Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Oktober 2002
LifeParx, Inc.
von Frank Hoese


Der luxuriöse Park erstreckte sich weit, und die Anlagen bezeugten erlesenen Geschmack. Dr. Lee, der Leiter der LifeParx-Zweigstelle, versäumte nie, Besucher auf eine silberne Plakette im Foyer aufmerksam zu machen, eine Auszeichnung, die die Einrichtung für ihre beispielhafte Landschaftsarchitektur erhalten hatte. Edia und Brad Beaufort III. genossen den Anblick des grenzenlosen blauen Himmels und den Duft, den die vielfarbigen üppigen Blüten verströmten, in vollen Zügen. Nach ihrem sechsjährigen Aufenthalt im Marshabitat erschienen ihnen jeder Ausblick, der weiter als fünfzig Meter reichte, und jeder Spaziergang unter freiem Himmel in einer atembaren Atmosphäre wie ein Gottesgeschenk. Das Habitat war verschwenderisch ausgestattet, aber beengt; die Erde war offen und paradiesisch, das Land, in dem Milch und Honig überreichlich flossen.
Der Arzt, der neben ihnen über die geharkten Kieswege schritt, mochte vielleicht Ende Fünfzig sein. Seine Haut war glatt und sehr gepflegt, und ihr irisierendes Schimmern verriet ein eingekreuztes Designer-Gen, vielleicht ein Ricotti oder Saint-Juve. Sein freundliches Gesicht war bartlos. Eine ID-Karte, die an seinem Kittel befestigt war, wies ihn als Dr. Lee aus.
„Sie sehen ganz wunderbar aus, gnädige Frau“, schmeichelte er der knabenhaft schlanken Kundin. „Der Aufenthalt im Habitat hat Ihnen gutgetan.“
„Ich freue mich auch sehr auf unser Kind“, antwortete Edia, die froh war, dass der Arzt ihr die Strapazen des Marstransits nicht ansah. „Wann, sagten Sie, ist es soweit?“
„In drei Wochen. Alles verläuft wunschgemäß“, versicherte Dr. Lee. „Eine optimal koordinierte Schwangerschaft, eine hervorragende Inkubatorin. Haben Sie sich übrigens schon für eine Ausbildungsstätte entschieden?“
„Wir haben einen Platz im Metropolitan-Institut für Frühkonditionierung bekommen“, antwortete Brad, und seine Stimme vibrierte vor unterdrücktem Stolz.
„Eine ausgezeichnete Wahl für eine wissenschaftliche Laufbahn“, lobte der Arzt. „Das Genom dazu hat Ihr Sohn ja.“
„Hat uns eine Stange Geld gekostet“, murmelte Brad Beaufort III., aber Lee überhörte die Bemerkung.
Sie gelangten auf eine Empore, die von einem schmiedeeisernen Geländer begrenzt wurde. Einige Meter unter ihnen lag eine große Wiese ausgebreitet, auf der in kleinen Gruppen Bäume zusammenstanden. In ihrem Schatten und zwischen ihnen saßen, lagen, schritten junge Frauen in verschiedenen Stadien der Schwangerschaft. Einige waren noch ganz schlank, andere trugen mit sichtlicher Mühe ungeheure Bäuche vor sich her. Edia schauderte.
Der Arzt wies auf eine brünette junge Frau, die im Schatten eines Baumes saß und in einem Buch las. Unter einem weiten blauen Kleid zeichnete sich die gewaltige Wölbung ihres Leibes ab.
„Das ist sie.“
Er hielt Edia und Brad ein kleines Fernglas hin, und Edia nahm es und spähte hindurch. Die Brünette wirkte entspannt und war gut ernährt; Edia bemerkte, dass sie Sommersprossen hatte.
„Ich hatte sie mir ganz anders vorgestellt.“
Sie gab das Fernglas an Brad weiter, der einen kurzen, uninteressierten Blick auf die Frau warf, in deren Körper sein Sohn heranwuchs.
„Sieht nach nichts Besonderem aus“, sagte er und gab Dr. Lee das Fernglas zurück.
