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Dezember 2002
Froschteich
von Petra Ottkowski


Eva hoffte, dass Silvia bald verschwand.
Luc war mit seinem LKW auf Tour. An seiner Stelle hockte seine Schwester schon die zweite Woche im Haus. Ihre Skizzenblöcke waren auf allen vorhandenen Tische verteilt, dazu ein Chaos an Stiften und Pinseln. Eva hatte Silvia wiederholt ermahnt, wenigstens das Farbwasser auszuschütten, damit Tommi nicht gefährdet würde. Aber eigentlich war Tommi mit seinen vier Jahren schlau genug, es nicht mit Limonade zu verwechseln. Es ging Eva eher ums Prinzip, sie mochte nicht, wenn jemand ihr Haus belagerte. Aber spätestens wenn die Sommerferien vorbei waren, hatte sie wieder ihre Ruhe - bis zum Herbst.

Silvia war Lucs älteste Schwester, eine schwerfällige, gut angezogene Grundschullehrerin, die ständig irgendwelche Malkurse besuchte. Früher hatte Silvia sie nur selten besucht, aber seitdem sie wegen Tommi in dieses etwas verwahrloste Haus am Stadtrand gezogen waren, lockten auch seine Tante der Garten und die vielen malerischen Details. „Oh, Eva, ihr wisst ja gar nicht, in was für einem Idyll ihr lebt." Und Sylvia wusste ihre Ferien kreativ zu nutzen. Mit Reisetasche und Malköfferchen fiel sie wie eine alttestamentarische Plage regelmäßig über das Haus.

Eva hoffte, der sperrige Kachelofen in der Küche würde bald abgebaut werden. Das blauweißgekachelte Monstrum mit den Eisentürchen war eins von Silvias Lieblingsmotiven und verzögerte den Aufbau einer Einbauküche. Im Keller stapelten sich Emailleschüsseln, groß wie Badezuber, wurmstichige Kommoden, selbst eine Betbank. Während Silvia jedes nutzlose Teil in ihrer Begeisterung porträtierte, gingen Eva die alten Dinge auf die Nerven. Sie würde Luc überreden, einen Flohmarkt im Garten zu veranstalten.

Es gab genügend leere Räume im Keller, das war nicht das Problem. Aber mit dem Gerümpel würde mit ein wenig Glück auch Silvia verschwinden. Seitdem Luc selten zu Hause war, missionierte Silvia Eva und Tommi, wobei sie sich besonders um Tommis Nuscheln sorgte. Ein solcher Sprachfehler müsse so frühzeitig wie möglich behoben werden, weshalb sie ihn ständig verbesserte. Eva war der Meinung, ein entspannterer Umgang mit dem Problem würde auch Tommi beruhigen, wer weiß, vielleicht legte sich das von allein. An seinem Gehör lag es wenigstens nicht, das hatten sie überprüfen lassen. Silvia glaubte, er sei geistig etwas zurückgeblieben. Dabei war er nur ein bißchen einsilbig wie sein Vater.

Silvia hatte ihre Zeichenstudien im Keller unterbrochen und Eva sah sich gezwungen, Kaffee und Likör zu kredenzen. Die kleine Gebäckschüssel musste sie immer wieder auffüllen, während Silvia mit vollem Mund dozierte. Am liebsten hätte Eva wie Tommi gedankenverloren die braunen Spitzen der Grünlilie abgezupft, die zwischen den Kaffeetassen auf dem Tisch stand. In seiner Langeweile rupfte er jetzt sogar gesunde Blätter aus, aber sie hatte keine Lust ihn zu ermahnen. Er würde sowieso gleich damit aufhören. Natürlich musste sich Silvia einmischen, sie hockte sich sogar tiefer, ihr Gesicht näherte sich Tommis und eindrücklich sprach sie auf ihn ein:„Den Blumen tut es weh, wenn du ihnen ein Blatt ausreißt." Schuldbewußt hörte er zu, dann stand er auf und rannte auf die Terrasse.

