Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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November 2002
Simon
von Lars Blumenroth


Kirchenmann, Kirchenmann
Haymo drehte sich verwirrt um. Niemand war zu sehen. Doch ihm war, als hätte er jemanden flüstern hören. Ein heimliches Flüstern. Die Worte waren nicht zu verstehen gewesen.
Der Mittelgang der Kirche war leer. Nichts bewegte sich, nichts gab einen Laut ab. Es war eine Geräuschlosigkeit, die in den Ohren zu dröhnen schien. Haymo stand auf halben Weg zum Altar im Mittelschiff. Einen Moment legte er den Kopf schief, wie ein Fluchttier, das seinen Jäger orten wollte. Stille. Schließlich nahm er den Kopf wieder in seine normale Position, schüttelte ihn kurz unbewusst und wand sich erneut um. Vielleicht war es eine Maus gewesen. Eine Kirchenmaus. Er grinste. Plötzlich war er sich nicht mal mehr sicher, ob er wirklich etwas gehört hatte. Das war immer so mit Dingen, die seltsam waren. Erst stellten sich einem die Nackenhaare auf und man könnte schwören, dass...
Kirchenmann, Kirchenmann
Fast hätte Haymo laut aufgeschrien. Diesmal hatte er sich nicht einfach nur umgedreht, sondern war reflexartig herumgewirbelt. Sein Herz pochte laut in der Brust. Wieder hatte er das Flüstern im Ohr. Diesmal deutlicher. Aber immer noch unverständlich. Eine helle, flüsternde Stimme von irgendwo her. Die Worte selbst waren so schnell in die weihrauchgeschwängerte Luft gehaucht worden, dass er nicht mit Sicherheit sagen konnte, wo er den Sender würde suchen müssen. Unbewusst hauchte er einmal über die Lippen, um zu testen, wie sich das anhören würde. Vorsichtig trat er einen Schritt vor. Die Flucht zum Haupteingang war natürlich immer noch verlassen. Aber in ihm nährte sich die Gewissheit, dass die Kirche nicht mehr leer war. Die Messe war vor etwa einer Stunde zu Ende gewesen. Einige Leute hatten noch ein Gespräch mit ihm gesucht, aber die meisten hatten sich nur kurz bei ihm bedankt und waren gegangen. Und jetzt sollte die Kirche eigentlich leer sein. Selbst die Messdiener müssten schon lange fort sein.
Ein kurzer Gedanke an den neuen Messdiener schwirrte ihm durch den Kopf. Simon. Er war neu in der Stadt und hatte sich gleich nach der ersten Sonntagsmesse bei ihm gemeldet. Ein hübscher Junge.
Mittlerweile schlich er abermals auf den Eingangsbereich zu, wobei er aufmerksam zwischen die Bankreihen sah. Es war neben dem Priesteramt auch seine Aufgabe, die Kirche zu schließen. Es wäre ein Unding, wenn er jemanden hier einschließen würde. Gar nicht auszudenken, was das für Gerede nach sich ziehen würde. Und Gerede konnte er ganz und gar nicht gebrauchen.
Als er am Ende der Bankreihen angekommen war, zögerte er einen Moment. Vielleicht sollte er kurz stehen bleiben und warten. Aber auch nach diesem wachsamen Verweilen tat sich nichts. Er hatte dieses seltsame Gefühl, das ihm sagte, er habe sich alles nur eingebildet. Das Flüstern war viel zu schnell vergangen, als dass es ihm länger im Kopf bleiben konnte. Haymo fühlte sich, als hätte er einen schlechten Traum gehabt, der nach dem Aufwachen langsam verblasst war. Erst war er sich absolut sicher gewesen, erschrocken, aber dann hatten sich diese Wahrnehmungen langsam und unmerklich davongestohlen. Es war, als hätte er ernsthaft versucht, mit bloßen Händen Wasser festzuhalten.
Irritiert und unsicher sah er den Gang hinab. Zwei Stufen führten auf die höher gelegene Ebene, auf der sich die Kanzel befand. Selbst von hier aus war die große Bibel zu sehen, die aufgeschlagen darauf lag. Er las gern aus ihr. Dahinter erhob sich prachtvoll der Altar mitsamt Jesusfigur. Haymo war schon in unzähligen Kirchen gewesen, aber nie hatte er eine solch wunderschöne Jesusfigur gesehen. Der Sohn Gottes war so filigran geformt, so natürlich bemalt, dass es den Anschein hatte, er hinge leibhaftig dort am Kreuz. Seine Wunden waren vom Künstler so stark reduziert worden, dass es nichts gab, das dieses schöne Bild trübte. Man konnte sich bequem vorstellen, dass der Heiland lediglich schlief. Sein Gesicht war nicht schmerzverzerrt, sondern sah eher zufrieden aus. Der blanke Brustkorb wölbte sich etwas hervor und die Knie waren leicht zur Seite geneigt. Ein hübscher junger Mann muss er gewesen sein, wenn man diesem Bildnis glauben schenkte. Und ab und zu stellte sich Haymo vor...
Kirchenmann, Kirchenmann
Er zuckte zusammen. Alarmiert stellten sich seine Härchen auf und ein Schauer kroch ihm mit ekelhafter Langsamkeit den Rücken hinunter. Das Flüstern war lauter gewesen und kam eindeutig aus den Bankreihen auf der rechten Seite. Nein, jetzt gab es keinen Zweifel mehr, jemand musste sich noch in diesem Kirchentrakt aufhalten. Eine nagende Angst beschlich Haymo. Auch im Hause Gottes gab es Unrecht, das wusste er sehr wohl.
