Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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September 2002
„SCHMIERGELD"
von Marcel Nebeling


Blau in grau tünchte die Nacht die Gasse, als der Mann mit rasselndem Atem und ausgreifenden Schritten um die Ecke bog. Er strudelte und wankte, glitt beinahe auf dem feuchten, glitschigen Kopfsteinpflaster aus. Die Schuhe quietschten, doch er fiel nicht.

Augenblicke später eine zweite Person, die ebenfalls wie vom Blitz verfolgt rannte. Anders als der Mann zuvor schaffte sie es nicht, dem feuchten Kopfsteinpflaster zu strotzen. Ein wenig wie ein Eiskunstläufer versuchte er Halt zu finden, doch die Sekunden des Kampfes endeten als die Gestalt der Länge nach zu Boden klatschte.

Weiter vorn drehte sich der Mann plötzlich um. Er schien den Aufprall gehört zu haben.

Der aufkommende Wind spielte ein wenig mit den Haaren des Mannes. Das Gesicht war in Schatten getaucht. Nur die Augen leuchteten. Er machte ein paar langsame Schritte in die Richtung, wo der andere zu Boden gefallen war.

Er schluckte hart und sagte dann: „Steh auf!"

Einige Schritte weiter weg krümmte sich die Person am Boden, offenbar war der Sturz sehr schmerzhaft gewesen. Eine Straßenlaterne an der Hausecke spendete, graues, dreckiges Licht. Die Gestalt auf dem Kopfsteinpflaster zog lange Schatten, auch von ihr war nichts auszumachen.

„Ich sagte steh auf!"

Nun trat der Mann bis auf einen Schritt an die noch immer gekrümmte Person heran. Seine Augen huschten über die Gestalt. Das wenige Licht offenbarte nur, dass es sich hier ebenfalls um einen Mann handelte, jedoch schien er noch recht jung zu sein.

„Mach hin, die sind bald da!"

Der Junge schien nun mehr Kraft zu finden. Mit den Händen stützte er sich ab und hob den Kopf. Die Lippe war mit Blut gezeichnet. Eine Schramme über dem rechten Auge. Der Mann reichte ihm eine Hand und half ihm auf. Die Beine schlotterten dem Jungen. Ein paar vorsichtige Schritte, dann fluchte er missverständlich. Mit der linken Hand wischte er sich das Blut von der Lippe und hustete kurz.

Dies kommentierte der andere nur mit einem Nicken.

Zusammen huschten sie die Gasse entlang. Schatten glitten über sie, während der Mond sich hinter Wolken schob. Es konnte nicht später als kurz nach eins sein. Der Mann und der Junge eilten weiter Gassen entlang, kreuzten schattige Strassen, sprangen über Zäune und rannten quer durch die Stadt.

Wenig später waren Sirenen zu hören. Ihr Jaulen ließ die beiden nur noch schneller rennen. Ihre Füße schienen nicht zu ermüden. Schritt für Schritt atmeten sie schneller, in kurzen Stößen. Worte wurden gespart, das kostete zu viel Kraft.

So ging es eine Weile unermüdlich weiter durch die Stadt, deren Gassen und Strassen sie verschluckte. Als sie nahe der alten S-Bahnstation die eisernen Stufen hinauf eilten, das Geländer klapperte, bog hinter ihnen ein Streifenwagen ein. Die Sirene kreischte, die Leuchten warfen blaue Strahlen gegen Wände und verstärkten das garstige Blau der Nacht. Türen schwangen auf und zwei Polizisten sprangen wie Jack aus der Box heraus, die Waffen aus den Halftern reißend.

Der Mann führte an, dicht hinter ihm der Junge, als die beiden Beamten Warnschreie ihnen nachwarfen.

„Stehen bleiben! Polizei!" rief der eine.

Sein Partner: „Keine Bewegung! Ich sagte stehen bleiben."

Nur noch wenige Schritte und sie hatten die große Treppe geschafft.

„Stehen bleiben oder wir schießen!"

Die Worte waren wirkungslos. Beide sprangen förmlich die letzten Stufen hinauf und verschwanden aus dem Schussfeld der Polizisten.

