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September 2002
Verkauf der Liebe
von Torsten Schmandt


Schon gleich am Morgen ist die Welt da mit all ihren Haken und Ösen. Dafür braucht sie keinen Anlauf oder allmähliches Herantasten. Man schlägt einfach die Augen auf und da ist sie mit sämtlichen Anfechtungen für die menschliche Zuversicht, die einen gestern in den Schlaf begleitet hatten.

Das konnte als Beweis für allerhand gelten. Die Gedanken des Pastoralpsychologen Hartmut Rabuse wanderten zu Leibniz, zu Voltaires Candide, bogen aber schließlich ab zu de Sade und weniger sinnesfreudigen Gottesleugnern. Dann aber wurde sein Bewusstsein gepackt und in die Küche geschleudert vom Bannstrahl des klappernden Geschirrs. Sein Magen kniff gleichsam den Schwanz ein, als befürchte er Prügel und die Nackenmuskeln krochen als Schmerzklümpchen über die Wahrnehmungsschwelle. In diesem Moment begriff Rabuse, dass er Hans-Werner hasste. Plötzlich war es, als hätte er es schon immer gewusst. Eine wunderbare Klarheit breitete sich in seinem Geist aus. Wie in einer beleuchteten Vitrine lag das Gefühl vor seinem inneren Auge, mit einem kleinen Schildchen daran: „Hass auf Hans-Werner".

Als Hans-Werner noch einmal herein kam, um etwas aus dem Kleiderschrank zu nehmen, stellte Rabuse sich schlafend. Er blieb liegen, bis Hans-Werner zur Arbeit gegangen war. Er war Lehrer für Sport und Biologie am Gymnasium. Es war, als seien dem Apollo von Belvedere Arme, Beine, Haut wie Milchkaffee und ein Kopf mit schwarzen Locken gewachsen. Als Hans-Werner zum ersten Mal das Schwulencafe betrat, in dem Rabuse Stammgast war, schwappte eine Welle heimlicher Hysterie über die Tische. Über den Köpfen der Gäste schien im nächsten Augenblick eine einzige gleichsam hormonelle Gedankenwolke zu schweben, wie man den gierigen Klauen der anderen zuvorkommen und diesen Apollo zu sich ins Bett manövrieren könne. Das Pärchen an Rabuses Nachbartisch, das eben noch gemeinsame Reisepläne geschmiedet hatte, verfiel in eisiges Schweigen. Rabuses Blick schwenkte verstohlen durchs Cafe. Einen freien Tisch konnte er nicht entdecken. Apollo stand in der Mitte des Raum wie ein ungeheures Gravitationszentrum, wie ein schwarzes Loch, das alles Sein zu verschlingen drohte.

Rabuse war allein gekommen. Der andere Stuhl am Tisch war frei. Sein Herz klopfte. Er wollte es nicht wahr haben, aber wegen ein paar Muskeln und schwarzer Locken klopfte sein Herz. Die Heidengottheit trat heran, zeigte eine Reihe weißer Zähne und fragte höflich, ob er sich dazusetzen dürfe. Für einen Augenblick schien das Cafe zu kollabieren. Rabuse war, als hätte ihm jemand eine Tonnenlast auf die Schultern gepackt und gleichzeitig fühlte er sich leicht wie eine Feder.

Als Rabuse wieder zur Besinnung kam, war Hans-Werner bei ihm eingezogen, hatte seine Hanteln und ein Rudergerät im Wohnzimmer aufgebaut und sich auch sonst heimisch gemacht. Die Besinnung kam an einem verregneten Dezembertag, als Rabuse nach der Arbeit das Auto aus der Werkstatt geholt hatte, im Supermarkt gewesen war, ein Weihnachtsgeschenk für Hans-Werner (eine gemeinsame Reise in den Süden) arrangiert hatte und nun nach Hause kam. Hans-Werner lag in Rabuses Fernsehsessel und hatte das linke Bein hoch gelegt, das am Knöchel bandagiert war. Er schaute sich einen Schwulenporno an und onanierte dabei. Rabuse spürte, wie er rot wurde. „Hallo", sagte Hans-Werner, ohne mit der Handbewegung innezuhalten. Vor Verwirrung vergaß Rabuse zu fragen, was mit dem Knöchel sei. Er ging in die Küche und fing an, das Essen zuzubereiten. Während er die Karotten schabte, kristallisierten sich aus der Verwirrung zwei Gedanken heraus: Die Darsteller in dem Porno waren zwar nicht alle so apollohaft wie Hans-Werner, aber irgendwie war da doch eine gewisse Ähnlichkeit, so etwas wie ein gemeinsamer Genotyp vielleicht. Den Begriff hatte er in einem der Biologiebücher von Hans-Werner gelesen. Auf jeden Fall sah keiner so aus wie er, wie Hartmut Rabuse. Pastoralpsychologen kamen in diesen Filmen nicht vor.