Geräuschlos schlich er an den Säulen vorbei, die sich hinter der letzten Bank befanden. Er würde den Seitengang abermals abschreiten. Und diesmal würde er durch jede Bankreihe gehen. Da war wieder was zu hören! Wie angewurzelt blieb Haymo stehen und legte abermals seinen Kopf zur Seite. Ein leises Kratzen war zu vernehmen. Dann brach es ab. Schließlich ein Rascheln, danach ein menschlicher Laut. Aber das war nicht der Klang von vorhin gewesen, nicht das Flüstern. Was er eben gehört hatte, war nicht so verstohlen. Plötzlich war wieder etwas zu hören. Ein unterdrücktes Schluchzen. Jemand musste weinen.
Wilde Vorstellungen schlängelten sich durch Haymos Kopf: Eine Frau liegt am Boden; auf ihr ein Maskierter mit einem Messer in der Hand. Abermals ertönte leises Weinen. Nein, die Quelle des Geräusches war eindeutig jünger, keine Frau. Haymo setzte sich in Bewegung. Diese Geräusche enthielten keinerlei Anzeichen für Gefahr, kein Grund zu zögern. Viel eher waren sie Hinweis dafür, dass jemand seinen seelischen Beistand benötigte.
Haymo kam der letzten Säule näher. An dieser Stelle waren die Zwischenräume zwischen den einzelnen Stützen zugemauert.. Die Ecke, auf die er sich zu bewegte, war durch zahlreiche Schatten des zerklüfteten Gemäuers unangenehm verdunkelt. Er benutzte diesen Weg nur in Ausnahmefällen, weil er sich hier, Kirche hin, Kirche her, nicht wohl fühlte. Jetzt war einer dieser seltenen Fälle und intuitiv verlangsamte sich sein Schritt. Einen Moment überlegte er, ob er sich umwenden sollte. Aber er wollte sich nicht so kindisch aufführen und zum Hauptgang zurückkehren.
Kirchenmann...
Dieses Flüstern schien eindeutig aus dieser Ecke vor ihm zu kommen. Sein Magen fuhr wie ein Aufzug hinab, ihm wurde schlecht. Das Schluchzen war nicht mehr zu hören.
Heute bist Du dran
Haymo blieb stehen. Das bildete er sich auf keinen Fall ein! Die Stimme kam eindeutig aus der Ecke. Eine helle, etwas raue Stimme. Geflüstert zwar, vielleicht mehr noch gehaucht, aber trotzdem einigermaßen verständlich.
Morgen wird’s nicht...
„Wer ist da?“ rief Haymo. Er hatte seinen ganzen Mut zusammengenommen. Seine Stimme hallte einsam durch die Gemäuer und blieb unbeantwortet, was das zurückkehrende Schweigen noch bedrohlicher wirken ließ. Er wartete einen Moment. Dann machte er ein leises Schniefen aus. Es kam nicht aus der Ecke.
„Haben Sie Angst im Dunklen?“ fragte plötzlich eine zaghafte Stimme. Sie hörte sich weinerlich an, gänzlich harmlos. Eine raue Komponente lag in ihr. Schließlich setzte er seinen Weg fort und trat auf die Ecke zu, bis er an der Innenmauer entlang sehen konnte.
Ein Junge kauerte auf dem Boden. Er hatte sich mit dem Rücken an das Ende einer Bank gelehnt und stützte den Kopf auf seine Arme. Haymo war so erleichtert, dass er ein lautes Aufatmen unterdrücken musste. Seine Ängste, die ihm eben noch zugesetzt hatten, waren nun verflogen. Jetzt interessierte er sich ausschließlich für diesen Jungen. Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen. Er zwang sich, seine Frage, was man zu dieser Zeit noch hier suche, zu verdrängen. Das würde kein günstiger Start für ein Gespräch sein. Aber um eine Aussprache würde Haymo keinesfalls herum kommen. Wenn er es genau bedachte, so war dies sogar eine einmalige Gelegenheit.
Der Junge wand sein Gesicht Haymo zu. Es war Simon, der Messdiener. Wieder beschleunigte sich Haymos Herzschlag.
„Und? Haben Sie Angst, Pater?“ wiederholte Simon seine Frage, die Haymo längst entfallen war. Die Eigenart des Jungen, seinen Status immer mit dem Wort Pater zu unterstreichen, war ihm unangenehm. Simon war gerade mal vierzehn und normalerweise sprachen die Jungen ihn immer gleich mit seinem Vornamen an, nachdem er ihnen dies erlaubt hatte. Er wollte keine Distanz durch Namen und Titel.
„Hast du Angst, mich Haymo zu nennen?“ fragte er zurück.
Der Junge sah ihn erstaunt an. Seine Augen waren zwar rotgerieben, hatten aber dennoch eine faszinierende Schönheit.
„Das ist eine Gegenfrage, Pater...“ stellte Simon fest. Dann wand er seinen Kopf wieder ab und fügte hinzu „...Haymo.“
„Ich weiß“ Haymo musste schmunzeln.
Dann sah Simon ihn wieder an. „Ich habe nur manchmal Angst, Erwachsene bei ihren Vornamen zu nennen, so wie sie nur manchmal Angst vor der Dunkelheit haben.“
Jetzt war Haymo erstaunt. Er hatte nicht mit einer solchen Antwort gerechnet.
„Aber wieso hast du Angst bei mir?“
Simon schaute wieder weg. „Ich weiß nicht.“
Diese Antwort entsprach eher einem Jugendlichen. Haymo ließ sich in eine Bankreihe gleiten und setzte sich auf das knarrende Holz.
„Bei Menschen weiß man nie...“ fügte Simon unerwartet hinzu.
„Wie kommst du darauf?“
Wieder Schweigen. Aber Haymo wusste, dass er nur warten musste, um die Antwort zu bekommen. Simon redete nicht viel, und wie es schien, auch nicht gern, aber wenn man ihm Zeit gab...
