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Oktober 2002
Die Vorstellung
von Katja Nathalie Obring


Honnih stand auf dem Hügel und starrte auf die riesige Uhr, die sich über dem Eingang in den Vergnügungspark erhob. Es war ein rundes Ding mit Strichen am Rand und welchen, die strahlenförmig von der Mitte ausgingen. Die nannte man wohl ‚Zeiger’. Das hatte sie der Informationsbroschüre entnommen. Sie hielt eben diese Broschüre nun in der Hand, dazu einen Brief, der nicht einmal eine Unterschrift trug. Darin wurde sie eingeladen, an dem Seminar für Altertumsdarstellung Teil zu nehmen, dass heute hier im „Twentyfirst Century Park“ abgehalten wurde.
Sie war neu in der Stadt, neu an der Uni und brauchte dringend einen Job. Honnih runzelte die Stirn, als sie ihren Blick weiter über das ausgedehnte Areal schweifen ließ. In einer Ecke erhoben sich Dinosaueriernachbildungen – natürlich, hatte doch das Einundzwanzigste in ständiger Angst vor diesen Bestien gelebt, wie zahlreiche Filmdokumente verrieten. Ein Tier der Art ‚Godzilla’ schien gerade in den Strassenschluchten einer Großstadt (ob das das legendäre New York war?) eine Armee von Riesenspinnen anzugreifen. Honnih schüttelte sich vor Ekel. Die Tiere sahen sehr realitätsnah aus. Als sie plötzlich etwas von hinten an der Schulter berührte, sprang sie einen halben Meter in die Luft und wirbelte herum. Aber hinter ihr stand Sum (eigentlich Sumaraktiwanaro), ihr Sitznachbar im Seminar für Neuere Geschichte.
„Hi“, sagte er, „bist du auch wegen des Jobseminars hier?“
Honnih nickte. Sagen konnte sie nichts – wie immer, wenn sie Sum begegenete, schien ihre Stimme einen Ausflug in die äussere Milchstrasse gemacht zu haben. Sum musterte sie.
„Schickes Dress“, meinte er dann und ließ seinen Blick vielsagend über ihren hautengen Lackgummianzug wandern. Er verweilt kurz auf den freiliegenden Brüsten, und er schien die Anzahl der Reissverschlüsse abzuschätzen. Honnih wurde heiß. Sie lächelte.
„Danke“, würgte sie schließlich heraus und versuchte, nicht zu auffällig auf seinen ebenfalls unbedeckten Genitalbereich zu starren.
„Vielleicht treffen wir uns mal auf einer SaDoMa-Party?“
„Äh, ja, vielleicht.“
Honnih war enttäuscht. Diese Sexparties langweilten sie bestenfalls. Alle diese Leute, die an Einander rumlutschten oder Genitalien befingerten, die schon längst ihre ursprüngliche Funktion verloren hatten. Erst gestern im Seminar waren die verschiedenen Fortpflanzungsorgane besprochen worden, und Honnih fand all diese Vorgängen höchst faszinierend. Damals, im Einundzwanzigsten, musste ein Mann seinen Penis in die Frau schieben, um ein Kind zu zeugen. Nicht irgendwohin, wie es der dumme Marsianer in der Reihe hinter ihr vermutet hatte, nein, er musste genau den richtigen Kanal treffen – nicht leicht, lag doch ein Anderer, zum verwechseln Ähnlicher, gleich dahinter. Dann musste er ein Sekret absondern, dass von der Gebärmutter der Frau gleichsam verschlungen wurde. Dieses Organ blieb ihr ein bisschen unheimlich – wo sass es, was tat es? Hatte es überhaupt einen festen Sitz, oder wanderte es im Körper umher und besetzte nur zu bestimmten Zeiten die Stelle, an der die Befruchtung möglich war? Hatte sie auch so eins? Fragen über Fragen.
Die Zeiger an der Uhr standen nun beide genau auf der obersten Markierung – das hiess zwölf Uhr, so stand in der Broschüre, und markierte den Zeitpunkt des Seminarbeginns. Gemeinsam mit Sum marschierte sie los, um sich mit der Gruppe von etwa zwanzig Leuten zu vereinen, die vor dem Tor wartete. Offensichtlich alles Mitbewerber, und viele hatte Honnih schon an der Uni gesehen. Man lächtelt und nickte sich zu, allenthalben wurden Brüste und Penisse begutachtet und gelegentlich berührt oder gedrückt, dann trat aus dem Tor ein Mann in weißem Overall. Er hob Aufmerksamkeit heischend eine Hand und wartete, dass die Stimmen verebbten.
„Meine Damen und Herren, wir sind heute hier versammelt, weil sie Interesse an einer Stelle in der Altertumsdarstellung bekundet haben und wir tatsächlich einige Rollen neu besetzen wollen. Also, folgen sie mir in den Seminarraum, bitte.“
Er ging voran durch das Holztor – ‚Gatter’ hatte man sowas früher genannt, so informierte ein Schild, es war die traditionellen Eingangsgestaltung eines grösseren Hauses auf dem Land, eines so genannten ‚Militärstützpunktes’. Dort wurden in der Hauptsache Panzer trainiert. Panzer?, fragte sich Honnih. Was war das, sowas wie die Godzillas? Wahrscheinlich. Ausserdem hatten diese Grupppen ein hohes Maß an Zivilisation bessen, denn dort schlief bereits die Mehrheit der Mitglieder in Gemeinschaftsschlafsäälen.
Beeindruckend, was diese Menschen mit ihrer unbedeutenden Technologie damals bewerkstelligt hatten.

