Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Oktober 2002
Wilburs Entdeckungen
von Andreas Schröter


Adam Shelter, der Neunte, brauchte weniger als eine Sekunde, um festzustellen, dass etwas nicht stimmte. Zu gleichförmig und daher im Grunde stinklangweilig waren für gewöhnlich die Wachschichten im kuppelförmigen Kommandostand von „Terra Revival“. Da konnte ihm eine solche Veränderung, wie sie jetzt eingetreten war, nicht entgehen – auch wenn sie nur aus einem winzigen gelben Lämpchen bestand, das nun am äußersten linken Rand der Instrumententafel stupide vor sich hin leuchtete. Dummerweise war es eines der Lämpchen, die niemals hätten leuchten dürfen.
Adam setzte sich kerzengerade hin und hämmerte mit der flachen Hand einmal kräftig auf die rote Schaltfläche in der Mitte des Pultes.
Alarm!
Sofort ertönte in der gesamten Raumstation ein durchdringender Heulton.
Was bedeutete das gelbe Lämpchen, verdammt? Er trug zwar das gesamte Wissen seiner acht Vorgänger in sich, fand aber keine Information darüber. Immerhin wusste er, dass es zur Gruppe der Signale gehörte, deren Aufleuchten einen unmittelbaren Vollalarm nach sich ziehen musste.
„Computer, erbitte Erläuterung zu Signal-Elektrode F3.“
„Bewegung an der Außenhaut von Terra Revival“, schnarrte es aus den Lautsprechern der Kommandokuppel.
„Außenkameras an und auf Rundumabtastung gehen!“
„Nicht nötig, alter Junge.“
Adam IX fuhr in seinem Drehsessel herum. Er hatte Henry X nicht kommen gehört.
Henry Wilbur, der Zehnte, beugte sich über die Schalttafel und deaktivierte den Alarm. Sofort verebbte der nervenzerfetzende Heulton. Er ergriff das Mikro und sprach: „Hier spricht Commander Wilbur, der Alarm ist beendet, alle Mann wieder auf ihre Arbeitspositionen.“ Und zu Adam gewandt: „Nur 1,8 Sekunden bis zur Alarmauslösung. Nicht schlecht, alter Junge. Ich glaube, wir können uns mit Adam Shelter, dem Zehnten, noch etwas Zeit lassen.“ Dabei grinste er leicht und versetzte seinem Freund einen leichten Hieb auf den Oberarm.
„Du testest mich?“ Adam IX mochte noch nicht das Grinsen des Commanders erwidern. Ein Alarm war ein zu ernste Sache. Und das Klonen seines Nachfolgers ebenso. Schließlich würde das seinen eigenen Tod bedeuten.
„Quatsch. Verstehst du keinen Spaß mehr? Die Jungs brauchen ab und zu mal einen Probealarm zum Wachwerden – Ich habe eine Entdeckung gemacht, die ich für nicht ganz unwesentlich halte. Da ist ein Alarm schon angemessen. Komm nach deiner Wache in meiner Privatkabine.“ Mit diesen Worten drehte der Commander sich um und verschwand aus der Kuppel. Adam IX lehnte sich zurück, schaute durch die Kuppelfenster in den Weltraum und wartete, dass sein Puls wieder Normalfrequenz erreichte. Commander Wilbur war ein komischer Kauz mit einem skurrilen Sinn für Humor. Aber im Grunde mochte er ihn.


