Ganz schön bissig ...
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Oktober 2002
Wag the dog
von Torsten Schmandt


Das Rudel Wölfe erstarrte plötzlich. Eine Art Detonation zersägte horizontal ihre Leiber. Anstatt ihrer Innereien zischten Metallsplitter wie Schrapnells durch die Luft. Spec riss die Augen auf. Die Leuchtziffern zeigten 3. 43 Uhr. Der Alarmgeber schrillte kurze, schnelle Töne durchs Dunkel. Im nächsten Moment flackerte das Neonlicht auf. Spec kniff die Augen zusammen. Sein Herz raste – wie immer, wenn es nachts Alarm gab. Er wälzte sich von der Pritsche und taumelte zu dem Gerät hinüber, um das Signal abzustellen. Sein Puls beruhigte sich langsam.

Er lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und versuchte, seinen Atem zu kontrollieren. Das T-Shirt klebte ihm am Körper. Er musste im Schlaf geschwitzt haben. Die Müdigkeit drückte wie Blei auf die Augen. Wenn er jetzt so stehen bleiben könnte, wenigstens ein paar Minuten.

Wahrscheinlich wurden sie während der Ausbildung mit Video überwacht. Beim Training wurden auch Puls, Hautwiederstand und andere wichtigste Daten gemessen. Big Loming was watching him. Der Major konnte Spec nicht leiden. Er hielt ihn für ‚unsoldatisch’. Auf seine Weise hatte er damit vielleicht auch recht.

Es gab sogar Gerüchte, dass die Träume überwacht würden.

Spec stieß sich von der Wand ab und riss den Spind auf. Der Kampfanzug hing vorschriftsmäßig in der Halterung, wenigstens das.

Drei Minuten später rannte er durch die Halle zu seinem Simulator. Der linke Stiefel saß zu locker. Hinter sich hörte er keine Schritte. Offenbar war er der letzte. Er sprang in den Sitz und griff nach den Gurten. Die Systeme waren schon hochgefahren. Der Start presste ihn gegen die Lehne. Damals bei den Auswahltests hatte er verschwiegen, dass ihm davon übel wurde.

Dann war er draußen im All. Zumindest schien es so. Das einzige, woran man merkte, dass es eine Simulation war: dass sie so perfekt war. Die Wirklichkeit war eher so wie er, sie hatte ihre kleinen Mängel. Er grinste. Vielleicht hatten sie ihn deshalb zu dem Trainingsprogramm zugelassen, obwohl es sicher bessere Piloten gab. Aber es kam auch darauf an, dass man seinen Geist abschotten und seinen Willen behalten konnte. Die Wesen von P 10 hatten so etwas wie telepatische Fähigkeiten, hieß es.

Plötzlich eine Stimme im Kopfhörer: „Spec! Verdammt, was ist mit Ihnen?" Das war Major Loming höchst persönlich, morgens um vier. Das konnte nichts Gutes für Spec heißen.

„Hier Leutnant Spec, habe Start planmäßig absolviert..."

„Einen Scheißdreck haben Sie! Aktualisieren Sie die Zielkoordinaten, Mann!"

Spec griff sich an den Helm. Die Koordinaten aktualisieren? Was sollte das heißen? Aber dann erklang auch schon die gewohnte Stimme des Bordcomputers: „Zielobjekt: P 10. Auftrag: Terminierung. Erreichen des Zielobjekts in sieben Komma fünf Minuten."

Das ist Unsinn, stellte Spec enttäuscht fest. „P 10 liegt in Wirklichkeit über zwei Stunden entfernt", sagte er laut. Es gab keine Reaktion. „Hallo? Mutterschiff? Herr Major?" Wieder keine Antwort. Spec zuckte mit den Schultern. Vielleicht sollte er einfach auf sein Zimmer gehen und seine Sachen packen. Jetzt spielte es wohl ohnehin keine Rolle mehr.

Nach einigen Minuten tauchte P 10 aus der Schwärze auf. Er hatte ihn noch nie aus der Nähe gesehen. Blau, mit Wolken. Er ähnelte der Erde. Plötzlich fing der Computer mit dem Countdown für den Raketenabwurf an. Und dann, in einem vollkommen wunderbaren Moment, den es wahrscheinlich nur in der Schwerelosigkeit und inmitten der zusammenhangslosen Schönheit der Sterne geben konnte, schaltete Spec die Automatik ab. „Countdown abgebrochen", sagte die Computerstimme. Spec lächelte. Fast war ihm, als wäre ein Hauch von Verblüffung in der Stimme gewesen.

Eigentlich erwartete er jetzt das Brüllen des Majors, ob er völlig übergeschnappt sei. Aber es geschah nichts. Spec drosselte die Geschwindigkeit, um in die Atmosphäre einzutauchen. Sicher würde es in der Simulation auch eine Planetenoberfläche geben. Er flog durch die Wolkendecke und verringerte die Höhe. Langsam schwebte er über eine hügelige Waldfläche. Er erschrak. Auf einer Lichtung bewegte sich etwas. Er flog einen Bogen und hielt auf die Lichtung zu. Wölfe! Auf der Lichtung lagerte ein Rudel Wölfe. Noch nie hatte Spec Tiere in der Freiheit gesehen, außer im Film. Es war wie in seinem Traum. Wie konnte das sein?

Als die Wölfe das Schiff entdeckten, sprangen sie auf und nahmen Drohhaltung an. Aber dann fingen sie an, die Köpfe zu wenden und machten ein paar Schritte rückwärts. Von links kam noch ein anderes Schiff heran. Es musste ganz flach geflogen sein, so dass es sich hinter einem Hügel heranpirschen konnte. Der Kennung nach war es das Schiff von Newman. Spec hörte die Granatwerfer und sah, wie die Tierleiber zerplatzten. Metallsplitter flogen in die nahen Bäume oder zerfetzten weitere Tiere. Kopflos rannten die Wölfe durcheinander. Einer versuchte, sich in Richtung Wald zu schleppen. Ein Granatsplitter hatte ihm die Hinterläufe abgetrennt. Ein anderer steckte ratlos seine Nase in die eigenen herausgerissenen Gedärme, bevor er zusammensackte. Ein paar Junge drängten sich an einen blutigen Kadaver heran.

„Was machst du hier?", Spec erkannte Newmans Stimme.

„Es sind Wölfe", antwortete Spec.

„Du musst sie töten!", schrie Newman.

„Es sind Wölfe", wiederholte Spec. Er wünschte sich, dass Newman begreifen würde.

„Verdammt, Spec, es sind P10-Wölfe. Sie haben deinen Willen unter Kontrolle." Spec antwortete nicht. „Eröffne sofort das Feuer auf sie, sonst..." Newmans Stimme klang wie eine Mischung aus Dienstanweisung und Begräbnis. Spec beobachtete, wie Newman vom Rudel abdrehte und auf ihn zu hielt. „Sie gebrauchen uns", flüsterte Spec.

Eine Luft-Luft-Rakete löste sich von Newmans Schiff. Das war der Befehl: wer unter Feindkontrolle geriet, galt selbst als Feind.

Spec ließ den Kontrollhebel los und schloss die Augen.



Tortitch, 16.10.02

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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