„Ich hasse das, wenn so was passiert!" meckerte der Polizist, der aus der Fahrerseite heraus gestiegen war. Sein Partner eilte schon die Stufen hinauf, behände und voll Eifer. Der Fahrer war etwas dicklich und ließ seine Pistole im Halfter verschwinden. Er plumpste hinter das Lenkrad, griff nach dem Funkgerät, gab Meldung.

Die S-Bahnstation bot gähnende Leere. Niemand saß hier, die wenigen Lichter erhellten nur unzureichend das Gelände. Offenbar wurde diese Bahnstation nicht mehr angefahren. Der Mann und der Junge ließen sich davon nicht beirren. Ohne auch nur ein wenig langsamer zu werden rannten sie weiter. Scheinbar das Ziel vor Augen rief der Mann nach hinten: „Schneller, Markus, schneller!" Sie rannten auf einen Backsteinbau zu. Links und rechts Schienen, die Uhr über ihnen war stehen geblieben.

Als der Mann an der Tür des Backsteinbaus rüttelte und an dem Schloss herumfuhrwerkte, hallte ein Schuss durch die Nacht. Er kniff die Augen zusammen, hielt den Atem an, wartete ob jemand schrie. Fast traute er sich nicht über die Schulter zu blicken.

Dann war der Junge hinter ihm: „Mach hin, der ist gleich da!"

Beinahe mechanisch hatte der Mann weiter an dem Schloss herum gespielt. Mit einem dünnen Klick gab es seinen Versuchen schließlich nach.

„Stehen bleiben" rief der Polizist, nur wenige Schritte hinter ihnen.

Der Mann riss die Tür auf, schupste den Jungen rein und donnerte sie ins Schloss.

Er drehte sich dem Polizist zu.

Der zielte mit der Pistole auf seinen Bauch.

„Schön langsam die Finger hoch gestreckt!"





Markus wusste im ersten Moment nicht was geschah. Er stolperte zu Boden. Sein linkes Knie strafte ihn mit gleißendem Schmerz. Er zog pfeifend Luft und stützte sich an der Wand. Die Stimmen draußen waren unverständliches Geflüster. Der Schmerz trieb Tränen in seine Augen und Dunkelheit umfing ihn. Doch er kannte sich hier aus. Sie hatten schließlich alles geplant, auch wenn nichts so gelaufen war, wie gewollt. Einmal abgesehen davon, das beide noch lebten, war ihnen alles aus der Hand geglitten.

„So ein verdammter Mist!"

Er tastete sich die Wand entlang, bis das Laufen wieder besser ging. Mit schnellen Schritten huschte er durch den dunklen Gang. Seine Augen konnten nur graue Schemen ausmachen, aber er kannte den Weg. Wut und Frust ließen ihn die Zähne aufeinander beißen und er ignorierte den aufflammenden Schmerz, der auf und ab wallte, mit jedem Schritt.





Die Waffe von sich gestreckt, noch immer auf den Bauch des Mannes zielend schien der Polizist auf Verstärkung zu warten. Die Augen des Kriminellen suchten nach Unsicherheit in denen des Beamten, allerdings war der Polizist sich seiner Sache sicher.

„Ich würde nichts Unüberlegtes versuchen, Freundchen." quittierte er die Blicke des Mannes. Der Polizist nickte ihm zu: „Mach die Tür auf! Dreh dich langsam, die Hände auch schön langsam, nichts überstürzen!"

Der Mann tat wie gefordert, drehte sich langsam. Was der Polizist nicht ahnte, war das ihm das Recht war. So hatte Markus mehr Zeit zu entkommen. Zumindest hoffte er, dass der Junge nicht so dumm war zu warten. Mit der Rechten drückte er die Klinke langsam runter, während die Linke nach oben gestreckt war. Der Polizist bewegte sich nun zur Seite, ihn nicht aus den Augen lassend und die Waffe noch immer auf Bauchhöhe gerichtet.

Der Mann tat ein paar langsame Schritte zurück, als er die Stahltür aufzog. Dahinter schwarze Dunkelheit. Er seufzte erleichtert: Markus war verschwunden.

„Wo ist er hin?"

