Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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September 2002
Koffersatzon für Lisa
von Lars Blumenroth


„Du Mama?"

„Ich bin gerade beschäftigt, Lisa."

Mama stand am Bügelbrett im Wohnzimmer und wischte mit dem heißen Hobel über die Anziehsachen. Sie sah aus, als ärgerte sie sich über etwas. Gefährlich! Wenn Mama sich ärgerte sollte man besser...

„Du Papa?"

Papa brummte. Das tat er meist, wenn Lisa ihn so fragte. Manchmal vermutete sie, dass Papa bereits schon wusste, dass sie etwas von ihm wollte. Aber immerhin war es noch keine Zustimmung, dass sie mit ihrem Anliegen herausrücken konnte. Da war sie unerbittlich. Sie war für ihr Alter nämlich schon klug, jawoll. Das sagten ihre Eltern sehr oft.

„Du Papa?" wiederholte sie im gleichen durchdringenden Tonfall.

„Mensch, was ist denn Lisa?"

Papa sah sie gar nicht an. Er starrte gebannt auf den Fernseher. Nachrichten, wie öde! Dabei liefen doch immer so tolle Trickfilme. Sie liebte die große Maus und den blauen Elefanten. Die Maus klickte immer so lustig mit den Augen. Sie würde das auch gern können. Lisa kniff ein paar mal angestrengt die Lider zusammen so fest sie konnte. Nee, kein Klacken, da war nichts zu machen. Aber es hätte sicher die Aufmerksamkeit ihres Vaters erreicht.

„Papa, es ist unhöflich jemanden bei Koffersatzon nicht anzugucken!" beschwerte sie sich schließlich.

„Ach Lisa! Was willst du denn?" Papa schaute immer noch nicht. Aber er knipste auf der Fernbedienung herum und nun wurden die Stimmen aus dem Fernseher lauter. Ein alter Mann redete da etwas komisch. Kurz darauf war eine schöne Frau zu sehen. Wie langweilig! Alle redeten nur, nichts geschah. Und Papa fand das auch noch wichtig. Entrüstet wand Lisa sich wieder um.

„Mama!" quengelte sie. Sie überlegte, ob sie mal mit dem Fuß aufstampfen sollte. Aber das wäre sicher nicht klug, wenn Mama ärgerlich war.

„Was willst du denn?" presste Mama hervor. Sie versuchte nett zu sein, aber ihre Aufmerksamkeit galt auch dem Mann im Kasten. Das durfte nicht war sein!

„Ich habe Hunger!" Lisa versuchte weinerlich auszusehen. Das half manchmal. Allerdings hatte sie im Grunde gar keinen Hunger. Sie wollte nur, dass Mama vom Fernseher wegkam und mit ihr Koffersatzon machen konnte.

„Lisa, du bist doch schon ein großes Mädchen. Mach dir ein Brot." Mama machte ihr normalerweise immer die Brote. Und Mama konnte das auch viel besser, weil sie ja schon ihr ganzes Leben lang Brote machte. Eigentlich hatte Lisa gar nichts gegen Essenmachen. Sie bettelte sogar oft, Mama helfen zu dürfen. Aber ausgerechnet jetzt wollte sie das nicht.

„Mama!" quiekte sie. „Ich kann das gar nicht allein."

„Natürlich kannst du das Lisa, stell dich nicht an."

„Du kannst das besser!"

„Nur halb so gut wie du. Du bist schon so erwachsen und klug." Lisa merkte sofort, dass Mama eigentlich zu dem Mann im Fernseher sprach.

„Wie mache ich ein Brot?"

„Mensch Lisa, nimm dir den Pott Margarine und schmier was davon aufs Brot und dann schnapp dir die Wurst und fertig!" dröhnte Papa plötzlich. „Lass deine Eltern einfach mal einen Moment in Ruhe." Papa war zwar laut geworden, aber er war nicht wirklich böse, das spürte Lisa sofort. Und doch fühlte sie in sich die Tränen hochsteigen. Das war praktisch. Tränen waren immer gut.

„Mama..." versuchte sie noch mal.

„Lisa, geh in die Küche. Sei vorsichtig mit dem Messer. Brote schmieren kannst du." Damit war die Koffersatzon beendet. Jetzt war Lisa wirklich zum Heulen zumute. Doch die Tränen hatten sich wieder verzogen. Das war's.

Unschlüssig blieb sie noch einen Moment stehen, dann trottete sie in die Küche. Na gut, wenn die nicht wollten, konnte man sie nicht zwingen. Die würden schon sehen, was sie davon hätten, jawoll.