„Es sind ihre inneren Werte, die zählen“, erwiderte der Arzt und nahm das kleine Gerät entgegen. „Dies ist ihre zweite Schwangerschaft. Die vorangegangene hat ebenfalls LifeParx durchgeführt, also wussten wir, dass es keine Komplikationen gab. Und sie ist noch nicht verbraucht wie manche Inkubatorinnen, die vier, fünf oder gar sechs Kinder ausgetragen haben. So sind sie am besten.“
Er zauberte ein paar farbige Bilder aus der Kitteltasche hervor und hielt sie Edia hin. „Und die Resultate geben uns Recht.“
Edia stieß einen kleinen entzückten Laut aus, und Brad beugte sich neugierig über ihre Schulter. Es waren die neuesten Scans ihres reifenden Sohnes. Die beiden bestaunten die winzigen Finger, die das Kind vors Gesicht gehoben hatte, als wolle es sie durch die geschlossenen Augenlider hindurch betrachten, und das perfekte rosige Schimmern der Haut, die mit einem dünnen Haarflaum bedeckt war.
„Sie kann keine Sommersprossen auf ihn übertragen, oder?“
Der Arzt meckerte ein freundliches Lachen. „Nein, Mrs. Beaufort, über diesen Punkt müssen Sie sich keine Sorgen machen. Es sind die Erbinformationen, die solche Hautunreinheiten verursachen, und die hat Ihr kleiner Brad IV. ausschließlich von Ihnen und von MetroLab. Beste Qualität. Durch die Inkubatorin kann die Erbsubstanz nicht verunreinigt werden.“
„Das ist auch besser so“, sagte Brad Beaufort III. „Immerhin zahlen wir Ihnen ein Vermögen dafür.“
„Für eine First-Class-Schwangerschaft ohne den leisesten Hauch eines Problems“, fügte der Arzt hinzu.
Das Trio verließ den Aussichtspunkt und betrat einen breiten Kiesweg, der zum Business-Center des Inkubationsparks führte. Hier warteten noch einige bunte Bilder und Zahlen, die das Paar von der Qualität der Leistungen von LifeParx restlos überzeugen würden, falls noch ein Hauch von Zweifel bestünde. So kurz vor der Geburt zeigten fast alle werdenden Eltern neurotische Symptome. Dr. Lee konnte damit umgehen.

Das Buch war sterbenslangweilig, und schon seit einer Weile verfolgte Marah die Handlung nicht mehr, sondern konzentrierte sich träge auf die Wärme der Sonne, den Duft von Gras, Blumen und Erde um sie herum und die leisen Bewegungen des Kindes. Von den Beobachtern merkte sie nichts, und wenn man sie auf sie aufmerksam gemacht hätte, ihr offenbart hätte, dass dies - juristisch betrachtet - Vater und Mutter des kleinen Burschen in ihrem Bauch seien, hätte es ihr wenig ausgemacht. Ihr Entschluss stand fest.
Die Beauforts würden das Kind niemals zu Gesicht bekommen.
Die Gruppe hatte sich vorbereitet und wartete nur noch auf das Signal, dann würden landesweit Plakate und Erklärungen auftauchen, und Marahs Gesicht würde über Nacht jedermann so geläufig sein wie der Anblick des Mondes. Und der kleine Junge, den die Beauforts zusammengemischt hatten wie einen exklusiven Cocktail, würde in Freiheit geboren werden und wählen können, welchen seiner Talente er folgen wollte.
Marah zweifelte nicht daran, dass viele ihrem Beispiel folgen würden.
Ein melodiöses Läuten verkündete das Ende der Parkzeit, und Marah klappte das Buch zu, erhob sich so, wie die Schwangerschaftstherapeutin es ihnen beigebracht hatte, und folgte dem sanft geschwungenen Weg zurück zum Wohntrakt.

Die Messstationen im Saal B des Wohntrakts füllten sich langsam. Marah entdeckte einen freien Stuhl und steuerte auf ihn zu. Ihr Rücken schmerzte, und sie war heilfroh darüber, dass es in ein paar Wochen vorbei sein würde.
Schwerfällig ließ sie sich auf den Messstuhl nieder, streifte das blaue Kleid über ihren Bauch hoch und legte die Arme auf die Lehnen. Kühle Gummimanschetten schlossen sich um ihre Unterarme und Handgelenke, und ein Messschirm mit mattgrauer, silbrig glänzender Oberfläche senkte sich über ihren prallen Bauch. Das Kind bewegte sich, als würde es die Anwesenheit des Maschinenarms spüren. Marah atmete ein paarmal tief durch, um eine gute Sauerstoffsättigung zu haben, und versuchte sich zu entspannen.