Schritte hinter ihnen. Der dünne Deputy ließ den Verbrecher für einen Moment aus den Augen und blickte in die Richtung der nahenden Schritte. Keuchend kam sein Partner angerannt.

Dann fiel die Tür ins Schloss.

„Hey" schrie einer der Polizisten verwundert. Sofort rissen beide an der Tür. Nichts zu machen, sie bewegte sich keinen Millimeter. Es war klar, der Kerl auf der anderen Seite musste die Tür fest ins Schloss ziehen und warten, bis sie aufgaben, sodass sie keine Chance hatten sie zu öffnen. Das Gewicht des Mannes und ihr Eigengewicht machten es förmlich unmöglich. Der dicke Polizist keuchte und fluchte und spukte auf den Boden.

„Ich hasse das" wiederholte er ein weiteres Mal seine Beschwerde. Sein schlanker Partner gab nicht auf. Mit einer fließenden Bewegung hatte er seine Waffe ins Halfter gleiten lassen und riss und zog an der Türklinke. Jedoch ohne Erfolg. Der Dicke grabschte mit seinen Wurstfingern ebenfalls nach der Klinke, jedoch zu zweit traten sie sich nur auf die Füße. Sie keuchten und rüttelten an der Tür. Dem Dicken standen schnell Schweißperlen auf der Stirn und er biss sich beinahe auf die Zunge.

Auf der anderen Seite der Tür verlagerte der Mann sein Gewicht so weit nach hinten wie er konnte, ohne hinzufallen. Wie ein Wasserskifahrer hing er an der Tür. Er wusste noch nicht, wie es weiter ging, doch schienen die Chancen nicht all zu schlecht zu stehen, dass er ebenfalls davon kam. Anders als die Polizisten hatte er es relativ leicht, da die Tür nach außen öffnete und er sie so besser unter Kontrolle hatte. Er hoffte sie würden nicht allzu bald Verstärkung bekommen und vielleicht versuchen von anderer Seite in das Gebäude zu kommen. Dann hätte er gute Chancen zu entwischen, da das Gelände zu groß war um alle Ecken und Gänge abzusuchen, ohne ihn zu verlieren.

Er hörte die Stimmen der Polizisten gedämpft und konnte sie nicht richtig verstehen. Dennoch bemerkte er die Wut in den unverständlichen Worten. Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. Er fühlte sich an seine Kindheit erinnert, als er beim Spielen oft sich in Gebäuden versteckt hatte. Jedoch das war lange her und die Zeit hatte mehr Sorgen als Freuden für ihn parat.

Draußen hatte der Dicke aufgeben. Er stand nach vorn gebückt, soweit das ging ohne nach vorn zu plumpsen, die Hände an die Knie gestemmt und schnaufte kraftlos. Schweißperlen liefen ihm das Gesicht herunter und er wischte sie wütend weg, als er sich wieder aufrichtete.

„Ich ..." Er schnaufte abermals, versuchte genug Luft in seine Lungen zu bekommen, um weiter sprechen zu können. „Ich habe Meldung gemacht, müsste bald jemand kommen."

Der dünne Deputy schien ihn nicht zu hören. Wie ein Verrückter zerrte und ruckte er an der Tür. Seine Kraft schien unermüdlich und wie der dicke Officer ihn so beobachtete konnte er ein hämisches Grinsen nicht verbergen.

„Stu! Mann, gib auf! Der hat sicher die Tür irgendwie verbarrikadiert. Mach dich nicht zum Affen" knurrte er amüsiert.





Markus kniff die Augen zusammen, als die Tür hinter ihm zufiel und er erschöpft mit dem Rücken sich gegen sie lehnte. Die Schramme über dem rechten Auge spannte die Haut etwas. Seine Lippen waren geschwollen. Er fühlte sich wie ein geprügelter Hund. Müde und verbraucht. Er zog die Nase hoch. Womöglich hatte das regnerische Wetter ihm einen Schnupfen beschert.

Das Licht der Neondampflame stach förmlich in seine Pupillen und es brauchte einige Augenblicke, bis sie sich den neuen Lichtverhältnissen anpassten. Das Schwarz des Ganges hatte jedes Gefühl für Zeit verschluckt und er wusste nicht, wie lange er dort verbracht hatte. Er hoffte Jim würde zu Recht kommen.