Im Seminarraum nahmen sie alle Platz, insgesamt schätzte Honnih, dass an die zwanzig Leute da waren. Sum tauchte neben ihr auf und belegte den Stuhl zu ihrer Rechten. Er legte ihr die Hand auf die rechte Brust und flüsterte: „Fast wie in der Uni, hm?“
Honnih nickte und wünschte, er nähme die Hand weg. Wenn er sie noch länger liegen ließ, so zwang die Höflichkeit sie dazu, seinen Penis in ihre Hand zu nehmen. Sie jedoch träumte davon, es einmal in der Abgeschiedenheit eines geschlossenen Raumes zu tun – aber das konnte sie ihm nicht sagen, er hätte sie wohl ebenso für pervers gehalten wie ihr letzter Liebhaber ... sie seufzte und schloss ihre Finger um sein Glied. Was soll’s, dachte sie, ich kann diese Gesellschaft nicht verändern, die Dinge sind, wie sie sind, und Sex gehört nun mal in die Öffentlichkeit.
Da räusperte sich der Seminarleiter.
„Meine Damen und Herren, ich weiß, dass muss ihnen merkwürdig vorkommen, doch bitte versuchen sie, ihre Mitbewerber nun nicht mehr anzufassen. Das war im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht üblich. Kann mir jemand sagen, wie die Begrüßung vonstatten ging?“
Mehrere Arme flogen in die Höhe. Der Seminarleiter wählte zwei aus der Gruppe und bat sie nach vorne. Dort nahmen sie einander gegenüber Aufstellung.
„Hey, Arschloch“, sagte der Eine.
„Ja, Penner?“, antwortete der Andere. Dann holte er aus und boxte dem Ersten auf die Nase. Dieser schüttelte den Kopf und boxte dann zurück.
Der Seminarleiter trat an die beiden heran.
„Sehr gut, meine Herren. Damit haben wir schon ein Betätigungsfeld für sie gefunden: Sie werden das Team an der Kasse unterstützen, wo sie für die Begrüßung der Besucher zuständig sein werden. Bitte gehen sie ...“, seine Stimme verlor sich in undeutlichem Gemurmel, bis die beiden jungen Männer durch eine Tür verschwunden waren. Dann wandte er sich wieder den restlichen Wartenden zu.
„Nun suche ich einige Darsteller für das Restaurant – sie wissen, das war der Ort, an dem der Mensch im einunzwanzigsten Jahrhundert seine Familienangelegenheiten zu regeln pflegte. Wer also fühlt sich im Stande, ...“
Honnihs Gedanken wanderten in die Ferne, oder eher in die Vergangenheit. Sie versuchte sich vorzustellen, wie sie und Sum in einem (wie hießen die Dinger noch? Richtig, Wohnung), also in einem Raum dieser Wohnung (Badezimmer? Sie war nicht sicher, aber da der Mann quasi teilweise in der Frau badete, kam ihr das gar nicht so abwegig vor) miteinander allein wären, und er würde seinen Penis in sie versenken, und ...
„Hallo? Junge Frau, hören sie mir zu?“
„Äh, ja, natürlich.“
„Nun?“
„Was, nun?“
„Ich hatte ihnen eine Frage gestellt.“
Hilfesuchend sah Honnih zu Sum, der nickte.
„Ja, natürlich. Sagte ich das nicht bereits?“
„Gut, dann kommen sie mal mit.“
Honnih blickte sich um und stellte fest, dass ausser Sum und ihr alle Bewerber verschwunden waren. Sie flüsterte: „Wo sind die Anderen?“, und Sum grinste verschwörerisch und murmelte: „Die haben die langweiligen Jobs genommen.“
Ihr Führer ging lange Gänge entlang, in denen gelegentlich Einwegspiegel die Wände unterbrachen. Durch diese konnte man in bestimmte Themenbereiche des Parks sehen. So kamen sie am Restaurant vorbei, wo einzelne Paare die „Konversation“ übten. Einmal blickten sie in eine Art Verkaufshalle, wo sich halbnackte Mädchen auf Waren aller Art räkelten – auf Autos, Betten, in Badewannen, aber auch auf Seifen (was wegen der geringen Größe des Objekts mit einigen Schwierigkeiten verbunden schien), Unterwäsche und Mineralwasserflaschen. Honnih schüttelte den Kopf. ‚Zahlreiche Funde aus dem Bereich ‚Werbung’, der im Einundzwanzigsten die Hauptinformationsquelle vieler Menschen war, belegten, dass man zu vielen Produkten eine junge Frau gratis bekommen hat.’ Das erläuterte die Tafel, die neben dem Spiegel angebracht war.