„Bitte bestätigen Sie Ihre Tagesaktivitäten“, ertönte eine körperlose weibliche Stimme neben ihrem Ohr. Ein Gürtelchip zeichnete die Bewegungen der Frauen durch die verschiedenen Abteilungen des Hauses auf. Auf diese Weise konnte man einen Teil ihres Lohns einbehalten, wenn sich herausstellte, dass eine Inkubatorin ihr Programm nicht ordnungsgemäß absolvierte. Der Chip wurde bei jeder abendlichen Messung ausgewertet, und so entstand eine lückenlose Dokumentation des Schwangerschaftsverlaufs von der Einpflanzung des Embryos bis zur generalstabsmäßig geplanten Geburt. Marahs Freundin Lizbeth, die gerade ihre vierte LifeParx-Schwangerschaft absolvierte, hatte ihr erzählt, dass die Firma sich so vor Schadenersatzklagen von Eltern schützte, die mit dem Ergebnis der Austragung nicht zufrieden waren.
„Waschraum, achtzehn Minuten.“
„Bestätigt.“
Eine Kolostrumpumpe senkte sich herab, und Marah öffnete ihr Kleid, nahm den kühlen Vakuumsauger, der nach Desinfektionsmittel roch, und setzte ihn auf ihre linke Brustwarze. Ein leichter Stich ging durch ihre Brust, als das Gerät unvermittelt eine Probe der Vormilch ansaugte, und sie zuckte zusammen.
„Wohnraum, zweiundzwanzig Minuten.“
„Bestätigt.“
Wie eine Kuh, dachte Marah, eine Kuh ohne Seele oder Überzeugungen. Sie würden sehen, dass in den Überzeugungen der Frauen eine Kraft lag, die Mauern zum Einsturz bringen konnte, und Marah und Liz würden die Botinnen sein, die ihnen die Botschaft überbrachten. Der Gedanke erfüllte sie mit Zufriedenheit, selbst bei dieser erniedrigenden Prozedur. Seth würde eine Wahl haben. Seth, ihr Sohn, und Liz’ Tochter, und viele andere nach ihnen.
Der Kolostrumsauger gab ihre Brustwarze frei und zog sich zurück.
„Teilnahme am Frühstück, siebenundzwanzig Minuten.“
„Bestätigt.“
Selbstverständlich wurde gewogen und abgezählt, was die Frauen zu sich nahmen. Es gab einen Schwarzmarkt für Süßigkeiten und Obst, kleine unauffällige Zwischenmahlzeiten; wenn man mit ihnen erwischt wurde, konnte das schlimme Folgen haben.
„Ruheraum, dreißig Minuten.“
„Bestätigt.“
„Bewegungstherapie in der Gruppe, fortgeschrittene Phase. Fünfundvierzig Minuten.“
„Bestätigt.“
Während die Maschine Marahs Tagesablauf durchging, verließen die Frauen, die als erste gekommen waren, bereits den Saal B und strebten in kleinen Gruppen dem Speisesaal zu. Sie lachten und plauderten miteinander. Hier drin hatten sie es oft besser als dort, wo sie herkamen.
Nach der Messprozedur schloss Marah sich den Frauen an, die in den Speisesaal gingen. Sie entdeckte ein paar bekannte Gesichter und schob sich vorsichtig durch die Reihen der Frauen, bemüht, nirgendwo mit ihrem Bauch anzustoßen, dessen stiller Bewohner ihr mit jedem Tag verletzlicher erschien. Liz und ein paar andere hatten bereits einen Tisch gekapert. Sie setzte sich zu ihnen, bemerkte die missmutigen Mienen ihrer Freundinnen und stutzte.
„Was ist los, Mädels? Gibt es schon wieder Fischleber?“
Liz und Greta tauschten einen kurzen Blick aus.