„Ich bin weggelaufen.“
Das war also der Grund. Haymo machte sich in Gedanken schon daran, die Sache mit Simon aufzuarbeiten. Familiäre Probleme tauchten immer mal wieder auf.
„Aber ich will nicht darüber reden, Pater.“
Kaum hatte Simon diesen Satz herausgebracht, verstaute Haymo seinen Fragekatalog bezüglich Familie wieder in seinen gedanklichen Schubladen. Fast bekam er ein schlechtes Gewissen, weil er insgeheim froh darüber war. Es wäre seine Pflicht, trotzdem mit dem Jungen darüber zu reden.
Kirchenmann
Das Flüstern riss Haymo unerwartet aus seinen Gedanken. Etwas erschrocken sah er Simon an. Das unheimliche Flüstern hatte er fast vergessen.
„Hast du was gesagt?“ fragte er den Jungen unsicher.
Simon sah wieder auf. Er schüttelte den Kopf. „Nein, Pater.“
Haymo war angespannt. Er spürte plötzlich das harte, unbequeme Holz unter sich überdeutlich. Er war sich ganz sicher, dass er etwas gehört hatte. Simon sah ihn immer noch aus seinen blauen Augen fragend an.
„Mir war, als hätte ich etwas gehört.“ sagte der Priester unsicher. Aber innerlich hatte er sich schon beruhigt. Simon musste wieder geschluchzt haben. Oder er hatte sonst irgendwie ein Geräusch von sich gegeben. Wahrscheinlich war er mit diesen Plastikturnschuhen, die bei den Jugendlichen ja so angesagt waren, über die unebenen Steinplatten gerutscht. Wie er solche Schuhe hasste. Einen seltsamen Geschmack hatte die Jugend heute.
„Hast du nun Angst vor der Dunkelheit oder nicht?“ meldete sich Simon wieder zu Wort. Es schien den Jungen wirklich zu interessieren. Aber ausschlaggebend für seine unbefangene Antwort war, dass Simon ihn nun mit du angeredet hatte.
„Ja, ich habe auch Angst... ab und zu. Manchmal auch vor Dunkelheit.“ antwortete er.
„Ich habe dir vorhin einen Schrecken eingejagt, was?“
„Ja, hast du.“
Der Junge wirkte nun nicht mehr traurig und das freute Haymo.
„Hast mich ganz schön erschreckt.“
„Tut mir leid, wollte ich nicht.“
Simon rutschte etwas näher an ihn heran. Plötzlich streckte er einen Arm aus und ließ seine Hand auf die schwarze Robe des Priesters sinken. Haymo war wie elektrisiert. Der Junge schaute schüchtern weg.
„Manchmal vergesse ich, dass ich als Pater auch nur ein Mensch ist.“ fügte er nach einer kurzen Zeit hinzu.
Haymo spürte die Wärme der Hand, die durch seinen Talar kroch. In seinem Kopf drehte sich alles. Simon sah ihn wieder mit seinen strahlenden Augen an. Dieser Blick war unglaublich intensiv. Diese Augen waren so wach und unschuldig, gleichzeitig aber voller Wissen.
„War nicht so schlimm... der Schreck.“ sagte Haymo schließlich. Seine Stimme hörte sich brüchig an und als er es bemerkte, schoss ihm eine verräterische Hitze ins Gesicht.
Simon wand sich nun ganz zu ihm, sodass er kniete. Die Hand, die Haymo durch den Stoff auf seinem Bein gespürt hatte, war einen kurzen Moment etwas höher gerutscht, bevor der Junge sie weggenommen hatte.
„Hier auf dem Boden ist es ziemlich unbequem.“
Haymo wollte sagen, dass die Bank auch nicht viel besser sein würde, fürchtete aber, dass seine Stimme wieder mehr preisgeben würde, als sie sollte.
„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mich neben Sie setze, Pater?“ Simon stand einen kurzen Moment vor dem regungslosen Priester, bevor er „...Haymo“ hinzufügte.
„Nein, habe ich... nein.“
Aber bevor er rutschen konnte, um dem Jungen Platz zu machen, stieg Simon einfach über ihn drüber. Die schlanken Beine rieben kurz an denen von Haymo und einen wahnsinnigen Augenblick sahen seine Augen unmittelbar auf den jungen Hintern, der sich durch den Jeansstoff abzeichnete. Dann war es vorbei.
Kirchenmann, Kirchenmann
Wieder schreckte etwas in Haymo hoch, er wollte aufspringen und nach dem Ursprung der Stimme suchen. Doch Simon setzte sich kurz darauf neben ihn und Haymo spürte dessen Körper an seinem. Er war hin und hergerissen.
„Haymo?“
Die Stimme des Jungen machte ihn alles vergessen.
„Ja?“ fragte er ihn erwartungsvoll.
„Ich habe mir gedacht, dass...“ Simon unterbrach sich und schwieg.
„Dass was?“ wollte Haymo unterstützen. Die Nähe des Bengels machte ihn kribbelig.
„Ach, war nicht so wichtig.“ lehnte Simon ab.
Doch in Haymo war mit einem mal etwas erwacht, das er oft mit großer Mühe unterdrückte. Er dachte an die vielen Male zurück, die er sich nicht so im Griff gehabt hatte. Und er erinnerte sich oberflächlich auch an die wenigen Male, da ihn dies in Probleme gestürzt hatte. Gott war überall, Gott sah alles. Vielleicht wäre er jetzt schon Bischof, wenn Gott nicht immer aufmerksam gewesen wäre.
