Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Oktober 2002
Expedition
von Lutz Schafstädt


Ben fühlte sich nicht wohl. Er habe ein Flimmern vor den Augen und ihm sei schwindelig, beschrieb er es seiner Mutter.

„Du wirst doch nicht krank werden, eine Woche vor den Abi-Prüfungen? Am Besten du legst dich etwas hin und nachher nimmst du ein Erkältungsbad."

„Vielleicht habe ich etwas Schlechtes gegessen", meinte Ben. Mit angezogenen Beinen kauerte er im Sessel und erinnerte sich einzig an die gebratene Schweineleber, nachdem er zuvor den Sonntag bis zum Mittag verschlafen hatte. Der irritierte Blick seiner Mutter signalisierte ihm, dass sie zum gleichen Ergebnis gekommen war: „Das Essen war in Ordnung. Sonst würde es mir schließlich auch schlecht gehen!"

Ben beeilte sich, ihr Argument zu bestätigen. Für die übliche endlose Ursachenforschung war er nicht in Stimmung. Ich werde gleich ins Bad gehen, dachte er und hoffte, keine Lichtblitze mehr zu sehen, wenn er sich in aller Ruhe einfach nur ein wenig entspannte.

Ben ließ sich bis zum Hals in das warme Wasser sinken und schloss die Augen. Er wartete darauf, dass die bunte Wunderkerze hinter seinen Lidern erlöschen würde. Doch das Flackern wurde intensiver und er hatte nun sogar das Gefühl, es wie aus der Ferne auch hören zu können. Erst ein Grollen, dann ein Pfeifen, das schnell näher kam. Ben bekam Angst. Er versuchte die Augen zu öffnen, doch ein grelles, stechendes Licht blendete ihn. In Panik versuchte er aufzustehen, aber das schrille Geräusch sägte sich inzwischen mit einer solchen Gewalt in seinen Kopf, dass er die Hände vom Wannenrand nehmen musste, um seine Ohren zu schützen. Er platschte zurück ins Wasser und entschloss sich zu einem Hilfeschrei. Obwohl er alle Kraft hineinlegte, blieb er für ihn selbst unhörbar.

Im nächsten Augenblick war alles still. Totenstill und absolut dunkel. Nur allmählich kehrten die äußeren Reize zurück.

Zunächst nahm Ben die Wärme das Wassers wahr. Er saß also noch in der Wanne. Zu der Vorstellung, gerade gestorben zu sein, wollte diese Tatsache nicht passen.

Dann hörte er ein Rascheln, Schritten ähnlich, die sich eilig entfernten.

Schließlich wurden die Konturen der Umgebung erkennbar. Ben saß wie versteinert. Das Badezimmer hatte sich verändert. Es wölbte sich zu einer matt leuchtenden Kuppel, die umlaufende Wand war kahl und nur von einem niedrigen Türbogen unterbrochen. Die Tür war offen und führte auf einen Gang , auf dem sich etwas regte. Schatten bewegten sich und tuschelnde Stimmen waren zu erahnen.

Ben war verwirrt. Träumte er? War er in einem Krankenhaus, einem Operationssaal vielleicht? Er blickte über den Wannenrand. Die Kacheln der Einfassung fehlten. Mit dürren Metallbeinchen stand ein hässlich grauer Trog auf einem flachen Podest. Die Leitungen zu den Armaturen waren abgerissen.

Was läuft hier ab? Mit jedem seiner rasenden Pulsschläge schoss Ben eine neue Frage durchs Hirn. Seine Situation war absurd, ergab keinen Sinn. Wenn es eine Antwort gab, dann musste sie bei der Tür zu finden sein. Er beobachtete die sich bewegenden Schatten auf dem Gang. Sie waren zahlreicher geworden und schienen sich hinter der Wand zu verstecken.

Ben dachte noch darüber nach, ob er rufen oder einfach aus der Wanne steigen und hinübergehen sollte, als er ein leises Surren hörte. Ein regelmäßig geformter Schatten löste sich von den Übrigen und erschien in der Tür. Ein kleiner Kasten mit Rädern, einem futuristischem Bodenstaubsauger ähnlich, surrte auf ihn zu.

Ein Roboter? Vielleicht von Außerirdischen? Ja, Aliens hatten ihn entführt! Doch warum schleppten sie ihn erst in ihr Raumschiff, hatten dann aber Angst und verbargen sich vor ihm?