„Wir wissen es bis jetzt nicht sicher“, sagte Greta, „aber wir haben gehört, dass eine Trakt-C-Frau heute mittag ihre Tage gekriegt hat.“
„Du lieber Gott“, entfuhr es Marah. Eine Fehlgeburt war eine schlimme Sache; die Frau bekam nur einen Bruchteil ihres Lohns, musste das LifeParx-Gelände binnen zwei Tagen verlassen - notfalls im Ambulanzwagen - und konnte nie wieder als Inkubatorin arbeiten, außer vielleicht für einen Illegalen, der mies bezahlte und so gut wie keine medizinische Versorgung bot.
„Wisst ihr, wer?“
„Tracy Shulman, heißt es. Aber das ist bis jetzt nur ein Gerücht, also behalt es für dich.“
Bei allem Mitgefühl für die Frau, die es erwischt hatte, war Marah froh (und Liz und Greta zweifellos mit ihr), dass es keine Frau aus dem B-Trakt getroffen hatte. Eine Fehlgeburt bedeutete immer eine endlose Reihe von Extra-Scans und schärfere Kontrollen der Frauen des Traktes, Leibesvisitationen und Beschränkungen der Bewegungsfreiheit. LifeParx versuchte stets, die Schuld auf die Frauen zu schieben, indem von unerlaubten Drogen, heimlichen Mahlzeiten, Trainingsverweigerung und ähnlichen Dingen gesprochen wurde.
„Ich würde mich umbringen, wenn ich eine Fehlgeburt hätte“, behauptete Christa Fuller, die mit neunzehn Jahren ihre erste LifeParx-Runde drehte und damit erst am Anfang ihrer vielversprechenden Karriere stand. „Ich will raus aus den Außenbezirken. So schnell wie möglich.“
„Das wollen wir alle, Kindchen“, sagte Greta, die sich mit ihren zweiunddreißig Jahren als Seniorin der Gruppe betrachtete; dies würde ihre letzte Geburt werden. Vier hatte sie für LifeParx gemacht, dazwischen hatte sie in einem staatlichen Haus eine eigene Tochter zur Welt gebracht, deren durchschnittliches Genom freilich wenig Anlass zum Jubeln gab. „Ich freue mich auf meine Prämie. Aber ich muss sagen, selbst wenn sie mich diesen Mist nochmal machen ließen, würden mich hier keine zehn Pferde mehr reinkriegen. Und erst recht nicht in ein staatliches Geburtshaus.“
Die Frauen murmelten zustimmend. Mehr als die Hälfte von ihnen würde trotzdem wiederkommen. Marah und Liz nicht. Nie wieder.

Hinter der Parkhauseinfahrt hatte der Streifengleiter einen perfekten Standort. Der Großteil der müllübersäten Straße ließ sich von hier aus überblicken, und das Peilgerät lag unauffällig in einem Lüftungsschlitz aus Aluminium, das das Messfeld nicht beeinträchtigte, das Gerät selbst aber den Blicken der Vorbeigehenden völlig entzog.
Shaeffer betrachtete die Anzeigen des Peilgerätes und fummelte alle paar Sekunden an den Kontrollen herum.
Brannigan kramte im Ärmelaufschlag nach Zigaretten. Kroppzeug beaufsichtigen war eine langweilige Angelegenheit. Gottseidank war in zwanzig Minuten die nächste Tour fällig, dann gab es vielleicht was zu sehen.
Ein Mann, der eine große Tasche trug, bog um die Ecke und ging in nördlicher Richtung davon. Er ging schnell, und der Scanner maß einen Puls von 150 Schlägen. Der Kerl war entweder herzkrank oder schwer nervös. Bran schob die Kippen wieder in den Ärmelaufschlag und holte den Scanner herein.
„Shaeffer, Personenkontrolle.“
Der junge Polizist startete den Gleiter, bevor sein ranghöherer Kollege ausgesprochen hatte. Als das Fahrzeug aus der Ausfahrt schoss und Brannigan das Blaulicht aufblitzen ließ, zögerte der Mann kurz, dann rannte er los.
„Treffer“, raunte Shaeffer.
Der Flüchtende bog in die erste schmale Gasse ein, und Bran lachte erfreut auf. Der Mann warf die Tasche fort, aber das nützte ihm wenig. Der wendige Gleiter holte in wenigen Sekunden auf. Nachdem der Mann noch ein paar Meter gelaufen war, blieb er vor einer Ziegelwand stehen. Er blickte daran empor. Zu hoch.
