Ganz schön bissig ...
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Oktober 2002
Ein Stein eigentlich nur
von Bernd Pol


Eigentlich war es nur ein Stein. Ein kleiner Stein, unscheinbar, grau mit blauem und rotem Adergekräusel, eine Seite poliert wie ein Kiesel, der Rest rau und ungeformt – ein Stein halt wie überall hier.
Nur – er hätte hier nicht liegen dürfen.
– Nicht werfen, bitte!
Verzeihung?
– Das Schutzfeld könnte sich aktivieren. Gefährlich für …
(Pause – Rauschen – Pfeifen)
– … Wesen wie dich.
Was ist los? Wer spricht da? Was für Wesen?
– Komplexe Kohlenstoffverbindungen in stark wässriger Lösung. Eine interessante Form, nebenbei gesagt. Sehr selten. Viel zu unstabil. – Wie nennt ihr euch?
Wir? Äh – Menschen. Aber …
So was ist wirklich sehr unangenehm. Da hat man einen Stein in der Hand, nicht mal einen großen, nicht mal einen besonderen Stein – und dann spricht der mit einem. Zumindest scheint es so.
Ich rede mit einem Stein? Ich muss verrückt geworden sein. Ich höre Stimmen!
– Verzeihung, wenn ich korrigiere: eine Stimme, nur eine. Und was ist das, ein Stein?
Ich bin wirklich verrückt geworden: ein Stein, der wissen will, was ein Stein ist. Dabei wollte ich bloß ins Bett, ein bisschen baden noch, zur Entspannung, der Tag war lang, anstrengend und lang, und morgen …
– Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich unterbreche. Was bedeutet das: Der Tag war lang? Haben Tage für euch verschieden Länge?
Nein! Geh aus meinen Gedanken raus! Dich gibt es nicht.
– Nicht werfen! Bitte!!!
Zu spät. Er ist in die Wanne gefallen. Jetzt ist hier alles voller Dampf und ich sehe nichts mehr. Aber wie hat er das gemacht? Eigentlich sollte er durchs Fenster fliegen, einfach nur raus hier. Das ist die andere Richtung. Ich habe es nicht mitgekriegt. Jedenfalls ist er im Rücken von mir ins Wasser geplumpst. Das Zischen war deutlich und dann das Brodeln. Und jetzt sehe ich nichts mehr.
– Ein Glück! Im letzten Augenblick. Der Energiestoß hätte dich umgebracht … (grrr, zack, pieps) … Mensch. Kann man jetzt vernünftig reden?
Vernünftig? Wie kann man vernünftig mit jemandem reden, der gerade am Überschnappen ist? Aber meinetwegen, kommt ja eh nicht mehr drauf an. Rede ich halt mit einer mineralischen Erscheinungsform der unbelebten Welt.
– Ein Stein, ja? Du meinst einen Stein?
Ja. Was denn sonst?
– Eine mineralische Erscheinungsform der unbelebten Welt?
Wenn du meinst.
– Bitte, das hast du gesagt: unbelebte Welt! Eine solche … (PIEPS, PIEPS) … Ignoranz ist mir wirklich noch nirgendwo vorgekommen.
Na! Na!
Er ist wieder da. Umkreist mich irgendwo in Nabelhöhe. Er glüht wohl. Jedenfalls wird es unangenehm warm dort in der Gegend.
Hör auf damit!
Keine Reaktion. Er schraubt sich in Spiralen in die Höhe. Immer rund um mich herum. Ich kann nichts dagegen tun. Sein heißes Geschraube macht mich ganz steif.
- Ah! Hier bist du.
Jetzt tanzt er hinter meinem Kopf. Immer hin und her. Wie die Wespen. Ich spüre es ganz deutlich.
– Ein interessantes emotionales Zentrum. Aber sehr unstabil. Sehr, sehr unstabil. Können wir uns jetzt unterhalten?
Nein! Hör auf damit! Du machst mich verrückt. Ich will dich wenigstens sehen.
