Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Dezember 2002
Ein Kuss zum Abschied
von Birgit Erwin


Im Nebenzimmer hörte er die schwarze Kreppseide rascheln. Er spritzte sich Wasser ins Gesicht. Auf der Anrichte standen die Austern. Ein Dutzend, vom Feinsten. Lebendig. Abstoßend. Mehr Wasser rann kalt in seinen Kragen, während seine Gedanken volltrunken durcheinanderstolperten.
Er musste nüchtern werden.
Nicht versagen, ich darf nicht versagen, dachte er, sie würde es nicht überleben. Dieser Gedanke drang endlich durch den Alkoholdunst. Er ließ das eisige Wasser in seine Hände strömen und nahm einen tiefen Schluck. Das Zimmer drehte sich langsamer. Vorsichtig richtete er sich auf. Im Nebenzimmer war jetzt alles still. Mit Fingern, die das Alter und die Kälte steif gemacht hatten, schälte er sich aus seinem Jackett. Dann fielen die Weste und das Hemd knisternd auf den Boden, zuletzt, zögernd, trennte er sich von seinem Angoraunterhemd. Er sah an sich herunter. Seine Haut leuchtete in dem Halbdunkel des Vorzimmers bleich und faltig, die spärlichen Haare auf seiner Brust schienen ihm stachelig wie die Borsten eines Albinoschweins. Eine Welle von müdem Selbsthass überschwemmte ihn. Er ballte die Hand zur Faust, wollte seinen abstoßenden Altmännerkörper für seine Sterblichkeit züchtigen, als ihre Stimme aus dem Schlafzimmer drang.
“Kommst du, darling?”
Der kokette Unterton brachte ihm die Wahrheit zu Bewusstsein: Wie er aussah, war nicht wichtig. Es war nie wichtig gewesen.
Die Schultern des alten Mannes sackten nach vorne.
Lautlos tappte er auf schwarzen Wollsocken über den eiskalten Parkettfußboden. Die Türe zu ihrem Schlafzimmer war angelehnt. Er sah das weiche Licht durch den Spalt und bildete sich ein, ihren Atem zu hören. Seit einiger Zeit stellte er sich vor, dass die Märchen logen, dass Dornröschen gealtert war, während sie auf ihren Prinzen wartete.
Sie war sein Dornröschen, sein uraltes Dornröschen, wie sie ihm so entgegensah, die weißen Haare über das Kissen ausgefächert, in dem gelben Seidenneglige mit Straußenfedern, das man vor dem Krieg getragen hatte. Sogar ihr Parfum war altmodisch und beschwor das Bild des jungen Mädchens, das den Kopf oben getragen hatte, während die Bomben in die Häuser geschlagen hatten. Das war englisch. Das war Tradition.
Dasselbe Lächeln schwebte um ihre faltigen Lippen, wie ein Hauch von Jugend, den die Zeit dort vergessen hatte. Sie streckte die ringlose Hand nach ihm aus. Warum hatte sie nie geheiratet?
“Botsy”, flüsterte sie.
Er tat, was sie erwartetet, obwohl es ihm das Herz brach und er jedes Jahr ein bisschen mehr fürchtete, ihre zarten Vogelknöchelchen zu zerbrechen: Er zog sie in eine raue Umarmung und presste sie an sich.
“Sophie dear!” dröhnte er ihr mit einem tiefen schottischen Akzent, der nicht seiner war, ins Ohr. “You look younger than ever!”
Sie kicherte leise und ließ ihre kalten Finger über seinen Rücken wandern.
“Mr Winterbottom, Sie sind ein schamloser Schmeichler”, sagte sie, immer noch mit diesem mädchenhaften Kichern. Er grub die Hände in ihr langes Haar und küsste sie tief und innig. Sie legte den Kopf in den Nacken, vorsichtig, wie ihm auffiel. Die Sehnen an ihren dünnen Hals waren wie die Stricke einer Zugbrücke, an denen ihr Kopf baumelte. Kein klassisches Ballett hätte nach strengeren Regeln ablaufen können, aber die Primadonna war alt geworden.
“Must I, Miss Sophie?” flüsterte er in die Kissen, aber so leise, dass sie ihn nicht hören konnte.
Nach Mr Winterbottom kam Sir Toby. Sie kamen immer. Jeder von ihnen stramm wie eine Eins. Etwas anderes stand nicht zur Debatte. Er hätte es nicht übers Herz gebracht, sie zu enttäuschen. Aber die Angst vor dem Tag, an dem sich ihre Blicke begegnen würden, an dem sie sich würden eingestehen müssen, dass die Zeit sie eingeholt hatte, wuchs.