Plötzlich wurde Ben bewusst, unter welch kuriosen Bedingungen er den Außerirdischen gegenübertrat: Splitternackt saß er in einer Badewanne, er, der Botschafter der Menschheit, und erwartete die erste Begegnung mit den Bewohners eines fernen Planeten! Welche Rückschlüsse auf die Zivilisationsstufe der Erde sollten sie da ziehen?

Der Maschine kam näher. An ihrer Oberseite klappte ein Deckel auf. Eine schmale Apparatur schob sich an einem Teleskoparm in die Höhe. Sie schwenkte auf Ben zu. Er sah sie aufblinken und ein rotes Lichtband, das ihn an einen Scanner erinnerte, begann, seinen Körper abzutasten.

Möglicherweise wollten sie nur sichergehen, dass er keine Krankheitserreger mit sich schleppte. Oder sie erforschten die menschliche Anatomie. Bei allem Verständnis, die Prozedur war peinlich. Ben fühlte sich zur Schau gestellt, wie in einer Suppenterrine auf einem Sockel. Der Lichtstreifen, der langsam über seinen Körper glitt, glich einem gierigen Blick, dem er sich hilflos ausgeliefert fühlte. Mehrfach wanderte er von den Zehenspitzen bis zu seinem Kopf und schien sich dann besonders auffällig mit seinem Unterleib zu beschäftigen. Ben bedeckte mit den Händen seinen Schoß, konnte das offensichtliche Interesse am Bereich unterhalb seines Nabels jedoch nicht lindern. Selbst als er versuchte, sich zur Seite zur drehen, änderte die Maschine einfach ihren Standort und widmete sich wieder intensiv dieser Region.

Unvermittelt endete die Untersuchung. Abrupt senkte sich die Apparatur, der Deckel schloss sich, der Kasten rollte hinaus und hinterließ eine bleierne Stille.

Die Schatten im Gang waren verschwunden. Ben bemerkte, dass er begonnen hatte an seinen Fingernägeln zu kauen. Er zog die Knie vor die Brust, schlang die Arme um sie und stützte das Kinn auf ihnen. Endlose Minuten lang blickte er auf die Tür und wünschte sich aufzuwachen oder dass endlich jemand käme und den Scherz aufklärte oder er von einem extraterrestrischen Begrüßungskomitee hofiert würde. Doch nichts von alldem geschah.

Dann näherten sie sich mit großem Getöse. Begleitet von Klappern und Scheppern wackelten die Schatten über den Boden im Gang und wurden zu einer Abordnung von sechs Wesen, die im Türbogen nahezu militärisch Aufstellung nahm. Sie hielten transparente Schilde, mit der sie ihre keilförmige Formation zum Raum hin abschirmten, und näherten sich zögernd.

Außerirdische! Sie waren gut einen Meter groß, ihre Körper pummelig, die Beine kurz und ihr Gang watschelnd. Ihre Anzüge waren schwarz und weiß abgesetzt und ähnelten der Livree eines Butlers. Feingliedrige Hände mit rosiger Haut ragten aus den Ärmeln. Lederhäutige Truthahnhälse trugen kleine, kahle Melonenköpfe mit nahezu menschlich wirkenden Gesichtern.

Die Gruppe blieb eng zusammen und wanderte langsam um das Podest herum. Unablässig verständigten sie sich mit knarrenden Kehllauten. Sie schienen ein schwerwiegendes Problem zu debattieren.

Ben spürte, das etwas nicht stimmte. Wenn er Minenspiel, Gestik und Stimmengewirr nach irdischen Maßstäben beurteilte, sah es so aus, als seien die Gnome irgendwie irritiert, verunsichert, ja ratlos. Was im ersten Augenblick bedrohlich gewirkt hatte, erschien ihm nun ängstlich und ein Gefühl von Überlegenheit machte sich in ihm breit. Er hielt die Zeit für reif, Kontakt aufzunehmen und Freundschaft zu schließen.

„Fürchtet euch nicht", sagte er entspannt lächelnd. „Kommt ruhig näher, ich fresse euch schon nicht."

Die Außerirdischen verstummten und zogen ihre Schilde näher an sich heran. Ben zuckte unter ihren Blicken zusammen, die gleichermaßen wachsam wie grimmig auf ihn gerichtet waren.

