Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Anja Liedtke IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Oktober 2002
Sonnenstadt
von Anja Liedtke

Die Novelle der Lokalen Agenda 21
(Auszug)



Inspiriert durch den alternativen Nobelpreisträger Hermann Scheer (MdB), sein Buch "Solare Weltwirtschaft" und unsere Gespräche am Rande der Parteitage 2001/2002

If the people lead, eventually the leaders follow.
Aufkleber im Al Gore Wahlkampf 2001




"Sonnigen Morgen, mein Schatz."
"Selber."
"Entschuldige, dass ich nicht stehen geblieben bin. Ich hatte gerade an meiner Rede gefeilt und wollte den Rhythmus nicht unterbrechen."
"Hab ich mir schon gedacht. Was glaubst du, warum ich allein los gelaufen bin?"
"Du bist wundervoll."
"Nein, ich will nur auch nicht bei der Arbeit gestört werden."
Während ihre eine Hand in seiner gefangen war, goss sie mit der anderen den heißen Kaffee in den Schlund. Brend lächelte zu ihr auf. "Wirst du mir deine Stimme geben?"
"Mal sehen."
Sie ging in die Küche zurück, um die gesprenkelte Pfütze zu beseitigen und reif ins Arbeitszimmer zurück: "Soll ich Military-Shorts anziehen oder dich repräsentieren und ein Kleid anziehen?"
Brend sah lächelnd vom Monitor auf und aus dem Fenster, vor dem zwischen den Bäumen der einzig noch übrig gebliebene Strommast stand. "Du bist lieb. Ja, wenn du so nett sein willst, dann zieh ein Kleid an."
Alex antwortete nicht. Deshalb drehte er sich auf seinem Pflanzenfaser-Stuhl um und blickte in die Küche. Sein Grinsen wurde breit, als sein Blick auf einen gestrafften weißen Slip fiel, aus der zwei schwarze Beine entsprangen, die den Hintern hin und her pendeln ließen, sooft Alex den Lappen über den Fußboden hin und herzog.

Bevor die beiden aus dem Haus traten, sahen sie aneinander auf und ab. "Bist du nervös?", fragte Alex.
"Kannst du wohl sagen." Sie streichelte ihm über den Arm. "Es ist meine erste richtige Bewerbung. Damals hat mich ja Henker von der Uni geholt. Jetzt hot mich niemand mehr. Ich muss sie schon überzeugen."
Sie küsste ihn.

Als sie aus dem Hause traten, traf der Biogas-LKW des Gemüsehändlers gerade ein. Er schlitterte über die Straße, die die Kinder mit ihren Schlitten zu Eis verwandelt hatten. Echte Künstler. In ihrer Halfpipe blieb der Händler stecken. Er öffnete die Tür, trat mit einer Greenbag heraus, an der ein Zettel mit Alex’s Namen angeheftet war, und rutschte aus. Brend fing ihn auf. "Morgen Frau Blond", knurrte er, "irgendein Schriftsteller, muss Engländer gewesen sein, die haben den besten Humor, der sagte so treffend: Wer kleine Kinder hasst, kann kein schlechter Mensch sein."
Alex lächelte und ging nicht weiter darauf ein. "Sie sind aber früh heute Morgen, trotz Glatteis."
"Liebes Frollein, wenn Sie nicht immer joggen würden, wüssten Sie, dass ich im Winter immer früher bin als im Sommer, wo ich vor der Arbeit im Fluss schwimmen kann."
"Passen Sie auf." Brend hielt den Händler fest, bevor er den Eisboden unter den Füßen verlor.
"Scheißblagen! Alles dürfen die heutzutage!"
"Nana. So ganz stimmt das ja wohl nicht."
"Früher wurde hier gestreut."
"Und die Kinder saßen still vor den Fernsehern und Computern. Das waren ruhige Zeiten, ich weiß," leierte Alex die Sprüche der alten Leute herunter.
"Na und?"
Alex überlegte einen Moment ihre Antwort. "Dafür konnten Sie vor der Arbeit nicht schwimmen gehen, weil Sie früher raus mussten, weil Sie mindestens eine Dreiviertelstunde im Stau standen, obwohl es viel mehr Straßen gab als heute und alle gestreut wurden."
Der Händler war perplex. "Jo."
"Ja, die Zeiten ändern sich."
Der Mann merkte nicht, wie ironisch sie die Sprüche der Alten zitierte. Er nickte, während Brend sich das Lachen verkniff. Alex nahm dem Händler die Papiertüte aus der Hand, während er sie sinnierend anstarrte und schloss noch einmal die Tür auf, um die Tüte in den Eingang zu stellen, damit das Obst und Gemüse nicht in der Kälte verfror.
Inzwischen hatte der Händler Brend von oben bis untern kritisch und misstrauisch gemustert. Spar hielt dem Schweigen länger Stand als er. "Naja," gab der Mann schließlich nach, "dann wünsch ich Ihnen viel Glück für heute."
Obwohl Brend alles andere als sicher war, dass dies auch so gemeint war, verbeugte er sich leicht und lächelnd und bedankte sich herzlich, bevor er Alex am Arm nahm und sie zum Rathaus führte.