„Hol die Tasche“, befahl Bran, öffnete sein Gürtelholster und stieg aus, eine Hand auf der Waffe.
„Sie werden als verdächtige Person eingestuft, Sir“, hörte Shaeffer seinen Kollegen den Beginn der Boston-Formel aufsagen. „Bitte leisten Sie keinen Widerstand.“
Der junge Polizist hastete die Gasse hinunter und entdeckte die Tasche hinter einem Müllcontainer.
„So, Freundchen, jetzt rührst du dich nicht vom Fleck und hältst die Fresse, sonst werd ich ungemütlich“, beendete Bran die Formel höchst unförmlich und kam seinem Kollegen grinsend entgegen. Der Verdächtige, ein junger, dunkelhaariger Mann mit Oberlippenbart, stand schweratmend an der Wand, und er sah nicht aus, als wenn er Ärger machen wollte. Shaeffer öffnete die Tasche; eine dicke Rolle Plakate war darin. Bran zog eins heraus und hielt es auseinander, und Shaeffer zückte einen Handstrahler und ließ den Lichtkegel auf das Bild fallen. Es zeigte eine hochschwangere nackte Frau im Schneidersitz, die mit beiden Armen ihren Bauch umfing, auf dem zwei volle Brüste ruhten. Ihr Körper war mit Sommersprossen übersät, und sie blickte offen in die Kamera. „WÜRDE“ stand in großen Lettern darüber. Mit einem Geräusch des Abscheus wandte Shaeffer sich ab.
„Alles klar“, brummte Bran. „Einer von diesen Scheiß-Naturfickern. Pornographie vom Übelsten.“ Er rollte das Plakat zusammen und stopfte es zu den anderen in die Tasche.
„Buchten wir das perverse Schwein ein.“

Anna zog sich mit klopfendem Herzen vom Fenster zurück. Sie hatte Stuarts Festnahme beobachtet, wenige Schritte von dem Hauseingang entfernt, der vielleicht seine Rettung bedeutet hätte. Er war geistesgegenwärtig genug gewesen, die Polizisten nicht zu ihrer Wohnung zu führen. Aber sie hatten die Tasche mit Plakaten, die Marah während ihrer ersten Schwangerschaft zeigten. Sie hätte den Polizisten nicht in die Hände fallen dürfen; nicht, bevor Marah in Sicherheit war, nicht, bevor sie die Erklärung verbreiten konnten. Marah war in höchster Gefahr, denn die Polizei würde sie in wenigen Minuten identifizieren können.
So kurz vorm Ziel!
Sie schloss die Vorhänge und schaltete ein mattes Licht ein.
Auf einem Beistelltisch neben einer schmalen Holzbänkchen stand ein Kom-Terminal. Ein Mailer war daran angeschlossen, wie Werbefirmen ihn verwendeten. Wenn Marah in Sicherheit war, würde ihr Anruf das Mailing-Gerät in Gang setzen, das daraufhin an alle Mail-Adressen im Zentralserver die Erklärung der Gruppe senden würde. Stuart hatte ausgerechnet, dass sie mit etwas Glück mehr als fünfhunderttausend Leute erreichen konnten, bevor die Wohnung aufflog.
„REPRODUKTIONSMEDIZIN - DIE SCHLIMMSTE FORM DER SKLAVEREI“, begann die Erklärung.
„Bitte, bitte, bitte“, flüsterte Anna. „Lass Marah und Liz heil ankommen.“

Als im Dunkel des B-Saales nur noch die tiefen Atemzüge der vierundzwanzig schlafenden Frauen zu hören waren, stand Marah lautlos auf und tastete sich im spärlichen Mondlicht, das durch die hohen Fenster fiel, zu Liz’ Bett hinüber.
„Liz?“
Mit einem leisen Stöhnen erwachte die Ältere und schlug die Augen auf.
„Marah. Jetzt schon?“
„Ja, jetzt. Komm.“
Die beiden Frauen schlüpften in ihre Morgenröcke und huschten auf bloßen Füßen zum Ausgang des Schlafsaales. Liz blickte auf ihre Uhr; die Leuchtanzeige zeigte 23:07. Großartig - vor ein Uhr früh würde niemand ihre Flucht entdecken, denn erst dann machte Schwester Florence ihren Rundgang. Jetzt hatten sie eine Verabredung mit Elise, die am Wäschereieingang wartete und sie nun hinausschmuggeln würde, während eine namenlose Freundin den wachhabenden Officer im Überwachungsraum ablenkte.