Nun ließ Haymo seine Hand auf das Knie des Jungen gleiten. Simon bewegte sich nicht. Er saß einfach nur still und warm neben ihm. Die Hand streifte sachte etwas höher und wieder runter. Normalerweise würde Haymo jetzt etwas Beruhigendes sagen, aber er fand keine Worte. Der Junge war so willig zu ihm gekommen, dass es keiner Worte mehr bedurfte. Seine Hand rutschte sehr viel höher. Er spürte die Muskeln unter dem Stoff. Diese heißen, erregenden Beine. Dieses Pulsieren zwischen ihnen. Dieses Verlangen nach dem, was er geben konnte.
...wird’s nicht geben
Er sah in das Gesicht des Jungen. Simon sah ihn mit seinen Augen hypnotisch an. Wieder wollte er fragen, ob der Junge etwas gesagt hatte, doch Simon war schneller.
„Machst du das öfter?“
Haymo war, als hätte man ihn umgestoßen.
„Nein...“ antwortete er eher impulsiv als berechnend.
„Ich denke, ein Pater darf keinen Sex haben.“
Haymo räusperte sich. Eilig nahm er seine Hand aus dem Schritt des Jungen. Er wollte aufstehen.
„Ich mag das gern.“ sagte Simon unerwartet.
Haymo lehnte sich wieder an den Bankrücken. „Ja?“ presste er hinaus. Er wusste, dass dies ein Spiel mit dem Feuer war.
Fegefeuer
Diesmal hatte Haymo es genau gesehen. Die Lippen des Jungen hatten sich nicht bewegt. Ihm war auch, als wäre das Flüstern von weiter weg gekommen.
Plötzlich schwang sich Simon auf, warf ein Bein über den Priester und ließ sich auf dessen Schoß nieder.
„Ja. Ich mag das gern.“
Haymo war erschrocken. Weniger wegen des forschen Verhaltens des Jungen, sondern mehr, weil er Angst hatte, noch jemand könne sich hier befinden. Aber noch ehe er Simon abwehren konnte, hatte dieser seine Arme um ihn geschlungen. Das Gesicht des Jungen hing nun gleich vor seinem. Mit gespreizten Beinen kniete er auf der Bank und Haymo spürte das angenehme Gewicht des Hintern, der sich leicht über seine Beine rieb.
„Magst du mich?“ fragte Simon unmittelbar.
Haymo zögerte. Er war wieder etwas lockerer geworden. Der Junge meinte es ernst. Aber wenn noch jemand in der Kirche... „Ja, ich mag dich.“
„Willst du’s mir machen, wie du's all den anderen kleinen Jungs gemacht hast?“
Hitze schoss in Haymo hoch. Etwas in ihm wollte, dass er den Jungen sofort von sich stieß. Aber seine Hände glitten an dessen Leib nur nach vorn. Automatisch schlängelten sie sich durch das Gewühl von Pulli und Shirt. Und als er die nackte Haut unter seinen Händen spürte, war er vollkommen erregt.
„Willst du mich ficken, so wie du all die anderen Jungs gefickt hast?“
„Ja!“ keuchte Haymo leise, obwohl er wusste, dass er dieses Balg besser ohrfeigen und aus der Kirche werfen sollte. Aber die Haut, glatt und geschmeidig, wie die einer Schlange, raubten ihm seinen Verstand. Seine Hände suchten den Knopf der Hose, nestelten herum, griffen den Reißverschluss und öffneten ihn. Simon bewegte rhythmisch sein Becken.
Kirchenmann, Kirchenmann
Haymo hielt inne. Simon senkte plötzlich brüsk seinen Mund auf sein Gesicht und fauchte: „Bin ich dir auch nicht zu jung?“
Die List in dieser Stimme war nicht mehr zu überhören. Haymo ließ den Jungen los, als hätte er sich verbrannt. Aber dieser räkelte sich weiter auf ihm.
„Wie jung magst du sie? Sag schon, Pater!“
Das war zu viel! Haymo wollte den Jungen von sich drücken. Doch Simon lenkte seine Hand ab und führte sie gleich zu seinem Schritt. Die Hose war offen. Er würde sie nur hinunterziehen müssen. Und er konnte nicht verhindern, dass ihm ein leichtes Stöhnen entwich, während Simon sein Becken gegen ihn presste.
„Hast du mal zwei gleichzeitig gehabt?“ Die Arme des Jungen lagen nun wieder um seinen Nacken und die Stimme rauschte heiß in sein Ohr. Haymo konnte sich nicht wehren. Seine Hände wollten es auch gar nicht. Sie strichen immer wieder unter die Wäsche des Jungen und glitten über dessen Rücken.
„Na? Gefällt dir mein Arsch?“ raunte die Stimme. „Pater.“
Der Zusatz machte Haymo immer noch nervös, aber der Gegenstand der Frage forderte seine ganze Aufmerksamkeit. Forschend ließ er die Hände wie auf Kommando in die Hose gleiten und griff zu.
Heute bist du dran
„Dreh dich nicht um!“ flüsterte Simon, als hätte er geahnt, dass Haymo herumfahren wollte. Der Junge hielt den Kopf des Priesters fest. „Ich habe meinen Bruder mitgebracht.“
Das Geständnis brachte Haymo dazu, sich kräftiger gegen den Jungen zu wehren. Mit beiden Händen drückte er vor dessen Brustkorb, aber Simon hielt sich unerbittlich fest.
„Sei nicht nervös, Pater, er will es auch. Er will auch, dass du ihn kräftig nagelst.“ Die Stimme des Jungen wurde lauter. „Er will auch, dass du ihn nimmst, wie du die anderen genommen hast...“
...die Zwölfjährigen, die Zehnjährigen. Er will auch, dass du ihn fickst.
