'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Oktober 2002
Leben und leben lassen
von Ines Haberkorn


"Toronto, 31. Mai 2039, 9.00 Uhr. Molekulartransporter einsatzbereit. Heute erster Test am Menschen. Werde Risiko selbst tragen, mich in mein Quartier und zurück ins Labor beamen. Hoffe den Trip gut zu überstehen. Jonas Kamper, Tagebucheintrag Ende."

"Dieser Telegrammstil ist absolut mitreißend." Stöhnend verdrehte Tom, mein Assistent, die Augen. "Mein Gott, Jonas, du stehst im Begriff, dich von einigen Gigavolt in deine winzigsten Bestandteile zerfetzten zu lassen, ohne mit Sicherheit zu wissen, ob dich dieses Gerät jemals wieder zusammensetzt. Findest du nicht, dass du dich zumindest in dieser Situation bemühen könntest, das Ganze mit ein klein wenig Pathos zu würzen?"

"Wozu? Ich bin Wissenschaftler und kein Schriftsteller. Außerdem soll das Projekttagebuch der rein sachlichen Dokumentation und nicht als Basis für ein Heldenepos dienen." Ich postierte mich auf die Transporterplattform. Natürlich hatte Tom Recht. Aber große Worte lagen mir nun mal nicht. "Und nun lass uns endlich beginnen." Nachdem ich Tom, der mir kopfschüttelnd ein ‘Victory’ zeigte, noch einmal aufmunternd zugezwinkert hatte, schloss ich die Augen in dem Bewusstsein, sie entweder in wenigen Minuten an gleicher Stelle wieder oder aber niemals mehr zu öffnen.

Nebel. Dicker, grauer Nebel. Geräusche. Stimmen, eine Stimme, schrill, weiblich, erinnerte mich an meine Chefin. Hatte ich mich etwa in den Koordinaten vertan?

"Super! Haargenau dieses Blau sollten deine Augen haben. Nur das Haar, ja das Haar ist ein paar Nuancen zu hell." Der Nebel waberte, zerteilte sich und ich blickte auf eine Frau, die gut einen Kopf kleiner und mindestens zwanzig Jahre älter war als ich und meiner Chefin nicht im Mindesten ähnelte. "Ansonsten bist du einfach perfekt. Ein ganz passabel aussehender Bursche Anfang dreißig", sagte sie und rückte ein Gestell auf ihrer Nase zurecht, dass ich von Abbildungen her als Brille erkannte, um mich anschließend zu umrunden. "Vielleicht ein bisschen zu leger gekleidet." Ihre Blicke streiften meine Blackjeans, die seit einigen Tagen der Reinigung harrten, aber von denen ich mich äußerst ungern trennte. "Jedoch ansonsten genau wie ich mir Jonas Kamper vorgestellt habe."

"Sie wissen, wer ich bin?"

"Und ob ich das weiß. Schließlich bist du zur Zeit der wichtigste Mann in meinem Leben", antwortete sie lächelnd. "Oder anders ausgedrückt mein Lieblingsgeschöpf. Nämlich die Hauptfigur eines Romans, an dem ich zur Zeit arbeite."

Noch ehe ich diese Worte überhaupt begreifen, geschweige denn in Frage stellen konnte, tauchte ich in den Nebel zurück, und als er sich diesmal lichtete, fand ich mich in meinem Torontoer Labor wieder. Tom applaudierte, und eigentlich hätte ich in seinen Jubel einstimmen müssen. Statt dessen stieg ich nur schweigend von der Plattform und hastete zur Computerkonsole.

"Hey, was ist los? Hast du deine Freundin zu Hause mit einem anderen erwischt?" Tom war mir gefolgt und schaute zu, wie ich die für den Beam gespeicherten Zielkoordinaten mit denen meiner Wohnung abglich. Sie stimmten exakt überein.

"Gab es irgendwelche Probleme, oder was hast du?"

"Keine Probleme", entgegnete ich knapp und eilte auf die Plattform zurück. "Ich beame noch einmal."

Wild fuchtelnd winkte Tom ab. "Kommt überhaupt nicht in Frage. Du kennst die Vorschriften: erst der Gesundheitscheck, zu deiner eigenen Sicherheit."