– Sehen? Was ist das?
Es piepst, knistert, knirscht. Den ganzen Kopf füllt das aus. Und wird immer stärker. Ich halte das nicht aus. Ich kann nicht mehr stehen. Ich muss …
Irgend etwas ist geschehen. Ich liege in der Badewanne. Sie ist leer, völlig trocken. Und der Dampf ist verschwunden. Ich sehe wieder.
Einen unscheinbaren Stein zum Beispiel. Er hockt auf dem Abfluss und starrt mich mit seiner polierten Seite an.
– Sehen. Konzentration auf Wahrnehmungen in einem extrem eingegrenzten Spektralbereich. Sehr interessant. Man sollte nicht glauben, dass so etwas funktioniert. Es muss mit eurer instabilen Struktur zusammenhängen … Mensch.
Um ehrlich zu sein, ich verstehe überhaupt nichts mehr. Was soll das ständige Gerede von instabiler Struktur und so? Andererseits – wenn einer ein Stein ist …
– Du solltest wissen, dass ich dich erst für eine schwache Kolonie gehalten habe.
Eine Kolonie? Warum schwach?
– Einen vorübergehenden Verbund eigenständiger Wesen mit ausgeprägter Arbeitsteilung. Ursprünglich auf freiwilliger Basis. Nicht sehr stark gebunden. Eine Auflösung wäre möglich. Die übermäßige Spezialisierung spricht aber dagegen. Immerhin ist außergewöhnlich viel Bewegung festzustellen. Das muss an der Wässrigkeit liegen. – Ist das nicht lästig, immer so viel Wasser mit sich herumzuschleppen?
Keine Ahnung. Ich schleppe nichts mit mir herum. Ein bisschen zuviel Fett vielleicht.
– Nein, das ist es nicht. Es ist das Wasser.
Na und?
– Weißt du, dass es ungewöhnlich viel Wasser gibt hier bei euch. Sehr ungewöhnlich. Viel zu unstabil. Das hält nicht lange vor. Warum macht ihr das?
Jetzt mach mal einen Punkt, ja!
Ich hasse das, derart ausgefragt zu werden. Vor allem wenn es mir gar nicht gut geht. Und noch dazu von einem Stein! Was …
Was soll das eigentlich? Wieso ein Stein? Wieso redet der mit mir?
– Gemach! Gemach! Kommt alles noch. Eine typische Reaktion ist das – immerhin. Erstaunlich intelligent für eine so junge Spezies. – Ihr empfindet euch doch als Einheit, oder?
Ich weiß nicht, woher das kommt, aber ich habe das Gefühl, der starrt mich immer mehr an mit seinem polierten Auge. Intensiv, aussaugend, hypnotisierend. Man fühlt sich wie die Maus vor der Schlange.
– Verzeihung! Ich wusste nicht, dass das unangenehm ist. Ich dachte, wenn euch das Sehen so wichtig ist. – Also, wie war das mit der Einheit? Seid ihr viele oder bist du einer? Oder beides zusammen?
Der Sog lässt nach. Gott sei Dank.
Natürlich bin ich Einer. Ich bin ich. Schon immer gewesen. Und so jung bin ich nun auch nicht mehr.
– Als Einzelner schon. Aber weißt du, wie lange es Wasser gibt hier?
Keine Ahnung.
– Ist auch nicht wichtig. Es bleibt auch nicht lange. Jedenfalls nicht in der Form wie ihr es braucht. Nicht lange genug. Du hast keine Chance, Mensch!
Jetzt hör mal!
Klicken. Surren. Zischen. Allmählich wird es erträglicher. Unangenehm bleibt es trotzdem. Man weiß nicht, wo es beginnt. Wo es aufhört.
– Hören: Wahrnehmung über Druckschwankungen geringer Dichte. Aha! – Weißt du eigentlich, wie primitiv du bist?