Das ehrwürdige Haus war voller denn je, als würde ein Gladiator in die Arena geschickt, und die Stimmung glich derjenigen im Kolosseum. Alex erschrak und zog sich zusammen, als wäre sie es, die man zerfleischen wollte. Sie sah Brend von der Seite an, der nicht einen Moment seinen Schritt verlangsamte, sondern nur tief einatmete, ein Lächeln aufsetzte, den Kopf etwas höher hob und Alex zum Ratssaal zog. Eine Gasse teilte sich in den hallenden Gängen.

Die Bürger der Sonnenstadt strömten zum Rathaus, um sich das Einstellungsgespräch mit den Bewerbern um die Geschäftsführung der Stadtwerke anzusehen. Diesmal kam sogar Jupp mit. So etwas ließ man sich nicht entgehen. Brend hatte den schlechtesten Stand. Er kam aus dem Konzern, der für alles stand, was Sonnenstadt los werden wollte. Allerdings kam er auch aus einem großen Unternehmen und hatte zumindest auf dem Gebiet der Ökonomie Einiges mitzubringen. Den Bereich Ökologie konnten zur Not seine Time-Sharing-Partnerin Alex Blond und der technische Geschäftsführer mit abdecken, im Bereich Soziales würde Spar eben Nachhilfe von seinen Mitarbeitern und seinen Mitbürgern bekommen. Spars zweiter Vorteil war seine Jugend. Man hielt ihn für lernfähig und -willig. Und er war Bürger von Sonnenstadt. Man legte Wert darauf, jemanden zu bekommen, der sich mit der Stadt identifizierte. Brend hatte an den Agenda-Foren und Bürgerratssitzungen teilgenommen, hatte Seminare gegeben, hatte also mitgewirkt und mitbestimmt und zwar nicht gegen den Konsens.
Das allerdings hieß nicht viel. Manche stimmten aus Gedankenlosigkeit oder Bequemlichkeit immer mit der Mehrheit. Und wieso hatte im Konzern Henkers gearbeitet? Es war offensichtlich, dass er es nicht aus Überzeugung getan hatte, sondern einfach wegen der Macht, der Selbstbestätigung und wegen des Geldes. Geld konnte er hier auch verdienen, sich selbst bestätigen noch besser, aber die alleinige Macht würden sie ihm entziehen - sofern er sie überhaupt schon besessen hatte. Hier herrschte Demokratie. Und zwar eine, die auf informierten Bürgern, sich selbst und ihres Handelns bewusster und in sich ruhender Menschen basierte. Die würden seine Fehlentscheidungen schon verhindern, bevor er sie beginge, falls er in eine Richtung zurück wollte, die auf eine Konzernmacht hinauslaufen sollte.
Und genau deswegen konnten sie ihn einstellen: Sie hatten ihn unter Kontrolle. Und kaputtmachen konnte er nicht viel. Zu fossilen Energien konnte er nicht zurückkehren. Die waren so gut wie versiegt und ihre Infrastruktur in der Sonnenstadt abgebaut. Er brauchte nur noch die Stromnetze abbauen helfen. Und das hatte man ja in der Vergangenheit gesehen: Die Atomkraftwerke wurden im letzten Jahrhundert von denselben Ingenieuren abgebaut, die sie zuvor aufgebaut hatten. Es hatte wunderbar funktioniert.

