Der Tod aus der Teekiste
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Dezember 2002
Der Mann aus Vermont
von Klaus Eylmann


Das Land, auf dem sich Getreide wie ein hellgelbes Meer zu beiden Seiten der Highway ausdehnte, lag unter gleissendem Sonnenschein. Claire achtete nicht darauf. Eine Last fiel von ihr ab, als sie die schnurgerade Strasse entlang fuhr. September. Claire und ihr Van, der Van und Claire, es kam ihr vor, als rolle der Wagen über eine Landkarte, auf der Interstate 70 von Kansas, über Missouri, nach Illinois, begleitet von riesigen Mähdreschern, die gedroschenen Weizen in Laster pusteten. Diese Ebenen, unendliche Weite, die am Horizont mit dem Himmel verschmolz, ein Gefühl der Freiheit, das sie als Kind gekannt und ihr später abhanden gekommen war. Ein weiter Weg von Topeka nach New York, von Überdruss und Eintönigkeit zu einem neuen Leben.
Abend in Effingham, Illinois. Claire suchte ein Motel und checkte ein. Müde ließ sie sich aufs Bett fallen und Erinnerungen breiteten sich in ihr aus. Vor einem Jahr hatte sich Stacy, ihre Freundin, auf das gleiche Wagnis eingelassen.
Dann war es wieder Morgen, und Claire fuhr weiter, über Indiana, Ohio, Washington, Pennsilvania, New Jersey Richtung New York. Je näher sie der Stadt kam, desto dunkler wurde der Himmel. Gewitterwolken zogen sich über ihr zusammen und Furcht kroch in ihr hoch. Sie dachte an Stacy und ihre letzten E-Mails, an den Mann aus Vermont, in den sich ihre Freundin verliebt hatte, mit dem sie nach Vermont in die Ferien gefahren war. Leaves are turning, hatte sie geschrieben. Danach waren von Stacy keine Mitteilungen mehr gekommen. Als Claire ihren Wagen vor einer Singles Bar im New Yorker Greenwich Village parkte, regnete es in Strömen und ihre Stimmung war auf dem Nullpunkt.
“Erinnern Sie sich an Stacy?”, fragte sie den Mann hinter der Bar. “Hat vor einem Jahr hier gearbeitet.”
“Und ob,” meinte der und putzte seine Gläser. “Kellnerte vorher bei Bennigan’s in Topeka, richtig? Du siehst ihr übrigens ähnlich.”
“Ist meine beste Freundin. Wir kommen beide aus dem Weizengürtel. Machte uns kräftig.” Sie lachte verlegen. “Wo ist sie jetzt?”
“Keine Ahnung.” Der Barman stellte die Gläser der Reihe nach ins Regal. “Sie wollte unbedingt eine Woche Ferien machen. In Vermont, sagte sie. Dann haben wir sie nicht mehr gesehen.”
Claires Schopf, blond wie Kansas Weizenfelder, Augen, blau wie der Himmel darüber, das frische, rosige Gesicht, die robuste Figur im weissem T-Shirt, mit verblichenen Jeans und Tennisschuhen. Sie trat von einem Bein aufs andere.
“Ich war auch bei Bennigan’s. Wie wärs mit einem Job? Möchte mal ohne grüne Schürze arbeiten.”

Einige Tage übernachtete sie in einem Motel, dann fand Claire Anschluss an eine Wohngemeinschaft. Sie gewöhnte sich schnell daran lange zu schlafen, im Central Park zu joggen, ins Kino zu gehen, und am Abend jonglierte sie Tabletts mit Biergläsern. Greenwich Village, Künstlerviertel, zwischen Broadway und der Vierzehnten Strasse. In der Bar ein buntes Völkchen: angehende Maler, Schriftsteller, Profis und junge Männer von der Wall Street.
Einer von ihnen, Mark, zeigte Interesse. Er war athletisch gebaut, hatte dunkle, kurzgeschnittene Haare, ein kantiges Gesicht, den Blick aus blauen Augen, der jedes Mal auf Claire ruhte, wenn sie vorbei kam, und es gefiel ihr. Ihre Wangen röteten sich.
“Du erinnerst mich an jemanden,” meinte er, als sie ein neues Bier abstellte.
“An wen?”, fragte sie.
“Weiß nicht mehr, wie sie hiess. Kommst du aus Topeka?”
“Fayettville,” log sie.
“Ich habe drei Wochen Ferien. Eine Woche bleib ich hier, dann fahr ich nach Vermont, wie jedes Jahr. Zusehen, wenn die Blätter die Farbe wechseln.”
“Muss schön sein,” meinte sie und nahm die leeren Biergläser mit.
“Wie wäre es, wenn ich dir die Stadt zeigte?” fragte er später.