Ich antworte nicht mehr! Nein, ich werde das Ding einfach ignorieren. Wieso soll etwas real sein, das sich nur mitten im Kopf abspielt? Bis auf das Starren vielleicht. Das kommt eindeutig von da drüben. Aber wahrscheinlich bilde ich mir das nur ein.
– Geht es so besser?
Mein Gott, er spricht! Ich habe ihn reden hören! Ganz richtig reden, mit meinen eigenen Ohren.
– Ich lerne. Ich passe mich an. Es dauert immer ein wenig. Ich schlage vor, du akzeptierst mich einfach. Dann geht es schneller. Alle haben mich letztlich akzeptiert. Es sei denn, sie waren zu blöd dazu. Oder zu stur. Zu unbeweglich. Zu primitiv. Oder zu alt. Ist alles nicht gut.
Gut, ich akzeptiere. Aber nur, wenn man mir endlich erklärt, was hier eigentlich vorgeht. Wieso rede ich mit einem Stein? Und wie redet ein Stein mit mir? Das geht doch überhaupt nicht. Das geht nicht an.
– Es geht. Es funktioniert einfach. Ich kann dir jetzt nicht alles erklären. Selbst wenn du anscheinend schneller begreifst, als man meinen sollte. Es muss am Wasser liegen. Höchst aufschlussreich!
Gut. Es liegt am Wasser. Ich akzeptiere alles. Aber warum ein Stein?
– Es liegt an deiner Wahrnehmungsfähigkeit. Du siehst nicht genug. Du hörst nicht genug. Du spürst nicht genug. Hier ist kein Stein.
Was dann?
– Ich würde sagen, es ist …
Klick! Surr! Quietsch!
Lass das!
– Oh! Du nimmst es wahr? Das ist in der Tat etwas Besonderes. Die meisten Wesen merken es gar nicht, wenn man sie … (klick, klick, klick) … scannt.
Du machst was?
– Scannen. Abtasten. Hineinfühlen. Verstehen, was du meinst und was du begreifst. Die richtigen … (surr) … Worte finden. Ich muss sie in dir suchen. Eigentlich sollte es dir gar nicht auffallen. Entschuldigung!
Schon gut. Und warum? Wer bist du? Was suchst du in meinem Badezimmer?
– Ah, schön, endlich! Wir werden konkreter. Ich bin, sagen wir … (summ, summ) … ein Kundschafter.
Ein Kundschafter? Hier? Woher? Wieso? Wozu?
Es könnte sein, dass ich mich täusche. Aber das Ding dort, das wie ein Stein aussieht, scheint zu wachsen. Ganz wenig nur, aber es ist mehr geworden. Schwerer irgendwie. Und größer auch. Obwohl – sehr deutlich ist es nicht.
– Erstaunlich! Was ihr alles bemerkt. Bei eurem eingeschränkten Wahrnehmungsbereich. Es muss an der Kolonie liegen, ja. Und am Wasser. Das ist neu. Das ist wirklich ganz neu. Du fängst an mich zu faszinieren, Mensch!
Mein Gott, er wächst wirklich! Ich muss aus der Wanne raus, bevor er mich zerquetscht!
– Gemach, gemach! Das scheint nur so. Es besteht keine Gefahr. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ihr das merkt. – Ist es so besser?
Es wird besser. Er wächst immer noch. Aber der Druck geht weg. Durchsichtiger wird er, geisterhaft irgendwie. Eigentlich gar nicht so unangenehm.
Ja, danke. Aber warum?
– Es liegt am Aufnahmevermögen. Die Fakten brauchen Zeit und Platz. Manchmal dehnt sich das kognitive Feld halt aus. Die meisten Wesen bemerken das gar nicht. Ihr scheint mehr zu können, als wonach ihr ausseht. Alle Hochachtung!
Danke. Dürfte ich jetzt endlich …
– … erfahren, warum? Gerne. Ich kundschafte. Ich erforsche neue Welten in diesem … (ssss) … gottverlassenen Winkel im All.
Ein Außerirdischer? Ein Alien!