Seine Augen wirkten traurig und leer, als er sie wieder öffnete und das grelle Licht ihn nicht mehr blendete. Wenn sein Orientierungssinn ihn nicht ganz verlassen hatte, musste er sich nun am nordwestlichen Ende des großräumigen Geländes befinden. Nun verstand er auch, warum Jim ihn so eindringlich gebeten hatte, diesen Fluchtweg zu planen.

„Fall was schief geht ..." waren seine Worte gewesen. Falls, war nur leicht untertrieben. Es war eigentlich alles den Bach hinunter gegangen! Sie hatten schon Probleme gehabt die Großgarage zu finden. Der Auftrag hatte so einfach gewirkt, als der Kerl mit den fein manikürten Nägeln und der lächerlich wirkenden Brille ihnen klar gemacht hatte, was er wollte. Nur um einen Gefallen hatte er sie gebeten.

Markus hustete ein trauriges Lachen und versuchte sich auf das Jetzt zu konzentrieren. War es sicher zum Schlupfwinkel zurück zu kehren? Alles wirkte irgendwie schon fast vorausgeplant, als ob sie von vorn herein keine Chance gehabt hätten. Zu viele Probleme hatten sie tiefer ins Unheil gestürzt.

Handeln war jedoch das einzige, was ihm half. Er gab sich einen Ruck und mit schnellen Schritten huschte er von den Schatten der Dächer und Dachrinnen der Häuser verborgen weiter. Die Idee sich im Schlupfwinkel zu verbergen erschien ihm äußerst unklug, also brauchte er eine andere Bleibe. Zu Hause konnte er sich nicht mehr blicken lassen, auch würde dort sowieso jeder nach ihm suchen.

Als er kurz inne hielt blickte er hinauf zum Himmel. Dort verblich die Nacht und die ersten Sonnestrahlen des Tages fanden ihren Weg zwischen den Wolken. Viel Zeit blieb also nicht mehr, bis die Straßen belebter waren und er das Risiko einging gefunden zu werden. Ihr Versteck war nicht so weit weg von hier.

Ermüdet zuckte er mit den Achseln. Es blieb nichts anderes. Ohnehin konnte er nicht mehr lange so weiter machen. Seine Beine machten ihn verrückt. Der Schmerz war nicht so stark, dass er es nicht aushalten konnte, glaubte er. Aber je länger sie ihn trugen, desto schwieriger wurde es, noch einen klaren Gedanken zu fassen. Sie schienen sich in den Mittelpunkt zu drängen, ihn anzuflehen endlich auszuruhen.

Vor ihm war eine Treppe. Das Herabsteigen war beschwerlich, da eines der Beine nahe daran war nachzugeben. Wie ein betrunkener Seemann schwankte er die Stufen hinab. Zu seiner Linken und Rechten waren Geschäfte. In den Licht gefluteten Auslagen buhlten Uhren, Ringe und andere Schmuckstücke umeinander. Der Photoladen hatte ein nervtötendes Reklameschild, dessen Buchstaben unaufhörlich blinkten.

Hinkend und so schnell er konnte, die Augen wild nach Polizei oder anderen Problemen Ausschau haltend lief er die Straße hinauf.

Nicht mehr weit, dachte er sich. Nicht mehr weit ...





Jim oder Locksmith Jim, wie er auf der Straße anerkennend genannt wurde, wusste nicht wie er aus der Falle entkommen sollte. Warum waren diese Polizisten auch immer so stur und solche Spielverderber. Der Kerl auf der anderen Seite ruckte und rupfte noch immer an der Tür und schien nicht locker zu lassen. Jim war der Schweiß ausgebrochen, die Armmuskeln gespannt. Sie schmerzten schon ein wenig. Wie lange er hier in der Dunkelheit verbrachte, sich nach hinten lehnte, das ganze Gewicht nutzend, wusste er nicht zu sagen.

Klar war nur, die Zeit ran davon. Er musste sich schleunigst etwas einfallen lassen. Lange mochte es nicht mehr dauern, bis deren Verstärkung anrollte, da war er sich sicher.

Mit einem Mal kam ihm eine Idee. Wenn er die Tür ...