Silvia hatte keine Ahnung, wie sehr Tommi Blumen liebte. Er besaß sogar einen eigenen kleinen Garten mit Erdbeeren und Petersilie. Luc musste ihm mit dem Gartenschlauch die schwere Gießkanne füllen, die er hinter sich herzog. Die Schleifspuren im Gras störten Eva nicht. Tommi war doch erst vier. Sie verzieh ihm, wenn er mit langen Ästen in den niedrigen Kirschbaum fuhr und es regnen ließ, die weißen Blüten wie Schneeflocken den Rasen bedeckten. Letzlich tat er ihnen einen Gefallen. Was sollten sie mit Eimern voll Kirschen, ohne eine Oma, die Marmelade einkochte?

Schweigend schauten Eva und Silvia aus dem Wohnzimmerfenster in den Garten. Eva musste plötzlich an die Einmachgläser des Vorbesitzers denken, die zu Hunderten noch im Keller lagerten. Der Alte war auf dem Selbstversorgertrip gewesen und hatte selbst sein Wasser morgens aus dem Brunnen geschöpft. Das marode Ding war mittlerweile verschwunden, doch Eva fand noch immer verwilderte Kartoffeln und Möhren.

„Warum spielt Tommi nicht im Sandkasten?"
Eva war Silvias scharfer Unterton nicht entgangen.
„Was macht er eigentlich auf dem Rasen?"
Er gräbt kleine Fallen, dachte Eva. Aber das konnte sie schlecht zugeben.
Sie ließ ihm seinen harmlosen Spaß. Jetzt gab es neben Maulwurfshügeln Löcher in der Wiese. Unter sorgfältig arrangiertem Gras versteckt. Er konnte mit seiner Kinder-Schaufel sowieso nicht tief buddeln, allerhöchstens Gummistiefel hoch, das würde nicht einmal reichen, sich den Fuß zu verstauchen. Insgeheim fand sie die Fallen gar nicht schlecht, ihr gruselte vor dem nächtlichen Garten, wenn sie allein war und Luc wieder eine seiner Touren fuhr. Sie sollten sich bald einen Hund anschaffen.

Wie beinahe jeden Nachmittag sprang nun der schwere rote Nachbarskater in die Blumenrabatte. Er verschonte wie meistens die Azaleen der Umrandung und landete treffsicher im sonnenbeschienen Grasherz in der Mitte. Hatte der Kater zugenommen? Oder bildete sie sich ein, dass der Rasen unter seinem Gewicht leicht nachgab?

„Wo ist eigentlich der Teich hin?", unterbrach Silvia sie in ihren Überlegungen.
„Wir haben ihn trockengelegt, wir hatten Angst, dass Tommi hineinfallen könnte." Luc hatte den Teich in das Blumenbeet verwandelt, auf dem sich gerade der Kater sonnte und Eva hatte im Keller das herrlich kitschige Ziergitter mit den Seepferdchen gefunden, das dem Ganzen die Krönung gab. Ein bißchen wunderte sich Eva, dass Silvia ihre Frage erst jetzt stellte. Immerhin hatten sie den Teich schon vor zweieinhalb Jahren stillgelegt, seit Tommis ersten Laufversuchen. Aber Silvia hielt sich bei ihren Besuchen sowieso meistens im Keller auf, weil es dort mehr zu zeichnen gab.