Haymo schrie auf. Und plötzlich schaffte er es, den Jungen von sich zu stoßen. Ein unangenehmes Krachen ertönte, als dieser gegen die Rücklehne der nächsten Bankreihe prallte. Aber Haymo hatte dafür kein Empfinden mehr. Er hatte die Stimme gehört. Diese Flüsterstimme. Und sie war nicht nur von dem Jungen allein gekommen, sondern von überall.
Als er endlich aufgesprungen war, sah er wild über die Bänke. Niemand war zu sehen.
„Was soll das?“ rief er wütend. Keine Antwort. Allerdings wusste er, dass sich noch jemand hier aufhielt – aufhalten musste. Aufgebracht drehte er sich wieder herum, weil es ihm plötzlich unangenehm war, Simon hinter sich zu wissen. Aber Simon war nicht mehr hinter ihm. Er hatte den Jungen noch gesehen, wie er aus der Bankreihe gefallen war, bevor er die andere Person gesucht hatte. Er hatte nicht so ausgesehen, als könne er so einfach und schnell verschwinden. Haymo hätte es gewiss gehört. Tatsache war allerdings: der Junge war fort. Und nun brannte ein beklemmendes Gefühl in seinem Hals. Am liebsten hätte er sich wieder auf die Bank sinken lassen. Aber er hatte Angst, dass jemand hinter ihm auftauchen könnte. Simon, der ihn wieder umarmte, mit seinen jugendlichen und dennoch ungeheuer starken Armen. Ängstlich drehte Haymo sich um und machte sich daran, die Bankreihe rückwärts zu verlassen. Er brauchte Übersicht. Er wollte sie sehen, die Bengel. Dies war ein Hinterhalt, da war er sich sicher. Und am Ende würde es wieder Gerede geben. Vorerst Gerede. Dann würden die Probleme folgen. Und vielleicht, oder eher ganz sicher, würde er diesmal nicht so glimpflich davonkommen wie früher. Was hatte er sich eigentlich dabei gedacht? Das Fleisch lockte immer wieder. Und er war einfach zu schwach. Aber wie hätte er diesem Angriff des Jungen auch entgehen können. Ja, es war ein Angriff gewesen. Er war das Opfer!
Kirchenmann, Kirchenmann
Er fuhr zusammen und stolperte rückwärts. Da waren sie wieder, die Stimmen. Es waren nun ganz deutlich zwei. Beide rau und flüsternd. Beide bedrohlich. Haymo stieß mit dem Rücken gegen die Mauer. Es war ein gutes Gefühl, sicher sein zu können, dass er niemanden im Rücken haben konnte.
Heute bist du dran
Nervös warf Haymo seinen Kopf hin und her. Er konnte nicht sagen, von wo die Stimmen genau kamen. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Aber das waren doch nur Bengel, sagte er sich beschwichtigend. Er könnte ganz einfach die Kirche verlassen und sie ein wenig schmoren lassen. Aber was wäre dann mit der Einrichtung, für die er Verantwortung trug? Er konnte ihre unschuldigen Stimmen im Kopf hören: „Er hat uns einfach eingeschlossen. Er hat nicht überprüft, ob noch jemand in der Kirche war.“ Oder viel schlimmer noch: „Er hat uns erst angefasst und dann eingeschlossen. Wir dürfen aber nichts sagen, das hat er uns verboten.“
„Los Jungs, der Spaß ist vorbei, kommt raus.“ rief er plötzlich und war selbst überrascht, dass seine Stimme sich gänzlich autoritär anhörte. Das gab ihm ein gewisses Maß an Gleichgewicht zurück.
Und in der Tat hörte er Rascheln. Simon tauchte zwischen zwei Bänken rechts von ihm auf. Sein T-Shirt war immer noch aus der offenen Hose herausgerissen und lugte unordentlich unter seinem Pulli hervor.
„Ich dachte sie mögen Suchspielchen.“ sagte er schüchtern. Seine Stimme wirkte wie die eines kleinen Jungen, der etwas verbrochen hatte und ich dessen auch vollkommen bewusst war.
„Nein, ich muss die Kirche schließen, ich habe jetzt keine Zeit mehr für dich und...“
In diesem Moment tauchte eine zweite Gestalt zwischen den Bänken auf. Diesmal links von ihm. Haymo hatte zwar erwartet, dass sich noch jemand versteckt hielt, aber jetzt war er doch sprachlos. Der zweite Junge glich Simon bis aufs Haar. Er hatte sogar dieselben Anziehsachen an. Und auch seine Klamotten waren unordentlich, deuteten auf sexuelle Handlungen hin.
„Das ist mein Bruder, Pater.“
Haymo fasste sich wieder. „Ja, ja, das sehe ich. Und nun zieht euch an und geht nach Hause.“
„Wir wollen aber nicht nach Hause, Pater. Schon vergessen?“ antwortete Simons Bruder.
„Wir sind von zu Hause abgehau'n, Pater.“ ergänzte Simon.
Die Stimmen schwappten unwirklich zu Haymo herüber. Ja, es waren eindeutig die Flüsterstimmen, wenn man sie sich überlagert vorstellte. Sie waren sich so gleich, wie die Körper der Zwillinge selbst. Und beide hatten diese wahnsinnigen, blauen Augen, die nun gemeinsam auf Haymo einstachen.
„Was... wohin wollt ihr denn?“
Keiner der Jungen antwortete. Haymo wollte gerade wieder etwas sagen, etwas Nachdrückliches, um die Machtverhältnisse zu klären, als Simon sich auf die Kirchenbank stellte. Stumm zeigte er auf seinen Hosenschlitz. Dann zog er langsam seinen Pulli aus. Das T-Shirt rutschte hoch und gab seine schmale Brust frei. Haymo sah die kindliche Unterhose, die mit einem verspielten Muster bedruckt war.
