Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
Endlich mal ein Sommertag. Nach drei Wochen KĂ€lte war das der erste warme Tag, der schon in den Abend ĂŒberging.
âLaĂ uns zum âEntenfangâ raus fahren, Ankeâ, schlug Leo seiner Frau vor. âIch fĂŒhlâ mich super, wer weiĂ, wieâs morgen ist. LaĂ uns fahren, ich bin so gut drauf.â
Anke fand die Idee auch klasse. Sie setzten sich ins Auto und brausten los. Elf Kilometer zum Entenfang, ein Waldparadies mit Freibad, Blumenwiesen und dem groĂen Ententeich, einfach zum genieĂen. Die nahende Finsternis lieĂ es noch idyllischer wirken. Bizarre Gehölze und BĂ€ume wurden angestrahlt. Eine prĂ€chtige Nacht brach an.
Kurz vor Mitternacht fuhren sie zurĂŒck. Eine Umleitung, die vorher nicht ausgeschildert war, wies die Krabbes auf einen Nebenweg. Sie muĂten ausweichen, hatten keine Wahl.
Plötzlich, rums! Ein Ruck, ihr Wagen stand still. Leo versuchte, den Motor zu starten. Keine Chance, das Auto rĂŒhrte sich nicht. Was tun? Die einsame Gegend schien leblos. Kein Haus war zu sehen, auch kein Mensch.
âMist! Mitten in der Nacht passiert der Mist, verflixt noch mal!â
âBleib ruhig, Leo, laĂ uns ĂŒberlegen. Pech, hab kein Handy mit. Vielleicht kannst du mal gucken, ob ein Haus oder eine Telefonzelle zu sehen ist? Irgendwas mĂŒssen wir doch tun. Ich verriegle den Wagen und bleibe drin sitzen, ist so gruselig hier.â
Leo hatte keine bessere Idee und lief los. Im Dunkeln sah er kaum die eigene Hand vor Augen. Kein Telefon, niemand unterwegs. âDort vorn ist ein breiter UmriĂ, ob da was ist?â fragte er sich, wĂ€hrend er auf die Silhouette zu schritt. TatsĂ€chlich, ein GebĂ€ude! Ein Haus, kaum zu sehen im Dunkeln, ich guckâ mal, ob ich GlĂŒck habe. Womöglich ist Einer drin und hat Telefon? So abgelegen, da muĂ es doch einen Draht nach auĂen geben. Leo klopfte heftig an die HaustĂŒr.
Anke wurde indessen unruhig, konnte nichts erkennen. Wie blind kam sie sich vor. Da! Licht blitzte auf. Zwei Fenster und eine TĂŒrscheibe erkannte sie schemenhaft. Die HaustĂŒr wurde geöffnet. Im Lichtkegel erkannte sie Leos starken Habitus. Er ruderte mit den Armen und verschwand im Haus.
Anke wartete, wie ihr schien, viel zu lange und starrte unentwegt auf das Haus. Weil Fenster und TĂŒr glĂŒhten, konnte sie sehen, daĂ da ein GebĂ€ude hervorragte. Gespenstisch sah es aus.
Endlich, da, Leo! MerkwĂŒrdig, wie besessen stĂŒrzte er aus dem Haus. Was war los? Nervös vernahm sie eilige Schritte. Anke öffnete flugs die AutotĂŒr und rief: âSchatz, was ist, warst lange dort. Kommt Pannenhilfe? Sag was, Leo!â
Krabbe schĂŒttelte stumm den Kopf. Anke sah Leos bebende Lippen. Aus seiner Nase tropfte Blut. Vorsichtig tupfte sie es mit Zellstoff ab. Wieso schwieg er? Sie hielt es nicht aus.
âSag, was ist? Red doch! Was ist im Haus passiert? Sagâs!â
Leo redete stockend: âIm Haus ist ein Toter! Ich, ich, ich war das. Ich bin der, der - ich hab den getötet! Ich bin der Mör... â
âBist du irre Mann, was ist?â fragte Anke zitternd.
âJa, ich warâs, da isân Toter! Er hat mich, ich hab ihn, ich warâs!â
Anke starrte Leo an. Ihr Herz jagte. Ein KloĂ Hals schnĂŒrte ihre Kehle zu. Was jetzt? dachte sie, Leo ist durchgedreht. Die argen RĂŒckenschmerzen der letzten Zeit! Haben die ihn ĂŒberfordert?
âRaus, Anke, versuch zu schieben, sicher isser nur abgesoffen, los weg! Wir mĂŒssen weg mit der Karre, kapierst du, abhauen!â
âJa, ja, ist ja gut!â Anke gehorchte, stieg aus und stemmte sich krĂ€ftig gegen das Auto. Schob, schob, es rollte ein wenig, und? Wirklich, der Motor sprang an. Leo fuhr los. Anke raste hinterher, sprang in den offenen Wagen. Der PKW mit Krabbes flĂŒchtete. Sie schwiegen. Anke wuĂte nicht, was los war, ahnte nur Böses.