Im nächsten Moment begann sich der Raum zu verdunkeln und eine Projektionsfläche auf der Wand wurde als heller Rahmen erkennbar. Mit hoher Frequenz begannen Bilder aufzuflackern. Ben brauchte einige Sekunden, bis er unter höchster Konzentration einzelne Motive erkennen konnte.

Bilder der Wesen. Sehr viele. Zunehmend unterscheidbar. Erst jung, dann älter. Undefinierbare Geräte. Fremdartigen Kulissen. Dicht bevölkert Städte. Landschaften in vergilbtem Licht. Karge Felsentürme. Flusstäler mit farnüberwucherten Ufern. Drei Gesichter dieser Wesen, gebeugt über Konstruktionszeichnungen, Schalter betätigend, mit Instrumenten verbunden, in Gebäude gehend, in Fahrzeuge steigend. Ein Raumschiff hebt ab, verschwindet im Ocker des Himmels.

Ben war ergriffen von dem Blick in eine fremde Welt. Die rasante Bilderflut hatte ihm eine erste Vorstellung von der Heimat der Außerirdischen gegeben. Er versuchte, sich einen Reim darauf machen, worauf diese Vorführung hinauslaufen sollte, doch bei der Hälfte des Gesehenen erschlossen sich ihm Bedeutung und Inhalt nicht. Diese Art der Kommunikation war intensiv, kräftezehrend und vor allem verblüffend. Ben bemerkte, dass sich die temporeichen Einzelmotive, allesamt mit der Statik von Fotos und voller Perspektivenwechsel, in seinem Kopf zu Filmsequenzen formierten, sich in Zusammenhänge vernetzten und eine Geschichte ergaben, die plötzlich verstehbar war. Er hatte gerade drei Wesen kennen gelernt, ihr Lebensumfeld gesehen und ihre Ausbildung beobachtet. Er war ihren Familien begegnet und hatte gemeinsam mit ihnen Abschied genommen von drei Freunden bei ihrem Aufbruch zu einer ungewissen Mission. Er ahnte, dass etwas unerwartetes geschehen war. Seine Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf die Bilder.

Die Schwärze des Weltalls. Ein Planet. Größer werdend. Die Erde. Kontinente und Meere. Eine markierte Stelle im Atlantik. Drei feine Linien. Die Mittlere bleibt. Erst einen Zickzackkurs beschreibend steuert sie direkt auf Europa zu. Sich in Norwegen fortsetzend, springt sie nach Dänemark hinüber, strebt durch Deutschland Berlin entgegen.

Ben begriff mehr, als er sah. Offensichtlich hatte es eine Katastrophe gegeben, der Kontakt zur Expedition war abgerissen und eine Rettungsmannschaft wurde entsandt. Er war schlicht verwechselt worden! Alles schien jetzt klar und einleuchtend. Sie hatten erwartet, einen ihrer Verschollenen geborgen zu haben und nun stand er samt Wanne vor ihnen. Ein irritierendes Versehen! Kann passieren, dachte Ben. Nur warum korrigierten sie ihren Fehler nicht einfach, schickten ihn nach Hause und machten sich wieder auf die Spur ihres Vermissten in Berlin? Irgendwo gab es da noch einen Haken. Instinktiv fühlte Ben sich nicht recht wohl in seiner Haut, schob sein Frösteln aber auf das kalt gewordene Badewasser und widmete sich weiter dem Bilderfluss.

Ein Kristall. Mikroskopisch klein. Unter die Haut transplantiert. Signale aussendend. Markierungspunkte auf der Erdoberfläche. Der erste das Raumschiff. Ein zerschelltes Wrack. Der zweite und dritte Mitglieder der Expedition. Aufgebahrt. Silbrig glänzende Schutzanzüge. Gewebe wie Schuppenhaut. Elektromagnetische Feldlinien umgeben Körper und Kristall. Erlöschende Markierungen.



Ben fühlte Mitleid. Sie hatten ihre Kameraden gefunden, doch sie waren tot. Sie hatten ihren Weg rekonstruiert, ihre Position ermittelt und ihre Körper mit Hilfe ihrer speziellen Anzüge von der Erde hierher transportiert. Ein Kraftfeld war dazu nötig, das nur mit Hilfe von Metall erzeugt werden konnte. Sie wollten den letzten auf der Erde Verbliebenen holen, als sie mich erwischten, dachte Ben. Sie hatten meine Badewanne angepeilt. Der Außerirdische mit dem Kristallsender unter der Haut musste ganz in der Nähe gewesen sein. Vielleicht nur ein Stockwerk über oder unter ihm. Bestimmt hatte er seinen Schutzanzug verloren und war hilflos, während seine Retter ungeduldig darauf warteten, dass er sich mit etwas Metallischem umgab und der Transport möglich wurde. Ob er womöglich noch am Leben war und in Berlin herumirrte? Dann brauchte er sich doch nur in eine Mülltonne zu setzen und seine Freunde würden ihn finden!