„Und, was hast du Großartiges herausgefunden, du alter Spaßvogel?“
„Das hier.“ Henry X knallte ein alt aussehendes Speicherelement auf seinen Schreibtisch. „Du erinnerst dich doch“, begann er umständlich, „dass die End-Speicherelemente des Gravitations-Computers in letzter Zeit Zicken machten. Ich habe mich mal im Ersatzteillager umgesehen und das hier gefunden.“
„Und?“
„Es ist ein Speicherelement aus einem Computer, der seit fast 900 Terra-Jahren nicht benutzt wurde.“
„900 Jahre? Aber das bedeutet ...“
„Exakt, dieser Computer stammt noch von der Erde. Auf ,Terra Revival’ wurde er noch nie eingesetzt.“
„Ich wusste gar nicht, dass wir noch solchen Schrott an Bord haben.“
„Ich auch nicht.“
„Na, interessant. Aber immer noch kein Grund, deswegen den Alarm auszulösen. Wie hast Du das eigentlich geschafft?“
„Hab einen Roboter auf die Außenhülle geschickt – das Speicherelement ist nicht leer.“ Jetzt schwieg Commander Wilbur bedeutungsschwanger – etwas, womit Adam IX wenig anfangen konnte. Ohnehin dauerte ihm die ganze Unterhaltung schon viel zu lange. Er war nach der Wache müde. Komisch, obwohl er dabei kaum etwas zu tun hatte, machte ihn der Wachdienst müder als sein normaler Job in der Kursberechnung. Irgendwas würde schon auf dem Speicherelement sein. Wahrscheinlich nicht gerade die Zerstörung der Erde oder das hastige Zusammenbauen von „Terra Revival“ oder das Abheben der Raumstation nahezu mitten im hereinbrechenden Chaos – ein Chaos, das bekanntlich mit der Implosion der alten Erde endete. Fast wäre Terra Revival von den umherfliegenden Trümmern zerstört worden ... Er merkte, wie seine Gedanken zum immergleichen Thema abglitten. Er war eben müde, verdammt noch mal. Wahrscheinlich zeigte das Speicherelement etwas aus dem Leben der Männer auf der alten Erde. Alles schon tausendmal gesehen.
„Auf dem Speicherelement“, eröffnete Commander Wilbur jetzt endlich, „befinden sich Szenen aus dem Lebens der Menschen auf der alten Erde.“
Adam IX hätte fast gegrinst. Aber warum sprach sein Kommandant so undeutlich? „Männer, meinst Du.“
„Nein“, und jetzt wurde Wilburs Stimme fast theatralisch, „ich meine Menschen.“
„Menschen? Was ist das für ein Wort? Ich kenne es nicht.“
Statt einer Antwort legte Wilbur das Speicherelement in seinen Privatcomputer, dimmte das Licht und spielte die uralte Sequenz ab.