Ein Kontakt! Mein Gott, ich bin der erste Mensch mit einem Kontakt! Und jetzt ist das Handy weg. Ich muss doch … die Presse … wenn das jemand erfährt …
Nein! Ganz ruhig! Nichts überstürzen. Da steckt ein Schweinegeld drin. Man muss nur die richtigen Adressen kennen. Tausende gibt das – was sag ich – Millionen …
LASS DAS!
Es surrt schon wieder ganz grässlich. Es nimmt einem den Atem. Man kann überhaupt nicht klar denken bei so was.
– Wenn du dich bitte wieder mit mir beschäftigen könntest! Tss, tss, Geld! Austauschverhältnisse über Wertäquivalente. Ja, weißt du denn, wie primitiv du bist?
Primitiv! Hör mal – wir sind die höchst entwickelten Lebewesen hier auf der Erde!
– Ja, das hatte ich schon befürchtet. Braucht ihr euch aber nichts drauf einzubilden. In ein paar Jahrmillionen gibt es hier ganz andere als euch. IHR LEBT NICHT LANG GENUG! Kapierst du das nicht?
Nein. Aber es macht mir Angst. Wer, bitteschön, soll denn nach uns kommen?
– Nun, wenn ich mir eure … Erde … so ansehe – Wesen ganz ähnlich wie ich.
Wie du?
Allmählich begreife ich. Ein Kundschafter. Er ist ein Kundschafter! Hat er selbst gesagt. Sie wollen die Erde erobern! Sie wollen uns überfallen, uns ausrotten, Krieg, KRIEG, KRIEEEG!
Nein! Gaaanz ruhig! Jetzt nur nichts überstürzen. Nichts anmerken lassen. Ja keinen Verdacht erregen. Noch ist ja Zeit. Man könnte …, man müsste …
Die Presse! Man muss die Presse alarmieren! Die ganze Welt muss es erfahren! Die Armee muss her! Die Luftwaffe! Raumflotten! Zerstörer! Kreuzer! Bomber! Planetenvernichter …
– Wenn ich mal kurz unterbrechen dürfte …
Äh? Ja?
– Du hast eine bemerkenswerte Fantasie, soweit ich deinen etwas verworrenen Gedankengängen folgen konnte. Bemerkenswert für eine so primitive Art.
Wenn du das bitte nicht immer betonen würdest?!
– Es stört dich? Ja? Das ist wiederum typisch. Keiner will seine objektiven Lage akzeptieren. Darum geht es auch gar nicht. Ihr habt ein zu bewegtes Innenleben, Mensch. Ihr hört nicht zu. Was habe ich gesagt?
Ein bewegtes Innenleben?
– Nein: Millionen habe ich gesagt. Jahrmillionen! Eure Nachfolger wachsen schon. Hier, da drüben, auf der Erde, überall. Kein großes Problem. Nur – ihr erlebt das alles überhaupt nicht mehr.
Wer? Was? Warum? Was sollen wir nicht mehr erleben? Und wieso Jahrmillionen?
UND LASS DAS DRÖHNEN! JA?
– Dröhnen? Nun, es war das Äquivalent von … (surr) … seufzen. Immerhin habt ihr bereits eine Vielzahl von Ausdrucksmöglichkeiten. Bemerkenswert! Aber darum geht es nicht. – Fangen wir nochmal an: Warum, glaubst du, bin ich hier?
Zum Kundschaften. Sagtest du schon.
– Fein! Und warum kundschafte ich hier in dieser verlassenen Ecke, für die sich nichts und niemand interessiert?
K – keine Ahnung …
Er ist wieder kleiner geworden. Sitzt da ganz winzig auf meinem Badewannenabfluss und starrt mich an. Eiskalt. Ja. Eine ungeheure Kälte strömt er gerade aus. Ein richtig blauer kalter Strahl! Er greift mich an! Eine Waffe! Eine Waffe ist das! Hilfe!
HIL…!!!