Zu Hause erzĂ€hlte Leo leise: âEine junge Frau mit langen blonden Haaren öffnete die TĂŒr. Ich erklĂ€rte, daĂ wir festsitzen und Hilfe suchen, fragte nach dem Telefon. Gern, kommen Sie, schob sie mich in die Stube, bot mir den Sessel an und ging raus, das Telefon zu holen. Bevor ich mich setzen konnte, spĂŒrte ich FĂ€uste im Nacken. Merkte, wie ich zu Boden sank, erholte mich wieder. Stand auf, bekam eins auf die Nase und fiel um.
âDu bist eins von den Schweinen, dieâs mit meiner Ria treiben, du Dreckskerl, du!â Wieder hatte ich eine sitzen. Ich muĂte mich wehren! Ein breitschulteriger Bud-Spencer-Typ mit scheuĂlicher Alkoholfahne hatte mich wohl verwechselt? Da sah ich auf der Anrichte einen Leuchter stehen, nahm ihn und schlug ihn dem Kerl auf den Kopf. Der lieĂ von mir ab und fiel zu Boden. Sein Kopf blutete. Er lag leblos da! Ich dachte nur, raus hier, riĂ die TĂŒr auf, und begriff erst im Auto was passiert war.â
Anke vergrub ihr Gesicht in den HĂ€nden und schluchzte: âWie schrecklich! Was wird jetzt, du muĂt die Polizei rufen. Dann bist du derjenige, der sich gestellt hat. Da gibtâs keine hohe Strafe. Schnell, du muĂtâs tun!â
âUnsinn, die glauben mir nie. FĂŒr die bin ich der Mör... Mörder!â
âLaĂ uns ĂŒberlegen... Die Frau, die das Telefon holen wollte, wo war die? Die hat wohl die Polizei alarmiert? Kriegen tun die dich sowieso! Bist du sicher, daĂ er tot war? Oder nur verletzt, dann passiert dir nichts, dann warâs Notwehr! Das warâs sowieso! Ja, du hast dich gewehrt, sonst wĂ€rst du jetzt tot!â
Anke fragte leise âWo war die Blonde, als ihr geprĂŒgelt habt?â
âWeiĂ nicht, ging zu schnell. Ich habe sie nicht gesehen! War sicher abgehauen? Worauf sollte sie warten? Stimmt Anke, die - Ria heiĂt sie wohl - war weg. Pfui, und wie der Kerl stank, eklig.â
âDu, Leo, ob ich zu der Frau fahre? Mich kennt da keiner, ich könnte was Banales fragen, vermutlich erfahre ich was? Wenn der Kerl widerlich war, ja sogar ein SĂ€ufer, ist sie vielleicht froh, daĂ sie ihn los ist? Und wenn nicht â vielleicht könnt ich ihr â Ă€h, Geld... Tante Bertas Erbschaft, hm...? Eventuell holt sie da nicht die Kripo? Ach, ich weiĂ auch nicht weiter. LaĂ uns hinlegen, morgen frĂŒh fahrâ ich los. Vorsichtshalber nehme ich den Scheck mit... Was besseres fĂ€llt mir einfach nicht ein.â
Nach schlafloser Nacht fuhr Anke in Richtung Entenfang. Die Umleitung verwies sie auf den Nebenweg. Am Hang entdeckte sie ein einzelnes Haus. Das muĂ es sein! Sie betrachtete es vom Auto aus. Plötzlich hielt ein PKW davor an. Eine junge Frau mit langen blonden Haaren stieg aus der FahrertĂŒr, lief zur Seite und öffnete die BeifahrertĂŒr. Sacht zog sie jemanden aus dem Auto. Da! Ein Bud Spencer - mit Kopfverband! Anke konnte es kaum fassen. Die Personen der letzten Nacht! Sie saĂ regungslos und ordnete ihre Gedanken. Leo hat ihn nicht erschlagen, hĂ€mmerte es in ihrem Kopf, er ist kein Mör... Und Tante Bertas Erbschaft muĂ auch nicht... Gott sei gelobt!
Resolut stieg sie aus dem Auto, lief zu dem einsamen Haus und lĂ€utete. Die blonde Frau öffnete, hörte bestĂŒrzt, wer Anke war und bat sie ins Haus. Der Bud Spencer-Typ, Ria und Anke verbĂŒndeten sich schnell. Anke hörte von Ria, daĂ ihr Uwe ab und zu durchdreht, vor allem, wenn er Whisky trinkt. Dann verkrĂŒmelt sich Ria im Hausgarten. Als sie gestern zurĂŒckkam, lag Uwe blutend am Boden. Sie rief sie den Notarzt an. Ein unglĂŒcklicher Sturz? Uwe wurde in die Klinik eingewiesen und mit dem dicken Kopfverband versorgt. Er schwor seiner Ria, die blöden Eifersuchtsszenen zu unterlassen, und Whisky kĂ€me nie mehr ins Haus!
Anke atmete auf. Verschmitzt fĂŒhlte sie, wie der Schecks in ihrer Blusentasche knitterte.
HeiĂt das ganze jetzt âGlĂŒck im UnglĂŒckâ? Schnell nach Hause! Sie sehnte sich nach Leos gelöstem Gesichtsausdruck, wenn er hörte, daĂ alles gut ausgegangen war. Nein, Leo sollte es sofort erfahren, dann ist er gleich beruhigt.
âRia, Sie haben bestimmt ein Telefon? Wo Sie doch hier so abgeschieden wohnen, hm?â
(c) Rosemarie C. Barth
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