Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Dezember 2002
Heiligabend
von Karl-Heinz Ganser


Ich hatte gebadet, mich rasiert und den graugestreiften Anzug angezogen, so wie ich das in den letzten Jahren immer an Heiligabend gemacht hatte. Im wohlig warmen Wohnzimmer warteten die blauen Wachskerzen am Weihnachtsbaum darauf, angezündet zu werden.
Ich ließ mich in den Fernsehsessel fallen, schloss die Augen und wartete.
Worauf wartete ich eigentlich? Darauf, dass die Tür ganz langsam aufging und meine Frau mit Geschenkpaketen beladen, freudig erregt rufen würde: «Jetzt ist Weihnachten, mein Lieber!»
So war es immer gewesen. Aber in diesem Jahr blieb alles still. Die Tür ging nicht auf.
«Susannchen! Warum ist der Krebs bei dir nicht zwanzig Jahre später gekommen. So werde ich wohl jetzt immer am heiligen Abend hier alleine sitzen», murmelte ich traurig vor mich hin.
Mein Sohn wollte zwar heute Abend mit seiner Familie kommen, doch dann wurden die Kinder krank.
Jetzt aber, wo die Stille und Einsamkeit wie ein dumpfer Schleier sich im Zimmer ausbreitete,
war mir zum Heulen zumute.
Nun musste ich damit klar kommen und überlegte, was ich als Witwer mit fünfundsechzig Jahren jetzt an diesem Abend machen könnte.
Ich griff zur Fernsehzeitung. Ich sah, dass alle Sender sentimentale Filme und Geschichten brachten, und das würde meine Stimmung nicht gerade steigern.
Als ich das Heft beiseite legte, fiel mein Blick auf den Computer, der auch einsam und verlassen auf dem Eckschreibtisch stand.
Vor drei Monaten war mein Sohn zu meiner Überraschung mit mehreren Kartons aufgekreuzt und hatte mir dann einen Computer mit Internetanschluss aufgebaut.
Ich habe mich früher für so etwas nicht besonders interessiert. Richtiges Zupacken mit beiden Händen war mir immer lieber gewesen.
Doch als ich merkte, wie interessant und vielseitig es im Internet war, da fehlten mir an manchen Abenden auf einmal etliche Stunden Schlaf.
Besonders gefiel mir, dass ich mich mit wildfremden Menschen über viele Dinge unterhalten konnte. Na, ja, eine Umstellung war es schon, dass beim Chatten alles geschrieben werden musste.

Ob an einem solchen Abend auch Leute am Computer sitzen, dachte ich so bei mir. Ich stopfte mir die erste Pfeife des Tages und öffnete eine Flasche Rotwein.
Bestimmt, so sinnierte ich weiter, gibt es noch mehr Menschen, die auch alleine sind. Ich überlegte noch eine Weile, dann loggte ich mich ein.
«Hallo, hier ist Schoko! Ich bin alleine an diesem Abend und möchte mich mit Jemanden unterhalten. Aber nicht über Weihnachten, denn das macht mich traurig», las ich.
Schoko? Seltsamer Name dachte ich und begann zu tippen.
«Hier Opi! Bin auch allein!»
«Worüber reden wir?»
«Darüber, warum wir alleine sind?»
«Gut, dann fang du an!»
Ich überlegte, ob ich wirklich einem fremden Menschen davon berichten sollte, dass ich nach dem Tod meiner Frau jetzt alleine war.
Erst will ich aber etwas mehr wissen, wer sich hinter Schoko verbirgt, sagte ich mir und war froh, erst einmal einen Anfang gefunden zu haben.
«Warum nennst du dich Schoko?»
«Ach, das war so eine spontane Idee!»
«Was für eine Idee?»
«Nun, als ich einen Namen suchte, fiel mir eine Geschichte aus meiner Pennälerzeit ein!»
«Ist es eine schöne Geschichte?»
«Für mich schon!»
Dann erzähl sie mir!»
«Also, ich war zu der Zeit unsterblich in einen Jungen aus meiner Klasse verliebt. Aber der merkte es nicht, oder wollte es nicht merken.»
«So was soll es geben!»
«Eines Tages hatte der Junge mit den Sommersprossen sein Pausenbrot vergessen, und ich gab ihm einen von meinen Schokoriegeln. Ich dachte schon, dass er die Schokolade nicht nehmen würde, denn so überrascht hat der mich angeschaut. Doch ich war perplex, als er mich plötzlich schnappte und mir einen schmatzenden Kuss gab.»
«Stopp! Stopp!» hämmerte ich in die Tasten, denn mir war so, als hätte ich gerade noch einmal die Schokolade bekommen.
«Ich erzähle die Geschichte weiter! Einverstanden?»
«Ja, aber ... ich versteh das nicht ... aber wenn du meinst, dann bin ich gespannt!»
«Dem du den Riegel gegeben hast, dass war ich! Jawohl!»
«Spinner!»
«Trottel wäre besser, Schoko! Denn wenn ich damals geahnt hätte, dass die kleine Annemarie, so hieß sie, verliebt war, hätte ich ihr nicht nur einen Kuss gegeben, sondern ...!»
Ich konnte mich jetzt genau an das etwas schüchterne Mädchen mit den langen blonden Haaren erinnern. Und während ich darüber nachdachte, starrte ich ungeduldig auf den Monitor und wartete darauf, dass nun wieder Buchstaben erscheinen würden.
Aber es tat sich nichts.
Tief enttäuscht wollte ich mich schon ausloggen, da erschien plötzlich der Satz: «Wenn du mir jetzt noch schreibst, wie du heißt und wo das Gymnasium war, dann ... ja dann glaube ich dir.»
Meine Finger flogen nur so über die Tasten, als ich ihr meinen Namen schrieb und bestätigte, dass es das Gymnasium in Duisburg war.
Wieder dauerte es eine Weile, ehe ich las: «Dann haben wir uns ja viel zu erzählen, oder besser ausgedrückt, zu schreiben!»
«So ist es Schoko! Oder darf ich jetzt Annemarie schreiben?»
Als dann direkt danach das «Ja» auf dem Bildschirm erschien, da atmete ich erst einmal tief durch. Dann stopfte ich mir eine neue Pfeife, trank einen großen Schluck Rotwein und ahnte, dass es ein langer Abend werden würde.

Karl-Heinz Ganser
Dezember 2002

Letzte Aktualisierung: 26.06.2006 - 23.05 Uhr
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