Der Tod aus der Teekiste
Der Tod aus der Teekiste
"Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen."
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September 2002
Blutgeld
von Birgit Erwin


Ich bin überrascht, dass der Steckbrief noch hängt. Wind und Wetter haben die Zeichnung fast unkenntlich gemacht. Übrig ist nicht viel mehr als ein halbmondförmiger Schnurrbart unter einer Adlernase und zwei schwarze Augen, die mich belustigt mustern. Douglas Mortimer steht darunter. 100.000 Dollar Belohnung.

Die Sonne brennt. Ich berühre das Gesicht mit dem Mittelfinger meiner rechten Hand. Dann betrete ich den Saloon, bestelle Whiskey, und frage nach Douglas Mortimer.

Einen Augenblick lang ist es sehr still. Die Gespräche verstummen und der Barmann knallt mein Glas heftig auf den Tisch.

"Warum fragen Sie nach Douglas Mortimer?"

"Die alten Geschichten interessieren mich. Ich möchte etwas über die Nacht erfahren, in der Rhett McPherson erschossen wurde."

Das Schweigen wird bleiern. Nur ein alter Mann hebt den Kopf. Er riecht nach Tabak und Gewohnheitstrinker.

"Spendieren Sie mir einen." Seine Stimme ist alt und brüchig, aber seine Augen sind klar. Ich nicke dem Barmann zu, der finster ein Glas herüberschiebt. Der Alte dreht es liebevoll in den Händen.

"Nine-Finger-Doug, ja... Ich war hier in der Nacht. Sie alle waren hier, aber sie reden nicht gerne darüber." Er lacht wie eine alte Krähe. "Sie schämen sich, weil sie zugesehen haben, wie McPherson aus der Stadt das korrupteste Dreckloch westlich des Mississippi gemacht hat. Bis Mortimer kam."

"Also hat Douglas Mortimer McPherson erschossen?"

Er sieht mich aus seinen listigen kleinen Augen an. "Oh ja, Jungchen, und er hatte guten Grund."

Er dreht das Glas wie einen Kreisel zwischen seinen verkrümmten Fingern und beginnt zu erzählen:

Diese Stadt ist kein guter Ort, und vor fünfundzwanzig Jahren war sie noch schlimmer. Douglas Mortimer kam in diesen Saloon wie Sie vorhin, lehnte sich gegen den Thresen und fragte nach Rhett McPherson. Und plötzlich wurde es verdammt still.

"Darf man fragen, was Sie von ihm wollen?"

Aber wir wussten es. Mortimer war aus dem Knast geflohen, und er war gekommen, um mit McPherson abzurechnen. Er zog seine Waffe aus dem Holster und legte sie auf den Tisch. Wir alle konnten den Perlmuttgriff schimmern sehen. Feiner roter Sand lag darauf, der Sand der Wüste, aber das war es nicht, was wir sahen. Wir sahen die Legenden, die sich um diese Waffe rankten und um den Mann, dem sie gehörte.

"Okay", sagte Douglas Mortimer. "Wo ist McPherson?"

"Da wo er immer zu finden ist um diese Zeit. Im Büro des Sheriffs."

Mortimer zuckte mit keiner Wimper, aber wir konnten sehen, dass ihn diese Nachricht unerwartet traf.

"Und wo finde ich das Büro des Sheriffs?"

Es roch nach Ärger. Es waren zu viele Betrunkene hier drin und zu viele von McPhersons Männern. Mein Auftritt.

"Ich zeig’s Ihnen."

Er musterte mich von oben bis unten mit seinen kalten schwarzen Augen. Für einen Augenblick sah ich, was er sah: einen versoffenen Taugenichts.

"Gut", sagte er. "Gehen wir."

Dunkelheit ist in einer Stadt wie unsrer immer ein Gewinn. Man kann nur die Besoffenen sehen, die noch torkeln, nicht die, die schon in den Ecken liegen. Es waren auch Frauen unterwegs, allerdings nicht die Sorte Frauen, die schreit, wenn man sie belästigt. Ich schämte mich für dieses verdammte Dreckloch und wusste selbst nicht warum. Vielleicht waren es Mortimers Augen. Für sie gab es kein Dunkel.