Als der Lehrfilm zu Ende war, sagte lange Zeit keiner der beiden Männer ein Wort. Sie saßen in dem abgedunkelten Raum, der jetzt auch nicht mehr vom Computer-Bildschirm erhellt wurde.
„Aber das ist absurd“, brach Adam IX das Schweigen.
„Ist es das?“
„Wenn es tatsächlich diese“ – Adam IX zögerte wegen des bis jetzt unbekannten Wortes – „Frauen gäbe, dann wüssten wir doch davon. Wir haben das gesammelte Wissen unserer Vorgänger in uns. Adam I hat noch auf der Erde gelebt. Er hätte von diesen, diesen Frauen wissen müssen.“
Commander Wilbur reckte die Arme über den Kopf und streckte sich. Auch er wirkte jetzt übernächtigt. „Du weißt wie ich von den alten Gerüchten.“
„Ach hör doch auf – Märchen.“
„Und wenn nicht? Was ist, wenn doch das Gehirn der Raumfahrtbesatzung in letzter Minute vor dem Start manipuliert worden ist. Vielleicht sollten sie sich nur an bestimmte Dinge erinnern. Frauen gehörten nicht dazu.“
„Aber welchen Sinn ...?“
„Der Film sagt, dass Frauen und Männer zusammenkamen, um sich fortzupflanzen – dass so der Fortbestand der Menschheit gesichert wurde ...“
„Was Quatsch ist“, fiel ihm Adam IX ins Wort. „Jeder weiß, dass wir uns durch Zellklonen fortpflanzen. Jeder Mann lebt ungefähr – je nach Konstitution – 100 Jahre, danach macht sein Klon weiter.“
„Klar, die Frage ist nur, ob das schon immer so war. Sieh es mal so: Hier auf unserer Raumstation macht diese Fortpflanzungsmethode Sinn: Wir haben nur Platz für maximal 20 oder 21 lebende Männer. Würden wir uns so fortpflanzen, wie es in diesem Film beschrieben wird, dann würden wir ständig mehr werden. Und diese – wie hießen sie noch? – Kinder, also die Nachkommen, könnten keine Arbeit an Bord verrichten. Welchen Sinn sollte das haben?“
Adam IX wusste keine Antwort. „Aber ...“
„Aber? Was ist, wenn es außerdem noch etwas anderes mit diesen Frauen auf sich hatte. In dem Film ging es um Familien. Diese Menschen lebten in einer Wohnung zusammen. Kannst du dir vorstellen, mit einem der Männer hier in einer Wohnung zu leben?“
„Nein.“ Jetzt musste Adam IX wider Willen grinsen.
„Vielleicht“, so fuhr Commander Wilbur fort, „liegt oder besser lag es in der Natur der Menschen, mit anderen zusammenzuleben. Hier an Bord würde das nicht gehen. Du weißt, dass wir nur sehr wenige Lebenserhaltungssysteme haben. Und die brauchen wir, um das Minimum an Besatzung entkühlt zu haben. Du weißt, was unser Ziel hier ist. Das alles ist nur eine Übergangssituation.“ Wilbur gestikulierte jetzt wild mit den Armen. Adam IX kannte diesen Zustand. Der Commander hatte sich in Rage geredet. Er würde sich kaum bremsen lassen. Deswegen erwiderte er auch nur matt: „Aber das wissen wir doch alles.“
„Eine Übergangssituation, die lediglich das Ziel hat, einen neuen Planeten für unsere Spezies zu finden, nachdem die Erde implodiert ist.“
„Eine Übergangssituation, die schon 867 Jahre dauert.“
Commander Wilbur ging nicht auf Adams Einwand ein: „Ich habe noch etwas herausgefunden. Erinnerst du dich, wie diese Frau in der Sequenz hieß?“
„Nein.“
„Ich aber, weil ich mir den Film jetzt mindestens 15 mal angeschaut habe. Sie hieß Eva.“
„Und?“
„Eva scheint also ein gebräuchlicher Name für Frauen zu sein. Oder kennst Du einen Mann, der Eva heißt?“
Adam konnte zwar ein gewisses Interesse für Wilburs Entdeckungen nicht leugnen, dennoch fühlte er sich mittlerweile so müde, dass er beschloss, die Unterhaltung am nächsten Tag fortzusetzen. „Commander, sei mir nicht böse, aber ...“ In diesem Moment fiel ihm etwas ein: „Deine Theorie stimmt nicht. Einer von den 500 gefrorenen Männern unter im Kühlsystem heißt Eva. Adam III hat sich die Namen aus Langeweile vor etwas mehr als 600 Jahren einmal ...“ Adam stockte. Commander Wilburs Augen wurden größer und größer und sämtliche Farbe wich aus seinem Gesicht.
Fast gleichzeitig sprangen beide Männer auf und hetzten zum Fahrstuhl: „Zum Kühlsystem“, brüllten sie unisono in die feinen Mikrofon-Membranen.

392 Jahre später landete ein Beiboot der „Terra Revival“ auf einem Planeten, den die Besatzung „Terra Nova“ nannte. Erstmals seit dem zwangsweisen Beginn ihrer Reise vor 1259 Jahren hatte die Besatzung einen Planeten entdeckt, der sowohl genügend Wasservorkommen, als auch eine mit Sauerstoff angereicherte Atmosphäre aufwies. Die Durchschnittstemperaturen lagen bei 23 Grad Celsius. Adam XIV und Eva IV waren die ersten, die das Beiboot verließen.
Hand in Hand.

© Andreas Schröter 2002

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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