Die nächsten Tage rasten an Claire vorbei. Er holte sie ab, dann blieb sie bei ihm. Hatte sie sich in Mark verliebt? Er war gut im Bett und wusste viel zu erzählen, hörte aufmerksam zu, ließ sie spüren, dass das, was sie sagte, von Bedeutung war. Hand in Hand gingen sie im Central Park spazieren, besuchten das Guggenheim Museum, das neueröffnete Museum of Sex, Museum of Modern Art, und Claire fand heraus, Kultur öffnete ein neues Fenster in ihr.
Den letzten Tag verbrachten sie in Coney Island, nun, in dem, was von dem Vergnügungspark übrig geblieben war. Sie ließen sich vom Riesenrad in die Lüfte tragen. Es hielt einen Moment, und Claire blickte auf das Meer, auf seine Schaumkronen, dann zu Mark. Er sah sie an und lächelte. Sie versuchte seinem Blick nicht auszuweichen. War er es, mit dem Stacy nach Vermont gefahren war? Wieso hatte sie sich nicht mehr gemeldet? Hatte er Stacy…, würde er auch sie fragen, ob sie mit nach Vermont kommen wolle? Alles wehrte sich in ihr, den Gedanken fortzuspinnen, sie merkte, wie sich ihr Körper vor Angst versteifte.
Die Gondeln bewegten sich wieder, und als sie später die Freak Show mit der Schlangenfrau, dem Feuerschlucker und dem bebilderten Mann besuchten, dessen Tätowierungen keine sichtbare Stelle seines Körpers aussparten, hatte sie ihre Gedanken wieder unter Kontrolle.
“Illustrated Man. Kennst du die Story von Ray Bradbury?”, fragte Mark.
“Nie was von ihm gelesen,” antwortete Claire. Wer war das? Wieso war es ihr unangenehm, ihn nicht zu kennen? In Topeka hatte sie so viel Spass gehabt. Bier, Tanz, ein Quickie im Auto oder auf dem Parkplatz, ohne dass sie jemals ein Buch angefasst hatte. Doch dies war mehr, und als Mark fragte, ob sie mit ihm nach Vermont fahren wolle, zog sich ihr vor Erregung die Kehle zusammen, als sie ja sagte. Sie war es Stacy schuldig.

Claire sagte in der Bar Bescheid. Eric, der Barman blickte sie prüfend an.
“Denke an Stacy. Pass gut auf dich auf,” sagte er zum Abschied.
Sie verbrachte die Nacht in ihrem eigenen Zimmer und packte. Als Mark am nächsten Morgen vor der Haustür stand, griff er nach ihrer Tasche und warf sie auf den Rücksitz des Pontiacs, neben sein Gepäck. Clair setzte sich neben ihn, wunderte sich einen flüchtigen Augenblick, warum das Gepäck nicht im Kofferraum verstaut wurde, dann waren sie auf dem Weg.

“Wir nehmen die Küstenstrasse. Auch am Atlantik ist es schön um diese Jahreszeit. Die Wälder bekommen wir noch früh genug zu sehen. Vermont ist der einzige Staat in New England, der nicht an der Küste liegt.” Sie fuhren über die Whitestone Bridge und nahmen die 95 in nördlicher Richtung.
“Ich schlage vor, wir essen was in Stamford und übernachten in Cape Cod.”
“Wie du meinst,” antwortete Claire und lehnte sich in den Sitz zurück. Mark redete nicht viel, ließ hin und wieder eine belanglose Bemerkung fallen und Claire wurde von Müdigkeit übermannt.
“Wir sind da.” Mark rüttelte ihre Schulter. Der Wagen stand vor einem Steak House.
“Vermont ist ein Hort von Traditionen.” Mark zog die Folie von der Kartoffel. “Von antiken Traditionen, wie zum Beispiel der Lotterie. Jedes Jahr wurde sie in den Dörfern gespielt, um eine gute Ernte zu erbitten.”
Ihr Steak war well done. Mark mochte es blutig. Claire wollte nicht unhöflich sein. Sie war dazu erzogen worden, sich auch den grössten Unsinn mit interessiertem Gesicht anzuhören.
“Was hat es damit auf sich?”
“Shirley Jackson hat die Lotterie in einer Geschichte verewigt. Kennst du sie?”
Mark hatte sich vorgebeugt, sah sie abschätzend an. Claire war, als schwinge etwas Undefinierbares, Drohendes in der Frage mit.
“Ich meine die Geschichte. Shirley Jackson ist schon lange tot,” präzisierte er.
“Nein. Nie gehört.”
Mark lehnte sich zurück.
“Heute Abend werde ich dir daraus vorlesen,” meinte er nur.

