Honigfalter
Honigfalter
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November 2002
DER MANN IN DER MENGE
von Marcel Nebeling


Es war gerade mal kurz vor fĂŒnf am Nachmittag, jedoch die Welt versank schon in Dunkelheit. Hinter dem Bogenfenster an einem Eichentisch hockte ich und starrte hinaus. Vor mir eine heiße Suppe, die noch unberĂŒhrt dahindampfte. Um mich herum das Stimmengewirr der anderen GĂ€ste, die sich mit ihren Freunden und Freundinnen unterhielten. Menschen die sich einen Imbiss genehmigten, ein Bier tranken und gegenseitig einander vorlogen, wie schön dieser Tag doch war und das man sich liebe.
Was waren das nur fĂŒr Narren ...
Mein ganzes Interesse galt dem Fenster und die Sicht hinaus in einen verregneten Abend. Neben der Tasse lag mein Buch mit den Notizen, die mich Ă€ngstigten und die ich am liebsten in den Kamin geworfen hĂ€tte. Tag fĂŒr Tag las ich diese Notizen, diese SĂ€tze deren Bedeutung und Aussage mich schreckten.
Draußen klatschte dreckiger Regen gegen das Fenster. Die Menschen schoben sich mit ihren Regenschirmen durch die Straßen. Ihre Gesichter offenbarten mir nichts und vielleicht war dies wieder ein Indiz dafĂŒr, das sie nicht wussten in welcher Gefahr sie schwebten. Sie schwammen im ruhigen GewĂ€sser des Alltags, unwissend um die Bedrohung die Nacht um Nacht zunahm. Eine Bedrohung die um so schauerlicher wurde mit jedem Sonnenuntergang, wenn ich meinen Notizen glauben wollte.
FĂŒr einen Augenblick wandte ich mich vom Fenster ab, schlĂŒrfte ein wenig Suppe und versuchte dem Drang zu widerstehen die mitgenommen, zerfledderten Seiten meines Notizbuches zu öffnen. Dort standen sie geschrieben, diese GrĂ€ueltaten, die nachts durch die Gassen und Straßen geisterten!
Der Löffel schlug zitternd an den Rand der SchĂŒssel, als ich mit der anderen Hand die Seiten umschlug. Jedes Mal war es das Gleiche. Meine Augen klebten förmlich an den Worten. Mit meinem alten FĂŒllfederhalter hatte ich sie geschrieben. Wenn ich in der Bibliothek saß oder abends in meiner Stube. Ich kannte ihre Jagdrouten, ich kannte ihre Opfer und ich wusste, dass es immer so weiter gehen mochte, wenn ich nicht was dagegen tat!
Plötzlich schlug etwas gegen das Fenster und ich zuckte zusammen, stieß mit dem Fuß gegen den Tisch. Die Suppe schwappte aus der SchĂŒssel. Ich glaubte fast das Knirschen meiner Knochen zu hören, als ich mich dem Fenster zuwandte. Ein Gesicht klebte da an der Scheibe.
Ich schrie!
Dann verstummte ich. Die GeÀste starrten mich an, doch was wussten die schon?
Das Gesicht am Fenster war verschwunden. Der alte Mann ging weiter. Nur ein Penner, dachte ich.
Es brauchte einige Zeit bis ich mich wieder unter Kontrolle hatte. Die Kellnerin, ihr LÀcheln war das einer Krankenschwester die in einem Irrenhaus einen Kranken zulÀchelt, wischte den Tisch. Sie lÀchelte mir weiterhin zu als ich das Buch schnell an mich riss. Ich konnte nicht anders! Was mochte sie von mir denken, wenn sie vielleicht gelesen hÀtte was ich schrieb? Sie hÀtte es doch niemals verstehen können. Sie wusste nicht um die Gefahren der Nacht!
„Alles in Ordnung?“
Diese ja geradezu obligatorische Frage ließ mich beinahe auflachen. In Ordnung? Niemals!
„Ja, ich habe mich nur erschreckt.“ erklĂ€rte ich.
Sie nickte, als ob sie verstand.
Ich hasste diesen Smalltalk! Fremd war sie mir, wie ich ihr und was sollte das alles? In ihren Augen sah ich, wie sie mich in die Schublade der VerrĂŒckten warf, denen man nicht zu sehr zulĂ€cheln sollte als Frau. Ihr LĂ€cheln verschwand.
„Brauchen Sie noch was?“
Ich schĂŒttelte den Kopf. Warum konnte sie nicht einfach jemand anderen ein Bier bringen? Ich musste mich wieder dem Fenster zuwenden! Dann ĂŒberlegte ich es mir anders, als sie schon die ersten Schritte machte. Ihre AbsĂ€tze klackerten auf den Holzdielen.