Lustlos zog sie den Kühlschrank auf und kramte darin herum. Sie hatte wirklich keinen Hunger, aber es war immer noch besser Brote zu machen, als nichts zu tun. Und zur Strafe würde sie sich auch nicht an die Regeln halten. Die Regeln besagten, dass keine Lisa außerhalb der Küche essen durfte. Auch nicht in ihrem eigenen Zimmer! Das musste man sich mal vorstellen. Unglaublich. Sara durfte das schon lange, obwohl sie exakt eine Woche jünger war.

Aber heute würde sie ihrer Freundin Sara in nichts nachstehen. Leise schleppte Lisa ihre Beute auf ihr Zimmer und schloss die Türe. Sie lauschte einen Moment, ob Mama auch nichts bemerkt hatte. Aber die Luft war rein. Fröhlich stellte sie den Plastikbecher mit Margarine auf den Fußboden. In einer kleinen Tüte hatte sie Körnerbrot, das war gesund. Und dann ihre Lieblingswurst mit dem Gesicht. Eifrig begann sie mit dem Messer in der gelben Margarinemasse zu rühren. Papa mochte es nicht, wenn sie das tat, aber Papa war auch nicht hier, um auf sie aufzupassen. Und sie fand es einfach köstlich, in dieser schmierigen Paste herumzupulen.

Mama hatte natürlich recht gehabt, Lisa konnte sich ein Brot machen, keine Frage. Aber es schmeckte wirklich anders, als die Brote, die Mama immer machte. Lustlos ließ sie ihr Gesichtswurstbrot sinken und starrte in Papas Margarinepott. Nein, es half alles nichts - ihr war langweilig. Seufzend stand sie wieder auf und trottete ins Wohnzimmer zurück. Papa und Mama unterhielten sich über etwas. Lisa war neugierig.

„Also ich bin total unsicher, was die Wahl angeht." sagte Mama.

„Wir müssen wohl das kleinere Übel wählen, Schatz. Und einen Stäuber brauchen wir ganz bestimmt nicht." Papa sah von Mama kurz zu Lisa und wieder zurück. Im Fernsehen sprach nun ein anderer Mann. Noch älter und noch hässlicher, mit eklig weißen Haaren. Und Mama und Papa hatten jetzt wohl auch eingesehen, dass sie den falschen Sender laufen hatten, denn sie guckten nicht mehr hin.

„Na, da ist was Wahres dran." rief Mama. „Der Stäuber kann ja nicht mal reden."

Jetzt war Lisa vollauf begeistert. Erwartungsvoll sah sie ihre Mutter an und wartete gebannt auf die nächsten Worte. Mama und Papa diskutierten wohl, was sie als nächstes kaufen sollten. Das taten sie manchmal. Mama wollte immer viel kaufen, aber Papa hatte immer viel dagegen. Aber wenn sie schließlich doch etwas kauften, dann war das immer aufregend. Sie wusste zwar nicht genau, was ein Stäuber war, aber wenn er nicht reden konnte, war er auch nicht so interessant. Und ganz offensichtlich wollte Mama eine Art Stäuber, die auch sprechen konnte. Das war wunderbar!

Leider sagte Mama nichts mehr über die Stäuberdinger. Vielleicht gab es da doch nicht so viel Auswahl. Auch Papa sagte nichts mehr und guckte wieder dem Mann im Kasten zu. Mama hobelte die Wäsche. Lisas Aufregung machte großer Enttäuschung platz.

„Du Mama?"

„Was ist denn schon wieder Lisa?"

„Mir ist langweilig."

„Hast du was gegessen?"

„Ja."

„Dann mach dir doch endlich ein Brot.

Lisa sah ihre Mutter empört an. „Hab ich doch schon, Mama!"

„Dann hat die liebe Seele ja Ruh."

Lisa wurde plötzlich wütend. Sie mochte es nicht, wenn Mama das sagte. Das bedeutete immer, dass kein Platz für Koffersatzon war. Aber sie hatte ihre Eltern doch jetzt in Ruhe gelassen! Das konnte doch nicht so lange dauern.

„Mama!" grollte sie fordernd.

„Wenn ich nur an die ganze Sache mit dem Schmiergeld denke, dann werde ich verrückt!" rief Papa plötzlich.

Mama sah ihn sofort an ohne auf Lisa zu achten. „Die sind doch alle korrupt. Einer schiebt dem anderen den schwarzen Peter in die Schuhe."