"Ich pfeif’ auf die Vorschriften und außerdem bin ich topfit. Und jetzt drück’ endlich den Knopf." Ob meine Worte oder der dazugehörige Ton Tom überzeugten, weiß ich nicht, jedenfalls gehorchte er widerspruchslos.

Nebel, weiß und dicht, dazu Stille, beängstigende Stille. Vorsichtig streckte ich meine Hände in den Dunst. Er teilte sich wie ein Vorhang und gab mir den Blick auf grelle Farben frei: gelb, pink, lila, Kissen auf einer Liege, daneben eine Unmenge Grünzeug, eindeutig nicht meine Wohnung. Doch welche dann?

Ich drehte mich um. Hinter mir stand ein Regal mit Büchern, deren Titel mir nichts sagten; gegenüber ein Schreibtisch mit Computer, uraltes Modell, an der Pinnwand darüber einige Zettel. Auf einem davon entdeckte ich meinen Namen, und als ich genauer hinsah noch jede Menge anderer Daten, die jedoch alle mich und mein Umfeld betrafen.

"Ah, da bist du ja wieder", hörte ich im gleichen Moment eine Stimme hinter meinem Rücken und fuhr erschrocken herum. Da stand wieder jene Frau und fixierte erst mich, dann die Pinnwand, danach noch einmal mich. "Und wie ich sehe, hast du dir die Zeit mit Lesen vertrieben. Gut, dann weißt du wenigstens, was Sache ist." Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, als wäre es das natürlichste der Welt, dass ich mich in ihrem Zimmer aufhielt. "Übrigens, ich heiße Lisa, Lisa Martin."

Lisa Martin, dieser Name sagte mir ebensowenig wie ihre Feststellung, ich wüsste, was Sache ist. "Woher stammen all diese Informationen über mich?" Ich tippte mit dem Finger auf die Papiere an der Pinnwand. "Sie haben hier nicht nur meinen Lebenslauf in allen Einzelheiten festgehalten, sondern auch noch meine intimsten Vorlieben und Abneigungen, dazu Daten über ein Projekt, dass einer hohen Sicherheitsstufen unterliegt. Es ist nur wenigen autorisierten Leuten bekannt, zu denen Sie meines Wissens nicht gehören. Für wen arbeiten Sie also? Sind Sie eine Agentin der Schemidas-Clane?"

"Der Schemidas-Clane? Du denkst, ich arbeite für die Schemidas, diese Weltraumpiraten, die du fürchtest wie der Teufel das Weihwasser? Amüsante Vorstellung." Die Martin lachte schallend, nahm anschließend die Brille ab und wischte sich die Augen trocken. "Aber um deine Frage zu beantworten, ich bin weder eine Agentin noch arbeite ich für die Schemidas. Wie sollte das auch gehen? Immerhin sind die ebenso nur Geschöpfe meiner Phantasie wie du eines bist."

Das war mein Stichwort. "Die Schemidas Geschöpfe Ihrer Phantasie so wie ich? Das heißt also, Sie wollen mir tatsächlich allen Ernstes einreden, ich sei nur eine Romanfigur? Was bezwecken Sie mit diesem haarsträubenden Unsinn?" Wie immer wenn mich etwas verunsicherte, stopfte ich die Hände tief in die Hosentaschen. Was sie da sagte klang verrückt. Doch mehr noch als ihre Worte irritierte mich die Tatsache, dass ich es nicht für absolut unmöglich hielt. Was war eigentlich Phantasie? So weit ich wusste, existierte auf diese Frage bisher noch keine absolut fundierte Erklärung.

"Ich lebe", erwiderte ich endlich sinnierend. "Ich kann denken, fühlen, handeln. Ich bin mir meiner selbst bewusst."

"Prima, eine Romanfigur muss lebendig sein, so lebendig, dass sie scheinbar in der Lage ist aus der Handlung heraus diese sogar zu bestimmen." Nachdem die Martin mich über die Schulter flüchtig gemustert hatte, schaltete sie ihren Computer ein. Mir jedoch wurde plötzlich sehr flau im Magen und ich merkte, wie sich der Boden unter meinen Füßen ganz sacht bewegte. Was wenn es sich bei der sogenannten Phantasie um eine Art zweite, parallele Realität handelte und ich mit meinem Transporter zufällig eine Verbindung dahin geschaffen hatte?

"Angenommen, nur mal angenommen es stimmte, was Sie sagen, und ich und meine Welt sind Kreationen ihrer Phantasie, wären dann nicht Sie dafür verantwortlich, was sich in meiner Welt und in meinem Leben abspielt?"

