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September 2002
$ 500.000 für umsonst
von Anna Graben


"Sie haben den Jackpot geknackt und erhalten von uns $ 500.000 in bar."

Der Gewinner Johnny P. kann es nicht fassen, er ist etwas angetrunken und bittet den Showmaster ihn mal zu kneifen, um zu sehen ob dies hier die Realität ist oder nur seine Betrunkenheit. "Autsch!"

Nein es muss wirklich wahr sein, er hat gerade $ 500.000 gewonnen! Aber in Las Vegas ist das ja keine Seltenheit. Alle starren auf die kleine Bühne in der Ecke vom Casino und beneiden den Gewinner, widmen sich aber sofort wieder ihrem Spiel.

Als der 22jährige Johnny mit dem Koffer voll Geld ins Auto steigt, fängt es gerade an zu nieseln. Johnny macht den CD-Player so laut es geht an und wippt mit dem Kopf zu einem Rapsong. Johnny will jetzt erstmal nach Hause fahren um sich morgen früh, wenn er wieder nüchtern ist, den Inhalt des Koffers nochmal genau zu betrachten, um zu sehen, ob es auch wirklich kein Traum war. Er will niemanden etwas von dem Geld erzählen, nein das könnte Einigen so passen. Er will erstmal die Schulden abzahlen, die er bei seinem Dealer hat und dann vielleicht einen Ferrari kaufen oder vielleicht eine Corvette?

Er zieht sich die, in eine braune Papiertüte eingewickelte Whiskeyflasche, die unter der Jacke auf dem Beifahrersitz liegt, hervor und nimmt einen großen Schluck. Es fängt an zu donnern und zu blitzen. In Las Vegas hat es bestimmt schon seit 3 Monaten nicht mehr geregnet. Diese schwüle Hitze bekommt Johnny im klimatisierten Auto aber nicht mit. Es ist mittlerweile 2 Uhr am Morgen. Er verlässt Las Vegas und fährt jetzt auf der Landstraße um zu seinem Heimatort zu gelangen.

Plötzlich steht direkt vor ihm ein Auto, dass er in der Dunkelheit überhaupt nicht gesehen hat. Als er ausweichen will, bemerkt er jemanden auf der Straße langlaufen.

"Was zur Hölle?" Johnny kommt ins Schleudern und fährt dabei mit dem Auto diese Person um. Als er zum Halten kommt steigt er torkelnd aus dem Auto aus und läuft auf diesen leblosen Körper, der am Straßenrand liegt, zu.

"Hallo?... Haaaaaalllloooo!!!!! Scheiße!" Wie war das nochmal mit der Wiederbelebung? Johnny kniet sich neben die Frau, die anscheinend zur nächsten Tankstelle gehen wollte um Benzin zu kaufen, denn nicht weit von ihr liegt ein Benzinkanister. Die Frau ist blutüberströmt und Johnny gerät in Panik.

"Hallo, sagen Sie doch was!" Er fühlt ihren Puls ... nichts. Er hält sein Ohr an ihrem Mund ... nichts.

Er springt auf, rennt im Schock zu seinem Auto, steigt ein und startet mit zitternden Händen den Motor. "Ich hau ab!" Kein Auto in Sicht. Wie ein wahnsinnig Gewordener fährt er los. "Scheiße, Scheiße, Scheiße!!!" brüllt er gegen die Windschutzscheibe.

Nach ein paar Minuten hat er plötzlich ein Auto vor sich und überholt es wie ein Verrückter, so schnell er kann. Nur noch schnell nach Hause und vergessen. In dem Auto, dass er überholt, sitzt aber Chief Sallington.

Sallington ist um die 60 Jahre alt und erst seit ein paar Monaten bei der Polizei. Früher hat er auf dem Bau gearbeitet und ist durch gute Beziehungen zum Polizisten geworden. Er hatte Nachtschicht und fährt jetzt in seinem privaten Wagen nach Hause.

"Das gibt es doch nicht!" Eigentlich hat Sallington ja jetzt offiziell Feierabend, aber das jemand so wild durch die Gegend fährt ist ihm nicht geheuer. Er verfolgt Johnny und schafft es ihn zu überholen und sich quer vor ihm zu stellen, so dass Johnny stehen bleiben muss.

Johnny begreift die Welt nicht mehr. Wieso versucht ihn jetzt jemand anzuhalten?

Chief Sallington geht zu Johnnys Auto,zeigt ihm seine Kriminalmarke und öffnet die Tür von Johnnys Auto.

"Ich bin Chief Sallington..."

Johnny unterbricht ihn: "Hey Mann, ich wollte doch nur Hilfe holen, ich war auf dem Weg zum nächsten Krankenhaus um einen Arzt zu holen, ich habe doch kein Handy. Ich wollte die Frau nicht anfahren. Es ging alles so schnell. Sie lief mitten auf der Straße und es war so glatt, da konnte ich nicht mehr bremsen. Was sollte ich denn tun. Verdammt!"

"Ja was sagen Sie? Sie haben eine Frau angefahren? Wo ist sie denn jetzt? Sie haben den Unfallort einfach verlassen? Steigen Sie mal aus!"

"Scheiße Mann, warum haben Sie mich denn sonst angehalten?" Johnny steigt aus dem Auto aus und fällt dabei fast hin, so betrunken ist er.

"Ich muss Sie leider festnehmen. Sie haben das Recht...."

Johnny versucht sich zu wehren, da fällt ihm das Geld ein, dass er gewonnen hat. "Hey warten Sie mal ein Moment ich habe da was für Sie."

Der Polizist weiß, dass ein derart Betrunkener nicht abhauen kann und lässt ihn los. Johnny öffnet den Kofferraum, holt den Koffer raus und öffnet ihn.