„Jetzt ist genug, Simon!“ schrie er unerwartet los und seine Stimme war angefüllt mit Entsetzen und Flehen. Aber Simon hörte nicht zu, er warf wie ein Tänzer sein Shirt fort. Auch sein Bruder war auf eine Bank gestiegen und begann, sich langsam zu entkleiden. Haymo wurde kurz schwarz vor Augen. Es war nicht so, dass ihm der Anblick missfiel. Normalerweise wäre er begeistert gewesen. Doch sein Verstand hatte nun die Oberhand. Kein Jugendlicher würde sich auf Gegenwehr so unzüchtig bewegen. Sein Instinkt schrie ihm immer wieder zu, dass diese Situation außer Kontrolle geraten war. Und wenn ihm etwas keinen Spaß machte, dann war es die Tatsache, dass er keinen Einfluss nehmen konnte. Er wollte die Jungs willenlos haben. Aber die hier waren ganz und gar nicht willenlos, sie ärgerten und verspotteten ihn.
Gefällt's dir, Pater?
Eine unbeherrschte Angst schoss wild in Haymo umher. Alles war außer Kontrolle. Auch er selbst. Und das schlimmste war diese flüsternde, hauchende Stimme. Durch die Klangverhältnisse erreichte sie ihn mit einem unheimlichen Echo.
Simon war nun nackt. Er warf gerade mit Gepolter seine Schuhe durch die Gegend. Haymo konnte sich nicht dagegen wehren, diesen Jungen trotz seiner Ängste bewundernd anzusehen. Sein Körper war so makellos, so schön, als wäre es der Leib eines künstlichen Produktes. Auch Simons Bruder war nun nackt. Wieder knallten geworfene Turnschuhe gegen Holz. Haymo wusste nicht mehr, was er noch sagen sollte. Immer wieder durchflutete ihn der Gedanke, dass es ewig dauern würde, bis die beiden ihre wild verstreuten Kleidungsstücke wieder an hatten.
„Was ist, wenn jemand hereinkommt?“ sprach er schließlich seine Ängste aus.
Simon und sein Bruder kümmerten sich nicht darum. Sie kletterten ausgelassen über die Bänke auf den Mittelgang zu. Sie bewegten sich so geschmeidig, dass es den anmutigen Bewegungen von Katzen gleich kam. Haymos Haut kribbelte unangenehm. Er stand noch immer regungslos an der Wand.
„Hast du nicht abgeschlossen, Pater?“ Es war nicht zu sagen, wer gesprochen hatte.
Haymo löste sich von seiner sicheren Rückendeckung. „Doch, die Haupteingänge sind zu.“ Er wusste gar nicht, weshalb er so leicht antwortete. Wahrscheinlich, weil er über die Tatsache selbst erleichtert war. Vielleicht aber auch, weil etwas in ihm drängte, das Unweigerliche einfach zu genießen. Wer sollte schon durch die Hintertüre, durch die Büroräumlichkeiten, hier her kommen? Er war allein mit diesen Bengeln. Dennoch wäre es ihm lieber, wenn sie ihm gehorchen und mit ihm in eines der Zimmer gehen würden, in denen er immer die Abrechnungen machte.
Als Haymo aus seinen Gedanken auftauchte, realisierte er, dass die Knaben nun vor dem Altar standen und zu Jesus aufblickten. Sie hielten sich an den Händen. Und sie standen nackt dort. Ihre Haut glich dem Aussehen der Figur enorm. Nur hatten sie keinen Lendenschurz um. Und als einer der beiden begann, dem anderen über den Hintern zu streicheln, war Haymo wieder in Alarmbereitschaft.
„Hey, was macht ihr da?“ keuchte er erschüttert. „Wir sind hier in der Kirche!“ Er eilte schnellen Schrittes auf den Altar zu. Die Jungen hatten sich nun einander zugewandt und streichelten sich gegenseitig vor den Augen Gottes. Haymo wälzte sich der Magen herum. Sicherlich waren seine sexuellen Eskapaden auch nicht gern gesehen, aber er hatte sie niemals direkt vor dem Angesicht Christi ausgelebt. Viel zu langsam kam er immer näher. Am liebsten hätte er die beiden angebrüllt, aber der Schrei blieb ihm im Hals stecken. Mit panischem Entsetzen sah er, wie die Knaben sich lüstern aneinander rieben, sich gegenseitig stimulierten. Und als er schließlich die beiden Stufen hinauf stolperte, gelang es ihm endlich, einen Laut herauszupressen.
„Ihr seid im Hause Gottes!“
Die Jungs, kaum ein paar Meter von ihm entfernt, ließen voneinander ab und drehten sich beide zu ihm um. Haymo wusste nicht mehr, welcher von beiden Simon war.
„Hast du es nicht auch im Hause Gottes getan, Pater?“ fragte einer spitzbübisch, aber dennoch voller List.
„Nein, nicht hier!“ spie Haymo aus. „Nicht im Angesicht des Herrn!“
„Weißt du nicht, dass Gottes Augen überall sind, Pater?“ fragte nun der andere erstaunt.
Haymo wusste nichts zu sagen.
„Gott ist in dir und er sieht durch dich.“
„Er sieht alles!“
Wie Maschinen wechselten sich die beiden mit Sprechen ab. Ihre blauen Augen machten Haymo schwindelig.