Sie nickte und loggte sich nebenher ins Programm.

"Das heißt, wenn es stimmt, dann sind Sie Schuld, dass ich niemals die Chance bekam, in einer ganz normalen Familie aufzuwachsen? Dass mein Leben als Genexperiment begann, und der einzige Mensch, dem ich etwas bedeutete, sterben musste, damit ich die Wahrheit erfahren konnte?"

Ich sah, wie sie mit den Achseln zuckte und spürte eine lange nicht mehr gekannte Wut in mir aufwallen. "Dann tragen Sie ebenso die Schuld an diesen verdammten Albträumen, die mich voriges Jahr wochenlang quälten? Dafür, dass ich für etwas ins Gefängnis musste, wofür ich überhaupt nichts konnte? Dass mich die Schemidas kidnappten und ich der Sklaverei nur knapp entkam?" Wie jedesmal wenn ich an dieses Erlebnis dachte, wurden meine Hände feucht. "Ich meine, so etwas tut man doch niemanden absichtlich an?"

"Doch", entgegnete sie reserviert und ihre Finger begannen in einem virtuosen Spiel über das rustikale Tastenfeld zu huschen, dem ich in einer anderen Situation fasziniert zugeschaut hätte. "Dafür wird eine Romanfigur erschaffen. Genau solche Dinge zu erleben, ist ihr ganzer und einziger Daseinszweck."

Ich wollte etwas erwidern, jedoch in meinem Kopf begann sich plötzlich eine Zentrifuge zu drehen, die nicht nur meine Gedanken sondern ebenso meinen Gleichgewichtssinn durcheinander wirbelte. Rasch ließ ich mich auf die Liege hinter mir fallen. Wahrscheinlich hätte ich doch besser auf Tom und Vorschriften hören sollen. Tom! Der Gedanke an meinen Assistenten schoss mir augenblicklich in die Beine, so dass ich ungeachtet des Wellengang unter meinen Füßen wieder aufsprang. Verdammt, warum holte er mich nicht endlich zurück? Es gab doch nicht etwa Probleme mit dem Transporter?

Unterdessen hatte die Martin das Tippen eingestellt und starrte mich misstrauisch an. "Alles in Ordnung?"

"Wenn Sie mir sagen, dass ich zumindest ein Happy-End bekomme, dann ja."

"Happy-End ist nicht. Derartige Geschichten verkaufen sich zur Zeit nicht besonders." Ungerührt wandte sich die Martin ab und setzte das Spiel fort. "Und es macht keinen Sinn etwas zu schreiben, was sich nicht verkaufen lässt, verstehst du?"

Ob ich das verstand? Natürlich verstand ich das. Oder doch nicht? "Was wollen Sie damit andeuten?", fragte ich stockend und hoffte, dass Tom den Beam noch vor ihrer Antwort einleitete. Er tat es nicht.

"Ganz einfach, dass du am Ende der Geschichte sterben wirst. Ein Unfall beim Beamen. Jemand wird deinen Transporter manipulieren, wovon natürlich außer dem Täter niemand etwas weiß. Du wirst ins Koma fallen. Es wird eine Menge Verdächtige und ebenso viele Motive geben, bis endlich der Schuldige gefunden ist. Und dann ..." Sie legte eine beängstigende Pause ein. "Dann, wenn es so aussieht, als wende sich alles zum Guten und jeder glaubt, du könntest es schaffen, wird dein Lebenslicht verlöschen." Das alles erzählte Sie mit einer Begeisterung, die an perverse Freude grenzte und mich entsetzte. Wie konnte sich jemand daran ergötzen, einen anderen erst zu quälen, um ihn letztlich zu töten?

"Das meinen Sie nicht Ernst, oder?" Ich musste meine Stimme frei räuspern. "So was können Sie doch nicht machen. Das ist nicht fair, nicht jetzt, wo sich mein Leben langsam wieder normalisiert, wo ich mit diesem Molekulartransporter kurz vor dem Erfolg stehe." Mir blieben beinahe die letzten Worte im Hals stecken. Was hatte sie da eben gesagt? Ich sollte durch einen Unfall mit eben diesem Transporter ums Leben kommen?

