Der Tod aus der Teekiste
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September 2002
Schatten einer Sommernacht
von Rosemarie C. Barth


Endlich mal ein Sommertag. Nach drei Wochen Kälte war das der erste warme Tag, der schon in den Abend überging.
“Laß uns zum “Entenfang” raus fahren, Anke”, schlug Leo seiner Frau vor. “Ich fühl‘ mich super, wer weiß, wie‘s morgen ist. Laß uns fahren, ich bin so gut drauf.”
Anke fand die Idee auch klasse. Sie setzten sich ins Auto und brausten los. Elf Kilometer zum Entenfang, ein Waldparadies mit Freibad, Blumenwiesen und dem großen Ententeich, einfach zum genießen. Die nahende Finsternis ließ es noch idyllischer wirken. Bizarre Gehölze und Bäume wurden angestrahlt. Eine prächtige Nacht brach an.
Kurz vor Mitternacht fuhren sie zurück. Eine Umleitung, die vorher nicht ausgeschildert war, wies die Krabbes auf einen Nebenweg. Sie mußten ausweichen, hatten keine Wahl.
Plötzlich, rums! Ein Ruck, ihr Wagen stand still. Leo versuchte, den Motor zu starten. Keine Chance, das Auto rührte sich nicht. Was tun? Die einsame Gegend schien leblos. Kein Haus war zu sehen, auch kein Mensch.
“Mist! Mitten in der Nacht passiert der Mist, verflixt noch mal!”
“Bleib ruhig, Leo, laß uns überlegen. Pech, hab kein Handy mit. Vielleicht kannst du mal gucken, ob ein Haus oder eine Telefonzelle zu sehen ist? Irgendwas müssen wir doch tun. Ich verriegle den Wagen und bleibe drin sitzen, ist so gruselig hier.”
Leo hatte keine bessere Idee und lief los. Im Dunkeln sah er kaum die eigene Hand vor Augen. Kein Telefon, niemand unterwegs. ‘Dort vorn ist ein breiter Umriß, ob da was ist?’ fragte er sich, während er auf die Silhouette zu schritt. Tatsächlich, ein Gebäude! Ein Haus, kaum zu sehen im Dunkeln, ich guck‘ mal, ob ich Glück habe. Womöglich ist Einer drin und hat Telefon? So abgelegen, da muß es doch einen Draht nach außen geben. Leo klopfte heftig an die Haustür.
Anke wurde indessen unruhig, konnte nichts erkennen. Wie blind kam sie sich vor. Da! Licht blitzte auf. Zwei Fenster und eine Türscheibe erkannte sie schemenhaft. Die Haustür wurde geöffnet. Im Lichtkegel erkannte sie Leos starken Habitus. Er ruderte mit den Armen und verschwand im Haus.
Anke wartete, wie ihr schien, viel zu lange und starrte unentwegt auf das Haus. Weil Fenster und Tür glühten, konnte sie sehen, daß da ein Gebäude hervorragte. Gespenstisch sah es aus.
Endlich, da, Leo! Merkwürdig, wie besessen stürzte er aus dem Haus. Was war los? Nervös vernahm sie eilige Schritte. Anke öffnete flugs die Autotür und rief: “Schatz, was ist, warst lange dort. Kommt Pannenhilfe? Sag was, Leo!”
Krabbe schüttelte stumm den Kopf. Anke sah Leos bebende Lippen. Aus seiner Nase tropfte Blut. Vorsichtig tupfte sie es mit Zellstoff ab. Wieso schwieg er? Sie hielt es nicht aus.
“Sag, was ist? Red doch! Was ist im Haus passiert? Sag‘s!”
Leo redete stockend: “Im Haus ist ein Toter! Ich, ich, ich war das. Ich bin der, der - ich hab den getötet! Ich bin der Mör... ”
“Bist du irre Mann, was ist?” fragte Anke zitternd.
“Ja, ich war’s, da is‘n Toter! Er hat mich, ich hab ihn, ich war’s!”
Anke starrte Leo an. Ihr Herz jagte. Ein Kloß Hals schnürte ihre Kehle zu. Was jetzt? dachte sie, Leo ist durchgedreht. Die argen Rückenschmerzen der letzten Zeit! Haben die ihn überfordert?
“Raus, Anke, versuch zu schieben, sicher isser nur abgesoffen, los weg! Wir müssen weg mit der Karre, kapierst du, abhauen!”
“Ja, ja, ist ja gut!” Anke gehorchte, stieg aus und stemmte sich kräftig gegen das Auto. Schob, schob, es rollte ein wenig, und? Wirklich, der Motor sprang an. Leo fuhr los. Anke raste hinterher, sprang in den offenen Wagen. Der PKW mit Krabbes flüchtete. Sie schwiegen. Anke wußte nicht, was los war, ahnte nur Böses.