Ohne den Gedanken zu Ende zu denken, ließ er einfach los, drehte sich und rannte. Die Tür riss auf und Jim hörte ein Fluchen hinter sich. Er stürmte die Treppe hinunter. Das Fluchen vermischte sich mit einem hörbaren Stöhnen.

Jim hoffte der Kerl war mächtig auf die Schnauze gefallen und würde so schnell nicht wieder aufstehen. Jedoch der zweite folgte ihm schon. Der Gang war eng, verwinkelt und dunkel. Die ersten Meter konnte Jim gut machen. Der Polizist hinter ihm, der Dicke dem Schnaufen nach, war jedoch nicht so dumm, wie Jim insgeheim hoffte. Als er wie ein flüchtiger Hase in einen Seitengang hüpfte, wurde die Dunkelheit von einer Lichtlanze zerschnitten. Klar, die Polizei war ja immer auf alles vorbereitet, dachte er bitter. Vor seinem inneren Augen konnte er förmlich die Stabtaschenlampe in den Fingern des Polizisten sehen.

Der wiederholte seinen Ruf: „Ich sagte das Gelände ist umstellt!"

Jim versuchte noch schneller zu rennen. Die vielen Zigaretten hatten seiner Kondition nicht gut getan, stellte er fest. Schnell bekam er Seitenstechen und merkte wie sein Körper an den letzten Kraftreserven zerrte. Mit grimmig verzogenem Gesicht rannte er. Die Schritte hallten im Gang wieder. Er spurtete, denn er glaubte dem Ausgang nahe zu sein.

Zwar etwas ab vom Schusse, jedoch mit der Taschenlampe bewaffnet, ein selbstsicheres Grinsen im Gesicht folgte der dicke Officer ihm.

Sein Partner holte schnell auf.

„Wo ist der Kerl, Norton?" jappste er.

„Weiter vorn. Aber keine Sorge die Verstärkung wird jeden Augenblick da sein."

Stuart vertraute lieber auf sich selbst, denn ohne Zögern sprintete er davon. Das Licht der Taschenlampe im Rücken, konnte er ohne weiteres einem am Boden liegenden Karton ausweichen. Dann verschwand auch er wie der Verbrecher in einem Seitengang.

Stuart glaubte den Kerl vor sich zu sehen. Weiter vorn jedoch. Er konnte nicht alles genau erkennen, eben nur die Gestalt, den Rücken.

Das musste reichen.

„Stehen bleiben!" schrie er. Seine Hände zogen die Waffe aus dem Halfter, spannten den Hahn. Der Schuss war ohrenbetäubend, hallte von den Wänden wieder. Doch der Kerl war außer Sicht. Schon wieder.

Jim glaubte ein Zischen zu hören, nahe seinem Ohr, dann der laute Knall. Er hechtete sich in einen Gang, stolperte gegen die Wand. Diese für ein paar Augenblicke entlang tastend, beschleunigte er wieder. Dann rannte er weiter. Dort vorn musste der Ausgang sein.

Hinter ihm wieder ein Rufen: „Mann, geben Sie doch auf!"

Das Seitenstechen trieb ihn an.

„Ich schieße!"

Er durfte nicht locker lassen. Sie würden ihn nicht kriegen. Der Junge brauchte ihn.

Da vorn war die Tür. Er hatte sich richtig erinnert. Mit der linken Seite schob er sich aus dem Laufen heraus dagegen, jedoch sie harkte. Seine Schulter quetschte und glühender Schmerz schoss in seinen Arm.

„Verdammt!" ächzte er.

Ungeachtet dessen schmiss er sich abermals dagegen.

Das konnte doch nicht sein.

Hinter ihm kamen die Schritte immer näher.

Als er sich ein drittes Mal dagegen warf, wieder Schmerz seinen Arm durchbrandete, vernahm er ein dünnes Klicken.

Der Deputy stand vor ihm, die Waffe gezückt und entsichert.

„Geben sie auf!"

Er sackte zusammen.

„Ich hab ihn" rief der Polizist. Mit der freien Hand zog er die Handschellen aus der hinteren Hosentasche, trat näher.

