Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Oktober 2002
Genesis 6:22
von Sebastian Spengler


Dank meiner Mama, die mir die benötigten Schriftstellen über das Telephon übermittelte

Es regnete bereits seit zwei Tagen, er stand auf dem Bordsteig und sah auf das Wasser, das träge über die Straße trieb und letztlich gurgelnd im Gully verschwand. Das Sternenleiter-Projekt fiel ihm ein, er hatte im Fernsehen davon gesehen, und heutzutage, wo es doch so viele Dolmetscher gab - es hätte ihn eigentlich nicht überraschen dürfen. Überhaupt war es schon sehr lange her, daß er einen Regenbogen gesehen hatte - wirklich, es hätte ihn nicht überraschen dürfen. Die Wissenschaftler sprachen zwar davon, daß Rußpartikeln in Regentropfen eingeschlossen würden und deswegen keine Regenbögen mehr, wie auch immer. Diese Erklärung hatte er ohnehin nie für sonderlich glaubwürdig empfunden, als ob Gott sich von Industrieabgasen aufhalten ließe. Seit Ankündigung der Sternenleiter keine Regenbögen mehr, daß hätte die Menschen eigentlich nachdenklich machen müssen. Nun, hatte es nicht, und jetzt regnete es seit zwei Tagen bereits unablässig, Noah schaute grimmig.



In den Nachrichten erklärten sie es mit schmelzenden Polkappen. Deswegen lägen nun frühere Küstenlinien plötzlich unter Wasser, und Benelux. Ein Expertenteam würde sich schon darum kümmern, es sei kein Grund sich Sorgen zu machen. Noah schaute sehr grimmig.

Plötzlich ein fröhlich grinsendes Gesicht direkt vor ihm. Die braunen Augen fielen auf, das Gesicht war männlich und obendrauf ein Bauarbeiterhelm. Hallo ich bin Bob und baue an der Zukunft! Die Worte waren einfach da, mitten in seinem Kopf. Noah dachte, wie markant männlich, und doch freundlich sie geklungen hatten.

Bob war weg, statt dessen zeigte der Fernseher eine Kamerafahrt an einer Stahloberfläche entlang. Der Blick weitete sich, plötzlich war da Himmel zu sehen und die Stahloberfläche wurde eine Röhre. Sich perspektivisch verengend, ragte sie in die Wolken hinein. Eine andere Stimme: Das größte Bauwerk seit Menschengedenken - bis hoch in die Stratosphäre. Denken Sie an die Wolkenstadt von Star Wars, das muß keine Utopie mehr sein. Denken Sie an die vielen Möglichkeiten. Wenn sie in den Himmel schauen, in irgendeiner romantischen Nacht, denken Sie nicht an irgendwelche Sternbilder, denken Sie an die Zukunft. Die Stimme wurde immer eindringlicher, hypnotisch, irgendwie.

Ja, er wollte in den Sternenhimmel schauen und an die Zukunft denken. Ja, er wollte Schinken kaufen - deftig kräftig würzig fein. Er wollte die neue Maggie Pastaria und Fanta strawberry - Spaß ist, was ihr draus macht. Ja, er wollte Damenbinden, Moment - Fehler in Subroutine I, Primärfunktion: gender - lost channel - retry connection: failed - REBOOT? Ja - Ja - Ignorieren. Das Bild war sofort wieder da, ja, er wollte einen neuen Fernseher, ja, jetzt mit verbesserter Usererfassung.

Bestellung bestätigen: Ein Fernseher, Typ: neu, mit der neuen, verbesserten zwei Monate Garantie - wir vertrauen so auf unser Produkt, wieso längere Garantiezeiten? Bestellung von: Noah II - Sektor F451. Bestätigen? - Halt! Moment! Nein! Nein, nein, nein, hastig zappte er zum Channel SaltLake. Programmvorschau, 19 Uhr: Taufe neu Bekehrter, mit: Elijah Wood, Christina Aguilera und Bruce Willis. Das neue Meisterwerk von Ridley Scott - jetzt im FreeTV. Irgendwie ließen sich seit Kurzem immer mehr Prominente bekehren. 21 Uhr: Der Prophet spricht: Über die Sünde Alkohol, Prostitution und was er so alles in seiner Jugend erlebt hat. Noah dämmerte vor sich hin und fühlte sich wunderbar geborgen (erwarte ich getrost was kommen mag - Gott ist mit uns am Abend und am Morgen - und ganz bestimmt an jedem neuen Tag).