„Madam, haben sie eine Zigarette?“ Bei dieser Höfflichkeit hielt sie inne, lĂ€chelte wieder, dieses Mal jedoch freundlicher, herzlicher. Sie kam zurĂŒck, fischte aus ihrer SchĂŒrzentasche eine Zigarette, hielt sie mir hin. Ich lĂ€chelte sie auch an, so gut ich das denn konnte. Die schwarzbemalten FingernĂ€gel jedoch schreckten einen Erinnerung hoch. Fast konnte ich das Kreischen von damals hören ...
Verwundert blickte ich sie an, als sie auf der anderen Seite des Tisches Platz nahm und mir mit dem Feuerzeug die Zigarette, die zwischen meinen Lippen hing, anzĂŒndete. Schwarze FingernĂ€gel, dachte ich, als ich den Rauch inhalierte.
Sie blickte mich fragend an.
„Bitte?“ Es war offensichtlich, das ich ihre Worte nicht verstanden hatte. Zu stark war der Sog der Erinnerung gewesen.
„Ich fragte ob sie ein Schriftsteller sind.“
Oh natĂŒrlich, wenn man bedachte, das ich nur vom Untergang der Menschheit schrieb, dann konnte man mich sicherlich als Horrorschriftsteller bezeichnen. Fast hĂ€tte ich sie angeschrieen: Wenn es doch nur so wĂ€re! Wenn es nur alles erfunden wĂ€re!
„Nun ja, ich schreibe hin und wieder Kurzgeschichten.“, gab ich zu.
„Das klingt ja interessant!“
Was dachte sie denn? Ich konnte nicht bestreiten, das die dunkelsten Geheimnisse, die ich in meinem Notizbuch zu Papier brachte, jegliches Interesse das ich ihnen entgegenbrachte wert waren.
Es entstand eine Pause. Ich zog an meiner Zigarette. Sie blickte zum Fenster hinaus. Ich tat es ihr gleich, froh wieder das zu tun, weswegen ich hierher gekommen war. Dort draußen glitten die Wolken ĂŒber den Horizont. Grau, dunkel und voll Regenwasser. Rechts gegenĂŒber befand sich die alte Kirche mit dem seltsamen Kirchturm. Die Uhr dort oben war stehen geblieben. Die goldenen Zeiger wirkten rostig, alt und zerbrechlich. Das Gestein schlammig braun, verwittert und gezeichnet.
Weniger Menschen als zuvor sĂ€umten die Straßen und ich hĂ€tte den Mann benahe ĂŒbersehen, wenn nicht die Kellnerin plötzlich gesagt hĂ€tte: „Sehen sie den Kerl dort drĂŒben?“ Sie wirkte aufgeregt und es brauchte nur einen Augenblick bis ich ihn in der wartenden Menge bei der Bushaltestelle ausmachte. Er stand dort im Schatten zweier BĂ€ume. Eine Gestalt die fremd wirkte und verloren.
„Er sieht krank aus.“
Zum ersten Mal wunderte ich mich, warum die Kellnerin das alles so sehen konnte. Sie schien es mit den gleichen Augen zu sehen wie ich. Er wirkte verletzt. Er wirkte alt und verloren, da hatte sie Recht. Die HaarstrÀhnen wehten ihm ins Gesicht.
Es war offensichtlich, dass er uns nicht sah. Sein Blick schweifte nach SĂŒden, die Straße entlang. Ich konnte die Augen nicht ausmachen, da er in den langgezogenen Schatten der BĂ€ume badete, die durch eine Laterne hervorgerufen wurden. Anders als die Menschen die auf den Bus warteten, hatte er keinen Regenschirm. Seine Jacke war ein lederner Fetzen, der im zunehmenden Wind flatterte. Einen Schal hatte er um den Hals. Dennoch wirkte seine Kleidung alt und vermodert. Ein Relikt seiner Zeit. Er schein sich auf etwas zu stĂŒtzen, doch so wie er stand konnte ich das nicht erkennen. Nur eben die leicht gebĂŒckte Haltung, wie als ob er sich krĂŒmmte.
„Ich kann das nicht lĂ€nger mit ansehen!“ entschied die Kellnerin. Schnell erhob sie sich und ehe ich es richtig bemerkte eilte hastigen Schrittes, die AbsĂ€tze wild polternd auf den Holzdielen, davon.
„Halt ...“ ich wollte sie stoppen. Jedoch flog da schon die TĂŒr ins Schloss. Ein paar GĂ€ste betrachteten mich mit fragender Miene.
Die Zigarettenschachtel und das Feuerzeug hatte sie auf dem Tisch liegen lassen. Ich griff danach als ich etwas klebriges an dem Feuerzeug bemerkte.
Genaueres und erstauntes Betrachten ließ mich erschauern. Blut! Verdammt, was ging hier vor?