Im Übrigen, so flüsterte man hinter vorgehaltener Hand: Er soll eine ziemlich feste Liaison haben. "Hab ich auch gesehen," sagte der Greenbag-Händler. "Und zwar eine mit Alex Blond."
"Gottchen, dann muss ich ihr für den Rest meines Lebens zwei Forellen an die Klinke hängen," sagte Sepp, während er sich an der Brüstung vor den Besucherrängen über dem großen Sitzungssaal festhielt. Die zwei standen da wie die beiden Alten in der Muppets-Show und kommentierten das Geschehen unten auf der Bühne.
"Na Sepp, wenn der von dir Forellen kriegt, hatta n Interesse dran, dat der Fluss sauber bleibt. Ergo is der einzige Einwand gegen ihn, datta vielleicht in der Entwicklung wieder zurück will, ausgeklammert. Eine Hand wäscht die andere."
"Boa ey. Du verstehs abba ne Menge von Politik Jungchen."
"Ne, vom Handel. Ich bin Händler."
"Und n gottverdammt miserabler Schwimmer. Du bist heut morgen ja echt fast abgesoffen."
"Ich bin eben ein alter Händler. Früher galt das Überlebenstraining im Handel bloß dem Handel und dem Überleben im Handel, nicht dem Überleben in der Natur und der Natur und der Gesellschaft."
"Du reds wie ne Sphinx."
Ein plötzlicher Tumult. Die Mikrophone kreischten. Ursache war der Einspruch der Jugendfraktion. Die wollten so einen nicht haben. Brends Gesicht geriet einen Moment aus der Fassung. Er dachte an sein Engagement für diese Jugend. Scharf sah er sie an, aber bald wurde sein Blick wieder weicher, als er seine Schärfe in seine Argumentation kanalisierte.

Das Einstellungsverfahren in einer Bürgerdemokratie wie der Sonnenstadt war eine Strapaze für den Bewerber. Aber man ging davon aus, wer einen Posten wie den Chef der Stadtwerke haben wollte, der musste sich auch den Bürgern seiner Stadt stellen können. Und Spar hatte schließlich ein Prüfungskolloquium an der Universität hinter sich und unzählige Auftritte in der Öffentlichkeit. Der musste so etwas aushalten.

Er tat es. Als der Bürgermeister die Jugend aus dem Saal entfernen lassen wollte - in einem solchen Fall durften sie nur als Zuschauer anwesend sein, maximal einen einzelnen leisen Einspruch erheben - da winkte Brend ab und stellte sich der Jugend.
Er drehte sich zum Auditorium um und bewies, dass er rhetorische Fähigkeiten besaß. Henkers Seminare nutzten auch jetzt noch.
Alex lächelte auf der Besuchertribüne. Halb ironisch, halb stolz auf ihn. Wie wandlungsfähig doch so ein Manager war!
Brend schaffte es, die radikalen Jugendlichen umzustimmen. Er stellte den ersten Konsens seiner Amtszeit her.
Und er schaffte sich einen Bündnispartner fürs Leben.
So stellten sie Brend Spar ein.


Einige Wochen später standen die beiden Alten am Tresen des Café Grenzenlos und ließen ihre Finger in den Pfützen ihrer Gläser kreisen.