Zu Hause erzählte Leo leise: “Eine junge Frau mit langen blonden Haaren öffnete die Tür. Ich erklärte, daß wir festsitzen und Hilfe suchen, fragte nach dem Telefon. Gern, kommen Sie, schob sie mich in die Stube, bot mir den Sessel an und ging raus, das Telefon zu holen. Bevor ich mich setzen konnte, spürte ich Fäuste im Nacken. Merkte, wie ich zu Boden sank, erholte mich wieder. Stand auf, bekam eins auf die Nase und fiel um.
‚Du bist eins von den Schweinen, die‘s mit meiner Ria treiben, du Dreckskerl, du!‘ Wieder hatte ich eine sitzen. Ich mußte mich wehren! Ein breitschulteriger Bud-Spencer-Typ mit scheußlicher Alkoholfahne hatte mich wohl verwechselt? Da sah ich auf der Anrichte einen Leuchter stehen, nahm ihn und schlug ihn dem Kerl auf den Kopf. Der ließ von mir ab und fiel zu Boden. Sein Kopf blutete. Er lag leblos da! Ich dachte nur, raus hier, riß die Tür auf, und begriff erst im Auto was passiert war.”
Anke vergrub ihr Gesicht in den Händen und schluchzte: “Wie schrecklich! Was wird jetzt, du mußt die Polizei rufen. Dann bist du derjenige, der sich gestellt hat. Da gibt’s keine hohe Strafe. Schnell, du mußt’s tun!”
“Unsinn, die glauben mir nie. Für die bin ich der Mör... Mörder!”
“Laß uns überlegen... Die Frau, die das Telefon holen wollte, wo war die? Die hat wohl die Polizei alarmiert? Kriegen tun die dich sowieso! Bist du sicher, daß er tot war? Oder nur verletzt, dann passiert dir nichts, dann war’s Notwehr! Das war’s sowieso! Ja, du hast dich gewehrt, sonst wärst du jetzt tot!”
Anke fragte leise “Wo war die Blonde, als ihr geprügelt habt?”
“Weiß nicht, ging zu schnell. Ich habe sie nicht gesehen! War sicher abgehauen? Worauf sollte sie warten? Stimmt Anke, die - Ria heißt sie wohl - war weg. Pfui, und wie der Kerl stank, eklig.”
“Du, Leo, ob ich zu der Frau fahre? Mich kennt da keiner, ich könnte was Banales fragen, vermutlich erfahre ich was? Wenn der Kerl widerlich war, ja sogar ein Säufer, ist sie vielleicht froh, daß sie ihn los ist? Und wenn nicht – vielleicht könnt ich ihr – äh, Geld... Tante Bertas Erbschaft, hm...? Eventuell holt sie da nicht die Kripo? Ach, ich weiß auch nicht weiter. Laß uns hinlegen, morgen früh fahr‘ ich los. Vorsichtshalber nehme ich den Scheck mit... Was besseres fällt mir einfach nicht ein.”
Nach schlafloser Nacht fuhr Anke in Richtung Entenfang. Die Umleitung verwies sie auf den Nebenweg. Am Hang entdeckte sie ein einzelnes Haus. Das muß es sein! Sie betrachtete es vom Auto aus. Plötzlich hielt ein PKW davor an. Eine junge Frau mit langen blonden Haaren stieg aus der Fahrertür, lief zur Seite und öffnete die Beifahrertür. Sacht zog sie jemanden aus dem Auto. Da! Ein Bud Spencer - mit Kopfverband! Anke konnte es kaum fassen. Die Personen der letzten Nacht! Sie saß regungslos und ordnete ihre Gedanken. Leo hat ihn nicht erschlagen, hämmerte es in ihrem Kopf, er ist kein Mör... Und Tante Bertas Erbschaft muß auch nicht... Gott sei gelobt!
Resolut stieg sie aus dem Auto, lief zu dem einsamen Haus und läutete. Die blonde Frau öffnete, hörte bestürzt, wer Anke war und bat sie ins Haus. Der Bud Spencer-Typ, Ria und Anke verbündeten sich schnell. Anke hörte von Ria, daß ihr Uwe ab und zu durchdreht, vor allem, wenn er Whisky trinkt. Dann verkrümelt sich Ria im Hausgarten. Als sie gestern zurückkam, lag Uwe blutend am Boden. Sie rief sie den Notarzt an. Ein unglücklicher Sturz? Uwe wurde in die Klinik eingewiesen und mit dem dicken Kopfverband versorgt. Er schwor seiner Ria, die blöden Eifersuchtsszenen zu unterlassen, und Whisky käme nie mehr ins Haus!
Anke atmete auf. Verschmitzt fühlte sie, wie der Schecks in ihrer Blusentasche knitterte.
Heißt das ganze jetzt ‘Glück im Unglück’? Schnell nach Hause! Sie sehnte sich nach Leos gelöstem Gesichtsausdruck, wenn er hörte, daß alles gut ausgegangen war. Nein, Leo sollte es sofort erfahren, dann ist er gleich beruhigt.
“Ria, Sie haben bestimmt ein Telefon? Wo Sie doch hier so abgeschieden wohnen, hm?”

(c) Rosemarie C. Barth

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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