– Könnt ihr nicht ein Mal bei der Sache bleiben? Nichts geschieht euch! Dir nichts und allen anderen nicht! Angreifen! Erobern! Wenn ich das schön höre, Mensch! Ihr müsst noch viel lernen, wenn ihr überhaupt… Ach was, es geht ja gar nicht.
Was, bitte schön, geht nicht?
– Dass ihr das Weltall erobert. Endlich kommen wir zur Sache. Es geht nicht! Ihr habt nicht die Konstitution dafür. Zu flüssig. Zuviel Wasser. Das hält einfach nicht lange genug. Ihr könnt einfach nicht weit genug denken.
Na, na! Das muss ich mir jetzt aber verbitten! Ja? Wir können gut denken. Und viel weiter, als du glaubst, du mickriger Stein, du. Das ganze Universum können wir denken. Und dich gleich mit. Mach das erst mal nach! In unserem Alter…
Mein Gott, was rede ich denn da? Bin ich jetzt völlig übergeschnappt? Das ist doch sonst nicht meine Art.
– Ich sagte doch, dass ihr bemerkenswert seid. Sehr, sehr bemerkenswert. Aber darum geht es nicht.
Um was dann? Können wir jetzt endlich zur Sache kommen? Was willst du hier, … Stein?
– Einfach nur nach dem Rechten sehen. Und erfahren, weshalb ihr uns bombardiert,
Wie? Was tun wir? Hab ich nie davon gehört!
Oder sollten vielleicht die Amis? Oder die Russen? Man erfährt ja eigentlich gar nichts von dem, was da vorgeht. Aber …
… wer wird denn da bombardiert?
– Wer denn schon? Wir. Die Beobachter. Die Forscher. Die Erhalter des Ganzen im All.
Mein Gott!
– Nein, soweit geht es nicht. Sagen wir, wir sind … (zisch) … Hirten. Wir betrachten. Wir hüten. Wir halten zusammen. Und wir jagen die Wölfe! Wenn es sein muss.
Und wir sind …
– … Wölfe? Nein. Noch lange nicht. Da fehlt euch das Format dazu. Aber ihr seid dabei, es zu versuchen. Deshalb bin ich hier. Als Warnung sozusagen.
Und – was für Schafe bedrohen wir? Ich verstehe das nicht. Wer wird hier bombardiert? Womit denn? Konkret, Stein! Ganz konkret!
– Metalle. Urformen von Kristallwesen. Ein Stützpunkt wurde getroffen. Im … (quietsch) … Asteroidengürtel da draußen. Kapierst du denn, was das bedeutet? Euer Zeug wirkt wie … (zisch) … Viren. Keime! Ihr zerstört uns alles, was wir in Jahrmillionen aufgebaut haben.
Sonden! Er spricht von Sonden. Oder von Raketentrümmern. Oder was auch immer. Jetzt verstehe ich.
Aber da kann doch ich nichts dafür!
– Aber du könntest helfen. Außerdem bist du nicht der Einzige. Meinst du, wir schicken nur einen Kundschafter hierher? Nur – es ist verflucht schwer, hier die Verantwortlichen zu finden. Die meisten suchen immer noch bei den Bergen herum.
Bei den Bergen. Aha! Und was suchen sie da?
– Bist du schwer von Begriff? Dabei machtest du doch einen ganz intelligenten Eindruck. Bei den Bergen. Da, wo das Leben wächst. Eure Nachfolger. In Millionen von Jahren. Klar?
Klar. Ganz klar. In Millionen von Jahren.
Geht mich das was an?
– Nicht viel. Ich sagte es doch schon. Ihr kriegt es gar nicht mit. Seid zu kurzlebig mit eurem Wasser. Zu schnelllebig. Zu beweglich. Viel zu unstabil. Ihr nehmt ja nicht einmal die Schreie wahr.
Wer schreit?
– Die Neuen. Die Berge. Ihr merkt das nicht. Bis dort ein Schrei verklingt, sind zehn von euch gestorben. Die Zeit läuft falsch für euch.