Der Seminarleiter ließ ihnen Zeit, zu betrachten, was sie interessierte und ermunterte sie, die Tafeln zu lesen. Sie entsprachen genau denen für die Besucher, und vom Personal wurde erwartet, dass es sich bald in den verschiedenen Bereichen auskannte, damit sie auch eventuell mal eine Vertretung übernehmen könnten für kranke Kollegen.
Schließlich kamen sie an einen Spiegel, der Einblick in einen kleinen Raum gewährte. In diesem Raum stand eine Vorrichtung zum Entspannen, „Ganz richtig, Bett nennt man das“, sagte der Seminarleiter, „hier wird ihre Vorstellung enden.“
Sum sah ihn zweifelnd an.
„Ich weiß nicht, meine Familie ist sehr konservativ, ich bin nicht sicher, dass meine Mutter zulässt, dass ich mit einer Frau allein in einem Zimmer ... „
„Nun, junger Mann, sehen sie es so: sie sind ja nicht allein. Dieser Raum ist von vier Spiegeln her einsehbar, einmal dieser hier, dann dort oben an der Decke – der ist übrigens recht beliebt, wir mussten schon die Absperrung verstärken, weil einmal jemand damit eingebrochen ist -, einen weiteren da vorn an der Wand, und dann noch einen am Kopfende des Bettes. Schließlich zeichnen drei Kameras das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven auf. Da kann man schwerlich von Alleinsein sprechen, und das würden wir auch nicht von unseren Arbeitskräften verlangen. Wir sind ein anständiges Unternehmen, auch wenn wir ein Vergnügungspark sind. Unsere Aufgabe ist die geschichtliche Bildung der Menschen.“
Sum nickte sichtlich erleichtert.
„Also gut. Und wo beginnt die Show?“
Der Mann führte sie zum nächsten Spiegel. Durch ihn sah man eine Art langer Holzstehtisch, dahinter stand ein Mann, der lächelnd mit einer Flasche winkte.
„Hier, in der Bar. Der Barkeeper und die restlichen Flaschen sind selbstverständlich Androiden, die für den nötigen Background sorgen. Ihre Aufgabe ist es, das Paarungsritual vorzuführen. Sie lernen sich hier in der Bar kennen, dann gehen sie ins Nachbarzimmer und praktizieren altmodischen Reproduktionssex. Ihre Darstellung gibt es nur einmal am Tag, um 21.00 Uhr, kurz bevor der Park schließt. Wir wollen nicht, dass Kinder auf falsche Gedanken kommen, oder dass sich Perverse hier den ganzen Tag rumdrücken, deswegen diese Beschränkung. Aber sie erhalten diese eine Vorstellung als vollen Arbeitstag bezahlt – wenn sie gut sind. Es muss alles völlig natürlich und echt aussehen, vor allem darf man nicht merken, dass sie sich in dem Schlafzimmer unwohl fühlen. Sie müssen so tun, als sei Sex in geschlossenen Räumen ohne Zuschauer so normal wie die Frühstückspille am Morgen. Alles klar?“
Honnih und Sum nickten. Der Mann gab ihnen noch eine Videokassette und einiges Infomaterial mit und empfahl ihnen, vor ihrer ersten Vorstellung etwas zu üben. Sie würden in drei Wochen ihren ersten Auftritt haben. Natürlich könnten sie auch vorbei kommen und dem jetzigen Darstellerpaar zusehen, aber er warne sie, sich an denen ein Beispiel zu nehmen: sie waren nach fünf Monaten im Job so weit, dass beide keine anderen Sexualpartner mehr wollten. Es tue ihm leid, und er warne auch sie vor diesem Risiko. In der Vergangenheit hatte man diese Funktionsstörung „Verliebtheit“ oder auch „Partnerschaft“ genannt. Das könne ihnen auch passieren, rein theoretisch. Aber die Gefahr sei gering. Sum und Honnih bedankten sich.

Draußen vor der Tür sahen sie sich an.
„Glaubst du, du kannst das?“
Honnih schüttelte den Kopf.
„Ehrlich gesagt, ich habe immer von dieser Art altmodischem Sex geträumt – aber nun, wo ich es tun soll – ich weiß nicht, da kommt es mir plötzlich abstoßend und ekelerregend vor.“
Sum nickte. „Genau so geht es mir auch. Auch ich habe mir oft ein solches Erlebnis vorgestellt, häufig sogar mit dir.“
Honnih errötete.
„Wirklich?“, hauchte sie.
Sum hatte aufgehört zu nicken.
„Ich kenne hier gleich um die Ecke eine SaDoMa-Bar – wollen wir ein bisschen ficken gehen?“
Honnih fasste seine Hand. Dann warf sie die Infobroschüren und das Videoband in den Mülleimer.
„Wo geht es lang?“

(c) Katja Nathalie Obring

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