"Wie lange ist McPherson schon Sheriff?" fragte er.

"Zwei Monate."

"Ah."

Ich wusste, was dieses "Ah" bedeutete. Vor zwei Monaten war Mortimer in Mexiko gestellt worden. Und jetzt wusste ich auch, womit McPherson das Sheriffamt bezahlt hatte. Mir kroch eine Gänsehaut über den Rücken.

McPhersons Haus war hell erleuchtet, und der Lichtschein fiel quer über Mortimers gefängnisblasses Gesicht.

"Geh jetzt, alter Mann."

Ich nickte. Aber ich blieb stehen. Ich sah ihm nach, wie er die Türe öffnete und verschwand. Viel später fielen kurz hintereinander zwei Schüsse. Mortimer trat aus dem Haus. Seine Hand blutete. Er verließ die Stadt für immer. Zurück blieben McPhersons Leiche und 10.000 blutbefleckte Dollar, für die McPherson seinen Partner verraten und eine Stadt gekauft hatte.

Der alte Mann schweigt. Sein Glas ist leer, sein Blick in die Vergangenheit gerichtet.

"Quatsch!" sagt der Barmann laut. Sein Blick streift den Alten verächtlich..

"Quatsch. Der Sheriff war ein ehrlicher Mann, der die Stadt zu Wohlstand bringen wollte. Er hat bei Mortimers Verhaftung geholfen und die 50.000 Dollar Kopfgeld ehrlich verdient. 50.000 wohlgemerkt. Der Hurensohn Doug ist reingekommen, hat Ärger gesucht und McPherson für Geld erschossen. Das waren die 10.000 Dollar, die man neben der Leiche gefunden hat. Nine-Finger-Doug hatte es so eilig, dass er sein Blutgeld liegen gelassen hat. Und der Alte hier war so besoffen in jener Nacht, dass er nicht mehr zählen konnte. Es fielen niemals zwei Schüsse. Es war ein Schuss aus der Waffe eines verfluchten Meuchelmörders. Ein Schuss"

"Das stimmt."

Eine Hand legt sich auf meine Schulter. Eine Frauenhand. Eine Frauenstimme flüstert: "Ich war da, Süßer. Ist dir das was wert?"

Ich drehe mich um und sehe in ein faltiges Hurengesicht, das aufleuchtet, als ich ein paar Scheine in die ausgestreckte Hand drücke. Sie schiebt sie in ihr Mieder zwischen die mächtigen Brüste. Der Duft, der von ihr ausgeht, ist atemberaubend, süß und alt.

McPherson war gerade mit mir fertig, als Doug reinkam. Ich weiß, dass alle denken, er sei kalt wie Eis, aber seine Augen brannten, als er reinkam. Und ich weiß, was die Augen eines Mannes zum Brennen bringt. Und ich konnte riechen, dass McPherson plötzlich zu schwitzen begann. McPherson hatte eine Stadt und einen Sheriffstern gekauft. Aber als Doug reinkam, da fing er an zu schwitzen wie ein ganz gewöhnlicher Kerl, der dem Tod in die Augen sieht.

Mortimer sah mich an, lüftete seinen Hut, sagte: "Guten Abend, Ma’am" und dann drehte er sich zu McPherson um und fragte: "Wo ist sie?"

Mich hatten sie bereits vergessen. Ich drückte mich in den Schatten.

"Du verdammter Hurensohn.. du..." bellte McPherson.

"Wo ist sie?"

McPhersons Blick flackerte. Mortimer lächelte.

"Oben? Gut. Du tust dir selber einen Gefallen, wenn du dich nicht einmischst."

Er stieg die Treppe hinauf zu McPhersons Privatwohnung. Ich habe sie nie von innen gesehen. Keine von uns Mädchen hat das. McPhersons Atem ging keuchend.

"Ich werde dich umbringen, Mortimer."

Aber Mortimer blieb nicht stehen. Und plötzlich fiel mir ein, warum keine von uns diese Räume betreten durfte. Mir fiel ein, wer dort wohnte. Belinda McPherson. Seine Tochter."