Da schoss Jim hoch, preschte vor und rammte seine Schulter gegen den Polizisten. Die ausgestreckte Hand knackte. Das Geräusch war fast wie das Klicken, als der Beamte die Waffe entsichert hatte. Der taumelte zurück, hielt sich seine Hand und fiel zu Boden. Tränen schossen in seine Augen, als er mit dem Gesäß auf den Beton schmetterte und der Schmerz explodierte.

Die Waffe schlitterte davon.

Im gleichen Augenblick knallte die Faust des Mannes in das Gesicht des Polizisten. Die Lippen platzten auf. Kupfergeschmack und rasender Schmerz in Gesäß und Kiefer betäubten Stuart.

Jim ließ ab von ihm, sprang über die Beine des Verletzten und jagte den Gang zurück. An der Gabelung, wo er zuvor rechts abgebogen war, sauste er gerade aus weiter, durch den Lichtstrahl der Taschenlampe.

Nun war der Dicke genau hinter ihm. Das weiße Licht flutete den Gang.

Jim rannte weiter. Sein ganzer Körper bestand nur noch aus Schmerzen. Der Schweiß tropfte ihm in die Augen. Das Blut pumpte pochend. Adrenalin und Angst drängten ihn nicht aufzugeben.

Ein weiteres Mal bog er links ab, als der Gang sich kreuzte.

Das Licht der Taschenlampe blieb zurück. Gut so, hoffentlich machte der Typ hinter ihm nicht weitere Versuche ihn einzuholen.

Dann war wieder eine Tür am Ende des Ganges. Dieses Mal schmiss er sich nicht dagegen. Er bremste, drückte die Klinke und fürchtete beinahe in einer Sackgasse gelandet zu sein, als sie so schwer ging. Nichtsdestotrotz sie öffnete sich.

Kalter Wind spielte um seine Wangen und ließ in erschauern. Er wankte heraus, fast wie Markus vor etwa einer halben Stunde es getan hatte.

Hinter ihm seufzte die Tür ins Schloss. Er hastete weiter. Wilde Blicke um sich werfend glaubte er zu erkennen wo er sich befand. Zu seiner Rechten waren Bahngleise. Hier und da wippten Gräser im Wind. Zur Linken eine Treppe, die in eine Unterführung mündete. Zielstrebig rannte er die Treppe hinab. Die linke Hand rutschte das Geländer herunter, Regenwasser wegspritzend. Der Tunnel wurde von rotem Neonlicht ausgeleuchtet.

Als er schon fast durch war hörte er Sirenen.

Die Verstärkung.





Im Versteck ließ sich Markus auf die Pritsche fallen. Sie knirschte unter seinem Gewicht. Er schloss die Augen. Gelbe Fäden torkelten vor seinen Augen. Sein Kopf summte und Brechreiz spülte vom Magen herauf in den trockenen Rachen.

Er drehte sich auf die Seite, was ein wenig half.

Die letzten Meter waren eine Katastrophe gewesen, denn mit der Morgendämmerung erwachten schon die ersten und machten sich auf zur Arbeit. Es ließ sich nicht vermeiden, dass er gesehen wurde. Als der schwarze Buick die Straße hinunter gefahren kam, hatte er gefürchtet der würde anhalten und ihn fragen ob alles in Ordnung sei.

Sicher die Straßen waren ein heißes Pflaster, aber es gab immer noch Menschen die hilfsbereit waren. Die Frau in dem Wagen hatte ihn angestarrt, als hätte er ein drittes Auge. Er hatte nur stur gerade aus geblickt und gehofft sie würde schneller fahren.

Wie mochte er ausgesehen haben. Sicher hielt sie ihn für einen Junky, oder Stricher. Das war hier in der Gegend kein seltener Anblick. Er hatte sich bemüht so normal wie möglich zu wirken. Sogar ein verkrampftes Lächeln war ihm gelungen.

Dann war der Buick links abgebogen und die Straße wieder leer.

Das Versteck befand sich auf einem alten Güterbahnhof. Dies hier war das alte Gewerbegebiet. Firmen starben dieser Tage so schnell wie sie aus dem Boden schossen und so hatte sich die Stadt innerhalb der knapp zwanzig Jahre seines noch jungen Lebens gewandelt. Damals, als er noch zur Schule gegangen war und sein Vater noch nicht ganz im Suff ertrank, war diese Gegend voller Leben gewesen.