„Wie hattet ihr in damals angelegt? Ausbetoniert? Mit Teichfolie?", fragte Silvia.
„Luc hatte im Keller ein altes Planschbecken gefunden. Das haben wir benutzt, damit das Wasser nicht versickert."
Das Plastikteil hatte zu den Hinterlassenschaften des Alten gehört, mit denen er sämtliche Kellerräume vollgestopft hatte. Eva hatte das rosafarbene Ding für Tommi zu eklig gefunden. Sie war sehr stolz auf Lucs clevere Entsorgungsidee gewesen, das hatte gleichzeitig das Geld für die Teichfolie gespart. Sie hätte sowieso nicht gewußt, wie man mit sowas umgeht. Sehnsüchtig dachte Eva an ihr verlorenes kleines Paradies zurück, im Zooladen hatte sie damals sogar Seerosen erstanden.
„Wusstest ihr denn gar nicht, dass man in einem Teich keine steilen Ufer bauen darf?", fragte Silvia entrüstet. Nicht dass sie eine große Tierfreundin war, aber eine Chance Überlegenheit zu demonstrieren, ließ sie selten ungenutzt. Und Lucs phantasievolle Art, sein Improvisationstalent hatte sie schon seit ihrer Kinderzeit verabscheut. Eva überlegte, wie sie Silvia am besten unterbrechen könnte:
„Und dann hatte sich die alte Schnepfe drei Häuser weiter über den Krach beschwert."
„Über was für einen Krach?"
„Über Mucks Gutenachtkonzerte."
„Muck?" Silvia sah wirklich verdutzt aus.
„Na, unser Hausfrosch." Eva sah, wie Silvia sich schüttelte.

Tommi stürzte ins Zimmer. Wie er wieder aussah! Gras an seiner Hose, die Schuhe voll Sand. Er nahm sich einen Keks vom Tisch, lutschte mehr an ihm, als dass er ihn aß, mit schmutzigen Händchen haute er begeistert auf Evas Schoss, wobei der Keks zerbrach.
„Fosch, Mammi, Fosch?"
„Frosch, Tommi, Frosch." Eva beobachtete angewidert, wie Silvia ihn gleich wieder verbessern musste. Sie rollte das r, aber Tommi ließ sich nicht davon beeindrucken.
„Fosch, Fosch", wiederholte er einfach und zog mit seiner kleinen Hand an Evas Arm, um sie zum Bücherregal zu lotsen. Sie sollte ihm das Bilderbuch aus dem Regal holen.
„Und was ist das hier?"
„Kröte, Mami, Kröte."
„Und wie heißt dieses Bürschchen?"
„Gelbbauchunke." Eva freute sich, dass Tommi sich die Namen gemerkt hatte. Silvia hockte hinter ihnen. Sie interessierte sich mehr für den Illustrationsstil als für die abgebildeten Tiere.
„Was für ekelhafte Viecher."

Während Tommi auf dem Teppich lag und ein paar Frösche aus seinem Buch abzeichnete, machte sich Eva an die Vorbereitung des Abendessens. Sie gab sich mittlerweile weniger Mühe, schon den zweiten Tag gab es Reissalat, der im Eimer im Schlafzimmer stand. Sie deckte vorm Fernseher, sie hatte keine Lust Silvia zu bitten, den Eßzimmertisch frei zu räumen. Vielmehr genoss sie, dass Schwägerin und Sohn in ihre Kritzeleien vertieft waren und für einen Moment Ruhe gaben.

Nur leider nicht lange. Eva bekam gerade noch mit, dass Tommi eine von Silvias Zeichnungen nahm und damit in den Garten rannte. Vielleicht war es das Porträt vom Kater in der Sonne. Das Seepferdchengitter um ihn herum hatte Silvia wirklich gut hinbekommen. Tommi wollte wohl die gezeichneten Seepferdchen mit den Originalen vergleichen. Es dämmerte schon, er würde gar nichts mehr richtig erkennen können.