Draußen hastete sie mit ihren Stöckelschuhen schrĂ€g ĂŒber die Straße. Ein gelbes Taxi hupte laut. Der Wind riss an ihren Haaren. Sie hatte die HĂ€nde vor der Brust ĂŒberkreuzt und versuchte sich so gegen Wind, Regen und KĂ€lte zu schĂŒtzen.
Einen Augenblick lang war ich nahe daran hinter ihr her zu rennen, doch dann blickte ich auf das klebrige Feuerzeug zurĂŒck. War sie etwa auch ein Opfer?
Ich starrte unglĂ€ubig aus dem Bogenfenster, wo die Kellnerin gerade die Gestalt erreichte. Er wĂŒrdigte sie keines Blickes, erst als sie offenbar ihm zurief, drehte er den Kopf in ihre Richtung.
Die Augen! Ein tiefes, kaltes Blau. Es war so durchdringend, das mir fast der Atem stehen blieb. Er war es! Der oberste aller ihrer Gebieter. Der Gott der Nacht, der SchlÀchter!
„Nein!“
Mein Protest ließ nur noch mehr GĂ€ste aufhorchen und mich beobachten. Ich starrte zum Fenster hinaus, wĂ€hrend ich das Feuerzeug vergessen in der Hand hielt. Das dreckige, fast ins braune ĂŒbergehende Rot an meinen Fingern.
Die Kellnerin redete auf ihn ein. Sie gestikulierte in Richtung meines Fensters, er solle doch schnell mit ins Warme kommen.
Fast konnte ich sie hören. Liebe nette Frau, höfflich und besorgt um den alten Kerl, der im Regen steht und offenbar krank ist. Lobenswert, aber vielleicht fatal!
Konnte sie denn nicht die blasse Haut erkennen? Die blauen, wachen, jedoch kalten Augen mussten sie erschrecken, oder nicht?
Nun schien er etwas zu sagen. Sie beugte sich nÀher an ihn heran, offenbar sprach er sehr leise.
Wieder deutete sie in die Richtung des Lokals. Jedoch anders als zuvor nickte der Mann. Der Wind zerrte an seinen Kleidern, als er vorsichtig, von ihr gestĂŒtzt eins, zwei Schritte in meine Richtung machte. Sie redete noch immer auf ihn ein. Er nickte.
Ich konnte es nicht glauben. War sie denn so blind? Seine Augen, sie zeigten plötzlich ein fieses LĂ€cheln. Es war eines dieser LĂ€cheln, wo der Mund keine Rolle spielt. Genau das LĂ€cheln, das einem Glauben macht, jeden Moment EiswĂŒrfel erbrechen zu mĂŒssen. Nun kamen sie langsam ĂŒber die Straße. Dieses Mal jedoch gerade und nicht wie die Kellnerin zuvor schrĂ€g, um schneller aus der Reichweite des Verkehrs zu sein.
Sie kamen direkt auf mein Fenster zu.
Ich ließ das Feuerzeug fallen! Wie konnte ich es nur ĂŒbersehen haben, wie?
Als sie den Gehsteig direkt vor meinem Fenster erreichten, sah ich, wie blass sie war. Ihre Lippen waren fast blau, ja weißlich. War ich so blind gewesen? Aber sie waren doch rot gewesen, sie waren ...
Das Feuerzeug, woher hatte sie es?
Angewidert ließ ich es fallen, als die beiden nun direkt am Fenster standen. Die nun leblosen Augen der Kellnerin starrten mich an, als er sie gegen das Fenster drĂŒckte.
Der Mann aus der Menge lÀchelte, als ich mit Entsetzen die Male an ihrem Hals ausmachte. Ich konnte nicht anders. Mit aller Wucht sprang ich auf den Tisch und dann gegen das Fenster. Scherben splittern um mich als ich durch das Fenster schoss. Die Kellnerin landete tot neben mir auf dem Boden.
Der Mann war ĂŒber mir, sein Grinsen breit, gemein und tödlich. Dann sah ich seine ZĂ€hne, diese FangzĂ€hne ... Ich schrie, ich heulte, als er mich am Kragen packte. Mich hoch riss.
Geschrei ĂŒberall. Die Menschen im Lokal sprudelten wild durch einander. Sie sprangen von den StĂŒhlen, sie hasteten weg vom Fenster. Ihre Blicke gebannt nichtsdestotrotz, als der Vampir seine ZĂ€hne vergrub in mich.
Es tat nicht weh, es war sogar eine Erlösung. Ich stammelte unverstĂ€ndliche Worte. Gierig sog er an meinen Adern, die ZĂ€hne vergruben sich tiefer. Mir wurde schwarz vor Augen, als mein Dasein als Mensch, als JĂ€ger ein Ende hatte und das Leben der Nacht fĂŒr mich begann.

(c) Marcel Nebeling

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 00.41 Uhr
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