Nun glich sie einer Mülldeponie.

Der Güterbahnhof wurde noch benutzt, was nichtsdestotrotz kein Problem darstellte. Kontrollen und Polizeistreifen gab es hier kaum. Das Versteck war eine alte, lang dem Verfall überlassene Halle für Wagons. Jedoch gab es hier ein paar Räume. Früher einmal war es wohl ein Verwaltungsgebäude für die Wagons und deren Reiseziele gewesen. Die Fracht war hier verzollt worden.

Nun waren nur noch die Wagons hier und die verwitterten Räume.

Markus griff sich an de Kopf. Die Stirn war Besorgnis erregend warm. Fieber, dachte er benommen. Der Magen machte verkorkste Drehungen und er ließ den Kopf über die Pritsche hängen, bereit zu erbrechen.

Er hustete nur trocken.

Er brauchte was zu trinken. Er schob die Füße zur Seite, richtete sich halb auf und klappte wie die Klinge eines Taschenmessers zusammen. Markus ballte die Fäuste, stemmte sich hoch und torkelte durch den Raum an den Wasserhahn.

Das Wasser schmeckte rostig, aber es war kalt. Er hielt den Kopf drunter. Kalte Schauer spülten über ihn. Dann drehte er den Hahn wieder zu und schlurfte zurück zur Pritsche.

„Jim" krächzte er. „Oh Jim, warum?"

Doch es war niemand da der ihn hörte. Er fiel zurück auf die Pritsche und starrte hinauf zur Decke. Seine Lippen sogen die letzte Feuchte des Wassers auf und wurden rasch wieder spröde und trocken.

Die Augen fielen ihm zu.





Stuarts Atem rasselte in der Brust, die Schmerzen umfingen ihn sanft und er war nahe daran einfach liegen zu bleiben und zu schlafen. Es schien der beste Weg zu sein den Schmerzen zu entkommen. Ihm war nur halbwegs klar, dass die Schmerzen schlimmer waren als seine Verletzungen. Der Kerl hatte ihn ganz schön überrumpelt und das wiederum machte ihn wütend. Kopfschmerzen, Scherzen in Gesäß und Kiefer ließen nicht locker. Er lehnte sich mit Kopf und Rücken an die Wand, die Füße von sich gestreckt. Noch immer ging sein Atem schnell, doch das würde vorüber gehen. Er zwang sich an etwas anderes zu denken, um dem Schmerz zu entfliehen.

Das erste was ihn in den Kopf kam, war das Lächeln seiner Tochter, Elly. Sie war sieben Jahre und sein ganzer Stolz. Doch heute Morgen hatte sie geweint. Ihre blauen, sonst so strahlenden Augen waren förmlich in den Tränen ertrunken. Sie war ins Elternschlafzimmer gehetzt, hatte sich ins Bett der Eltern verkochen und geweint. Ihr Wimmern und Schluchzen weckte ihn. Sie war zu ihm gekrochen und er hatte ihr Zittern gespürt, wie auch er nun schlotterte, nur vor Schmerz.

„Pappi werde ich sterben?" waren ihre Worte gewesen.

Stuart schloss die Augen. Der Tod war etwas, das er fürchte, wie seine kleine Tochter. Ihm war unklar wieso er nun ausgerechnet, jetzt da er hier lag, sich an ihre Worte erinnerte.

Dann hörte er die Stimme seines Partners von weiter weg.

„Stuart?"

Pappi ich habe Angst!

Die Stimme seiner Tochter überwand jegliche Schmerzen und traf ihn tief.

Angst schoss hoch in ihm.

Wieder sein Partner: „Stuart, wo bist Du denn? Hey?"

Seine Waffe, wo war seine Waffe? Mit einem Mal glaubte Stuart, dass er in Gefahr war. Er rutschte in der Düsternis des Ganges auf dem Boden umher, mit den Fingern um sich tastend nach der Waffe.

Nun konnte er die Schritte des Anderen hören und sie kamen näher.

Schnell näher.

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