„Die Anlage ist schon interessant, aber zu teuer“, sagte die diensthabende Wache. Es war eine Weile her, dass sie auf die Monitore geblickt hatte; der Katalog war weitaus interessanter als die ewig leeren Flure der Wohntrakts.
„Bah!“ machte die Wartungstechnikerin. „Teuer! LifeParx schwimmt im Geld.“
Die Wache schreckte hoch, als ein Ruf hereinkam. Sie ließ den Katalog unter dem Tisch verschwinden und nahm den Ruf entgegen. Auf dem Bildschirm erschien ein untersetzter Mann in Polizeiuniform.
„LifeParx, Officer Kelly hier.“
„’n Abend, Officer. Lieutenant Banks, LA Police Department. Ist Ihnen diese Frau bekannt?“
Das fleischige Gesicht des Polizisten verschwand vom Schirm und wurde durch die Fotografie einer sommersprossigen jungen Brünetten ersetzt, die Kelly vage bekannt vorkam.
„Bishop, B-I-S-H-O-P, Marah“, buchstabierte der Cop. „Müsste bei Ihnen unter Vertrag sein. Ne Weile schon.“ Seine missmutige Miene kehrte auf den Schirm zurück.
„Sekunde, Lieutenant.“
Kelly tippte den Namen ein und erhielt einen Datensatz. Eine der B-Trakt-Frauen, Liefertermin in drei Wochen.
„Ja, sie arbeitet bei uns.“
„Na also. Seien Sie doch bitte so freundlich, die Dame bereitzuhalten. Wir werden sie wohl mitnehmen müssen.“
„Was hat sie denn verbrochen?“
„Strafbare Pornographie. Staatsfeindliche Propaganda gegen die Reproduktionsgesetze. Wir prüfen das noch. Wahrscheinlich eine von den Irren, die glauben, wir müssten unsere Kinder wieder im Urwald kriegen, und wir brauchen sie hier im Revier, um sie zu vernehmen.“
„Das wird nicht ganz so einfach sein, wie Sie anscheinend glauben, Lieutenant Banks.“
„Ich habe mich wohl eben ein bisschen verhört.“
„Nicht im Mindesten“, erwiderte Kelly und grinste. „Die Dame hat ein Vier-Millionen-Dollar-Baby bei sich, das in ein paar Wochen eine Verabredung mit seinen Eltern hat. Seinen einflussreichen Eltern, wie ich betonen möchte. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie ihren Sprössling beim Knastpförtner abholen wollen.“
Die Gesichtsfarbe des Polizisten wurde einige Nuancen dunkler.
„Aber damit Ihnen keine Naht an Ihrer schicken Uniform platzt, verspreche ich Ihnen, dass Mrs. Bishop bis zur Beendigung ihres Dienstverhältnisses in unserem Sicherheitsbereich gut aufgehoben ist.“
Sie überflog den Bildschirminhalt.
„Sie können sie am...“, sie blickte auf den Datensatz, „am einundzwanzigsten Juni abholen, das ist sechs Wochen nach der Geburt. Solange bleibt sie hier, denn LifeParx hat einen vertraglichen Anspruch auf die Muttermilch. Danach steht sie Ihnen zur Verfügung.“
„Na klar, nächstes Jahr zu Weihnachten“, schnaubte der fassungslose Polizist. „Mit’m Scheiß Rolls-Royce werd ich das Flittchen abholen.“
„Fein“, sagte Kelly. „Rolls geht in Ordnung. Ein Gefangenentransporter wirkt immer ein bisschen gewöhnlich. Einen schönen Abend noch, Lieutenant.“
Sie langte zur Tastatur und beendete die Verbindung.
Das war eine unangenehme Sache. Wenn die Bishop tatsächlich zu so einer Natürliche-Geburt-Gruppe gehörte, konnte das dem Ruf der Firma erheblich schaden. Himmel, vielleicht war die Fehlgeburt in C das Ergebnis einer Sabotage. Lee musste Bescheid wissen. Aber zuerst musste die Bishop weggeschlossen werden.
