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September 2002
Money-Town oder die Geschichte vom kleinen Pfennig
von Michael Metzner


Großer Gott, was war ich einmal begehrt. Jeder wollte mich haben und ich nannte viele Sparbüchsen, Sparschweine und Sparstrümpfe mein zu Hause. Und was ist davon geblieben? Nichts!

Heute liege ich einsam und verlassen unter einer Brücke, ich der kleine Pfennig. Viele meiner Brüder und Schwestern wurden verfolgt, gesammelt und ohne Mitleid eingeschmolzen. Wer weiß schon was aus ihnen geworden ist.

Schaut nicht so abfällig auf mich herab, ich weiß das meine Zeit abgelaufen ist. Was mir aber keiner nehmen kann sind meine Erinnerungen. Erinnerungen aus meinen Leben mit vielen Geschichten, die ihr Glauben könnt oder nicht.

Ach, ihr seid neugierig? O.K., dann nehmt mich mit nach Hause, gebt mir einen Platz im Münzalbum und ich erzähle euch meine Erlebnisse.

Luis stand staunend mit seinen Kollegen aus der Imperial-Bank vor dem plappernden Pfennig. Jeden Tag verbrachten sie hier ihre Mittagspause, aber das hatten sie noch nicht erlebt. Einen sprechenden Pfennig. So etwas gibt es doch gar nicht. Und doch. Immer wieder wiederholte der die gleichen Worte: „ Nehmt mich mit und ich erzähle euch eine Geschichte!"

Luis überlegte: „Was würden die Anderen sagen, wenn er dieses schmutzige, zerkratzte Geldstück aufheben und mitnehmen würde?"

Doch die Neugierde siegte und er bückte sich und steckte den Pfennig in seine Hosentasche.

Nach der Arbeit fuhr Luis sofort nach Hause, holte den kleinen Pfennig heraus und verpasste ihm eine ordentliche Wäsche. Natürlich hatte er ein Münzalbum, wie viele seiner Mitarbeiter aus der Bank. Wer ständig mit Geld arbeitet, entwickelt früher oder später eine besondere Beziehung zu diesem Zahlungsmittel. Und Münzen sammeln gehörte zu dem angenehmeren Teil dieser Leidenschaft. Vorsichtig schob er das Geldstück in einen freien Steckplatz seines Albums.

So ein Pfennig weckte ja auch angenehme Kindheits-Erinnerungen an längst vergangene Zeiten. Zum Beispiel konnte man bei Tante Emma um die Ecke einmal für 5 Pfennige ein Päckchen Brausepulver erhalten oder für 10 Pfennige eine Kugel Eis und für 20 Pfennige einen Lolly.

Luis schaute erwartungsvoll auf seine neue Errungenschaft. „Was würde der kleine Pfennig wohl aus seinem Leben berichten können?" Seine Finger berührten behutsam das Geldstück.

Der Pfennig fing an zu leuchten und rieb sich zufrieden seinen Rücken an der samtenen Oberfläche des Münzalbums. „Tut das gut", stöhnte er und blinzelte verschmitzt Luis zu. Die Zahl Eins in seinem Gesicht krümmte sich zu einem Mund und er fing an zu erzählen.



Vor einigen Jahren, als die Welt für uns noch in Ordnung war, lebte ich in einer Stadt Namens Money-Town. Es wohnten dort eine Menge Brieftaschen, Geldbeutel, Sparbüchsen und sogar Geldsäcke.

Die Brieftaschen zählten ständig ihre Mieter, die Geldscheine. Sie mussten genau aufpassen, dass nicht etwa einer der Scheine abhanden kommt. An jeder Straßenecke, besonders in der Nähe der Geldsäcke, versuchte einer von ihnen zu entwischen. Das wäre ja nicht so schlimm gewesen, wenn die Geldscheine ihre Miete zahlen würden. Aber das konnten sie nicht, denn es fehlte ihnen an Kleingeld.

Das Kleingeld war für die Scheine unerreichbar. Seit langer Zeit hatte es sich in den Geldbeuteln einquartiert und klapperte ständig, um in die Sparbüchsen zu gelangen. Die Sparbüchsen würden ihnen ein sicheres zu Hause bieten, ohne wie bisher, ständig den Wohnsitz wechseln zu müssen.

So befand sich alles in einem kleinen Teufelskreis.