„Du kleines Biest, Warte, ich krieg dich."
Silvia stolperte Tommi hinterher. Sie jagte durch den Garten. Tommi irrlichterte zwischen seinen Fallen, seine Gummistiefel leuchteten in der Dunkelheit. Er war wie ein vorwitziges Häschen, das den trägen Fuchs narrte. Eva verstand nicht, wie eine Frau von vierzig Jahren wegen einer so harmlosen Sache einen kleinen Zwerg verfolgte. Ein bißchen schadenfroh wartete sie darauf, dass Silvia in eine von Tommis Gruben tappte. Die Welt zwanzig Zentimeter tiefer zu betrachten, konnte ihr nicht schaden.
Jetzt rannte Tommi um das Rondell und streckte Silvia seine Zunge raus. Eva dachte, dass Silvia das kleine Gartenkunstwerk umrunden würde, aber unsere Pflanzenfreundin zog vor, eine Abkürzung zu nehmen. Selbst Tommi staunte, als Silvia ihren Rock hob, um über das Ziergitter zu steigen. Sie achtete darauf, keine Laufmaschen zu bekommen, aber schien nichts dagegen zu haben, mit ihren Stöckelschuhen zwischen den Azaleen herumzutrampeln.
„Na warte, ich bin gespannt, was dir als Entschuldigung einfällt." Eva beschloss, dass dies Silvia letzter Besuch war. Sollte sie demnächst doch andere Mütter und deren Kinder erziehen. Dann rannte sie auf die Terrasse.
„Bleib stehen! Nicht weiter -!" Aber Silvia hörte nicht. Eva schoss quer über den Rasen, vielleicht konnte sie Silvia noch am Pullover erwischen, bevor, ja bevor –
Die Teichabdeckung war nur für 80 Kilo ausgelegt. Tommi, für sein Alter recht groß, wog nicht mal ein Viertel und wäre niemals über das Gitter gestiegen, es war für ihn ohnehin zu hoch.

Silvia verharrte für einen Moment, drehte sich nach Eva um, um mit trotzigem Grinsen den Rasen zu betreten. Die Erde unter ihr gab auf der Stelle nach, wie ein Trichter, der das Gras nach sich zog, dann rutschten die Azaleen hinein. Das Gitter stand schief, bald würden die Seepferdchen in die Tiefe tauchen, an einem Eisentier hing Silvia, auf verzweifelter Suche nach Halt. Eva schaffte es nicht mehr Silvias Hände zu greifen. Im Fallen sah Silvia erstaunt aus, ihr Haar leuchtete silbern, ihre Hände faßten ein Büschel Gras und es kam Eva lang vor, bis sie endlich den dumpfen Aufprall hörte.
„Tommi, bleib, wo Du bist! Mami kommt zu Dir." Eva musste erst ihren Sohn in Sicherheit bringen.

Tommi, genauso erschrocken wie sie, rührte sich nicht. Sie machte ein paar Schritte um den verbogenen Zaun, dann schloss sie ihn schnell in ihre Arme. Ihren Sohn auf der Hüfte, schaute sie in das Loch, konnte aber nichts Genaues erkennen.
„Silvia? Silvia?" Die Stille war unheimlich.

"Mami, Tante Silvia unten tot?"

Sie musste ins Haus, im Keller lag Lucs Taschenlampe, die er im Winter für seine Fahrten benötigte. Sie wusste nicht, was sie mit Tommi machen sollte. Sie sperrte ihn im Gäste-WC ein.
„Warte. Bleib hier mein Schatz. Mami holt dich gleich wieder raus."
„Tante Silvia?"
„Mami hilft Tante Silvia."
Die Taschenlampe lag tatsächlich noch dort. Sie funktionierte.
Vielleicht hatte Tommi Recht, Silvia mochte nicht dran denken.

Sie leuchtete mit der Taschenlampe in das Rasenloch, zwischen dem Holzgeflecht sah sie Silvia unten auf dem Boden kauern. Im rosa Planschbecken. In zehn Metern Tiefe. Äußerlich schien sie unversehrt, ihr linkes Bein leicht verrenkt, ihr Kopf lehnte an der rutschigen Brunnenwand. Vielleicht war sie bewußtlos. Eva hätte nie geglaubt, noch einmal in den Brunnen zu schauen. Dann beschloss sie den Notarzt zu rufen. Im Haus suchte sie lange nach dem Telefon. Wo hatte sich das schnurlose Ding versteckt? Sie fand es unter dem Berg von Zeichungen auf dem Esszimmertisch.

Erschöpft sank Eva in einen der Stühle und tippte die Nummer ein. Aber nach dem ersten Freizeichen legte sie auf. Sie sah sich mit Tommi im Garten, ungestört, endlose Ferien ohne Malzeug.

Später würde sie die lange Leiter aus dem Keller holen.

(c) Petra Ottkowski

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