Nebel auf Cape Cod, das wie ein gekrümmter Zeigefinger in den Atlantik ragte. Sie fuhren an kleinen hölzernen Kabinen vorbei bis an den Ausläufer und gingen am Strand spazieren. Hin und wieder kam die Sonne durch. Claire fröstelte und knöpfte ihre Jacke zu. Einige Männer hatten ihre Angelruten in den Sand gesteckt. Die Schnüre spannten sich ins Meer hinein.
Als sie sich nach dem Abendessen im Motel auszogen, fiel Claire zum ersten Mal der Schlüssel auf, den Mark um den Hals trug.
“Muss meine E-Mail checken,” murmelte er. Claire grinste, als sie sah, wie er nackt vor seinem Computer saß. Später zog er seine Kette vom Hals, trat an seine Tasche und schloss sie auf. Er zog ein Buch daraus hervor. Während er die Kette auf den Nachtisch legte, sah er sie aus halb geschlossenen Augen an.
“Claire, ich lese dir einen Teil aus der Lotterie vor, von der ich gesprochen habe.”
Er legte sich hin und begann. Claire ließ sich in die Kissen fallen. Himmel, eine Geschichte! Es war schon zwanzig Jahre her, dass ihre Mutter am Bett saß, um ihr Märchen vorzulesen. Sie hatte sich was anderes vorgestellt und hörte nur halb hin. Hörte, dass einige Jungen Steine aufsammelten und auf einen Haufen legten, dass die Männer ihnen zu sahen und sich über Traktoren, die Ernte und das Wetter unterhielten. Was sollte das?, dachte Claire. Machen sie in Kansas doch auch. Doch dann kamen der Kohlenhändler Mr. Summers und der Postmeister mit einem schwarzen Kasten auf den Dorfplatz und Claire horchte auf. Mark las die Geschichte vor, als kenne er sie auswendig. Wie oft? Wie vielen hatte er sie schon vorgelesen? Auch Stacy? Im Bett? Warum? Pass gut auf dich auf, hatte Eric, der Mann hinter der Bar gesagt. Was hatte es mit der Geschichte auf sich? Gab es eine Verbindung zwischen der Geschichte und Stacys Verschwinden? Claire spürte, wie sich alles in ihr verkrampfte. Ihr Herz schlug schneller. Sie nahm sich vor, nicht einzuschlafen, obwohl Marks Stimme dazu Anlass gab.
Claire bekam noch mit, dass alle Haushaltsvorstände, Männer meist, auf dem Dorfplatz standen und Lose zogen, in alphabetischer Reihenfolge ihres Namens.
Sie hielten sie hinter ihrem Rücken, kleine, weiße zusammengefaltete Zettel, bis auf eines, auf dem ein schwarzer Punkt war, dann fielen ihr die Augen zu.
Sie wachte auf, als sie die Küsse Marks auf ihrem Körper spürte und streckte die Arme nach ihm aus.

“Entschuldige, ich war eingeschlafen. Wer hat das Los gezogen?,” fragte sie am Morgen, als sie sich anzog.
“Bill Hutchinson.”
“Kenne ich ihn?”, grinste Claire.
Anscheinend fand Mark es nicht witzig. Sein Mund zog sich zu einem schmalen Strich zusammen.
“Du hättest aufpassen sollen,” entgegneter er bissig. “Gerade das Drumherum macht den Reiz der Geschichte aus. Abgesehen von dem Ende natürlich.”
“Wie ist das?” Claire band ihre Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen.
“Sag ich nicht. Ich werde es dir zeigen.”
“Ich freue mich schon darauf.” Claire sah, wie Marks Gesicht erstarrte.

Nach dem Frühstück entfernten sie sich vom Atlantik, fuhren Richtung New Hampshire. Auf der Highway war wenig Verkehr.
“Oh, die sind hier liegen geblieben.”
Vor ihnen lag ein Wagen auf der Standspur. Eine Frau und ein Mann kamen hinter ihm hervor und winkten.
“Mark, wollen wir die Leute nicht mitnehmen? Wir können unsere Taschen doch in den Kofferraum packen.”
Mark antwortete nicht. Sein Gesicht wurde wächsern, und Claire sah, wie er den Gashebel auf das Bodenblech presste. Im letzten Moment sprangen die Frau und der Mann zur Seite. Claire erschrak. Warum hatte er nicht angehalten? Der Kofferraum! Enthielt der etwas, das sie nicht sehen sollte?