Die Brieftaschen wollten ihre Miete, die Geldscheine das Kleingeld, das Kleingeld wollte in die Sparbüchsen und die Geldsäcke waren wiederum scharf auf die Geldscheine.

Eines Tages kam ein Wanderer des Weges und klopfte bei den Geldsäcken an das Tor und rief:

„Liebe Freunde, mein Name ist Korrupt und ich komme aus einem Land in dem man mit mir gut leben kann. Ich habe gehört, ihr seht schon recht mager aus und könntet wohl meine Hilfe gebrauchen."

Der Ober-Geldsack schaute etwas ungläubig hinaus auf dieses seltsame Wesen. Aber seine breiten Taschen machten ihn neugierig und er bat ihn hinein.

„Bester Korrupt, du hast wohl recht, uns fehlt es etwas an Geldscheinen, aber wir wissen nicht wie wir an sie heran kommen können. Die Brieftaschen passen sehr gut auf und nur ab und zu fällt einer für uns ab.

„Das ließe sich wohl ändern", erwiderte Korrupt. „Wenn ich euch sage wie ihr an die Geldscheine gelangt erhalte ich als Lohn die leeren Brieftaschen."

Der Geldsack schaute das Wesen an, als käme es von einem anderen Stern. „Was willst du denn mit den leeren Brieftaschen?"

„Viel Hirn hat so ein Sack ja nicht gerade. Eigentlich schade ihn mit Geldscheinen zu füttern.", dachte Korrupt bei sich und antwortete freundlich: „Das ist doch ganz einfach. Leere Brieftaschen locken neue Geldscheine an und gierige Geldsäcke gibt es überall auf der Welt die auf sie scharf sind."

Das leuchtete dem Ober-Geldsack ein. „Komm lieber Korrupt, setze dich an unseren Tisch. Unser Haus soll ab heute auch dein Haus sein."

Korrupt suchte sich einen schönen Platz, begrüßte den Rest der Gesellschaft und fing an zu erzählen.

„Es gibt doch in Money-Town eine Menge von obdachlosen Kupferstücken. Sie liegen unter den Brücken und auf den Straßen, sind schmutzig und schmierig. Keiner will sie haben und sie sind auch die Einzigen, die von einem zum anderen rutschen um am Ende wieder im Dreck zu landen.

Wie wäre es, wenn ihr diesem Schmiergeld ein Heim anbieten würdet. Ein Haus, groß und geräumig, wo es sich waschen kann und gut versorgt ist. Das Haus nennt ihr Geldinstitut. Das weckt Vertrauen und klingt seriös. Alle Kupferstücke werden zu euch kommen.

„Und was hätten wir davon?", fragten die Geldsäcke.

Das ist ganz einfach. Jetzt werden natürlich die Sparbüchsen und Geldbeutel neugierig und wollen ihr Kleingeld auch in das neue Haus bringen. Sie sind von je her etwas naiv und glauben jedes Geldstück erhält hier freie Kost und Logis.

Nehmt ihr Geld in das Institut auf und gebt ihnen später Kupferstücke zurück. Mit dem Kleingeld aber bezahlt ihr die fällige Miete der Scheine. Die Brieftaschen werden euch die säumigen Zahler gern überlassen und so werdet ihr nach und nach mit Geldscheinen gefüttert.

Die Begeisterung der Geldsäcke kannte keine Grenzen. Sofort wurde das erste Geldinstitut gebaut, später auch Bank genannt, und der Vorschlag in die Tat umgesetzt. Sie wurden immer fetter und breiteten sich mit Hilfe der neu gegründeten Korruption in der ganzen Welt aus.

Die Dummen aber blieben die Sparbüchsen und Geldbeutel aus der Fraktion der Sparer. Sie geben sich noch heute mit den billigen Kupferstücken zufrieden.

So lieber Luis, sprach der kleine Pfennig. Jetzt könnte ich ja mit den Worten enden: „Und wenn sie nicht gestorben sind..., aber das ist glaube ich, überflüssig."

Luis griff vorsichtig nach seiner Brieftasche und kontrollierte den Inhalt. Seine zwei EUR 50,00 Scheine waren noch da.

„Gott sei Dank", dachte er da bei sich. Die Korrupten sind noch nicht hier. Nächsten Tag ging er wieder beruhigt in die Imperial-Bank und eröffnete ein neues Giro-Konto.

© Michael Metzner

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