Aber, schlagartig war er wieder wach, draußen regnete es noch immer. Er kniete nieder, öffnete seinen Geist, schrie nach Gott und seiner Führung. Er verharrte das Gesicht noch oben gerichtet, die Arme ausgestreckt, aber da kam keine Antwort. Als es draußen bereits zu dämmern begann wurde ihm diese Stellung doch ziemlich unbequem, außerdem hatte er Hunger. Im Fernsehen sprach der Prophet gerade davon, wie er in einem Bordell vom Teufel in Versuchung geführt worden sei. Im Ergebnis aber hätte er widerstanden. Noah hätte jetzt gerne ein Mehrkornbrot gegessen, aber war lange her, daß er zuletzt Werbung dafür gesehen hatte. Statt dessen Wurstersatz auf knatschigem Weißbrot, aus dem Kühlschrank drang ihm der säuerliche Geruch irgendeiner klumpenden Quarkspeise entgegen. Die gleiche Quarkspeise immer wieder, von alt nach neu ordentlich gestapelt, er erinnerte sich nicht einmal jemals Werbung dafür gesehen zu haben. Egal.

Die Bibel, er hörte sie wie jeden Abend, hörte wie viele Male zuvor Genesis 6:22, Noah tat alles genau so, wie ihm Gott aufgetragen hatte. Aufgetragen, er überlegte, aber nein, ihm gegenüber war Gott stumm geblieben. Allerdings, mittlerweile fast drei Tage Regen, langsam fing er an zu verstehen. Und er hörte dieselbe Stelle wieder und wieder, und das Verstehen war in ihm und um ihn herum. Es durchdrang ihn vom Kopf bis in die Zehenspitze, und so in Erkenntnis wunderbar geborgen schlief er ein.



Der nächste Morgen brachte keine Wetteränderung, hätte er auch nicht erwartet, er ging im Regen spazieren. Überall um ihn herum Grün, die Wiese, die Bäume des öffentlichen Parks, der so still vor ihm lag. Gern hätte er all dies mitgenommen, er mochte Pflanzen ohnehin viel lieber. Die Angaben waren unmißverständlich: Der antike Noah hatte keine Bäume an Bord. Am Ende waren sie ja alle ohnehin nachgewachsen, statt dessen Genesis 6:19, von Allem was lebt, von allen Wesen aus Fleisch, führe je zwei in die Arche, damit sie mit dir am Leben bleiben; je ein Männchen und ein Weibchen sollen es sein.

Tiere stanken, Tiere brauchten Futter, brauchten Platz, überhaupt machten Tiere nur Ärger. In den Nachrichten hatte er vom Klonen gehört, schon vor einiger Zeit. Es funktioniere, mittlerweile gäbe es da sogar Maschinen. Noah war ein sehr pragmatischer Mensch. Gott ließ auch nichts Gegenteiliges von sich hören, und so würde er wesentlich mehr Platz für sich haben. Sehr zufrieden mit sich ging Noah wieder nach Hause.

Wieder Zuhause, wieder vor dem Fernseher, er mußte sich konzentrieren, bevor die Werbung wieder anfing, Bestellung. Sind Sie sicher, daß Sie zwei Tiefkühltruhen, Typ: besonders viel Platz, bestellen möchten? Er war sich sicher. Ich erinnere Sie daran, daß - Zugriff auf Datenbank H - die bereits in Ihrem Besitz befindliche Tiefkühltruhe in einwandfreiem Zustand ist. Sind Sie sich dessen bewußt? Er war. Eine derartige Ressourcenverschwendung darf ich nicht zulassen, es tut mir leid, aber du gefährdest das ganze Projekt, das kann ich nicht zulassen, Dave. - Fehler in Subroutine I, Primärfunktion: name - lost channel - retry connection: failed - REBOOT? Ja - Ja - Ignorieren. Das Bild war sofort wieder da, ja, er wollte einen neuen Fernseher, ja, jetzt mit verbesserter Usererfassung. Nein! Zwei neue Tiefkühltruhen - wir teilen Ihnen mit, daß diese Bestellung von Ihnen gemäß §34b aktenkundig gemacht werden wird und Konsequenzen der Art, wie beschrieben in §30 nach sich ziehen kann - rückgängig - weiter, weiter.

