Ganz schön bissig ...
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Oktober 2002
Die Abenteuer des Ölschiffs Überpreis
von Volker Beilmann


Der Ölraum, unendliche Margen, wir schreiben das Jahr 2006.
Im Logbuch des Ölschiffs Überpreis finden wir folgenden Eintrag:
Irgendwo, im Ölimperium.
Das Büro von Hushell Aralam.
Mahagoni Schreibtisch mit Goldeinfassung auf einem riesigen Perserteppich, in den Ecken Chinesische Vasen aus sämtlichen Dynastien, an den Wänden Bilder der alten Meister, darunter die echte Mona Lisa.

Hinter dem Schreibtisch auf dem mit rotem Samt beschlagenen Schreibtischthron Hushell Aralam.
Mit seinen sanften braunen Augen, der aristokratischen Nase und der hohen Stirn wirkt er in seinem tadellosen Kaftan wie Gottvater persönlich.

Ihm gegenüber, auf einem improvisierten R2D2, der Erfinder.
Seine Aufmachung das genaue Gegenteil von Aralam:
Zerbeulte Cordhosen, Sandalen, löchrige Strümpfe und Wuschelfrisur. Einstein Verschnitt.
Verlegen rutscht er auf seinem Sitz hin und her.

Mit wohlwollender, doch leicht betrübter Miene eröffnet Aralam das Gespräch:
“So, mein Lieber, Sie haben also das Perpetuum Mobile erfunden!”
Mehr Feststellung als Frage.
“Wenn Sie mir nicht glauben, ich habe die Pläne ...”
Mit einer höflichen, aber bestimmten Geste bringt ihn Aralam zum Schweigen.
“Natürlich glaube ich Ihnen, sonst hätte ich Sie nicht zu mir gebeten. Sie sind schließlich ein Erfinder von Rang und Namen. Was denken Sie denn, warum ich Sie rief?”
“Sie wollen meine Erfindung kaufen, aber ich werde auf keinen Fall ...”
Der mitleidige Blick Aralams lässt ihn verunsichert verstummen.
“Was sollte ich mit Ihrer Erfindung? Die Welt ist voll davon.
Jeder Wissenschaftler und alle, die sich dafür halten, überhäufen uns mit ihren ‚Erfindungen‘. Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht?”

Dem Erfinder fehlen die Worte.
“Ich habe, ich dachte, ... ist doch völlig klar. Ich will der Menschheit eine kostengünstige, saubere Energiequelle zur Verfügung stellen ...”

“... und nebenbei Macht, Ruhm und Ehre einheimsen. Nobelpreis hier, Verdienstkreuz da. Und das wichtigste:
Sie wollen sich die Taschen füllen.
Also wie immer eine rein egoistische Motivation, verhüllt durch das ewig gleiche Menschheitsrettungsdeckmäntelchen.
Schauen Sie mich an, ich bin reich, ja, ich habe Macht, ja, aber was habe ich davon? Ich sag’s Ihnen: Nichts! Denken Sie, Geld macht glücklich?
Erst seit ich mir zur Aufgabe gemacht habe, verlorene Seelen wie Sie zu retten, habe ich ab und zu auch so etwas wie ein Glücksgefühl.”

Der Erfinder wagt es, ihn mit zitternder Stimme zu unterbrechen:
“Retten? Wen, mich?
Die Menschheit muss gerettet werden. Steigende Energiepreise, steigende Umweltverschmutzung ...”

“... und um diese Probleme zu lösen, brauchen wir Sie?
Sie haben ja keine Ahnung. Hier, schauen Sie sich mal diese Bilder an!”

Aralam zeigt dem Erfinder Bilder von Frauen und Mädchen aus irgendeinem nahöstlichen Slum.
“Das waren unsere Frauen und Töchter vor dem großen Ölboom. Und das sind unsere Frauen und Töchter heute.”
Aralam zeigt ein Bild seines privaten Swimming Pools, an dem mindestens 20 braun gebrannte Schönheiten herumlungern.

