich in der prallen Sonne, im Trockenen, auf einer verbretterten Plattform. Wir waren wieder in Gruppen, aber das war kein Vorteil, da jeder nur ein Spiegelbild der allgemeinen Verzweiflung war. Jeglicher Sinn war aus den Gesichtern der Soldaten gewichen, zahnlos waren sie, oder eingefallen, manche geschwollen, oder Wundenübersäht und nässend, aber so gebrochen, als wäre ihr Atmen eine reine Gewohnheit ihres Körpers. Ein weiteres mal verlor ich die Orientierung von allem, versank in trüben Erinnerungen aus meiner Kindheit, meiner Jugend, ich spürte, daß noch etwas nach oben wollte, etwas, woran ich die ganze Zeit nicht zu denken wagte, wenn ich es doch nur verhindern könnte. Aber ich hatte keine Chance, entweder schlug ich mich durch den Sumpf meiner unbewältigten Vergangenheit, oder lies mich von der stummen Todesfurcht meiner Kameraden anstecken. Nichts davon schien mir erträglich, aber ich hatte ohnehin keine Wahl. Ob im wachen oder im Träumen erlebte ich Episoden meines Lebens, die ich hier völlig vergraben hatte, sie stachen auf mich ein und hinterliessen brennende Stellen. Niemand hätte sich damals Orte wie diesen hier vorstellen können und wie ein Besessener ersehnte ich mir die Unwissenheit jener Tage zurück. Freunde tauchten vor meinen Augen auf, Schulkameraden, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnern konnte und noch etwas, etwas das stets in den Augenwinkel meiner Erinnerung huschte und so etwas wie Hoffnung in mir zu wecken versuchte. Aber ich bekam es nicht zu fassen, wollte es gar nicht zu fassen bekommen – Hoffnung ist das Heroin der Todgeweihten.

Der Käfig hier schien die letzte Station zu sein, täglich zogen die Vietkong tote Soldaten aus den Pferchen, aber erst wenn man den Gestank kaum mehr ertragen konnte und Wolken von Fliegen von den Leichen abhoben. Schreie und Gegenwehr gab es hier auch nicht mehr, die Soldaten ergaben sich ihrem Schicksal ohne Furcht und ohne Haß in den Augen – aber auch ohne den geringsten Funken Leben darin. Manchmal wurden Exempel statuiert, vor unseren Augen und willkürlich, manchmal grausam und langsam, manchmal schnell und kalt. Zu essen bekamen wir nichts mehr, zu trinken schoben sie uns kleine Schüsseln hinein, die nicht für alle genügten und verschüttet wurden, wenn sich die Gefangenen in einem letzten aufbäumen von Lebenswillen bis aufs Blut darum stritten.
Ich war selbst dem Tode nahe, als mich die Soldaten ein weiteres Mal auswählten – das letzte mal, wie ich wußte.
Es war die Art ihrer Gesichter und der angstvolle Blick meiner Kameraden, die mir meinen eigenen Tod nun zur Gewißheit machten. Meine Vergangenheit bombardierte mich schon am hellichten Tag und unablässig mit verschwommenen Bildern, ich bekam keine Reihenfolge hinein, keinen Sinn. Allerdings begann ich nun zu bedauern, daß ich meine Vergangenheit niedergerungen hatte. Ich konnte mich in meinen letzten Augenblicken an nichts klammern, nur an schattenhafte Eindrücke meiner Eltern, meiner Freunde und dem kleinen hoffnungsvollen Stern, der sich mir bis jetzt noch nicht offenbart hatte. Diesmal war der Weg den ich entlangtaumelte, nicht verschlungen, im Gegenteil. Er war breit, gerade und wuchs dem Horizont entgegen. Keine fremden Soldaten liefen uns über den Weg, keine Gefangenen, nur meine Henker und ich schritten langsam über das kahle, knarrende Holz. Allmählich erhob sich ein gigantisches Holzhaus in die Höhe, es beherrschte das Ende des Pfades, keine Abzweigungen gingen davon ab, dahinter ging es nicht weiter. Nie hatte ich hier etwas derartig riesiges gesehen, es war massiv und breit, mindestens drei Stockwerke hoch und hatte einen kleinen, verkrüppelten Vorbau. Es schien einen auf die Knie zwingen zu wollen, Pechschwarz waren die Fenster und glotzten auf mich hinab. Ich kam immer näher, die Soldaten waren immernoch höchstens drei Schritte vor mir, aber für mich wurden sie zu Schemen, zu konturlosen Schatten, während mir das Gebäude immer klarer und detailreicher erschien. Die Luft hier kühlte allmählich ab und ich begann zu zittern, das Licht schien davonzufliessen, aber ich stolperte immer weiter, bis ich an dem windschiefen Vorbau angelangt war. Die beiden Soldaten blickten sich nicht um, gingen hinein, während ich dem dämonischen Gebäude von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Schliesslich trat auch ich in den Vorbau. Innen war es wieder etwas wärmer, ich hörte auf zu zittern, aber nur so lange, bis ich die Tür am Ende der Hütte erblickte, die Tür, die ins Haus führte. Sie war schwarz und schwer, die Soldaten standen davor und betrachteten sie andächtig, einer streckte die Hand aus, um sie zu öffnen. Ich wußte, daß dahinter mein Ende wartete, aber trotzdem zerrte mich eine unsichtbare Gewalt näher heran, lies mich einen Fuß vor den anderen setzen, bis ich beinahe über etwas stolperte. Ich sah hinab und da war er wieder, der Spalt. Kleiner und brüchiger diesmal, nicht so fordernd und beherrschend wie sonst, aber er war da und diesmal blieb ich stehen. Ich hatte keine Ahnung, ob an dessen Ende wirklich die Flucht stand, aber ich wußte, daß hinter der schwarzen Tür mein Schicksal besiegelt würde. Wieder fürchtete ich die Strafe der Soldaten, falls sie mich aufhalten könnten, aber die Sehnsucht nach der Freiheit, der Erlösung, mit der mich der Spalt lockte, war größer. Ständig hatte ich zurückgesteckt, hatte ängstlich resigniert, gehofft mein Leben noch in eine erträglichere Richtung lenken zu können, aber immer ist es nur noch schlimmer geworden. Jetzt war es vorbei. Vielleicht war es keine Entscheidung zwischen Leben und Tod, vielleicht entschied ich mich mit der Flucht durch den Spalt nur für einen anderen Tod, aber wenigstens wäre ich dann ein einziges mal ich selbst gewesen. Ich starrte zu den Soldaten, die Tür zum Haus war offen und ein eisiger Wind schlug mir aus dem schwarzen Loch dahinter entgegen. Die Soldaten starrten mich an, wie ich so vor dem Spalt im Boden stand und sie kamen auf mich zu. Nur noch ein paar Meter und ich glotzte sie an wie gelähmt. Der Spalt schien mir in den Kopf zu flüstern, hatte ich mich vorher kaum an die Namen meiner Freunde erinnert, so fielen sie mir nun ein. Wie ein Mosaik prasselte die Erinnerung auf mich nieder, aber die Vietkong waren mir schon so nahe... Eindrücke, Bilder, Namen explodierten schier vor meinen Augen und dann, als die Soldaten höchstens noch zwei Schritte von mir entfernt waren, offenbarte sich mir jene eine Erinnerung, die sich mir all die Ewigkeiten in dieser Hölle hier versteckt hatte, die ich nie richtig greifen konnte. Ich sah einen Ehering und ein weinendes Mädchen, daß mir durch ihre Umarmung verbot zu den anderen Soldaten in den Bus zu steigen. Wie eine Explosion reihten sich daraufhin alle Puzzleteile zu einem einzigen, strahlenden Bild. Ohne ein weiteres mal zu zögern, sprang ich hindurch durch den Spalt im Boden..