Aha! Für einen Stein wohl nicht. Und du kannst dich mit mir unterhalten? In dieser Zeit?
– Ich bin flexibel. Ich bin kein Stein, bin schon ewig kein Stein mehr. Ich kann sie mir einteilen, die Zeit. Wie sollte man sonst Hüter sein?
Er nervt mich, der Stein. Er gibt einfach keine Antwort. Ich mag bald nicht mehr.
Was ist ein Hüter? Wer wird gehütet? Und was ist überhaupt passiert?
UND NICHT DRÖHNEN! Bitte!
– Gut. Noch mal von vorne. Und unterbrich mich nicht! Sonst kommen wir zu keinem Ende. – Wir hüten die Welt. Die Steine. Die Planeten. Die Gasriesen. Die Sonnen. Alles, was wächst und was empfindlich ist. Jahre. Jahrmillionen. Wir beobachten. Wir wehren Schaden ab. Wir jagen Wölfe!
Uns? Ja? Sagtest du schon.
– Nein! Halt die Klappe! Ich rede jetzt! Seit einiger Zeit beobachten wir die Trümmer bei euch. Erst dachten wir an eine Abstoßungsreaktion. Ganz normal für einen evolutionären Prozess. Aber dann trafen uns eure Viren …
Das waren keine Viren! Raketen waren das. Sonden. Irgendwelche unbelebten Bruchstücke. Aluminium, Titan, Transistoren, Computerteile …
– Eben! Viren! Präkristalline Formen mit Langzeitwirkung. Du musst nicht alles begreifen. Nur dass es gefährlich ist für uns.
Ja! Schon gut! Dröhn nicht so!
– Wie gesagt, erst dachten wir an Abstoßungsreaktionen. Bis wir merkten, dass das Zeug nicht natürlichen Ursprungs war. Da musste etwas passiert sein. Kundschafter zogen aus. Und dann bemerkten wir die Giftwolke.
Gift? Du sprichst in Rätseln, Hüter.
– Elektromagnetische Strahlung. Sie hüllt eure Erde ein. Seit kurzem erst. Wir hatten gar nicht darauf geachtet. Sie trägt Gift in sich. Bösartige Gedanken von Weltherrschaft und Krieg.
Radio? Fernsehen? Meinst du das?
Zischen. Surren. Rauschen. Es ist schon wieder zum Verrücktwerden.
– Kann sein. Ja, das. Ihr seid noch ziemlich primitiv.
Ich glaube, das erwähntest du schon mal.
– Nicht wegen der Wellen. Das geht vorüber. Aber wie ihr denkt. Und was ihr wollt. Und dass ihr gar nicht merkt, dass ihr euch übernehmt dabei. Ihr könnt das Weltall nicht erobern. Ihr lebt nicht lang genug.
Ja! Ist ja schon gut. Mittlerweile habe ich es begriffen. Und? Was kann ich dagegen tun?
– Das weiß ich nicht. Das ist deine Sache. Ich bin nur hier um zu warnen. – Aber, du hast das begriffen? Du hast tatsächlich begriffen? So schnell? Erstaunlich! Ganz erstaunlich! In der Tat. – Weißt du was, Mensch?
Ja?
– Ihr habt noch einiges vor euch. Ja, ich bin ganz sicher. Ihr müsst nur lang genug überleben. Die nächsten zwei, drei Millionen Jahre. Wenn ihr das schafft, euch Zeit lassen, hart werden, aufmerksam werden. Seht zu, wie ihr mit eurem Wasser zurecht kommt. Es hält nicht lange vor. Glaub mir.
Aber …
– Kein aber. Es ist einfach so. Pass auf dich auf. Pass auf die Erde auf. – Das ist alles.
Und jetzt? Jetzt ist er weg. Einfach verschwunden. Aufgelöst.
Ein Stein. Ein Stein eigentlich nur. Ein Hirngespinst.
Oder?

Bernd Pol, 10. Oktober 2002

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