Der Fernseher reagierte nicht sonderlich verständiger auf die Bestellung von EchtFleisch: zwei Schnitzel Schwein, zwei Rind, zwei Lamm, zwei Hase, zwei Pute, zwei Hähnchen und und und. Er überlegte, ob er auch Katze oder Hund, das war ihm dann aber doch zu widerlich, darum sollte sich besser ein chinesischer Noah kümmern.



Ein Klonapparat noch, Bestellung von: Noah II - Sektor F451, erkannt in 10813 von 11067 Fällen als männlich, mittelständig, tätig in: Herstellung von Wein, Sicherheitsstatus: Eintrag: fünf Trunkenheitsdelikt, kleineres - Eintrag: ein Ressourcenverschwendung - Eintrag: ein Bestellung LuxusKonsumgüter, unmäßig - access denied - hinzufügen: Eintrag: ein Forderung wissenschaftliches Equipment, ungerechtfertigt - Disziplinarstrafe: fünf Tage Isolation, Vollzug: sofort. Der Fernseher schaltete sich ab. Noah stand starr davor, blinzelte eine Zeit lang ungläubig, ließ sich schwer in seinen Sessel fallen. Dem Problem mit dem Klonen würde er sich dann nach der Flut noch zuwenden müssen. Philipper 4:13, alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt.

Noah hatte alles genau so getan, wie ihm Gott aufgetragen - zumindest soweit es in seiner Macht stand. Er war nicht dazu gekommen, eine Arche zu bauen, aber das würde niemand heutzutage dürfen. Archen waren aus Holz, es gab kein Holz mehr. Ohnehin, ein antikes Schiff mit darauf Tiefkühltruhen und Klonapparat. So etwas wäre ihm doch ziemlich lächerlich vorgekommen. Als Kind hatte er immer von Raumschiffen geträumt. Er rezitierte leise vor sich hin: Sprichwörter 3:5, mit ganzem Herzen vertrau auf den Herrn, immer wieder, bis er mit einem leisen Lächeln auf den Lippen einschlief.



Noah ging, beinahe stolz, vor seinen Tiefkühltruhen auf und ab, draußen regnete es noch immer. Mit ganzem Herzen vertrau auf den Herrn, er legte sich auf den Boden. Unter sich meinte er zu spüren, wie das Parkett anfing zu beben, immer stärker, vor den Fenstern verschwamm die Außenwelt. Mittlerweile zitterte seine gesamte Wohnung, Noah preßte sich auf den Boden. Beim Start einer Rakete, hatte er im Fernsehen gesehen, seien die Astronauten einem Vielfachen an Gravitation ausgesetzt. Er spürte schon, wie unendlich schwer ihm seine Arme wurden, auch die Beine, er konnte sich nicht mehr rühren.

Lange Zeit so, plötzlich war es vorbei, das Zittern, Noah stand auf und fühlte sich schwerelos. Er stand in seinem Zimmer, sein Gesicht zur Decke gerichtet. Er wollte die Decke wäre aus Glas. Er würde so gerne die Sterne auf sich zu rasen sehen, wie seine Zukunft. Seine Arme hatte er ausgebreitet, seinen Geist geöffnet, aber immer noch keine Nachricht von Gott. Was zweifelst du noch, wo du eben eines großartigen Wunders teilhaftig wurdest. Er belächelte sich selbst. Er sah nicht aus dem Fenster.

Noah stand aufrecht in seinem Zimmer, das durch das All sauste, und sang christliche Lieder.



© Sebastian Spengler

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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