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September 2002
Der Bankier des Papstes
von Annemarie Nikolaus


17. Juni 1982:

Wie gut, dass die Londoner Abende auch kurz vor Sommerbeginn noch unwirtlich kalt waren. Roberto schlug den Mantelkragen hoch und zog den Hut tief in die Stirn, bevor er seine Absteige verließ.

Er lief eine Stunde kreuz und quer und kehrte unterwegs in zwei Pubs ein; in jedem trank er gemächlich ein Bier, während er unverwandt aus dem Fenster schaute und die Straße beobachtete. Als er schließlich sein Ziel erreicht hatte, war er sicher, dass ihm niemand gefolgt war.

Er verharrte einen Augenblick, bevor er die Hand zur Klingel ausstreckte. Aber er hatte keine Wahl.

Als die Tür aufging, sah ihm im trüben Flurlicht ein junger Mann entgegen: „Kommen Sie, der Monsignore erwartet Sie schon."

Roberto zuckte zusammen; er hatte nicht erwartet, hier auf italienisch angesprochen zu werden. Misstrauisch musterte er den Unbekannten.

„Kommen Sie", sagte der Fremde noch einmal und zog ihn ins Haus.

Zögernd betrat Roberto die kleine Bibliothek, in der sein Gastgeber mit einem Glas Wein in der Hand einen alten Folianten studierte.

„Signor Calvi, Sie ließen mir sagen, diesmal müssten wir Ihnen helfen. Was kann ich also für Sie tun?"

„Monsignore, ich brauche bis Ende des Monats dreihunderttausend - wenigstens."

„Dreihunderttausend was?" Der alte Priester lächelte sardonisch. „Lire doch sicher nicht."

Roberto wurde es heiß in seinem Mantel. Das fing nicht gut an. „Dollar natürlich", stieß er hervor. „Heute nachmittag hat man mich als Präsident der Banco Ambrosiano abgesetzt. Ich habe keinen Zugriff mehr auf die Konten. Aber Pippo Calò will sein Geld wiederhaben. "

„Wirklich? Wir glaubten, er unterstütze unsere guten Werke, um sich die Vergebung seiner Sünden zu erkaufen."

Der unverhohlene Spott ließ Roberto frösteln. Cosa Nostra bedrohte seine Familie, und dieser Pfaffe lachte ihn praktisch aus. Er nahm sich zusammen: „ Nur die Loge weiß, dass die Geldwäsche über das ,Institut für die Werke der Religion‘ stattgefunden hat. Calò glaubt, sein Geld gut angelegt zu haben."

„Nun, damit hat er doch sein Geld gut angelegt. Wenn Somoza den Aufstand niedergeschlagen hätte, hätte er in Mittelamerika schon jetzt freie Bahn. Nun muss er eben noch ein wenig warten. Jede Geldanlage birgt gewisse Unwägbarkeiten."

„Sehr geistreich", entfuhr es Roberto. „Die Ehrenwerte Gesellschaft weiß, dass unser gesamtes Finanzierungssystem zusammengebrochen ist. Es ist denen egal, wo ich nun das Geld hernehme - und mir auch! Und Sie sind meine letzte Chance."

Der Priester legte den Folianten zur Seite und kam langsam auf den Bankier zu: „Wollen Sie mich erpressen?"

„Nein Monsignore, keineswegs: Ich gebe nur zu bedenken, dass ich keine andere Wahl mehr habe." Roberto bemühte sich, verbindlich zu bleiben. „Es täte mir aufrichtig Leid, wenn Sie in Schwierigkeiten kämen."

„Dazu gibt es keinen Anlass!"

„Nun …" Roberto bedachte sorgfältig jedes einzelne Wort: „Möglicherweise würde es einige Probleme geben, wenn der Eindruck entstünde, dass der Vatikan bis heute die Contra in Nicaragua finanziert. Und sicherlich hat zwar jeder Verständnis dafür, dass dem Papst sein Polen besonders am Herzen liegt; aber genauso sicher dürfte mancher die Unterstützung für Solidarnosc als Einmischung in die inneren Angelegenheiten betrachten."

„Der Vatikan unterstützt die Kirchen aller armen Länder."

„Doch nicht immer kommt das Geld in den Kassen der Gemeinden an. - Aber vielleicht findet Ihr Botschafter morgen dieses Thema reizvoller als Sie selber."

"Warum sollten den tschechischen Botschafter Solidarnosc oder die Contra interessieren?"

Sie maßen sich mit Blicken. Beide kannten die Antwort ganz genau: Noch weniger als die Konterrevolution im fernen Mittelamerika konnte die tschechoslowakische Regierung eine unabhängige Gewerkschaft im Nachbarland dulden. Aber keiner sagte ein Wort. Minutenlang war das Knistern des Kaminfeuers das einzige Geräusch.

Dann nickte der Priester. Unwillkürlich atmete Roberto erleichtert auf. Er hatte gewonnen.

„Signor Calvi, Sie haben doch sicher einige interessante Unterlagen für uns."

„ Ich habe sie im Hotel gelassen. Sie sind gewiss ihren Preis wert. "

„Sicher." Robertos Gastgeber lächelte und deutete zum Ecktisch: „Signor Calvi, Sie trinken doch noch einen Wein mit mir, bevor Sie gehen? Mein Faktotum wird Sie anschließend nach Hause begleiten. Morgen früh werden wir uns dann um die notwendigen Transaktionen kümmern. " Er wandte sich zur Tür: „Carboni, bring für den Signore ein Glas."



Am nächsten Morgen fand ein Postbote den Bankier erhängt unter der Blackfriars-Brücke.



***



Elf Jahre später verurteilt ein römisches Gericht den tschechoslowakischen Bischof Pavel Hnilica sowie Flavio Carboni wegen Unterschlagung der Aktentasche Calvis zu mehrjährigen Haftstrafen.

Im Mai 2002 wird schließlich gerichtlich festgestellt, dass Calvis Tod Mord war.



(c) Annemarie Nikolaus

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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