Sie schickte die Wartungstechnikerin fort, tippte eine Nummer ein, informierte Schwester Florence, die Nachtschwester des B-Traktes, und kommandierte zwei Wachen ab, die auf dem Gelände in der Nähe patroullierten. Keine drei Minuten später traf die kleine Truppe im Schlafsaal B ein, so leise wie möglich, um kein Aufsehen zu erregen, bereit, Marah in den Käfig zu bringen.
Aber der Vogel war bereits ausgeflogen. Und ein zweiter mit ihm.

Marah und Liz ahnten nichts von der Aufregung, die im LifeParx-Wohnkomplex herrschte, als sie, verborgen zwischen schmutziger Wäsche, einer ungewissen Zukunft entgegenfieberten. Es waren nur noch ein paar Meilen bis zu ihrem Versteck; wenn sie erst dort waren, würde alles gut sein.
Marah spürte, dass der Transporter um eine Kurve glitt.
Als das Fahrzeug sich dem Innenstadtring näherte, stand für Officer Kelly bereits fest, dass es für die Frauen nur eine Gelegenheit gegeben haben konnte, das LifeParx-Gelände zu verlassen, und sie setzte eine Fahndung nach dem Wäschetransporter in Gang.
Die Frauen überquerten den Innenstadtring, und als sie die Ausfallstraße zum San Fernando Valley ansteuerten, folgten ihnen bereits zwei zivile Einsatzfahrzeuge der Polizei. Der Detective, der das vordere der beiden Fahrzeuge steuerte, veranlasste die Sperrung der Ausfallstraße, nachdem klar war, welchen Weg der Transporter nehmen würde.
Marahs Herz klopfte bis zum Hals, als sie Elise leise fluchen hörte.
„Bleibt unten! Es ist nur eine Verkehrskontrolle. Sie suchen noch nicht nach uns.“
Elise wollte eben auf die Standspur fahren, als sie die beiden dunklen Gleiter bemerkte, die nun rasch zu ihr aufschlossen. Weiter vorn sammelten sich mehrere Polizeifahrzeuge, aus denen uniformierte Beamte stiegen. Eine Falle.
Ohne zu überlegen trat Elise auf das Beschleunigungspedal, riss das Fahrzeug herum, brachte es mit Mühe an den zivilen Gleitern vorbei und lenkte es in den entgegenkommenden Verkehr. Hupen gellten, und die Fahrzeuge sprangen beiseite; der Gleiter wurde von den Kollisionen mit ihren Schirmfeldern durchgeschüttelt wie ein Boot in einem heftigen Sturm, und ihre Scheinwerfer blendeten die Fahrerin.
Liz schrie. Elise griff nach Halt, als der Gleiter sich langsam zur Seite neigte, den Kontakt mit dem Leitstrahl der Fahrbahn verlor und von der eigenen Beschleunigung empor- und über den Rand des Verkehrsbereichs getragen wurde. Der Gleiter überschlug sich, und nun schrie auch Marah auf.
Als das Fahrzeug mit äußerster Wucht gegen einen Brückenpfeiler prallte, starb Elise im Bruchteil eines Augenblicks. Die Türen des Wäschetransporters flogen auf, und während die Zeit für eine endlos lange Sekunde stillzustehen schien, wurden die beiden Frauen, eingehüllt in Laken und blutige Abdecktücher, wie unförmige Lumpenpuppen durch die Luft geschleudert, bis ein Verkehrsschutzwall aus Beton ihrem Flug ein Ende machte.

„Ihr persönlicher Besitz, Sir.“
Lieutenant Banks spähte in den Karton und kratzte sich am Kopf.
„Ist ja enorm.“
Er stocherte in der spärlichen Hinterlassenschaft der LifeParx-Frauen herum; ein Fotoapparat, ein Kugelschreiber, ein Notizblock. Ein Kamm aus blauem Plastik, in dem noch ein paar brünette Haare hingen. Banks griff den Notizblock heraus, blätterte ihn auf und fand eine hingekritzelte Kom-Nummer darin. Er aktivierte sein Terminal und gab die Nummer ein. Eine Verbindung wurde hergestellt, aber nichts geschah. Nach einigen Sekunden schaltete das Terminal sich wieder ab.