Nach Mr Winterbottom und Sir Toby war Pause. Sie verließ sie mit Trippelschrittchen das Zimmer und kehrte mit den Austern zurück. Fett und schillernd warteten sie in ihren kantigen Schalen darauf, bei lebendigem Leib vereinnahmt zu werden. Er schloss die Augen. Aber Mr Pommeroy hatte Austern geliebt. Ob er sie gebraucht hatte? Es war ein Gedanke, der einem Diener nicht zustand, aber er schlich sich jedes Jahr wieder ein und half, das Schweigen zu überbrücken, während sie auf dem riesigen viktorianischen Bett unter den strengen Matronenaugen der lange verstorbenen Königin kauerten und mit den routinierten Bewegungen von Schauspielern die Austern schlüften. Nach all den Jahren musste er sich immer noch daran erinnern, den kleinen Finger abzuspreizen, wenn er die Auster an den Mund hob.
Die alte Frau zitterte so stark, dass die Straußenfedern auf ihren Schultern bebten. Er tat so, als bemerke er es nicht. Einmal hatte er versucht, das Schweigen mit einer Frage zu füllen. Es war in dem Jahr gewesen, nachdem dann auch Sir Toby gestorben war. Ihre Augen waren rot gerändert gewesen, und sie hatte Mühe gehabt, die Tränen zu unterdrücken. Es war nur ein scheues Wort des Trostes gewesen. Er hatte genausogut während Hamlets großem Monolog rülpsen können. Sie hatte den Kopf gehoben und hatte enttäuscht durch ihn hindurch gesehen.
“James...” Nur dieses eine Wort.
Sie aßen ihre Austern schweigend, bis sie das Stichwort gab.
“Komm, Liebling!” Sanft und mütterlich für den sanften Dickie Pommeroy, der so gerne Oscar Wilde las.
Er hob den Kopf und fistelte etwas Unzusammenhängendes. In Wahrheit hatte er nur Augen für ihr Gesicht. Es war wie ein alter Holzschnitt. Grobe Flächen aus schwarz und weiß fügten sich zusammen zu einem Bild, dem die Zeit nichts mehr anhaben konnte. Sie hatte alles genommen, was es zu nehmen gab. Die Seele konnte sie nicht berühren.
Er betrachtete sie mit den Augen eines Liebenden, aber das wusste er nicht.
Nach den Austern und Mr Pommeroy folgte ein kleines Glas Brandy für Admiral von Schneider. Wärme kehrte in seinen erstarrten Leib zurück. Während er trank, zupfte Miss Sophie mit verschämten Bewegungen das Nachhemd mit den Straußenfedern von ihrem Körper.
“Bin ich schön, Harry?” flüsterte sie. Das Licht unter dem rosa Lampenschirm ruhte auf einem Streifen weißer Schulter. Spitze Knochen bohrten sich jedes Jahr ein Stückchen weiter durch die Haut.
Er stellte das leere Glas vorsichtig auf ein Spitzendeckchen auf ihrem blankpolierten Nachttisch, sprang auf und schlug seine Wollsockenhacken zusammen. Schmerz zuckte kurz durch seinen morschen Knöchel, während er sich fragte, ob der Admiral das wirklich getan hatte. Aber Miss Sophie schien zufrieden, denn sie legte sich auf den Rücken und schloss die Augen. Jetzt würde es sehr schnell gehen. Der selige Admiral war ein Mann gewesen, der nicht lange fackelte.
Während er in kurzen harten Stößen zu Werke ging, flüsterte sie ein leises, pflichtschuldiges: “Ja, Harry, ja.”
Die Haut spannte sich papierdünn über ihre Wangenknochen, ihr Atem ging flach vor Erschöpfung.
Sie öffnete die Augen nicht mehr, nachdem er sich vorsichtig zurückgezogen hatte. Noch vor ein paar Jahren war sie aus dem Bett gestiegen, hatte ihm den Rücken zugekehrt, bis die Türe hinter ihm ins Schoss gefallen war. Das war vorbei. Er breitete die Decke über ihren nackten, erschreckend kleinen Körper. Seine Hände zitterten vor Erschöpfung, und er blieb eine Weile stumm auf ihrer Bettkante sitzen. Endlich verriet ihr leises Schnarchen ihm, dass sie eingeschlafen war. Bei dem Gedanken, dass sogar ihr Schnarchen damenhaft klang, musste er lächeln. Wieder.
Er streckte die Hand aus, und strich ihr behutsam eine Haarsträhne aus der Stirn. Sie seufzte im Schlaf. James wartete, bis ihr Atem wieder gleichmäßig kam, dann beugte er sich über sie und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn.
“Good night, precious”, flüsterte er. Dann bückte er sich unter Schmerzen nach seiner Hose und schlich aus dem Zimmer. Sie war eine Lady, und es wäre ihr unangenehm gewesen, von ihrem Diener beim Schlafen beobachtet zu werden.

(c) Birgit Erwin

Letzte Aktualisierung: 26.06.2006 - 23.06 Uhr
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