In Manchester aßen sie zu Mittag.
“Shirley Jackson hat ‘Die Lotterie’ im Jahre 1948 geschrieben.” Marks Augen glänzten fiebrig, als er sein Steak zerteilte. Blutig, wie üblich. Und er fuhr fort:

“Nun, ja,” sagte Mr. Summers nüchtern, “wir fangen besser an, damit wir es hinter uns bringen. Fehlt jemand?”
“Dunbar,” sagten mehrere Leute. “Dunbar. Dunbar.”
Mr. Summers sah auf seine Liste. “Clyde Dunbar,” sagte er. “Richtig. Er hat ein Bein gebrochen, nicht wahr? Wer zieht für ihn?”
“Das bin wohl ich,” sagte eine Frau und Mr. Summers drehte sich zu ihr hin. “Frau zieht für Ehemann.”

Mark sah auf Claire. “Das ist es, wo du hättest aufpassen sollen. Wie kannst du jemals das Ende der Geschichte würdigen, wenn du denn Weg dahin nicht kennst.”
Als Claire ihn ansah, verbannte sie jeden Ausdruck aus ihren Augen. Er kennt die verdammte Story auswendig, dachte sie. Als ob sie sich dafür interessierte. Und doch, als sie Marks verkniffenes Gesicht sah, wie er sie zornig musterte, wünschte sie, sie hätte etwas mehr Zeit für sich, etwas Abstand, und sie könnte noch einmal überlegen, ob sie mit ihm weiterfahren sollte. Auf was hatte sie sich da eingelassen? Dann dachte sie an Stacy.
Mark nahm die Interstate 99 Richtung Vermont. Am Abend fanden sie in Waterbury ein Motel. Sie aßen einen Hamburger und die Prozedur vom Vorabend wiederholte sich: Mark saß mit dem Buch an ihrer Seite und las vor.
“Plötzlich schrie Tessa Hutchinson Mr. Summers an: “Du hast ihm nicht Zeit genug gegeben sich das Los auszusuchen, das er wollte. Ich habe dich beobachtet. Es ist nicht fair!””
Claire horchte auf. Wieso freute sich Hutchinsons Frau nicht, als sie hörte, ihr Mann habe das richtige Los gezogen?
Mark las weiter. Claire hörte, wie Tessa Hutchinson protestierte, meinte, die Auslosung sei ungültig, man müsse noch mal von vorn anfangen. Doch nun ließ sich der Postmeister die fünf Lose von der Hutchinson Familie aushändigen, darunter das mit dem Punkt darauf und warf sie in den Kasten zurück.
Claire hielt den Atem an, als Mark weiter las. Sie erfuhr, dass jeder der Familie Hutchinson ein Los zog und zusammengefaltet hinter dem Rücken verbarg.
““Nun denn,” sagte Mr. Summers. “Macht die Lose auf. Harry,” wandte er sich an den Postmeister, “du öffnest das von dem kleinen Dave.”
Der Postmeister öffnete das Los, und ein Aufatmen ging durch die Menge, als er ihr den leeren Zettel zeigte.”
Claire fieberte mit den Leuten aus der Geschichte. Wer war es?
“Es ist Tessie,” sagte Mr. Summers.
Mark schlug das Buch zu, kletterte aus dem Bett und legte das Buch in die Tasche zurück. Er verschloss die Tasche, zog den Schlüssel ab und hängte sich die Kette um den Hals.
“Wie geht es weiter?” fragte Claire. Mark antwortete nicht, packte seinen Laptop aus und schloss ihn an.
“Was machen sie mit der Tessie?”
“Das wirst du morgen erfahren.” Es sah genau so komisch aus, wie am Tag zuvor, als er wieder nackt an einem kleinen Tisch saß und seine e-mails durchsah. Diesmal war Claire nicht zum Lachen zumute. Was wurde aus der Tessie? Plötzlich fror sie und begann zu zittern. Hat Stacy auch ein Los gezogen, ohne dass sie es wusste? Das Los, mit Mark nach Vermont zu fahren? Und sie, Claire?
Mark schaltete den Computer aus und verschwand im Bad. Claire hörte das Rauschen der Dusche und sprang aus dem Bett. Sie schaltete den Laptop ein, wartete ängstlich, dass er hochfuhr und loggte sich ins Internet. Nervös fuhr sie mit der Maus über den Schirm und startete das Suchprogramm, tippte ‘Shirley Jackson’, klickte erneut und ‘Die Lotterie’ erschien auf dem Monitor. Hastig blätterte sie zum Ende der Geschichte. Das Blut gefror ihr in den Adern. Wie versteinert saß sie vor dem Bildschirm. Dann hörte sie es quietschen, als im Bad das Wasser abgedreht wurde. Hastig schaltete sie den Computer aus und ließ sich aufs Bett fallen.
Als Mark sie mit Küssen bedeckte, bebte sie vor Angst und Wut. Eine Flut aus Emotionen stürmte auf sie ein. Sie konnte es nicht fassen, wie war er ihr jetzt zuwider. Zitternd ließ sie geschehen, dass er sie nahm, Lust vortäuschend, die nicht mehr vorhanden war.