„Herrgott, habe ich mich erschreckt!“
„Redwood, verschonen sie mich. Ich halte sie für zu alt, für diese Art von Humor.“
„Bitte! Versuchen sie selbst.“
„Tatsächlich. Lidschlußreflex! Wie sehen die Kurven aus?“
„Moment...Ich...wow! Ich...glaube, da kommt tatsächlich jemand nach Hause...“
„Mit ordentlicher Verspätung!“
„Na und? Diese Army-Stümper hielten ihn für Hirntot!“
„Seien sie lieber froh, daß diese >Stümper< ihn nicht einfach bei den Leichen im Gefangenenlager zurückgelassen haben!“
„Hmm. Was glauben sie wird er von Watergate halten?“
„Wie ich schon sagte, schätze ich ihren humoristischen Zug nicht. Das einzige woran ich glaube ist, daß es Zeit für ein Telefonat wird.“
„Trotz meines >humoristischen Zuges<....haben sie etwas dagegen wenn ich dieses Telefonat...“
„Ich bitte sie. Sie haben Tracy vier Jahre Trost gespendet. Diesen Lohn haben sie sich redlich verdient. Trotz ihres humoristischen Zuges.“
„Fein. Puh, Verzeihung... so zittrig bin ich selten..... äh, ja, hallo? Guten Tag, könnte ich Miss Mitchell sprechen...ja, Tracy, genau. Sagen sie ihr Dr. Redwood vom Boston Memorial ist ....gut. Danke. Tracy? Hallo Tracy! Gestorben?? Nein, oh gott nein! Im Gegenteil, sagen wir´s so...ich würde an ihrer Stelle den heutigen Tag im Kalender rot anstreichen und mich daran gewöhnen, daß sie mit ihrem Mann fortan zweimal Geburtstag feiern können....“

(c) Alf Stiegler

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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