“Und Sie wollen das alles ruinieren?
Aber wenn Sie das nicht interessiert, was ist mit Ihrem eigenen Land?
Was glauben Sie wohl, wie viele Menschen direkt oder indirekt vom Ölgeschäft abhängig sind?
Tankstellenpächter, Tankwagenfahrer, Raffineriemitarbeiter, Hafenarbeiter, Seeleute, Politiker usw. usw.
Einer groben Schätzung nach ca. 80% Ihrer Bevölkerung.
Was wird passieren, wenn Sie selbstsüchtig Ihre Erfindung unter die Leute bringen?
Arbeitslosigkeit, Armut, Seuchen.
Sinkende Lebenserwartung trotz sinkender Umweltbelastung.
Wem nützt das? Außer Ihnen niemand!”
Die Leute werden Sie hassen. Gedanken an Lynchjustiz werden hochkommen. Sie werden Ihr armseliges Leben auf irgendeiner einsamen Insel beenden müssen.
Ausgestoßen und verachtet.”

Der Erfinder ist blass geworden.
“Aber, aber ...” stottert er.

“Ja, jetzt fehlen Ihnen die Worte.
Eigentlich müsste ich persönlich beleidigt sein. Mit Ihrer Erfindung unterstellen Sie mir und der ganzen Ölindustrie indirekt Verantwortungslosigkeit.
Glauben Sie etwa, wir kennen die Probleme nicht?
Ressourcenverknappung und Umweltverschmutzung?
Warum sonst sollten wir ständig die Fördermengen reduzieren?
Die Preise steigen, der Verbrauch sinkt, der Umsatz bleibt gleich, die Umwelt wird entlastet und die Arbeitsplätze sind gesichert.
Das ist freie Marktwirtschaft und Verantwortungsbewusstsein.
Wenn wir dieses Prinzip konsequent durchhalten, und das werden wir, haben wir in spätestens 10 Jahren die Fördermengen auf Null heruntergefahren.
Die Ressourcen werden ewig reichen, die Luft wird so rein sein wie nie zuvor und alle sind glücklich.
Das ist unser Verständnis vom Wohle der Menschheit.
Und hier liegt vielleicht auch Ihre Chance.
Wenn dann noch irgend jemand meint, er müsse Energie verbrauchen, kann er gerne auf Ihre Erfindung zurückgreifen.
Völlig gefahrlos und ohne negative Auswirkungen auf das volkswirtschaftliche Gefüge.”

Der völlig in sich zusammen gesunkene Erfinder erholt sich etwas.
“Sie glauben, Sie meinen, in 10 Jahren eventuell, meine Erfindung ...?”

“Aber natürlich guter Mann. Auch Sie werden Ihre große Zeit haben.
Alles, was Sie tun müssen ist, mir Ihre Pläne zu überlassen.
Ich werde wissen wann es soweit ist.
Ich werde mich zur gegebenen Zeit für Sie einsetzen.
Und sehen Sie, vor Ihnen haben mir schon viele andere ihr Vertrauen geschenkt.”

Aralam holt eine lange Liste aus seiner Schreibtischschublade.
Der Erfinder liest:
‚Drei Liter Auto, Wassermotor, Antigravitationsschuhe, Synthetisches Öl aus Hausmüll usw. usw.‘
Er ist beeindruckt.
Er ist glücklich.
Er fühlt sich dem Ziel seines Lebens ganz nahe. Höchstens noch 10 Jahre...

Er überreicht Aralam die Pläne.
Dieser legt sie einen Tresor.
Ein Tresor, der brummt.

Ein Tresor, der merkwürdige Schnipsel ausspuckt.
Der Erfinder bemerkt nichts von alledem.
Er verlässt Aralam in dem sicheren Gefühl, vor einem grausigen Schicksal bewahrt worden zu sein und die Chance auf ein neues Leben bekommen zu haben.

Aralam wartet, bis der Erfinder verschwunden ist.
Dann greift er zum Telefon.
“Hallo Trittmich, alter Freund. Die Sache war einfacher als erwartet, aber im Endeffekt sind diese Erfinder doch alle gleich. Genie und Wahnsinn, ha, ha !
Ja, ja, natürlich, es bleibt bei unserer Abmachung.
Wir erhöhen den Preis bis zum Jahresende in vier Stufen.
Ihr beschimpft uns, nennt uns raffgierig, aber haltet euch mit Verdächtigungen bzgl. unserer Preisabsprachen zurück.
Kurz vor Silvester werden wir die Fördermengen erhöhen und damit den Preis soweit reduzieren, dass keinem die Steuer auffällt, die ihr dann drauflegt.
Die Freude über den Nachlass wird die Blicke trüben.
Man wird uns verzeihen und ihr könnt euch endlich mal wieder die Diäten erhöhen.”

(c) Volker Beilmann

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