"Was is eigentlich aus der Firma geworden," fragte Sepp den Greenbag-Händler und meinte Henker Industrie. Der Händler führte soeben sein Glas Regio-Bier an den Mund, sodass beim Sprechen der weiße Schaum auf seiner Oberlippe zitterte. "Mensch Sepp, du bist nur noch so selten im Rathaus oder hier oder auf öffentlichen Plätzen, dass du gar nichts mehr mitbekommst. Henker ist nach und nach ausgegründet worden. Ein Solarmotoren-Betrieb, einer für Blockheizkraftwerke... hast du nicht eben erst ein neues einbauen lassen bei dir? Das müsste von der kleinen Nachfolgefirma von Henker stammen."
"Was?," schrie der kleine alte Mann empört auf. "Ich kauf doch nix von Henker!"
"Mensch Sepp, das ist nicht mehr Henker. Das ist jetzt ein Mittelständler... ich hab den Namen vergessen."
"Ach so. Na dann is ja gut. Ich hätt ihm das Ding sonst wieder vor die Tür gestellt."
"Brauchst du nicht. Wenn du zufrieden damit bist. Der ist sozial produziert und arbeitet ökologisch."
"Oh, für mich auch ökonomisch."
"Na bitte."
"Und was macht Alex?"
"Zwei Greenbags bestellen. Große Liebe. Und ansonsten ist sie die Lara Croft der Agenda. Sie hat ihre Ziele erreicht. Jetzt pflegt sie ihre Pflanzen, aus denen sie Leim, Stoffe, Farben, Putzmittel, Waschmittel, Kosmetik, Marmelade, Gelee und Saft herstellt. Eigentlich könnte sie auf meine grüne Tüte verzichten, aber sie sagt, für ihren Gemüsebedarf reicht die Anbaufläche nicht mehr. Und sie hat sich nun mal auf die komplizierteren Produktionen eingeschossen. Wenn du mich fragst: Einmal Wissenschaftlerin, immer Wissenschaftlerin. Den Forscherdrang kriegst du nicht mehr los."
"Unsinn. Die überschüssigen intellelen Zellen musst du dir runterspülen. Prost."
"Auf dein spezielles, Sepp."
"Und was macht das Mädel sonst?" Er meinte immer noch Alex.
Der Händler zuckte die Schultern. "Ins Rathaus gehen, joggen, mit und ohne ihren Lover, Lieben... im Schnee."
"Was?"
"Tatsache. Ich hab sie hinterm Haus gesehen."
"Was machst du denn hinter Alex’s Haus, du Sau?"
"Reg dich ab, ich war im Generationen-Wohnen-Haus gegenüber. Hab den Alten ihr Frischfutter gebracht. Da stand ein Opa ganz aufgeregt am Fenster. Ich bin gucken gegangen, und was sehe ich? Eine schwarze Frau im weißen Schnee. Unseren Stadtwerkechef hab ich erst gar nicht gesehen. Der Schnee glitzerte so, war so hell draußen. Und Spar war genauso weiß wie der Schnee."
"Kein Wunder bei der Kälte. Wie macht der gute Mann das?"
"Oh," sagte der Händler plötzlich sehr angeregt. "Ich geh jetzt immer Eisbaden, und ob du es glaubst oder nicht, dass regt meine Libido erst richtig an. Klar, in dem Moment, in dem du ins Wasser gehst, schrumpft er erst mal auf Fingerhutgröße. Aber später..."
"Na und wenn der doch grade im Schnee liegt?"
"Aber die ist doch heiß, unsere Agenda-Lara."
Alex blickte über die halb verschneiten Wiesen, aus denen sich die Schneeglöckchen zwängten. Langsam schmolzen die letzten, harten Eisschollen und ließen faulig stinkendes Gras zurück. Schneeglöckchen und Krokusse liebten den Geruch offensichtlich. Wo immer das Schmelzwasser warm wurde und die Erde weich, lugten sie blau, weiß, gelb hervor und bekamen ernsthafte Konkurrenz von wilden, bunten Primeln. Schade, dachte Alex, heute Abend werden sie gefressen. Von den Rehen. In der Dämmerung kamen sie aus dem Wald. Die blauen Krokusse mochten sie am liebsten. Genau wie die Hasen.

Alex joggte. Sie joggte für Brend Spar. Wenn sie joggte, dachte sie nicht mehr daran, dass sie die Stadt versorgte, sondern daran, dass sie die Stadtwerke versorgte.
In der Pause am Bach, wo sie ihre Füße badete, lehnte sie sich zurück, hielt ihr schwarzes Gesicht in die energiespendende Sonne, die jetzt die Weltwirtschaft übernahm. Die Sonne war dabei, das Monopol der fossilen Energiekonzerne zu zerstören. Sie war dabei, ihr Monopol zu errichten. Ein Monopol, an dem sich jeder Bürger, jeder kleine und mittlere Betrieb, jedes Land von Deutschland bis Zimbabwe beteiligen konnte. Die Zeit arbeitete für die Sonne. Denn sie war unendlich.

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 10.45 Uhr
Dieser Text enthält 13679 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.