Sie frühstückten, danach fuhr Mark mit Claire in die Wälder. Noch eine Stunde brauchten sie, in der sich die Farbenpracht der Ahornbäume vor ihren Augen entfaltete, bevor der Wagen von der Strasse abbog, eine kleine Schneise entlang-fuhr und hielt.
“Hier ist der schönste Fleck von Vermont. Wir sind gleich da.” Claire verkrampfte sich, als Mark die Tür aufhielt und sie am Arm aus dem Wagen zog und mit ihr tiefer in den Wald ging. Es musste längere Zeit geregnet haben, feuchte Blätter lagen auf der Erde und wurden von ihren Schuhen weitergetragen. Sie traten in eine kleine, von hohen Ahornbäumen umgebene Lichtung. Gelbe, organgefarbene, rote und dunkelrote Blätter. Fanale. Die Lichtung war von ihnen bedeckt, kaum dass die kleinen Erdhügel zu erkennen waren, die einen unterbrochenen Kreis bildeten. Kleine Kreuze aus Ästen, die auf den Hügeln steckten, hoben sich nur schwach gegen das Gelb und Rot der Blätter ab. Dann sah Claire Steine, die zu einem Haufen aufgeschichtet waren. Dahinter lugten in dem Kreis der kleinen Erdhaufen unter Blättern ein paar lange Bretter hervor, die ein Loch nur dürftig bedeckten.
“Claire,” sagte Mark und lächelte sanft. “Hier endet die Geschichte. Dreh dich mal um. Sind die Bäume dort nicht prächtig? Claire wandte sich zur Seite, sah aus den Augenwinkeln, wie Mark auf den Haufen Steine zu ging und einen von ihnen in die Hand nahm. Sie sprang auf ihn zu, rammte ihn. Den Bruchteil einer Sekunde sah sie seinen ungläubigen Blick, als er sich um sich selbst drehte, bevor er über die Steine stolperte und durch die morschen Bretter fiel.
Er lag auf dem Rücken und bewegte sich nicht. Wie erstarrt stand sie dort und blickte auf ihn hinab, während die Tränen über ihre Wangen rollten.

‘Tessi Hutchinson stand in der Mitte des freigemachten Platzes. Verzweifelt streckte sie den Dörflern, die mit den Steinen auf sie zu liefen, die Hände entgegen. “Es ist nicht fair,” sagte sie. Ein Stein traf sie an der Schläfe. Der alte Warner sagte, “Nun macht schon, jeder von euch.” Steve Adams war der erste in der Menge. Frau Graves an seiner Seite.
“Es ist nicht fair, es ist nicht richtig,” schrie Frau Hutchinson, und dann fielen sie über sie her.’

Claire lief schluchzend zum Wagen zurück, sah, dass der Schlüssel im Schloss steckte. Er würde wieder zu sich kommen. Weg! Schnell weg!, schrie es in ihr. Der Kofferraum! Warum hatten sie ihn nicht benutzt? Sie zog den Schlüssel ab und öffnete ihn, sah eine Schaufel und ein Kreuz aus zwei Ästen. Wut breitete sich in ihr aus, als sie an Stacy, an die angehäufte Erde mit den Kreuzen dachte. Sie griff nach Schaufel und Ästen, lief zurück. Zwei Arme ragten hervor und klammerten sich an eine Baumwurzel, dann sah Claire, wie Marks Kopf langsam aus dem Loch herauskam und schlug mit der Schaufel zu.
Tränen liefen über ihr Gesicht, als sie das Loch mit Erde füllte und das Kreuz aus Ästen auf den neuen Erdhaufen setzte, und sie hörte auch nicht auf zu weinen, als sie davon fuhr.

Zur Geschichte, die Lotterie, siehe auch: http://www.underthesun.cc/Classics/Jackson/TheLottery/

(c) Klaus Eylmann

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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