Banks drückte dem Officer die Nummer in die Hand. „Rausfinden, wem der Anschluss gehört“, brummte er. Dann nahm er die Kamera in die Hand.

Anna wartete neben dem Mailing-Gerät, und als der Anruf kam, jubelte sie so laut, dass man sie im ganzen Haus hören konnte. Mit vor Freude glühenden Wangen beobachtete sie, wie das Mailing-Gerät sich an die Arbeit machte und die Erklärung verbreitete. Dann verließ sie die Wohnung und fuhr ins San Fernando Valley. Sie erfuhr erst am nächsten Morgen aus den Nachrichten vom Tod ihrer drei Freundinnen, nachdem sie eine ganze Nacht lang vergeblich im Versteck auf ihr Eintreffen gewartet hatte.

In der VIP-Empfangslounge des LifeParx-Business-Centers tobte Brad Beaufort III. Edia war blass, wirkte aber gefasst, möglicherweise weil sie trotz der frühen Stunde ein wenig angeheitert war. Lee wünschte sich, nie geboren worden zu sein. Die Auszeichnungen in der edlen Redwood-Vitrine klirrten, wenn Beauforts zornige Schritte an ihnen vorüberstampften.
„Wir müssen versuchen, den Verlust in Grenzen zu halten“, begann Lee. „Selbstverständlich werden wir für vollständigen Ersatz sorgen.“
„Das Kind war fast fertig“, schrie Brad. „Und jetzt? Alles futsch! Und wir müssen wieder warten, Gott weiß wie lange, und wir wollten das Kind mit ins Marshabitat nehmen, wenn ich meine neue Stellung antrete! Wie stehe ich denn jetzt da?“ Er wandte sich zu seiner Frau um; sie fuhr zusammen, als er auch sie anschrie.
„Wie stehe ich jetzt da, frage ich dich?“
„Sie haben doch das Erbmaterial des Kindes archiviert, hoffe ich?“
„Natürlich! Wir haben drei Sicherungskopien des kompletten Genoms.“
„Na also. LifeParx übernimmt sämtliche Kosten für die Anfertigung eines neuen Embryos.“
„Von perfekter Qualität!“ brüllte Brad. „Der Embryo war makellos!“
Lee seufzte. „Ja, von perfekter Qualität. In den MetroLabs.“
Edia überlegte; vielleicht würde sie Brad III. dieses Mal von einem goldfarbig getigerten Baby überzeugen können, wie die von Hohenschilds sich eins hatten machen lassen.
„Und eine physisch gleichwertige Inkubatorin! Und dieses Mal passen Sie besser auf sie auf!“
„Natürlich“, versicherte der Arzt.
Beaufort blieb stehen und musterte Lee abschätzig. „Und für den erlittenen seelischen Schmerz werden Sie meiner Frau und mir eine angemessene Entschädigung zahlen.“
Dem Arzt fiel ein, was die Presse aus diesem Schlamassel machen konnte, und er seufzte wiederum.
„LifeParx wird alles zu Ihrer Zufriedenheit regeln“, sagte er.

Als Schwester Florence an diesem Morgen vom Nachtdienst nach Hause kam und ihre Mails prüfte, fand sie zu ihrer Enttäuschung nur ein einziges Dokument mit dem Titel REPRO in ihrer Mailbox und öffnete es. Sie sah, dass es nicht der Brief ihrer Schwester war, den sie seit einigen Tagen erwartete, und ihre Mundwinkel sanken herab.
Es war keine Werbung, sondern eine Art hasserfülltes Pamphlet gegen die Geburtsmedizin. Sie überflog es stirnrunzelnd zur Hälfte und löschte es dann aus dem Speicher.
Nicht zu fassen, dass Marah Bishop auch zu einer solchen Spinnergruppe gehört haben sollte. So eine freundliche junge Frau. Und nun war sie tot, und der arme kleine Beaufort mit ihr. Was für eine Tragödie.
Florence seufzte und streifte die Schuhe von den müden Füßen, bevor sie ins Badezimmer ging, um sich ein Bad einzulassen.
Man konnte niemandem trauen. Und wenn er noch so ein freundliches Gesicht machte.

(c) Frank Hoese 2002


Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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