Sallington leuchtet mit seiner Taschenlampe darauf, "Ja und was ist damit? Wo haben Sie das her?"

"Hey, das hab ich total legal gewonnen im Casino in Las Vegas! Nehmen Sie es bitte und lassen mich gehen!"

"Wieviel ist es?"

"$ 500.000." Johnny wird fast schlecht bei dem Gedanken es herzugeben, aber was bleibt ihm anderes übrig? Er würde in den Knast kommen wegen Fahrerflucht, Alkohol am Steuer und wer weiß was sonst noch!

Plötzlich fällt Johnny in Ohnmacht oder ist dies eher eine Alkoholvergiftung?

Sallington schließt den Koffer, holt ein Taschentuch aus seiner Hosentasche, wischt den Türgriff von Johnnys Auto ab, sieht sich um und geht dann mit dem Koffer zurück zu seinem Wagen. Er legt den Koffer in seinem Kofferraum und fährt nach Hause. "Der ist so betrunken, der wird sich an nichts erinnern können."

Sallingtons Grinsen steigert sich zu einem lautstarken, dreckigen Gelächter. Die Frau am Unfallort und der bewusstlose Betrunkene sind ihm egal. Sowas passiert doch fast stündlich in dieser Gegend, irgendjemand wird die Beiden schon finden. Schließlich hat ihn niemand gesehen und er malt sich aus, was er mit dem Geld anstellen wird. Er wird es zu Hause in seinem Safe einschließen und plant in seinem Kopf schon eine Weltreise oder vielleicht einen riesen Swimmingpool in seinem Garten? Gott das Leben ist schön!

Am nächsten Tag geht Sallington zur Arbeit, als sei nichts passiert. Er kann sich ja nichts anmerken lassen. Als er gerade in der Polizeistation einen Donut zum Frühstück verdrückt, wird ein total laut protestierender Typ eingeliefert. Sallington kommt aus seinem Büro um seinem Kollegen zu helfen.

Da zeigt dieser aufsässige Mann auf Sallington und schreit: "Das ist er! Das ist der Kerl von letzte Nacht! Swington oder wie der heißt"

Sallington erkennt ebenfalls, dass dies der Typ ist, von dem er den Koffer von letzter Nacht hat. "Was? Wer soll ich sein?"

"Du hast mich gestern angehalten und meinen Gewinn geklaut!"

"Wovon reden Sie denn?" Er ahnt, dass er einen riesen Fehler gemacht hat. Er konnte ja nicht wissen, dass Johnny gerade in diesem Polizeirevier eingeliefert wird. Es gibt nämlich bestimmt noch drei andere, die noch viel näher an dem Ort, wo er letzte Nacht war, dran sind.

"Sorry Ben, wir haben ihn wegen Alkohol am Steuer mitgenommen. Die Story die er uns auf dem Weg hierher erzählt hat klingt glaubwürdig. Wir haben bereits über Funk im Casino angerufen. Der Mann hat wirklich Geld gewonnen." Sallingtons Kollege klopft ihm im Vorbeigehen auf die Schulter: "Sorry, aber wir müssen nachher mal zu Dir fahren, um Dein Haus zu durchsuchen."

***

Es ist ein herrlicher Sommertag. Im Gerichtssaal scheint die Sonne durch die Fenster. Feine Staubkörner fliegen sichtbar im Sonnenlicht durch die Luft. Alles ist komplett aus Holz, was dem Gerichtssaal eine gediegene Atmosphäre verleiht. Der dicke Richter hat eine tiefe warme Stimme: "Ich bitte den Gerichtsmediziner Smith nach vorne."

Nach dem üblichen Eid mit der Hand auf der Bibel, fragt ihn der Anwalt von Sallington: "Mr Smith, um wen genau handelt es sich bei dem Unfallopfer?"

"Es handelt sich um Laura Sallington, die Schwester von Chief Sallington."

Ein Raunen geht durch den Saal.

Sallingtons Herz fängt an zu rasen, er springt von seinem Stuhl auf und ruft mit lauter Stimme: "Das kann nicht sein, Meine Schwester Laura habe ich das letzte mal gesehen als sie noch ein Baby war. Mein Vater hat sie damals entführt, als sich meine Eltern haben scheiden lassen!"

Ein Raunen geht durch den Saal und Jeder fängt an sich aufgeregt zu unterhalten.

"Ruhe im Saal!" Der Richter schlägt mit dem kleinen Hammer auf den Tisch. Als dann der Gerichtsmediziner das Obduktions-Gutachten mit den schlimmen Verletzungen die zu Lauras Tod führten, verliest, fällt Sallington vom Stuhl. Eilig stürmt ein Wachmann von der Saaltür herbei.

Sallington erlag im Alter von 65 Jahren einen Herzinfarkt. Es stellte sich später heraus, dass Laura Sallington nach dem Tod ihres Vaters in dessen Testament die Adresse ihres Bruders fand. Der Vater entschuldigte sich im Testament bei seinem Sohn und seiner Ex-Frau für die Entführung, konnte aber leider nie seiner Tochter die Adresse geben, wegen der großen Schande. Er hatte sein Vermögen zu 50 % seiner Tochter und zu 50 % seinem Sohn vermacht. Das Gesamtvermögen betrug $ 2 Mio.

Laura Sallington befand sich in der Nacht des Unfalls auf dem Weg zum Haus ihres Bruders. Johnny P. kam ins Gefängnis wegen Fahrerflucht und Alkohol am Steuer. 30 Jahre wird er dort verbringen.

© Anja Grabs

Letzte Aktualisierung: 15.04.2012 - 14.21 Uhr
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