Ben wurde aus seinen Gedanken gerissen, als er sich plötzlich selbst auf der Bildwand erkannte. Der temporeiche Wechsel der Motive hatte aufgehört. Nur noch drei Bilder wiederholten sich im Abstand mehrer Sekunden immer wieder und stellten eine eindringliche Frage.

Sie zeigten Ben, auf dem Podest in seiner Badewanne sitzend. Dann sah man Nahaufnahme seines Unterbauches, die an einer Stelle oberhalb des Schambeins durch ein Fadenkreuz anvisiert wurde. Zuletzt erschien eine Abbildung, wie die Ultraschallaufnahme eines jener Kristallsender, der dem Auffinden der Expeditionsmitglieder diente.

Ben stockte der Atem. Er schaute auf die Gruppe, die im Dämmerlicht eng zusammen stand, sich mit Schilden schützte und ihm feindliche Blicke zuwarf.

Sie glaubten wirklich, er habe ihren Vermissten gefressen! Er sollte den Positionssender in seinem Bauch tragen? In seiner Blase? Das konnte nicht stimmen, das war ganz und gar unmöglich! Wenn er sich vorstellte - er könnte den Außerirdischen den Kristall, ihre einzige Hoffnung das letzte Mitglied der gescheiterten Expedition jemals zu bergen, einfach vor die Füße pinkeln!

Sie hielten ihn für ein Monster und das wäre der krönende Beweis!

Wäre er doch nie in diese Wanne gestiegen! Dann hätte er den winzigen Sender einfach in die Kanalisation gespült und dieser ganze Ausflug wäre ihm erspart geblieben.

Ben fühlte sich schwindelig. Wie war das Teil in seinen Körper gelangt? Er hatte keine Antwort darauf. Oder doch? Er rief sich die Bilderflut in Erinnerung und erschrak:

Er sah Fischtrawler im Atlantik ihre Schleppnetze auswerfen. Ihr Fang wurde zu Fischmehl, das in Säcken verpackt auf die Reise ging. Der Inhalt landete in Schweinetrögen riesiger Mastbetriebe, wurde von gierigen Rüsseln aufgesogen. Es folgten Schlachthof, Fleischtheke und Bratpfanne. Kartoffelpüree, gedünstete Zwiebeln und zarte Schweineleber. Und immer dazwischen das unentwegt sendende Überbleibsel eines Außerirdischen, das mit ihm aus dem Meer gefischt worden und in die Nahrungskette geraten war.



Ein grauenvolles Schicksal! Nie würden die Wesen das verstehen, dachte Ben. Es war die einzig plausible Erklärung, doch er wollte sie nicht geben müssen. Er wollte nur noch fort von hier, nach Hause zurück! Ihm war elend zumute und das Badewasser entsetzlich kalt. Konnten sie ihm denn seine Verzweiflung nicht vom Gesicht ablesen?

Der Raum erhellte sich und der kleine Roboter kam erneut hereingerollt. Er fuhr seinen Teleskoparm aus, an deren Spitze der Scanner durch ein anderes Gerät ersetzt worden war. Ein kleines gewölbtes Instrument näherte sich seinem Unterbauch und saugte sich wie eine Vakuumglocke fest. Er ließ es geschehen, lehnte sich zurück, schloss die Augen und spürte einen kurzen, stechenden Schmerz. Nun haben sie ihren dritten Mann zurück, dachte er noch.

„Um Himmelswillen!"
Ben lag benommen in der Badewanne, umgeben von Chaos. Fliesen waren geborsten und heruntergefallen, aus den gerissenen Leitungen spritzte das Wasser und begann den Boden zu überfluten. Seine Mutter stand fassungslos in der Tür: „Ich habe dich gerade schreien hören. Was hast du gemacht? Wie konnte das passieren?"

„Ich weiß es nicht", sagte Ben, schob sich aus der Wanne und griff nach einem Handtuch. „Mir ist so furchtbar kalt. Wir sollten eine Dusche einbauen lassen."

Lutz Schafstädt, 2002

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