Dann war wieder Schweigen angesagt. Lisa hatte ihren Groll vergessen. Die Koffersatzon war zwar kurz aber dennoch spannend gewesen. Sie kannte den schwarzen Peter. Das war ein Spiel aus dem Kindergarten. Aber sie wusste genau, dass man den nicht in die Schuhe schieben durfte. Allerdings war die Idee gar nicht so dumm... Vielleicht sollte sie es demnächst mal ausprobieren, wenn sie wieder mit Sara spielte. Dann wäre die Verliererkarte weg und sie würden immer beide gewinnen. Toll!

„Alle korrupt." murmelte Papa vor sich hin. Er sah verärgert aus. Papa war immer wütend, wenn etwas korrupt ging. Aber diesmal konnte sich Lisa an nichts erinnern, was sie angestellt haben könnte... Und Papa schien auch nicht auf sie ärgerlich zu sein, sondern auf den Mann im Fernseher. Hatte der etwas von Papa korrupt gemacht? Lisa konnte sich noch ganz gut daran erinnern, dass einmal der komplette Fernseher korrupt gegangen war. Es hatte sicher hundert Jahre gedauert, bis Papa einen neuen gekauft hatte. Vielleicht ist ja Mamas Stäuber korrupt gegangen? Lisa beschloss nachher mal im Putzschrank nachzugucken.

„Und das ganze Schmiergeld..." Papa schüttelte den Kopf. Er sah plötzlich richtig traurig aus.

„Du Papa?"

„Lisa, jetzt nicht."

„Aber Papa!" Sie wollte unbedingt wissen, was Schmiergeld war und weshalb das Papa so aufregte.

„Lisa, geh in dein Zimmer." sagte Mama plötzlich streng. Normalerweise hätte Lisa es trotzdem noch mal mit Koffersatzon versucht, aber in ihrem Kopf wirbelten die Gedanken nur so hin und her.

Als sie schließlich brav in ihrem Zimmer saß, bekam Lisa plötzlich Angst. Papa und Mama waren nicht oft so - nur wenn sie Sorgen hatten. Mama sagte immer, dass man krank werden konnte, wenn man zu viele Sorgen hatte. Aber Lisa wollte nicht, dass Mama und Papa krank wurden. Traurig überlegte sie, wie sie das verhindern könnte. Und plötzlich hatte sie eine Idee: Geschenke!

Eine Stunde später wunderte sich Simone, dass ihre Tochter sich so lange mit sich selbst beschäftigte. Carsten und sie waren so vertieft in die Fernsehdebatte gewesen, dass sie gar nicht mehr an Lisa gedacht hatten. Und wenn Lisa über einen längeren Zeitraum still war, dann konnte das nichts Gutes bedeuten.

„Lisa?" rief sie.

„Was hast du denn, Schatz?" fragte Carsten. „Lass sie doch spielen."

„Die Stille ist mir nicht geheuer."

„Sei froh, dass wir mal Ruhe haben."

„Was ist denn Mama?" fragte Lisa, die auch schon unschuldig ins Zimmer lugte, als hätte sie auf ihren Einsatz gewartet.

„Was treibst du denn die ganze Zeit?"

„Ich mache euch Geschenke." sagte Lisa mit vor Stolz geschwellter Brust. „Damit ihr nicht krank werdet."

Carsten und Simone sahen sich kurz zweifelnd an.

„Was sind das denn für Geschenke?" fragte Simone leicht besorgt.

Lisa freute sich wahnsinnig über diese Aufmerksamkeit. „Moment, ich hole sie."

Einen Moment darauf hüpfte Lisa zu ihren Eltern.

„Da, der Stäuber ist für Dich." strahlte Lisa. „Sprechen will er nicht, aber ich habe ihn gebadet."

Sprachlos glotze Simone auf den nassen Staubwedel, dessen bunte Federn teilweise noch voll Seife waren.

Lisa wand sich professionell wie eine Moderatorin an ihren Vater: „Ich weiß zwar nicht, was korrupt gegangen ist, aber das sollte reichen."

Lisa drückte ihrem Vater ihre Schulbrotdose in die Hand. Zweifelnd sah Carsten seine Frau an, bevor er schließlich den Deckel öffnete. Zum Vorschein kamen etliche Geldmünzen, die alle fein säuberlich mit Margarine beschmiert waren. Feinstes Schmiergeld.

Als Mama und Papa schließlich in lautes Lachen verfielen, fühlte sich Lisa zum ersten mal an diesem Tag richtig wohl. Denn wie sie von Mama wusste, war Lachen gesund. Und Gesundes verhinderte, dass man krank wurde. Selbstzufrieden stimmte sie in das Gelächter ein. Mit einem Schlag waren alle Probleme gelöst und nun stand der Koffersatzon nichts mehr im Wege.

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