"Belinda", wiederholt sie und in ihrer Stimme schwingt etwas wie Unschuld. "Sie war ein süßes Ding. Plötzlich stand sie da. Sie trug ein einen hellen Mantel und in der Hand einen Koffer. Beide Männer blieben stehen. Mortimers Augen glänzten.

McPherson brüllte: "Linda, was soll das?"

"Ich werde dich verlassen, Dad."

Goldene Ringel fielen ihr in die Stirn und ihre Gesicht war vollkommen ruhig. Sie reichte Mortimer ihren Koffer. "Würdest du den bitte tragen, Douglas."

McPherson war puterrot im Gesicht.

"Ich verbiete dir, mit diesem Verbrecher zu gehen, Linda." Ich hatte fast Mitleid mit ihm. Fast. "Er ist aus dem Gefängnis ausgebrochen, Linda!"

"Nein, Dad. Ich habe den Wärter bestochen." Sie lächelte süß. "Glaubst du, ich habe nichts von dir gelernt? Man kann alles kaufen. Deine Worte, Dad."

Etwas Hässliches blitzte in Phersons Augen auf. Er hob die Hand.

"Du hast ganz recht, Linda. Kommt mit."

Sie folgten ihm. Schweigend sahen sie zu, wie McPherson seinen Tresor öffnete. Mir stockte der Atem.

"10.000 Dollar. Wenn du meine Tochter in Ruhe lässt, Mortimer."

"Papa!"

Mortimers Blick wanderte zwischen McPherson und seiner Tochter hin und her, er spielte mit dem Geld. "Für 50.000 Dollar hast du mich verraten. 50.000 Dollar hast du für den Posten hier bezahlt. Und jetzt willst du für 10.000 deine Tochter kaufen. Billig."

Lindas Aufschluchzen klang schrill in die Stille. McPhersons Hand zuckte. Ich hörte einen Schlag, aber es war keine Schuss. Mortimer heulte wie ein Tier.

Kein Shoot-out, auch kein Mord. McPherson hatte die Beherrschung verloren und die Tresortür zugeschmettert. Blut spritzte über das Geld, das auf den Boden flatterte. Mortimer riss brüllend die Hand zurück.

"Vater...." kreischte Belinda.

Ich glaube, es war ihr Blick mit dem McPherson nicht umgehen konnte. Er holte aus und schlug seine Tochter ins Gesicht. "Fahr zur Hölle, Flittchen."

Der Schuss fiel fast gleichzeitig.

"Fahr du zur Hölle", flüsterte Mortimer und taumelte Belinda in die Arme.

Die Menschen im Saloon schweigen. Die Vergangenheit hat ihr hässliches Haupt gehoben. Sie versetzen sich zurück in die Nacht, in der Sheriff McPherson starb. Danach brachen andere Zeiten an. Bessere? Vielleicht. Ich zahle und will gehen. Aber noch einmal werde ich aufgehalten. Ein Mann mit Schnauzbart und weißem Haar legt mir die Hand auf den Arm.

"Noch ein letztes Wort, junger Mann. Sie suchen die Wahrheit. Ich behaupte nicht, dass ich sie kenne, aber das eine sollten Sie wissen: Bevor sie die Stadt verlassen haben, waren Doug und das Mädchen bei mir. Ich habe seine Hand zusammengeflickt. Der Mittelfinger der rechten Hand war zerschmettert. Ich bin Arzt, kein Mann des Revolvers, aber ich weiß nicht, wie er damit geschossen haben will. Guten Tag, junger Mann."

Ich bin endlich allein. Die Sonne brennt. Ein letztes Mal bleibe ich vor dem Steckbrief stehen. Dougs Augen mustern mich belustigt, aber der Blick kommt aus der Vergangenheit. Wir haben Douglas Mortimer letzte Woche beerdigt. Auf einem schwarzen Kreuz am Rande der Wüste steht sein Name. "Douglas Mortimer. Gelieber Ehemann und Vater". Ich berühre sein Gesicht.

Hast du Rhett McPherson erschossen, Vater?

Werden Mutters Alpträume jetzt enden?

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