Der andere, vielleicht sogar schwerer wiegende Gedanke bezog sich auf den Fernsehsessel. Es war nämlich „sein" Sessel, so wie man auch damals in der Schule „seinen" Platz hatte. Hans-Werner hatte sich bisher mit der Couch begnügt. Die war zwar auch nicht schlecht, aber freilich nicht mit dem Sessel zu vergleichen. Offenbar hatte sich Hans-Werner beim Sport am Knöchel verletzt, - deshalb der Sessel, obwohl die Couch zum Hochlegen sicher auch geeignet gewesen wäre. Aber Rabuse spürte, dass nun, nachdem einmal der Präzedenzfall geschaffen war, er den Sessel als verloren ansehen musste. Hans-Werner würde ihn nicht mehr hergeben. Die „Sitzordnung" war verändert worden und Rabuse wusste, dass er nichts dagegen tun konnte.

Damals hatte er nur ein Unbehagen gespürt. Aber jetzt, während die Gefühlsvitrine so deutlich vor ihm stand, begriff er restlos, dass Hans-Werner ihm etwas weggenommen hatte und dass er gewusst hatte, dass er es tat, und es dennoch ungerührt getan hatte. Spätestens der Sessel war der Anfang von Rabuses Niedergang (in Wirklichkeit hatte es viel früher begonnen, aber erst jetzt fing Rabuse an, etwas zu spüren). Mit jeder kleinen Respekt- und Lieblosigkeit verschlechterte sich für ihn das Machtverhältnis. Jede einzelne Demütigung machte es unmöglicher, gegen die nächste aufzubegehren. Am Ende blieb von ihm nichts übrig als ein erbärmlich erniedrigtes Objekt, von dem es allerdings auch undenkbar war, dass ein Apollo es lieben könnte.

Gestern war HaWe, so nannten ihn die Freunde, mit denen er sich nun traf, nachts ausgeblieben. Die Bettdecke neben Rabuse lag unberührt da. HaWe hatte nicht einmal versucht es zu kaschieren. Vor einer Woche hatte er einmal gesagt, die Polygamie liege einfach in denen Genen des Menschen. Und mit diesen gottlosen Protz- und Kraftgenen trampelte er jetzt auf Rabuses Seele herum.

„Hass auf Hans-Werner", stand auf dem Schildchen. Wenn die Sache so einfach gewesen wäre. Man konnte auch um die Vitrine herum gehen und die Sache von der anderen Seite betrachten. Und dann sah es aus, als stünde dort nicht „Hass auf", sondern „Liebe zu". Ein so starkes Gefühl wie Hass war ohne Liebe gar nicht möglich; das leuchtete Rabuse ein. Er schloss die Augen und betete. Er betete, Gott möge diese Liebe in ihm ausrotten. Doch vielleicht war es auch gar keine Liebe; denn in seinem Geist war nur der Hass. Vielleicht ging es bloß um Fleisch und Wollust. Rabuse richtete sich auf, um besser denken zu können: Es war der Wettstreit zwischen Leib und Seele, und er musste diesem Apollo zeigen, dass er unrecht hatte mit seiner Biologie. Der Mensch war kein Affe, sondern das Ebenbild Gottes. Der Körper war nur das Gefäß für den Geist. Wer die Herrschaftsverhältnisse umdrehen wollte, stand mit einem Fuß bereits in der Hölle. Von diesen Gedanken inspiriert, reifte ein Plan in Rabuse.

Am Abend wartete er in der Küche auf Hans-Werner. Schließlich ging die Wohnungstür. Hans-Werner kam herein, sagte, ohne zu Rabuse hinüberzusehen, hallo und nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank.

„Ich möchte dir einen Vorschlag machen", sagte Rabuse. Hans-Werner sah ihn an. „Was?", fragte er. Er setzte die Dose an und ließ das Bier in den Mund gluckern.

„Auf meinem Sparkonto sind fünf Tausend Euro", sagte Rabuse, „ich schenke es dir, wenn du mich verlässt." Hans-Werner setzte die Dose ab. Für einen Moment guckte er so dumm wie ein Schaf. Dann grinste er.

„Ist das dein Ernst?"

„Hier ist das Sparbuch. Du musst allerdings sofort gehen. Jetzt. Bis morgen reicht meine Kraft nicht."

Immer noch grinsend nahm Hans-Werner das Sparbuch. Dabei blickte er Rabuse ins Gesicht, als wolle er sehen, was nun passiert. Aber Rabuse starrte wie versteinert auf die Obstschale, die auf dem Küchentisch stand.

„Die Wohnungsschlüssel!", sagte Rabuse, als Hans-Werner das Sparbuch eingesteckt hatte.

Er legte die Schlüssel neben die Obstschale.

„Und meine Sachen?"

„Die kannst du später abholen."

Hans-Werner drehte sich um und ging langsam aus der Küche. Einen Moment später hörte Rabuse die Wohnungstür ins Schloss fallen. Er hatte es wirklich getan. Für fünf Tausend Euro hatte Hans-Werner ihn verraten. Nun wusste er, was er von ihm zu halten hatte. Vielleicht hätte er es sogar für weniger getan. Aber das war jetzt nicht mehr wichtig. Jetzt, dachte Rabuse, war er wieder frei. Die Seele hatte über den Körper gesiegt. War es nicht so? Der Hass, dachte Rabuse, verwandelt sich in Verachtung. Er stand auf und ging ins Wohnzimmer. Plötzlich fühlte es sich so an, als würde Hans-Werner wieder mit dem verbundenen Knöchel im Fernsehsessel sitzen, als hätte er ihm etwas weggenommen. Unschlüssig blieb Rabuse zwischen den Möbeln stehen.

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