"Gerade das ist der springende Punkt. Jeder hofft auf ein Happy-End, jeder glaubt an das Happy-End und was passiert? Das genaue Gegenteil und das gibt der Geschichte den Effekt. Alles andere wäre einfach zu banal."

Banal? Der Wunsch nach einem glücklichen Leben banal? Ich klappte meinen Mund zu einer Erwiderung auf, fand aber keine. Ebenso wenig die Gelegenheit danach zu suchen, denn gerade da holte mich Tom endlich zurück.

Meine Knie schlotterten, und ich zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub, als ich auf der Plattform Gestalt annahm. Kaum wieder in einem Stück stützte ich mich schnell gegen die Kabinenwand und ließ mich daran herunter in die Hocke gleiten. Ein Unfall mit meinem Transporter hatte sie gesagt, erst Koma, dann der Tod.

"Mein Gott, Jonas, was ist denn mit dir los?" Tom eilte mir entgegen und kauerte sich besorgt an meine Seite. "Du siehst aus wie dreimal verdaut und wieder ausgespuckt."

"Danke, für die Blumen. Könntest mir lieber ein Glas Wasser holen", nuschelte ich, denn meine Zunge fühlte sich an, als wäre sie dick mit Watte umwickelt. Begann so das Sterben?

"Ich hätte nicht zulassen dürfen, dass du noch einmal beamst. Aber du musst ja deinen Dickschädel jedes Mal durchsetzen und unbedingt Superman spielen ", schimpfte Tom, während er das Wasser besorgte und mir anschließend das Glas in die Hand drückte. Ich leerte es in einem Zug, ohne meinen Durst wirklich zu stillen. Er brannte in mir wie Fieber.

"Tom, was würdest du tun?", krächzte ich heiser und reichte ihm das leere Glas zurück. "Was würdest du tun, wenn dir jemand sagte, dass du eigentlich gar nicht existierst, nur ein Phantasiegebilde bist?"

"Oh, das würde ich mir auf jeden Fall schriftlich geben lassen und stehenden Fußes eine Kopie davon an mein Finanzamt schicken."

"Nein, im Ernst", erwiderte ich und versuchte, während Tom das Glas nachfüllte, das Zittern unter Kontrolle zu bringen. "Stell dir vor, du lernst unerwartet jemanden kennen, der dir sagt, dass du nicht wirklich existierst, sondern nur ein von ihm erdachtes Wesen, die fiktive Figur irgendeines Romans, also ein Phantasiegebilde bist, und dass er, dieser jemand mit dir und deinem Leben anstellen kann, was ihm gerade einfällt, einschließlich es dir zu nehmen?"

"Was soll dieser Blödsinn? Ist dir der Beam aufs Gemüt geschlagen?"

"Tom, bitte." Trotz aller Bemühungen zitterten meine Hände weiter, so dass ich das Wasserglas fester umkrampfte, damit er nichts davon bemerkte. "Was würdest du tun?"

Leicht genervt blähte Tom seine Wangen und stieß die Luft dann geräuschvoll aus. "Tja, was würde ich tun? Als erstes würde ich wahrscheinlich dem Autor, dessen Romanfigur ich sein sollte, gehörig die Leviten lesen. Es gäbe da einiges ..."

"Und wenn das nichts nützt? Was dann?", fiel ich Tom ins Wort. Nein, die Martin hatte nicht geklungen, als könnten Worte sie umstimmen.

"Dann bliebe nur noch, die Sache irgendwie selbst in die Hand zu nehmen."

"Aber wie?"

Ohne auf meine Frage zu antworten, rang mir Tom das Glas aus den Händen, denn ich zitterte mittlerweile so heftig, dass fortgesetzt Wasser auf meine Hose und die Plattform schwappte. "Also entweder du gehst jetzt freiwillig zum Check oder ich rufe die Sicherheit, damit sie dich eskortieren."

"Tom, nein, nicht jetzt." Ich krallte meine Hände in seinen Arm, um ihn aufzuhalten. Jetzt war einfach nicht Zeit für irgendwelche Untersuchungen. Wenn ich keine Lösung fand, stellte sich die Frage nach meiner Gesundheit sowieso bald nicht mehr. Vielleicht schrieb sie ja gerade an jener Szene, in der ich ins Koma fallen sollte.