„Gott ist es egal, ob du Männer magst.“
„Gott wertet nur die Liebe.“
„Liebe ist immer richtig, egal wie sie geartet ist.“
„Gott mag nur deine Lust nicht.“
„Deine unbändige Lust auf kleine Jungs, Pater.“
„Schweigt!“ brüllte Haymo mit aller Kraft. In seinen Ohren rollten die Stimmen hin und her. Immer wieder doppelten sie sich und drehten eine neue Runde in seinem Schädel. Und das, was sie sagten, hatte er bisher immer verdrängt. Sie sprachen das aus, wovor er am meisten Angst hatte. Ja, er hatte Angst, dass Gott erfahren könnte, was er mit all diesen kleinen Jungen gemacht hatte. Ja, er war sich bewusst, dass er eigentlich bestraft gehörte, anstatt von der Kirche geschützt. Aber er wollte um Gottes Willen nicht darüber nachdenken!
Kirchenmann, Kirchenmann
Haymo zuckte zusammen. Argwöhnisch und wütend sah er die Zwillinge an.
„Hört mit dem Mist auf!“ fauchte er. „Wer von euch ist Simon?“
„Ich“ sagte der rechte der beiden, wobei er sich ungeniert an seinen Bruder schmiegte.
„Und wie heißt du?“ fragte Haymo ungehalten den anderen.
„Simon.“ antwortete dieser, als wäre es selbstverständlich.
„Hört mal, ich habe keine Lust auf dieses Spielchen. Ihr werdet jetzt sofort...“
Heute bist du dran.
Erschrocken fuhr der Priester herum. Die Stimmen waren nun auch eindeutig hinter ihm zu hören gewesen. Als er ihren Ursprung sah, wurden ihm die Beine weich. Da standen ebenfalls zwei Jungen, völlig nackt, sich aneinander reibend. Und sie sahen beide ebenfalls aus wie Simon. Sie schauten ihn ernst aus ihren durchdringenden, blauen Augen an.
„Was geht hier vor?“ kreischte Haymo außer sich. Wild wirbelte er wieder herum, um zu prüfen, ob die beiden ersten ihm irgendwie einen Streich gespielt hatten. Aber dem war nicht so. Es befanden sich eindeutig vier gleich aussehende Jungen in dieser Kirche.
„Wo kommt ihr her? Was wollt ihr?“ keuchte Haymo, der nicht glauben konnte, was ihm seine Augen berichteten. Die Jungen aber beachteten ihn nicht, sondern traten am Priester vorbei aufeinander zu, um sich nun zu viert zu begrapschen.
Haymo war ganz schwindelig. Das konnte nur ein Traum sein! Doch plötzlich ergriff einer der Knaben seinen Talar und zerrte daran. Haymo schrie vor Schreck auf.
„Was ist? Keine Lust auf eine kleine Orgie?“ spottete Simon, oder einer seiner Brüder.
„Nein, wir sind ihm zu alt.“ hauchte ein anderer lustvoll.
„Ja, er mag nur ganz Junge. Maximal zwölf.“
„Aber besser noch jünger, oder Pater?“
Ein heiseres Gelächter ertönte und wurde monströs von den Wänden zurück geworfen. Haymo taumelte. Er sah diese vier Nackten dort Unzucht treiben, wie er es sich ab und zu in seinen Träumen ausgemalt hatte. Aber so etwas durfte nicht wahr werden! Sowas konnte nicht wahr werden! Und plötzlich gab der Boden unter ihm nach und er fiel rücklings die Stufen hinunter. Der Schmerz, den der Aufprall durch seinen Steiß hinauf in den Rücken schickte, war unmenschlich. Aber schreien konnte er nicht. Einen kurzen Moment hoffte er, dass durch den Sturz sein Verstand wieder in Ordnung gekommen war und sich alles als unheimliche Vision entpuppen würde, doch die Jugendlichen waren immer noch dort. Sie taten Dinge, die er schon oft getan hatte, aber über die er niemals reden würde.
Kirchenmann, Kirchenmann
Da war es wieder, das Geflüster. Dieses heisere Gestöhne, das zufällig Worte ergab, deren Sinn er mehr erahnte, als er ihn verstand. Und diese Stimmen kamen nicht allein vom Altar. Hände griffen ihn an den Schultern, hievten ihn auf. Haymo wollte sich wehren. Er wollte nicht, dass man ihn anfasste. Aber man half ihm dennoch auf. Vielleicht waren dies helfende Hände. Vielleicht war er wirklich nur gestürzt und die letzten Messebesucher halfen ihm nun auf. Aber dieser Wunschgedanke zerbarst, sobald die Helfer in seinen Blick traten. Zwei weitere Jungen. Zwei weitere, die ebenfalls Simon heißen mochten, denn sie sahen exakt so aus. Aber diese beiden hatten ihn nicht allein aufgerückt. Hinter ihm standen nochmals zwei.
„Acht!“ Entsetzen und Unglauben dominierten die schrill verzerrte Stimme.
Wir lassen dich...
„Nein, nicht acht.“ hauchte eine Stimme nah an seinem Ohr und unterbrach das gemeinsame Murmeln. Haymo zitterte. Er wollte nicht auf die Stimme hören. Er wollte nicht sehen, was das Gesagte bedeuten sollte. Aber er wand sich trotzdem um.
Kirchenmann, Kirchenmann
„Oh mein Gott!“ rief Haymo. „Das darf nicht wahr sein!“
Vor ihm befand sich ein gut gefülltes Kirchenschiff. Die Bänke waren fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Hundert blaue Augen schauten ihn an.
Kirchenmann
Das Gemurmel in diesem Haus war selbst bei den Gebeten der Gemeinde nicht lauter. Und diese Brut murmelte keineswegs ein Gebet. Er wollte es nicht hören.
Heute, heute bist du dran
„Was wollt ihr hier? Was wollt ihr?“ kreischte Haymo. Sein Herz schmerzte in seiner Brust.