Die Erkenntnis durchzuckte mich wie ein Stromstoß. Sie schrieb. Sie schrieb und ich erlebte, was sie schrieb. Was hatte Tom da eben gesagt? Er würde die Sache irgendwie in die eigene Hand nehmen? Wenn Phantasie also wirklich eine zweite Realität war, zu der ich eine Verbindung geschaffen hatte, sollte diese dann eine Einbahnstraße sein?

"Du meinst, du würdest die Geschichte umschreiben, oder?" Ich registrierte eher unterbewusst, wie er seine Hand nach meiner Stirn ausstreckte und stieß sie unwirsch beiseite. Schreiben! Ich hasste diese Schreiberei. Mit Worten zu arbeiten lag mir einfach nicht.

"Du musst mir helfen, Tommy." Meine Kraft reichte kaum aus, um mich in die Höhe zu stemmen und ich wusste nicht, ob meine Beine mich überhaupt noch trugen. Doch eines wusste ich sehr genau, dass ich es versuchen musste. Ja, ich musste alles denkbar Mögliche versuchen, denn aufgeben kam nicht in Frage, niemals.

"Ein letzter Beam, dann gehe ich zum Check, versprochen."

"Jonas, das Risiko ist zu groß. Dein Leben ..." Zu meinem Glück unterbrach ihn eine Hausdurchsage. Tom wurde in die Personalverwaltung gerufen, dringend, wie es hieß. Rasch nutzte ich die Situation, stieß mich mit den Händen von der Wand ab und versuchte mich so aufrecht zu halten wie nur möglich.

"Ich bin schon wieder ganz okay, siehst du?", log ich und quälte meine Gesichtsmuskeln in eine Haltung, von der ich hoffte, dass sie einem Lächeln zumindest ähnelte.

"Jonas, du setzt deine Gesundheit, vielleicht sogar dein Leben aufs Spiel."

Ich erwiderte nichts, sondern schloss einfach meine Augen und hoffte, dass Tom das verstand.

Nebel, fein wie ein Seidengespinst. Geräusche, in einem seltsam gleichförmigen Rhythmus. Ich lauschte ihnen mit angehaltenem Atem. Träumte oder wachte ich? Unter die Geräusche mischten sich Stimmen, eine Stimme. Sie zerriss das Seidengespinst, so dass ich durch die Löcher sah, wie Tom das Applaudieren einstellte und mir ein ‘Victory’ zeigte.

"Geschafft! Du hast es tatsächlich geschafft", hörte ich ihn jubeln, während ich noch immer ein wenig benommen von der Plattform stelzte.

"Wir haben es geschafft, Tommy, wir beide zusammen. Das ist ebenso dein Verdienst", erwiderte ich, umarmte ihn und blickte dabei über seine Schulter zu meinem Schreibtisch.

"Ach ja, der Boss hat uns endlich eine Sekretärin zugeteilt", sagte Tom, der meinen Blick wohl bemerkt hatte. "Ich habe ihr erst einmal das Projekttagebuch zum Lesen gegeben, damit sie sich einen Überblick über unsere Arbeit verschaffen kann. Ich hoffe, das ist dir recht?"

Ich nickte und setzte mich langsam in Bewegung. Die Frau hinter meinem Schreibtisch erhob sich. Sie mochte gut einen Kopf kleiner und mindestens zwanzig Jahre älter sein als ich.

"Sie mögen ein brillanter Wissenschaftler sein, Mr. Kamper", sagte sie plötzlich und streckte mir ihre Hand entgegen. "Was jedoch Ihren Schreibstil anbelangt, der ist einfach abscheulich. Diese Tagebucheinträge wird in der vorliegenden Form niemals jemand freiwillig lesen und dabei besitzen sie ein gewisses Potential. Mit ein bisschen Phantasie ließen sich daraus durchaus lesenswerte, kleine Geschichten produzieren.

Übrigens, ich heiße Lisa, Lisa Martin."

"Nichts dagegen", antwortete ich und ergriff ihre Hand. "Machen Sie daraus, was Sie wollen, allerdings unter einer Bedingung." Während sie mich fragend ansah, überkam mich ein seltsames Gefühl des Wiedererkennens, ein Déjà-vu, dass mich wie eine kalte Hand berührte. "Unter einer Bedingung", wiederholte ich leicht irritiert. "Egal wie banal es Ihnen erscheint, aber die Geschichten müssen ein Happy-End haben."

Ines Haberkorn

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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