Morgen wird’s nicht geben
„Was wollt ihr von mir, verdammt?“ Seine Stimme überschlug sich. Sie wurde vom hohen Gemäuer zurückgeworfen. Und Haymo selbst stellte hilflos fest, dass er sich kaum mehr menschlich anhörte.
„Warst du je ein Mensch?“ wisperte ein Simon neben ihm.
Die blauen, blauen Augen sahen ihn wissend an.
Wir lassen dich nicht leben
Es war wie ein Kinderreim. Ein gemeinschaftlicher Singsang, der ihm in die Ohren stach, der sein Trommelfell vergewaltigte, es zum Platzen bringen wollte. Haymo riss die Hände hoch, um sich dagegen zu schützen.
Kirchenmann, Kirchenmann
Heute, heute bist du dran

Der Chor wurde immer schneller und lauter. Mit aller Kraft presste er seine Hände auf die Ohren, aber es half nichts. Dann sah er voller Ohnmacht, dass sich die Münder der Brut trotz der Stimmenflut nicht mehr öffneten.
Morgen wird’s nicht geben
Wir lassen dich nicht leben
Kirchenmann

Haymo schrie.
Fegefeuer, Fegefeuer
Kalt wird’s sein

„Die Hölle ist kalt.“ raunte ihm eine einzelne Stimme von links zu.
Wäscht endlos deine Seele rein
„Endlose Qualen.“ wurde ihm von der anderen Seite her erklärt.
Kirchenmann, Kirchenmann
Als er wieder aufsah, war die Kirche so voll, dass er glaubte, sie müsse bersten. Die nackten Leiber stapelten sich, flossen geradezu ineinander. Die Gesichter waren aber stets auf ihn gerichtet. Immer hörte er in seinem Kopf ihren Gesang, ihren Reim, ihren frenetischen Chor. Er wollte schreien, er wollte Gott rufen, dass er ihm helfen möge, dass er ihn verschonen solle. Doch er kam nicht mehr dazu. Ein Simon fiel auf ihn. Er verlor das Gleichgewicht, doch er fiel nicht um, denn eine Wand von anderen Jungen hatte sich hinter ihm aufgebaut. Er spürte ihre heißen Leiber. Er spürte Hände, die nach ihm griffen. Finger die sich durch seine Kleidung bohrten. Sein Talar riss. Die Hände tasteten seinen Körper ab. Etwas griff ihm hart zwischen die Beine. Ein Mund drückte sich ihm auf den Bauch und eine Zunge schob sich in seinen Nabel. Ein Finger kroch ihm in die Nase. Hände hielten seinen Kopf fest. Über ihm waren nur Gesichter und starre Augen. Dann zerriss etwas in seinem Kopf. Eine heiße Flüssigkeit lief aus seinem linken Ohr. Eine Faust krachte in seinen Mund, gerade als er ihn vor Schmerz geöffnet hatte. Ein harter Ellenbogen quetschte sein Auge. Das Licht schwand rapide. Schmerz, Schmerz. Etwas presste sich brutal zwischen seine Beine, zwang sich in ihn und zerriss seinen Darm. Die Faust noch immer zwischen den Zähnen, biss er zu, schmeckte heißes Blut. Seine Beine hoben vom Boden ab. Er hatte plötzlich das Gefühl, als wirbelte man ihn herum und zerquetschte ihn gleichzeitig. Und als sich der Arm, der zur Faust gehörte, unaufhaltsam seine Kehle hinunter schob, verlor er sich im Gewühl. Seine Seele wurde ihm entrissen. Der Schmerz hörte abrupt auf. Haymo war tot.

Als die Messe vorbei war, blieben viele Leute noch sitzen. Besonders die alten Menschen konnten nicht fassen, dass der liebenswürdige Priester an einem Herzanfall gestorben war.
„Er war immer so gut gewesen.“ stellte eine alte Dame traurig fest.
„Ja, besonders zu den Kindern.“ fügte eine andere aufrichtig hinzu. „Unvorstellbar, dass er so ein schwaches Herz hatte.“
„Er war erst knapp über vierzig. Stellen sie sich das mal vor!“
„Ja, die Wege des Herrn...“
Ein einzelner Junge trat durch die Trauergesellschaft nach vorn zum Altar. Die alten Leute sahen ihm für einen Moment nach. Selten hatten sie solch wundervolle, blaue Augen gesehen. Der Junge aber beachtete sie nicht. Er hielt erst an, als er vor dem neuen Priester stand, der soeben die Totenmesse gehalten hatte.
„Hallo Pater.“ sprach er, als ihn der Geistliche bemerkte. „Ich bin einer der Messdiener. Simon.“ Er reichte ihm seine Hand.
Der Mann sah den Knaben mürrisch an. „Fein, dann weißt du ja, was du zu tun hast.“
Ehe Simon noch etwas sagen konnte, hatte sich der Ordinarius abgewandt und sortierte weiter seine Bücher, die er sorgfältig übereinander stapelte. Er hatte keine Zeit, sich jetzt um die Belange der Messdiener zu kümmern. Als er sich aber kurz darauf wieder umdrehte, sah er in die strahlend blauen Augen eines jungen Mädchens.
„Hallo, ich würde gern auch bei der Messe helfen.“ sagte sie höflich. „Glauben sie, das ist möglich?“
Der Priester sah sie kurz an und nickte ihr dann aufmunternd zu. „Natürlich. Komm gleich mit in mein Büro.“ Nach einem kurzen Blick auf die sich auflösende Gemeinde beugte er sich vertraulich zu dem Mädchen und fragte noch: „Wie heißt du denn?“
„Simone, Pater.“ antwortete sie kokett.

(c)Lars Blumenroth

Letzte Aktualisierung: 26.06.2006 - 23.56 Uhr
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